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SWR4 Abendgedanken

„Ach bin ich glücklich“, seufzt Markus zufrieden. Er hat eben einen kleinen Spielhund auf dem Wochenmarkt in Heiligenbronn ergattert. Der Hund hat ein braunes Fell und eine blaue Sonnenbrille. und er kann bellen. Für Markus ist das entscheidend: Weil Markus blind ist. Aber dafür sehr gut hören kann. So wird der Hund für ihn fast lebendig. In Heiligenbronn ist Markus schon seit Jahren zu Hause. Er wohnt hier in einer Einrichtung für Menschen mit Sehbehinderungen. Dass es Markus hier gut geht, merke ich bei ihm auf Schritt und Tritt an.

Ich hab noch selten jemanden erlebt, der so fröhlich lachen kann, wie er. Er kann sich zum Beispiel riesig über Kleinigkeiten freuen. Wie über diesen kleinen Stoffhund, der laut bellen kann.

Es ist für mich jedes Mal ein Geschenk mit Markus zusammen sein zu können. Weil er sich so am Leben freut. Obwohl er es nicht leicht hatte. Als Kind hat er sein Augenlicht verloren. Seine Mutter hat das sehr traurig gemacht, hat er mir erzählt. Weil man es wohl hätte retten können, wenn man es zu einem früheren Zeitpunkt operiert hätte. „Ich habe meine Mama dann einfach getröstet und gesagt schau: Ich kann dafür noch wunderbar sprechen“, erzählt Markus. Und da hat er wirklich Recht.

Mit seinem Humor unterhält er alle, die ihn kennen. Er erzählt am liebsten positive Nachrichten, die er im Radio gehört hat weiter. Und er bedankt sich für jede Kleinigkeit von Herzen. Meistens mit einem fröhlichen „Vielen Dank, das hat mich sehr gefreut.“ Bei soviel Lebensfreude geht mir jedes Mal das Herz auf.

Wir kaufen auf dem Wochenmarkt noch eine E-Gitarre aus Plastik und eine Reihe von lustigen Hörkassetten. An einem Stand gibt es auch kleine Spielzeugwaffen zu kaufen. Die machen auch Krach. Aber Markus will die nicht. „Sowas kaufe ich nicht,“ sagt er laut und bestimmt, „denn wir wollen ja Frieden auf der Welt, oder?“ Ich bin beeindruckt. Dann will er noch auf einen Sprung in die Kirche gehen. Für die Flüchtlinge beten, wie er sagt. „Mögen Sie gut ankommen und bei uns ein zu Hause finden“, sagt er laut in der Kirchenbank. „Pass gut auf sie auf“, flüstert er noch am Schluss.

Ja, obwohl Markus blind ist, sieht Markus klar und deutlich, was wichtig ist im Leben. Für mich ist er wie ein Augenöffner. Markus sieht mit dem Herzen, und das gefällt mir. Bevor wir aus der Kirche rausgehen sagt er noch: „Und danke für den Hund“. Ich staune. „Hast du dich nun beim lieben Gott für den Hund bedankt?“, frage ich nach. „Na klar, das ist doch ein Mega-Geschenk für mich“, lacht er.

Was für ein schöner Tag, Markus. Danke.

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In der Bibel werden ungefähr 160 Tiere erwähnt. Der Löwe, der Adler, das Kamel, der Wal oder die Heuschrecke.

Meistens stehen sie da für bestimmte Eigenschaften – für gute und auch für weniger gute. Wie ich sie eben auch an mir kenne. Weil ich diese Eigenschaften neu entdecken wollte, habe ich einen Ausflug in die Wilhelma gemacht. Und da waren dann auch die Tiere, die ich aus der Bibel kenne und einige andere. Und sogleich habe ich mich auf die Suche nach Eigenschaften gemacht, die ich von diesen Tieren lernen kann. Zum Beispiel sind mir die Flughunde aufgefallen - wie zärtlich sie miteinander umgehen. Sie haben unter ihren Flügeln richtig nah beieinander gekuschelt. Sogar bei der Futteraufnahme waren sie nur im Doppelpack zu sehen.

