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SWR4 Abendgedanken

Brot ist ein Grundnahrungsmittel für viele verschiedene Menschen. Aber alle haben sie verschiedene Brotrezepte. Das habe ich bei unserem letzten Gemeindefest gelernt. Da haben wir Menschen aus unserem Ort eingeladen, Brot zu backen. Erst da habe ich richtig gemerkt, wie viele verschiedene Menschen unter uns leben.
Das albanische Brot war als erstes alle, denn das hatte bis dahin noch niemand von uns kennengelernt; wir waren besonders neugierig darauf, und es sprach sich sofort herum, wie köstlich es schmeckte, was die junge Frau aus Albanien gebacken hatte. Und die spanische Guacamole-Creme der Mexikanerin war ein Gedicht. Mit griechischem Fladenbrot oder französischem Baguette - ich sage Ihnen - wunderbar! Die Kinder rösteten Stockbrot nach norwegischem Rezept am offenen Feuer. Brote aus anderen Ländern: Das ist eine ganz besonders leckere Form der Völkerverständigung. Ich könnte stundenlang schwärmen von den Broten und den Dips, die es nach dem Gottesdienst zu probieren gab. Aber vor allem möchte ich schwärmen von dem, was dem gemeinsamen Brotessen vorausgegangen ist.
Vorher hatten wir Menschen, die in unserer kleinen Stadt wohnen und deren Muttersprache eine andere Sprache als deutsch ist, im Gottesdienst erlebt. Sie hatten jeder in seiner Sprache ein Stück aus der Bibel vorgelesen. Auf Französisch und Norwegisch, auf Indisch und in einer afrikanischen Sprache, in amerikanischem Englisch und auf Philippinisch, auf Arabisch und Türkisch... 18 verschiedene Sprecherinnen und Sprecher, 18 verschiedene Sprachen, mit denen sie alle von Gott erzählten. Das war eine ganz besondere Erfahrung - ein ergreifendes Erlebnis. Für einen Moment hat es sich angefühlt, als wäre es möglich, mit allen Menschen auf der Erde in Verbindung zu sein.
Die Menschen sind so unterschiedlich wie ihre Sprachen und ihre Brotrezepte. Aber alle waren vergnügt und staunten über ein so unkompliziertes Miteinander.
Menschen haben viele Probleme miteinander, und die Völker und Staaten tun sich oft schwer, einander zu verstehen und zu respektieren. Ich finde: Da tut es gut, wenn mal für eine Weile das Zusammenkommen der unterschiedlichsten Menschen einfach ist.

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Etwas ganz falsch hören und damit sogar trotzdem etwas Richtiges verstehen, -- das kann passieren. Manchmal ist das richtig lustig. So wie damals, als Herr Volk etwas falsch gehört hatte. Herr Volk hört nicht mehr so gut. Immerhin hat er schon Goldene Hochzeit gefeiert.
Ich habe das Ehepaar besucht und mit den beiden Jubilaren auf ihre Goldene Hochzeit angestoßen. „Wie haben Sie es geschafft,“ habe ich gefragt, „so lange so glücklich miteinander zu sein?“ Und Herr Volk hat geantwortet: „Man muss sich jeden Morgen kalt waschen.“ Anscheinend hatte er meine Frage falsch verstanden.
Ich habe wohl etwas verdutzt geschaut. Aber Frau Volk wusste gleich, was ihr Mann meinte: „Willi!“ hat sie ihm mit etwas lauterem Tonfall erklärt:  „Die Frau Pfarrer hat nicht gefragt, wieso du so gesund bist. Sie hat gefragt, warum wir so glücklich miteinander sind!“
Nun mussten wir alle herzlich lachen.
Ähnlich, aber gar nicht zum Lachen, ist es gegangen, als Jesus gestorben ist. Sterbend am Kreuz hat er gerufen: „Mein Gott, mein Gott warum hast du mich verlassen.“ Auf Hebräisch: „Eli, Eli, lama asawthani“. Und die am Kreuz dabeistehen und offenbar kein Hebräisch verstehen, hören nur, dass er „Eli Eli“ ruft. „Er ruft den Elias“ legen sie es sich zurecht. Elias, das war für die Menschen dieser Zeit eine ganz wichtige Person. Ein Prophet, mit dem vor langer Zeit einmal etwas ganz großartiges Neues begonnen hatte. Davon haben sie sich damals erzählt: Elias Zeit, das war, als alle Menschen darauf vertrauten: Es gibt nur einen Gott. Und nun hofften sie: Eines Tages wird Elias wiederkommen, und alle Völker sind sich einig. Und dann wird alles gut. – Deshalb haben sie damals, als Jesus gestorben ist, gemeint: Er ruft den Elias.
Nein, Jesus hat etwas anderes gerufen. Und trotzdem haben die Leute ihn richtig verstanden. Unter seinen Freunden sprach es sich wenige Tage später herum: Etwas Neues hat begonnen: Jesus ist auferstanden!
Die ihn falsch verstanden hatten, die hatten geahnt: Mit diesem Jesus beginnt etwas, was mindestens so bedeutend ist wie lange Zeit vorher mit Elias; und das hat ja tatsächlich gestimmt.
Sie haben etwas ganz falsch gehört, aber sie haben trotzdem etwas Richtiges verstanden.

