Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR4 Abendgedanken

- oder warum Gott sich allen Mustern entzieht  

 „Wenn Du ihn verstehst, dann ist er nicht Gott.“ Das schreibt der heilige Augustinus vor hunderten von Jahren. „Wenn Du ihn verstehst, dann ist er nicht Gott“. Dann hab ich wohl oft mit Gott zu tun, denn wie oft verstehe ich ihn überhaupt nicht. Warum erträgt er es, wenn Menschen Kriege führen, Bomben legen, andere entführen und umbringen? Wieso fährt er nicht dazwischen, wenn in seinem Namen Fanatiker und Terroristen eine Religion für ihr abscheuliches Tun missbrauchen. Warum räumt er diesen ganzen „Saustall Welt“ nicht auf? Er könnte es doch …muss ja nicht gleich eine neue Sintflut sein. Das ewige Warum schreit durch die Geschichte. Bis heute. Ohne Antwort, ohne sichtbare Antwort, ohne erwartete Antwort. Aus dem Dilemma kommen wir wohl nie heraus, werden immer wieder mit unseren Bittrufen ins Leere beten - jedenfalls fühlt es sich so an. Gott gibt nicht sogleich die Antwort, die wir von ihm erwarten, so auf der Hand liegend sie uns auch erscheinen mag. Uns Menschen. Denn Gott ist Gott und sprengt alle unsere, Muster, Attribute und Bilder, mit denen wir ihn mit unseren Vorstellungen seit Generationen verkleidet haben. Er ist der Barmherzige, ja, aber auch der Allmächtige. Er ist der Ewig-Treue, ja, aber auch der Geheimnisvolle. Er hat sich für uns in der Krippe erniedrigt und kleingemacht und doch ist er der, der Berge versetzen und Felsen erschüttern kann. Gott ist groß. Größer als alle unsere Vorstellungen. In „Josef und seine Brüder“ schreibt Thomas Mann:„Gott ist nicht das Gute. Er ist das Ganze. Und er ist heilig.“ 

Ewiger Gott, du macht es uns oft schwer Dein Schweigen auszuhalten. Oder besser die fehlende Antwort, die wir als Schweigen empfinden. Stärke unser Vertrauen, dass Du alles im Blick hast und auch das, was wir als Schmerz und Leid erleben von Dir umfangen und erlöst sein wird. Rätselhafter Gott, am Ende der Zeiten wirst Du die Rätsel der Welt und unsere eigenen erklären und enthüllen. Lass uns die Spannung halten jetzt nicht alles zu verstehen und halt uns fest, wenn wir  betäubt und hart verwundet Dir entfliehen wollen. Hier werden wir Dich nie ganz verstehen. Nicht mal im Ansatz. Du bist das Ganze. Und Du bist heilig.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20128

 - oder fair streiten  

Wenn ich etwas ganz besonderes Positives über einen Menschen sagen soll, egal ob wir eng befreundet oder nur dienstlich miteinander zu tun haben, dann sage ich: mit ihm oder ihr kann man gut streiten. Das meint nicht, dass ich streitsüchtig bin oder bei der kleinsten Meinungsverschiedenheit sofort einen Streit vom Zaun brechen will. Natürlich ist es mir auch lieber, wenn es harmonisch zu geht. Aber wenn es sein muss, wenn ein Streit unausweichlich ist, dann weiß ich, dass ich bei aller harten Auseinandersetzung, bei allen argumentativen Attacken, ja auch selbst dann wenn die Gefühle hoch kochen, immer ein faires Gegenüber habe. Jemand der mit offenem Visier kämpft, der ungeschminkt, direkt und ehrlich mir die Meinung sagt. Das gefällt mir natürlich meistens nicht aber davor habe ich weitaus mehr Respekt als vor Menschen, die freundlich tun und hintenherum hinterlistig und verschlagen über mich lästern. Ich streite mich nicht um des Streites willen sondern weil mir eine Meinung so wichtig ist, dass ich sie mit allen Kräften verteidige und sogar hoffe, dass mein Gegenüber davon überzeugt wird. Genau das Gleiche hofft umgekehrt der Andere. Wenn wir beide dabei nicht von vornherein kompromisslos verhärtet bleiben sondern bereit sind möglicherweise den besseren Argumenten zuzustimmen, dann kann es beim Streit ruhig heftig zugehen, vielleicht führt er auch nicht direkt zu einer Lösung sondern erst einmal zu einer Art „argumentativem Waffenstillstand“. Aber beschädigt beide nicht in ihrer Würde und dem gegenseitigen Respekt voreinander. Dass es allerdings oft anderes zugeht, davon wusste schon der Apostel Paulus wenn er die Galater ermahnt: „ Wenn ihr einander beißt und verschlingt, dann gebt Acht, dass ihr euch nicht gegenseitig umbringt.“(Gal 5,15) Um dem zu entgehen kann es vielleicht helfen ein Stoßgebet in den Himmel zu schicken, wenn ich merke ein Streit kündigt sich unausweichlich an. Vielleicht so: „Halt mich an der Leine, Herr“ oder „Herr hilf, es geht los“. In Langfassung könnte das so lauten: 

Herr bleib bei uns bei dem, was jetzt ansteht.