Oder der schöne bunte Schmetterling im Schmetterlingshaus. Ich habe zugesehen, wie er aus seinem Kokon geschlüpft ist. Das hat ewig gedauert. Und dann hat er seine Flügel ausgebreitet und hat so lange gewartet mit dem Wegfliegen, bis seine Flügel trocken waren. Er hat das Fliegen sozusagen im Trockenen geübt. Ich lerne vom Schmetterling, Geduld zu haben und den richtigen Moment zu finden, loszulassen und etwas Neues in Angriff zu nehmen. Ach ja, die Gelassenheit eines Kamels wünsche ich mir manchmal auch für meinen Alltag. Wie ruhig und langsam ein Kamel sich bewegen kann, staunenswert. Leider ist es für mich nicht so einfach ist, die Eigenschaften der Tiere umzusetzen, also, denke ich, wäre so ein Tiersegen doch genau das Richtige für mich. Ich habe einen entdeckt, den ich besonders schön finde. Dieser Tiersegen lautet so[TS1] :

Guter Gott, segne mich und alle deine Geschöpfe, die Tiere. Lass mich immer wieder dankbar auf die Schöpfung schauen. Wie schön du alles geschaffen hast um mich herum.

Gib mir die Gelassenheit eines Kamels. Schenke mir die Stärke eines Bären und den Mut, wie der Löwe ihn hat. Den Weitblick einer Giraffe und das dicke Fell eines Elefanten. Gib mir die Vorsicht eines Hasen und die Aufmerksamkeit wie Hunde sie für andere haben.

Hilf mir, alle Hindernisse des morgigen Tages gut zu überwinden wie ein Känguruh es macht - mit einem leichten Sprung. Lass mich andere eine Freude machen wie verspielte Äffchen es gerne tun. Gib mir die Fröhlichkeit eines Spatzen und die Ausdauer eines Esels.

Schenke mir die Verspieltheit eines Kätzchens und die Sanftheit eines jungen Zickleins. Und manchmal wünsche ich mir, so schlau zu sein wie ein alter Fuchs.  Segne mich, guter Gott, und alle Tiere, die mir lieb sind. Amen.

 

(Tiersegen nach Hanna Günther. In: Ich höre das Herz des Himmels pochen. Ostfildern 2005).


 [TS1]Bitte auch hier den Vortrag gut vorbereiten!

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Wenn keine Züge fahren oder mein Zug Verspätung hat, dann weiß ich jetzt, wo ich warten kann: Bei der Bahnhofsmission in Stuttgart. Denn dort am Gleis 16 arbeitet Schwester Mechta. Von 6 bis 22 Uhr täglich. Zurzeit ist auf dem Bahnhof viel los. Wenn Schwester Mechta ihren Dienst morgens um 6 Uhr beginnt, warten schon ein Dutzend Menschen auf sie. Meistens Asylbewerber, wie sie mir erzählt. „Ich mache erst mal die Tür auf und dann trinken wir gemeinsam einen warmen Tee.“ Das tut gut, denn die Menschen sind oft die ganze Nacht unterwegs, erzählt sie. „Ich möchte, dass die Menschen hier bei uns spüren, dass sie willkommen sind. Und ihr warmes Lächeln zeigt mir, dass sie es ernst meint.

Sie weiß zum Beispiel, dass die Flüchtlinge aus Syrien und Afghanistan am liebsten süße Stückchen essen. Viel lieber als Käsebrötchen. „Natürlich finden das manche nicht gut, wenn Flüchtlinge Ansprüche stellen und wählerisch sind“, murmelt sie. Aber Schwester Mechta kann das verstehen. Also besorgt sie süße Stückchen von den umliegenden Bäckern am Bahnhof. „Alles Spenden,“ erklärt sie mir zufrieden. „In Afghanistan gibt es vielleicht keinen Käse auf Brötchen“, schmunzelt sie. Sie hat ein weites Herz, denke ich mir.