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Wenn man zusammensitzt und sich gemeinsam erinnert, dann ist das viel mehr als nur ein wehmütiger Rückblick auf Vergangenes. Es ist immer auch ein bisschen so, als wäre man wieder dort in der Vergangenheit und als könnte man die Freude oder die Unbeschwertheit von damals noch einmal haben. Oder als würde etwas, was mir damals Kraft gegeben hat oder Schwung, heute wieder zu spüren sein. Das habe ich erlebt, als ich mit den Goldenen Konfirmanden unserer Gemeinde zusammensaß.
Jürgen hatte sein Tagebuch mitgebracht, das er damals, mit 14, geführt hatte, vor 50 Jahren also. Die Goldenen Konfirmanden lassen das kleine Büchlein beim Mittagessen am Tisch herumgehen und lesen einander vergnügt daraus vor. Dank Jürgens Tagebuch kommen den Goldenen Konfirmanden jetzt einige Dinge wieder in Erinnerung: Die Streiche von damals, auch das Lernpensum. Im Rückblick war es eine unbelastete Zeit. Und ein wenig von der Unbekümmertheit von damals ist mit einem Mal zu spüren. Staunend entdecken die Jubilare, dass ihnen manche Bibelgeschichte aus dem Unterricht noch in Erinnerung ist. Und der Psalm 23, den sie damals auswendig gelernt haben und das Gesangbuchlied - nach einigem Nachdenken ist es wieder da.
So ein Tagebuch - auch die Fotos von damals - das hilft beim Erinnern -. Ich erlebe, wie das den Menschen heute guttut. So als würden sie in Kontakt kommen mit dem jungen Menschen, der sie vor 50 Jahren einmal gewesen sind.
„Solches tut zu meinem Gedächtnis.“ So sagt Jesus als er mit seinen Jüngern ein letztes Mal zusammensitzt und mit ihnen feiert. Macht das auch in Zukunft so! Sagt er zu ihnen. Kommt zusammen, so wie wir jetzt beisammen sind, und erinnert euch! Jesus hat sich vielleicht dabei gedacht, dass Erinnern ja immer auch ein bisschen so ist, dass das „Damals“ zum Heute wird. Genauso, wie es die Goldenen Konfirmanden mit ihren Erinnerungen erlebt haben. Für Jesus und seine Jünger ging es nach diesem letzten gemeinsamen Abendmahl sehr dramatisch weiter. Aber in der Erinnerung konnten sie anknüpfen - auch an die gute Gemeinschaft und das Beisammensein damals. Bis heute feiern wir Christen Abendmahl. Und es ist immer ein bisschen so, als feiern wir heute mit Jesus zusammen. Und das tut richtig gut.

