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SWR4 Abendgedanken

Ich will eine Freundin besuchen und finde an der Haustüre einen Zettel „Bin im Garten“. So weiß ich, dass ich nicht zu klingeln brauche sondern, dass ich um das Haus herum gehen muss, um sie zu finden. Ein Plauderstündchen mit der Freundin im Garten – wie belebend und anregend das ist!
„Bin im Garten“ – Der Zettel erinnert mich an: Unkrautjäten und Erdbeerenpflücken, den Duft von Rosen und Tomaten oder von gemähtem Gras oder das lustige Tummeln unserer Zwergkaninchen.
Es gibt viele biblische Geschichten, die im Garten spielen. Sie erzählen davon, dass Menschen im Garten Gott begegnen. „Adam wo bist du?“ ruft Gott im Garten Eden, und die Propheten und Jesus vergleichen die Beziehung zwischen Gott und seinen Menschen mit einem Weingarten, der gepflegt werden muss.
Im Garten Gethsemane hat Jesus gebetet, und im Friedhofsgarten ist der auferstandene Jesus der Jüngerin Maria Magdalena begegnet.
Die Gartengeschichten der Bibel sind auch ein Gleichnis für das religiöse Leben. Sie erzählen davon wie das Leben ist in der Nähe von Gott. Die Erfahrungen der Weingärtner sind in diesen Geschichten enthalten und die der Gärtnerinnen, der Pflanzenheilkundigen und der Bauern. Menschen, die wissen, dass man für einen Garten viel tun kann, aber eben auch nicht alles in der Hand hat. Dass einem ein Garten manche Mühe abverlangt aber einen auch reich beschenkt.
Gärten sind seit alters her Orte der Schönheit und des Friedens, des Heils und der Geborgenheit, der Fruchtbarkeit und des Lebens. Und sie erzählen von der Welt wie sie sein könnte: Der blühende, duftende, verheißungsvolle Ort, an dem ich Gott begegne. Der Gesangbuchliedermacher Paul Gerhardt besingt in seinem wunderschönen Sommerlied den Garten als Versprechen auf mehr („Geh aus mein Herz“ EG 503). Er stellt sich vor: Wenn es auf der Erde schon so schön ist wie in den Gärten, die ich hier vor Augen habe , wie viel schöner noch wird es im Paradiesgarten bei Gott sein.
Nicht jeder hat einen Garten wie meine Freundin. Aber zum Glück gibt es Parks, Wälder oder Wiesen. Und es tut gut, einfach nur da zu sitzen, den Abend kommen zu lassen und sich vorzustellen, bei Gott im Garten zu sitzen wie bei einer guten Freundin.

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„Händeschütteln, Händeschütteln ist ne schöne Kunst.“ So beginnt ein fröhliches Kinderlied. Die Vorsängerin geht dabei durch den Raum und schüttelt allen, denen sie begegnet, beim Singen die Hand. „Ich schüttel mit der rechten Hand. Ich schüttel mit der linken Hand. Rechte Hand, linke Hand.“ Immer kommt die entsprechende Bewegung dazu. Schließlich singt sie: „Und mit allen beiden“, und dazu schüttelt sie beide Hände ihres Gegenübers. Dieser Mitspieler setzt sich daraufhin nun ebenfalls in Bewegung: Das Lied beginnt von vorne; dabei gehen die beiden händeschüttelnd durch den Raum. Am Ende dieser Strophe sind es schon vier, die unterwegs sind und nun Hände schütteln und mitsingen.
Mich erinnert das Lied daran, wie ich dazu gekommen bin, bei der Kirche mitzumachen. Meine Mutter hat mit mir gebetet, als ich klein war. Der Pfarrer, der im Religionsunterricht so spannend erzählen konnte, hat mich neugierig gemacht auf die Geschichten aus der Bibel. Meine Patentante hat mir mein erstes Gesangbuch geschenkt. Ein kostbares Buch mit Goldschnitt. Meine Freundin hat gesagt: „Komm doch mal mit in den Jugendkreis!“ Und mein Bruder hat mich mitgenommen in den Kirchenchor. Ich kenne viele Leute in unserer Gemeinde, die von solchen Erfahrungen erzählen. Wie andere Menschen sie mitgenommen haben auf dem Weg in die Gemeinde hinein. Ohne solche Menschen, würde wohl kaum einer den Weg in die Kirche hinein finden und in die Gemeinschaft mit anderen.
Manchmal wünsche ich mir, dass es auch heute so zugehen könnte wie in dem Kinderlied – gerade auch in der Kirche, wo ich mich inzwischen zu Hause fühle. Dass aus Einem Zwei werden, aus Zweien vier, aus Vieren acht usw. Damit Menschen die Freude erleben, mitzumachen, dabei zu sein, Gemeinschaft mit Gleichgesinnten zu haben.
Und dass es weitergeht wie in dem Lied der Kinder: Wer so etwas bei sich selbst erlebt hat, der wird auch andere zum Glauben und zur Kirche einladen. Menschen laden einander ein, nehmen andere mit, reichen anderen die Hände. Patentanten, Freude, Großeltern, Lehrerinnen oder Nachbarn machen andern Lust auf die Gemeinschaft und das Miteinander.