Bevor die Asylbewerber weiter nach Karlsruhe oder Tübingen reisen, kaufen die ehrenamtlichen Mitarbeiter der Bahnhofmission für sie ein Zugticket, begleiten sie zum Zug und fragen Mitreisende, ob sie ihnen zeigen können, wo sie dann wieder aussteigen sollen.

„Bei uns können sie auch die Sorgen loswerden, die sie belasten“, erzählt Schwester Mechta. Dann zeigt sie mir das Gebetbuch, das auf dem Tisch im Warteraum liegt. Hier kann jeder, der mag, eine Bitte oder ein Gebet reinschreiben. Ein Kind aus Syrien war mit seiner Familie in der Bahnhofsmission und hat Kriegsszenen gemalt, viel Blut, zerstörte Häuser, getötete Menschen und daneben ein großes Herz. Und da steht Gleis 16 drin. „Das sind die schönen Momente“, schmunzelt Schwester Mechta. „Wir bekommen hier viel zurück geschenkt“. Erst gestern ist ein ehemaliger Flüchtling vorbeigekommen, erzählt sie. „Er war vor einem Jahr hier bei uns in der Bahnhofsmission. Alleine, ohne Papiere und ohne Zukunft. Heute wohnt er in Mannheim und ist endlich angekommen“, strahlt Schwester Mechta. Fast im gleichen Moment kommt die Polizei mit zwei jungen Männern in den Warteraum. Sie sehen ziemlich mitgenommen aus. „Möchten Sie einen warmen Tee?“, fragt Schwester Mechta. Die beiden jungen Männer nicken und Schwester Mechta verschwindet eilig in der Teeküche.

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So viele Menschen sind auf der Flucht. So viele fliehen vor Krieg und Not aus ihren Heimatländern. Das Drama scheint kein Ende zu nehmen. Der Winter steht bevor. Viele Menschen sind noch unterwegs auf der Strecke, ohne zu wissen, ob sie jemals ankommen werden.

Ich denke an die vielen Familien, die Kinder, die älteren Menschen, die unterwegs nach Deutschland sind. Es ist so eine große Not. Gott sei Dank schauen viele nicht nur zu, sondern helfen und packen mit an, wo immer sie nur können.

Wenn ich die Nachrichten zur Flüchtlingspolitik sehe, spüre ich so eine Hoffnungslosigkeit in mir. Es gibt keine einheitliche Hilfelinie, stattdessen werden Mauern und Kontrollen eingeführt, ja sogar Züge gestoppt. Wo soll das hinführen? Es geht doch um Menschen in Not.

Was mir hilft, ist es, meine Wünsche für die Menschen als Bitte an Gott zu richten. In der Hoffnung, dass die vielen Menschen endlich ankommen können und Geborgenheit und eine neue Heimat finden hier bei uns.  

Guter Gott,  so viele Menschen sind auf dem Weg. Viele hoffen auf ein besseres Leben in einer besseren Welt. Hier bei uns. Manche verunsichert das. Das kann ich verstehen. Mich beeindrucken Menschen, die trotzdem ein offenes Herz haben und in der Not helfen. Es ist so wichtig, jetzt auf das Gemeinsame zu schauen und nicht auf das, was uns trennt. Um des guten Friedens willen.

Es tut gut zu sehen, wie viel geholfen wird, wieviel Gutes getan wird.

Das alles macht mir Mut, dass ein besseres Leben für die vielen Menschen auf der Flucht möglich ist. Besonders für die, die es bitter nötig haben.

Ich glaube, so magst du uns sehen: Wie wir füreinander einstehen. So hätte Jesus es doch auch getan. Jesus ist zu denen gegangen, die am Rand sind, die an den Zäunen stehen. Er hat sie berührt, ihre Not gesehen und ihnen zugehört. Das ist schon mal ein Anfang, denke ich.

Das möchte ich auch, auf fremde Menschen zugehen, ohne Vorurteile, ohne Ängste. Egal, was andere sagen.

Ich vertraue darauf, dass du es gut meinst mit allen Menschen.