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Eine Kerze anzünden und an einen Menschen denken - so beginnen wir manchmal die Gottesdienste in unserer Kirche. Am Sonntag, nach dem ein jemand aus unserer Gemeinde beerdigt wurde, nennen wir den Namen des Menschen, der gestorben ist. Und dazu steht eine Konfirmandin oder ein Konfirmand auf, geht nach vorne zum Taufstein, wo die große Osterkerze steht und zündet daran eine Kerze an zur Erinnerung an den oder die Verstorbenen. Dann sind die gewissermaßen noch einmal bei uns im Gottesdienst. Für viele ist das ein sehr schöner Moment, besonders auch für die Angehörigen des Verstorbenen.
Neulich habe ich gestaunt, wie viel unsere Jugendlichen von dem verstanden hatten, was da vor sich geht. Der neue Konfirmandenjahrgang ist am Beginn des Unterrichtsjahres mit mir in der Kirche unterwegs gewesen, damit sie anfangen, sich dort zu Hause zu fühlen. Wir haben alles angeschaut: den Altar, die Kanzel, die bunten Kirchenfenster - und wir haben über unser Kerzenritual gesprochen. Die neuen Konfirmanden sollten das ja nun in Zukunft ausführen. „Was bedeutet es, wenn wir für einen Menschen, der gestorben ist, im Gottesdienst eine Kerze anzünden,“ habe ich gefragt. Einer der Dreizehnjährigen sagte: „Dann ist die Wärme dieses Menschen noch eine Weile da.“ Eine Konfirmandin hatte die Idee: „Sein Lebenslicht leuchtet für uns noch weiter.“ Eine andere hat sich überlegt: „Es tut den Angehörigen gut, dass die anderen aus der Gemeinde von dem Toten etwas erfahren und mitkriegen, dass sie ihn vermissen.“
Ich finde es toll, wie einfühlsam diese jungen Menschen sind und mit welcher Ernsthaftigkeit sie bei der Sache sind. Richtige kleine Seelsorgerinnen und Seelsorger. Sie verstehen, was Trauernden gut tun kann: Eine Kerze anzünden lassen und dabei an den Menschen denken, den man vermisst.

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Niemand muss sich auf das festlegen lassen, was er nicht kann, oder was schief gegangen ist. Ich finde, das kann man von Zachäus lernen. Der war kleingewachsen. Das war für die Leute seiner Umgebung ein Grund, über ihn geringschätzig zu denken. Und dann war er auch noch Zöllner! Da weiß man doch, was man von denen zu halten hat. Jedenfalls war das so zu seiner Zeit. Unehrlich und hässlich. Mit so jemandem gibt man sich nicht ab, haben damals viele gedacht. Und dann kommt Jesus und kriegt mit, dass Zachäus jemanden braucht, der ihn mit anderen Augen ansieht. Der ihn nicht herabsetzt auf „Zöllner und kleingewachsen“. Erst mal hat es die Leute ziemlich aufgebracht, dass Jesus mit Zachäus nach Hause gegangen ist. Zachäus aber hat das ungeheuer glücklich gemacht. Er ist buchstäblich über sich selbst hinausgewachsen, indem er sich von da an für Arme eingesetzt hat.
Ich glaube, ich sollte diese Geschichte Clara erzählen. Clara ist in meinem Konfirmandenunterricht eine fröhliche Vierzehnjährige. Sie ist sportlich, und ihre Fußballmannschaft kann sich fest auf ihre Ballkünste verlassen. Sie hat ein tolles Gedächtnis und singt ganz bezaubernd. Viele gute Gründe, um gut gelaunt zu sein. Das ist Clara auch oft. Außer, wenn sie in der Schule Französisch hat. Sie hat mir erzählt: Manchmal hat sie morgens schon Bauchweh, wenn sie nur dran denkt. Denn Claras Lehrerin hält ihre Rechtschreibschwäche für ein Hindernis beim Sprachenlernen. Aber aus meinem Unterricht weiß ich: Clara merkt sich Sachen leichter durchs Zuhören als durchs Aufschreiben. Das sieht aber ihre Lehrerin nicht ein. Und weil sie für Clara keine Extrawurst braten will, verlangt sie, dass Clara genau so viel mitschreibt wie alle andern. Das dauert aber länger, -- eben wegen Claras Schreibschwäche.
Ich möchte Clara Mut machen, dass sie mit ihrer Lehrerin redet und ihr das erklärt, dass sie auf andere Weise lernt als andere. Ich will sie noch viel öfter an das erinnern, was sie gut kann. Und ich will ihr deshalb die Geschichte von Zachäus erzählen. Da hat Jesus gezeigt: Ich muss mich nicht von anderen reduzieren lassen auf das, was in meinem Leben nicht perfekt ist. Ich wünsche Clara, dass sie sich von Jesus ermutigen lässt und bald ohne Bauchweh Französisch lernen kann.

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