Lass mich meine Worte so wählen,

dass ich sie später nicht bereue.

Lass mich klar sein und deutlich,

aber auch fair und nicht verletzend,

- jedenfalls so gut wie es irgend geht.

Sei Du die Hand die ausgestreckt wird,

wenn das Unwetter verklungen ist.

Sei Du die Versöhnung, die ich noch nicht hinbekomme.

Wache Herr über das was jetzt kommt.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20127

- sind nur die anderen? 

Liebe Deinen Nächsten, heißt es im Evangelium. Na dann mal los! Bei manchen „Nächsten“ fällt mir das doch eher schwer. Liebe Deinen Nächsten: ein schöner Spruch, ein Bibelspruch, so oft zitiert, ein Auftrag Jesu. Aber dann: konkrete Typen, Gesichter, Menschen, die mir auf die Nerven gehen, ihrem Gequatsche kann ich nur mühsam lauschen. Gern würde ich weghören, die Ohren verschließen, aber: sie sind so laut! Bei allem guten Willen, selbst Adenauer hilft dann nicht mit seinem sicher gut gemeinten rheinischen Rat: Nehmen Se de Menschen wie sie sinn, andere jibbet nicht. Ja in der Tat, aber müssen es dann gerade Menschen sein wie mein Kollege, der schlicht nur nervt. Es scheint, als drehe sich die Welt nur um ihn, es gibt’s nichts, wozu er nicht auch noch was zu sagen hätte und Recht hat er sowieso immer. Unerträglich. Aber er hat immer Publikum, Claqueure, die ihm interessiert und begeistert zuhören- jedenfalls tun sie so. Die lieben Kollegen… Nur was mögen sie über mich denken? Der arrogante Schnösel der immer leicht genervt ausschaut und überheblich die Augenbrauen hochzieht, wenn wir im Gespräch sind, an dem er sich nie beteiligt. Der seine Kaffeepausen immer allein verbringt und so tut als wäre er was Besseres. Könnte sein, dass sie das denken. Und so leben wir nebeneinander her mit Bildern im Kopf, die nur zum Teil stimmen, die aber nie der ganzen Person gerecht werden. „Alles was man braucht ist ein ordentliches Feindbild“, hat ein Spötter mal drastisch-zynisch bemerkt. Nein, eben genau das nicht. Schubladendenken ist zwar einfach und oft auch bequem weil man nicht differenzieren muss, aber ich möchte mich ja selbst nicht bei anderen in einer solchen Schublade wiederfinden. 

Ja, Herr, ich weiß, "liebe deinen Nächsten…" und so weiter, das war Dir besonders wichtig. Sorry Herr, ich probier’s ja aber es gelingt mir nicht immer. Paulus ist mir da ein bisschen realistischer wenn er an die Epheser schreibt: „Ertragt einander in Liebe“.(Eph 4,2) Das ist schwer genug, aber machbar, einigermaßen... Lass mich zwischendurch mal in den Spiegel schauen, der mich daran erinnert, dass nicht nur mir Menschen zugemutet werden sondern ich auch ihnen. Hilf mir Brücken bauen und suchen was verbindet, nicht was trennt. Soviel Wichtigeres gibt es, so viel…

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20126

- oder verändert „weniger“ den Blick? 