Guter Gott, stehe uns bei, wenn wir einander helfen, gib uns die Kraft, den Mut und die Ausdauer einander auf Augenhöhe zu begegnen. So dass wir sehen, was der andere jetzt gerade dringend braucht.

Vielleicht ein offenes Ohr, eine warme Schlafstelle, ein Kleidungsstück oder jemanden, der ihn tröstet. Lass mich da sein, wenn mich jemand braucht. Amen.

 

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„Wenn wir bei Schwester Marlene sind, dann vergessen wir, wo wir hier eigentlich sind,“ – erzählt mir einer der Männer, mit denen ich am Tisch sitze und Kaffee trinke. Ich bin zu Besuch bei Schwester Marlene. Sie ist Gefängnisseelsorgerin in der Justizvollzugsanstalt Stammheim in Stuttgart.

Jede Woche lädt sie zur Bibelstunde ein. Rund 10 Männer kommen meistens. Heute bin ich auch als Gast dabei. Ich gebe zu: Anfangs ist mir etwas mulmig zumute. Sicherheitshalber setze ich mich etwas weiter weg von der Runde. Der Reihe nach erzählen die Männer von ihren Erlebnissen die Woche über. Ob da viel passieren kann, denke ich mir, wenn man 23 Stunden in der Zelle hockt und nur eine Stunde Freigang hat. Einer der Männer beginnt zu weinen, als er erzählt, dass er schon seit Monaten keinen Kontakt mehr zu seiner Familie hat. Ein anderer freut sich, dass er nun endlich einen Anwalt bekommen hat und seine Chancen rauszukommen 50 zu 50 stehen. Ein anderer hat diese Woche das erste Mal seine Frau anrufen können. Das ist schon was, sagt er, zu wissen, wie es daheim geht. All diese Erzählungen haben mich sehr berührt. Ich denke darüber nach, was übrig bleibt, wenn man weggesperrt ist. Und dann sagt einer laut: „Das Positive hier ist, ich habe im Gefängnis Gott gefunden“. Schwester Marlene schmunzelt. Sie kennt ihre Männer, obwohl sie gar nicht weiß, warum sie hier einsitzen. „Ich lese keine Akten“, erklärt sie mir später. „Für mich sind sie alle hier ganz normale Menschen. Sie verdienen genauso viel Würde und Respekt, wie alle anderen auch.“ Dass Schwester Marlene im Herzen und im Kopf keine Mauern hat, beeindruckt mich. „Ich will den Männern hier vermitteln, dass Gott jeden so annimmt, wie er ist, egal was er auf dem Kerbholz hat.“ Schwester Marlene denkt gut über diese Männer und sie hat keine Berührungsängste. Das gefällt mir. Auch ich bin den Männern innerlich etwas näher gerückt. 

Danach gehen wir in Schwester Marlenes Büro, die Männer setzen sich brav um den Tisch herum und knüpfen Rosenkränze. „Das ist der Renner hier im Gefängnis“, erklärt sie. Sie hat viele bunte Perlen mitgebracht. Einer fragt nach, ob er noch einen zusätzlich machen darf, als Geschenk für seine Frau. Schwester Marlene nickt und erklärt, was die drei Perlen am Rosenkranz bedeuten: „Die stehen für Glaube, Liebe und Hoffnung. Und das wünsche ich euch hier besonders.“ Sie lächelt. In der Zwischenzeit sitze ich auch schon am Tisch mit dabei. Schwester Marlene hat Recht, es tut gut, einander anzunehmen ohne Vorurteile. Die Stunde geht schnell vorüber, die Wache klopft an die Tür und holt die Gruppe wieder ab. Einer bedankt sich bei Schwester Marlene für die schöne Stunde und sagt ganz laut: „Wenn ich wieder draußen bin, gehe ich jeden Sonntag in den Gottesdienst.“ Schwester Marlene nickt: „Versprochen. Bis nächste Woche“. Und dann ist die Gruppe auch schon im Aufzug verschwunden.

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