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Alle sechs Jahre wird der Vorstand einer Kirchengemeinde gewählt. In diesen Tagen beginnen in unserer Region die neuen Vorstände mit ihrer Arbeit und überlegen, welche Aufgaben sie sich vornehmen. So geht es ja eigentlich jedem, der ein neues Amt oder einen neuen Arbeitsbereich übernimmt.
Die zwölf gewählten Männer und Frauen, die jetzt verantwortlich sind für unsere Kirchengemeinde, haben jeder und jede unterschiedliche Begabungen und Interessen. Und die verschiedenen Räume der Kirche liefern unterschiedliche Bedingungen: Manche sind gut für Begegnungen, manche sind gut für Musik, als Kleiderkammer oder Unterrichtsraum. Was kann daraus werden? Die Verantwortlichen müssen da jetzt Weichen stellen.
Denkmal, Touristen-, Konzert- und Museumsbetrieb oder lebendige Kirchengemeinde, zuständig für Seelsorge und Wertevermittlung? Manchmal liegen diese Ziele ganz eng beieinander.  Selten gelingt es, allen diesen Aufgaben gerecht zu werden. Auch wenn einige Leute das von der Kirche zu erwarten scheinen. Manche wünschen sich die Allround-Kirche, die für alle Aufgaben und Fragen das richtige Angebot perfekt bereithält, den Allround-Kirchenvorstand, der in allen Sätteln zuhause ist, die Allround-Pfarrerin und die Allround-Kirche, die für alle Gottesdienstformen und Events taugt.
Ich orientiere mich für meine Arbeit an dem Bild von einer kleinen Quelle. Sie war zuerst verzweifelt darüber, dass es ihr nicht gelang, die ganze Wüste mit Wasser zu versorgen. Und sie musste lernen, dass es ihre Aufgabe war, eine einzige Blume zu tränken. Das tat sie dann.  Und die Blume wuchs und blühte, und viele hatten Freude daran.
In der Bibel steht in einem Brief (1. Petrus 4,10) ein kluger Rat für alle, die neu in ihr Amt gehen – nicht nur für Kirchenvorstände:
„Dient einander –jeder mit der Gabe, die er erhalten hat.“
Und dann geht es weiter:
„So erweist ihr euch als gute Verwalter der vielfältigen Gnade Gottes.“
Ein guter Verwalter der Gnade. Ich denke mir, das ist einer, der sich nicht verzettelt. Der mit seinen Kräften haushalten kann. Der erkennt, was er erledigen soll und was er besser von einem anderen machen lässt.
Und bestimmt ist das nicht nur ein guter Plan für Kirchenvorstände.