Wenn es kalt ist, sagen wir, es ist zu kalt, wäre es doch endlich wärmer! Wenn es warm ist, sagen wir, es ist zu warm, kaum auszuhalten, wäre es doch endlich kühler…! Gott müsste eigentlich irre werden an uns und unseren Bitten. Nie zufrieden sind wir mit dem was ist, immer die Sehnsucht nach dem was sein könnte. Bei so vielem ist das so, nicht nur beim Wetter. Heute wollen wir dies, morgen genau das Gegenteil. Ich erwische mich selber dabei mir etwas zu wünschen, es dann zu kaufen und sobald ich es habe verliert es mein Interesse. Ich freu mich am neuen I Phone, das dauert aber nicht allzu lange, denn schon wird das Nachfolgemodell angepriesen, das mein jetziges Handy als von gestern aussehen lässt. Das wahnsinns-teuere Kleid das die Brautmutter zum ersten Mal stolz zur Hochzeit ihrer Tochter anzieht verliert in Windeseile seinen Reiz, wenn in der anderen Verwandtschaft es eine Dame gleichfalls trägt. Mit viel Geduld und Herzblut und mit noch mehr Leidenschaft hat man sich seine Wohnung passend eingerichtet und fühlt sich in ihr pudelwohl. Dann der Besuch beim Nachbarn, der noch das und das hat, was man haben könnte, sich aber jetzt nicht leisten kann, was aber doch so toll aussieht und die eigene Bude alt aussehen lässt. Schon ist es aus mit „pudelwohl“. Die Liste wäre einfach zu erweitern, Beispiele gibt es viele. „Sie scheinen mir aus einem edlen Haus: Sie sehen stolz und unzufrieden aus“, spottet schon Johann Wolfgang von Goethe. Da hat sich wohl nicht viel geändert in den letzten Jahrhunderten. Das oft weniger mehr ist und die Freude über das was ist zufrieden machen kann, weiß man oft im Kopf, liest darüber, findet das auch richtig, lebt nur nicht danach. 

Ewiger Gott, hilf uns aus diesen Mechanismen auszusteigen. Lass Dich nicht verwirren, wenn unsere Bitten und Wünsche so widersprüchlich sind wie unser unzufriedenes Verhalten. Hör einfach nicht hin, Ewiger, entspann dich und sammle deine Kraft, zu viele echte Klagen sind in deiner, unserer Welt, zu viele Schreie. Hör ihnen zu und hilf uns sie zu hören, damit wir weg von unseren kleinen Unzufriedenheiten befreit erkennen, was wirklich wichtig ist. Störe unser Kreisen um uns selbst und lass uns wach bleiben, um zu helfen wo es uns möglich ist. Diese Bitte erfüll uns, warte nicht, wir bitten dich.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20125

- oder der auf dem Weg zur Gelassenheit  

„Geduld in allen Dingen, führt sicher zum Gelingen“, sagt ein Sprichwort und der Dalai Lama ist der festen Überzeugung: „Geduld zu üben ist die wirksamste Methode, unseren inneren Frieden zu bewahren.“ Man muss sie nur haben: die Geduld. Ich hab sie nicht immer. Ich bin nicht so geduldig wie andere, die gleichmütig bleiben auch wenn der Boden unter ihnen wankt. Ich bin es schon im Kleinen nicht: ich könnte aus der Haut fahren in der Schlange vor der Kasse am Supermarkt, wenn jemand umständlich nach seinem Geldbeutel sucht, die PIN für die EC Karte falsch eingibt, das Obst nicht abgewogen hat oder zum fröhlichen Plausch mit der Kassiererin ansetzt. Oder wenn alles Hupen nichts nützt um dem Fahrer vor mir an der Ampel klar zu machen, dass Rot vorbei ist und Grün weiterfahren bedeutet. Ganz und gar nicht nette Gefühle spüre ich dann. Ganz großartig auch wenn man nach schlechten Erfahrungen mit der unpünktlichen Bahn dann doch das Auto nimmt und sich nach sechs Baustellen im finalen Stop-and-Go-Stau der siebten wiederfindet. Nein, ich bin nicht geduldig. Jedenfalls nicht immer. Gewiss Temperamentssache, Familiengene, man ist wie man ist, sich selbst aushalten ist nicht immer leicht. Und doch wünsche ich mir Gelassenheit, wenigstens etwas davon, um Dinge, die ich nicht ändern kann, hinzunehmen, auch wenn es schwer fällt, erst durchzuatmen bevor ich poltere, leichter, langsamer, nachsichtiger zu sein oder zu werden. Das Gegenteil kann ich ja ziemlich gut... 

Lass mich geduldiger sein, Gott, der Du selbst Geduld hast im Übermaß und auch wahrhaftig brauchst mit Blick auf Deine nur selten ganz geglückten Ebenbilder. Und schenk mir Geduld beim geduldiger werden, das ich nicht plötzliche Heilung erwarte, mich nicht überfordere. Vielleicht erstmal über mich schmunzeln vielleicht sogar lachen lerne, nach dem nächsten genervten "Das-darf-doch-nicht-wahr-sein-Seufzer", der mir so schnell oft verärgert entfährt. „Die Belohnung für Geduld ist Geduld“, schreibt Kirchenvater Augustinus. Schritt für Schritt ändert sich meine ganze Haltung, wächst der „innere Friede“ wie es im Wort des Dalai Lama hiess.  Hilf mir dabei Gott und hab Geduld mit mir, wie ich mit anderen und sie mit mir.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=20124