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„Mit 17 hat man noch Träume“, heißt es in einem alten Schlager. Ich muss jetzt daran denken, als ich bei dem über 90jährigen Herrn sitze, und er sagt: „Ich bin freiwillig zu den Soldaten gegangen, mit 17“. Und dann schickt er noch hinterher: „Das versteht heute keiner.“
Ja, denke ich, das ist nicht leicht zu verstehen, warum ein junger Mann mit 17 in den Krieg zieht. Und doch waren es zu seiner Zeit nicht wenige. Und heute hören wir es wieder, wie junge Männer sich begeistern lassen. Sogar bereit sind, in einem fernen Land zu kämpfen.
„Mit 17 hat man noch Träume“. Ich versuche, mich zu erinnern, wie ich mit 17 war. Ich erinnere mich an ein Praktikum, das ich damals in einem Krankenhaus gemacht habe und das mich ziemlich überfordert hat. Mit 17, da ist es nicht einfach, mit Krankheit oder Tod zurechtzukommen. Bis in den Traum hat es mich damals verfolgt.
„Wie sind Sie damit zurecht gekommen, als so junger Mensch im Krieg zu sein?“ frage ich deshalb den alten Herrn. Und er wird traurig, wenn er daran denkt und davon erzählt. „Ich bin nicht damit zurechtgekommen,“ sagt er. „Ich muss heute noch jede Nacht daran denken. Es verfolgt mich im Traum.“ Die Träume des 17jährigen von damals sind bei dem 92jährigen zu Alpträumen geworden. Seine Seele ist verletzt. Viele Jahrzehnte hatte er keine Gelegenheit, die Wunden auf seiner Seele heilen zu lassen. Wem hätte er sich anvertrauen können? „Das versteht heute keiner.“ Das war und ist seine Erfahrung.
Mag sein, dass er Recht hat, dass es schwer ist zu verstehen, was ihm damals wichtig war. Aber dass ein 17jähriger überfordert ist von den Erfahrungen im Krieg, das kann ich mir vorstellen. Sicher hatte er wie alle 17jährigenTräume von einem guten Leben, von der Liebe - wie es in dem Schlager heißt. Und musste im wirklichen Leben Schlimmes erleben. Kein Siebzehnjähriger auf der Welt sollte so aus seinen Träumen herausgeholt werden. Und auch sonst keiner.
Am Ende unseres Gesprächs beten wir miteinander, der alte Mann und ich. Wir bringen das Erlebte und die alten Wunden vor Gott. Wir sprechen vor Gott die Träume von damals aus und die Überforderung des 17jährigen. Und bitten Gott darum, dass er ihn versteht und ihm heute einen Schlaf schenkt ohne Alpträume.

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Wie kriegt man ein ganzes Dorf dazu, einig zu sein? Oder eine ganze Region? Womöglich ein Land? Dass alle Menschen darin fühlen, sie gehören zu einem großen Ganzen?--
Mit einem Gebet. Das jedenfalls war die brillante Idee von Karl dem Großen. Vor ungefähr 1200 Jahren ging sein Reich von den Pyrenäen bis zur Donau, von Italien bis zur Nordsee. Um da einen Zusammenhalt zu schaffen, ging Karl zunächst mit militärischen Mitteln vor. Aber dann begann er mit einer großen Neuregelung der kirchlichen und gesellschaftlichen Ordnung. Einheitlich für sein ganzes Reich hat Karl zum Beispiel festgelegt, wann Weihnachten und Ostern zu feiern sind und welche Heiligen verehrt werden sollen. Karl der Große ordnete an, dass alle Christen das Vaterunser auswendig können sollten, das Gebet, das Jesus selbst seinen Nachfolgern hinterlassen hat. Alle Menschen im ganzen Reich waren damals Christen, wenn auch vermutlich nicht alle freiwillig sondern weil der Fürst das so bestimmte. Und die sollten nun mindestens dreimal am Tag das Vaterunser beten: morgens, mittags, abends. Dabei half eine damals neue Erfindung: Glocken aus Bronze. Die wurden dreimal am Tag geläutet und haben die Leute erinnert: Jetzt ist Zeit für das Gebet, das alle zusammen beten.
Eine Idee, von der wir noch heute einen Nutzen haben. Denn fast alle Christinnen und Christen können das Vaterunser auswendig:
In jedem Gottesdienst in der Kirche sprechen es die Leute zusammen. Und auch bei einer Beerdigung auf dem Friedhof oder bei einer Trauung können hunderte Menschen, die einander vorher vielleicht nie begegnet sind, dieses Gebet miteinander sprechen. Ich finde das immer einen großartigen Moment. Und ich denke mir: Genau genommen verbindet das Vaterunser in dem Moment nicht nur die Leute, die es jetzt zusammen sprechen, sondern irgendwie schafft es auch eine Verbindung zu all denen, die es vor mir gebetet haben.
Die Glocken vieler Kirchen läuten auch heute noch dreimal am Tag und laden dazu ein, ein Vaterunser zu beten. Ich denke mir, das wissen viele Leute gar nicht mehr. Aber das Vaterunser als gemeinsames Gebet -- das funktioniert noch immer. Und jedes Mal, wenn ich es mit anderen zusammen bete, fühle ich, wie das Gebet eine großartige Verbindung schafft: Alle sind Teil eines großen Ganzen.

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