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SWR4 Abendgedanken

„Ich danke Gott jeden Tag für meine musikalische Begabung“ – hat Klaus Doldinger gesagt. Er ist der Komponist zahlreicher  bekannter Filmmusiken. Die Erkennungsmelodie vom „Tatort“ stammt von ihm und vielleicht haben Sie seine Musik zum Film „Das Boot“ noch  im Ohr. Er ist selbst auch ein guter Saxophonist und mit seiner Band „Passport“ immer noch - inzwischen 79Jahre alt - gut unterwegs. Musik ist sein Leben, sie hält ihn jung. Und es gefällt ihm, dass er mit seiner Musik so viele Menschen erreichen kann.

Nun hat nicht jeder Mensch so eine besondere musikalische Begabung,  für die er dankbar sein kann. Aber dass es die Musik überhaupt gibt, dass sie unser Leben bereichert, schöner macht – das ist schon großartig.
Musik begleitet unser Leben – die schönen Augenblicke und auch schwere, traurige Stunden. Es gibt wohl kaum einen Menschen, der sich ein Leben ohne Musik vorstellen kann. Wobei natürlich jeder so seine Vorlieben hat: Der eine hört gern klassische Musik, andere sind eher für Schlager, Pop, Rock oder Jazz zu haben. Und nicht wenige begeistern sich für Blasmusik, wie jetzt wieder beim SWR 4 Blechduell in Baden-Württemberg zu erleben.

Dass Musik wunderbar entspannen kann und auch befreiend wirkt, müssen die Menschen schon sehr früh erkannt haben, denn es sind Musikinstrumente aus der Eiszeit gefunden worden. Auch in biblischen Geschichten ist viel von Musik zur Ehre Gottes zu hören. Aber auch von Klageliedern, die die Menschen an Gott gerichtet haben. Das mag ihnen geholfen haben, mit ihren Nöten umzugehen.
Und das ist heute noch so, wenn wir unsere Gefühle nicht in Worte fassen können. Wenn wir traurig oder erschüttert sind. Dann kann vielleicht die Musik das Unsagbare sagen. Dann kann sie helfen, dass wir innerlich zur Ruhe kommen. 

Dass Menschen große Freude beim Musizieren empfinden und besonders dann, wenn mehrere zusammen spielen - das sieht man ihnen an. Gemeinsam für bestimmte Musik zu schwärmen verbindet Menschen, die sonst ganz verschieden sind. 

Deshalb  ist es eine tolle Idee durch die Musik Menschen zusammen zu bringen, die weit voneinander entfernt sind – Menschen unterschiedlicher Weltanschauung, unterschiedlichen Glaubens, sogar Menschen, die in Ländern leben, die sich politisch nicht einigen können, sich feindlich gegenüber stehen. Im West-Eastern Divan Orchester, von Daniel Barenboim gegründet, spielen junge Musiker aus Israel, Palästina und anderen arabischen Staaten zusammen und gehen auf Tourneen in die ganze Welt. Sie hoffen, dass Menschen wenn sie gemeinsam Musik hören, sich auch gegenseitig besser zuhören können, wenn sie auf anderen Ebenen möglicherweise verschiedener Ansicht sind. Dass sie sich um Verständigung bemühen und sich respektieren.
Weil die Musik ihnen schon Brücken gebaut hat.

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Was manche Menschen in ihrem Alltag so alles bewältigen! Wie schaffen sie das bloß? Im Beruf immer vorn dran sein, sich ständig neuen Herausforderungen stellen, immer pünktlich, immer adrett und die Familie will ja auch zu ihrem Recht kommen. Besonders, wenn die Kinder noch viel Betreuung brauchen. Oder man sich um Angehörige kümmern muss, die allein nicht zurechtkommen. Und so ein Haushalt mit allem, was dazu gehört ist ja auch nicht ohne. Und die vielen Möglichkeiten für die Freizeit, sofern dann noch welche übrig bleibt!

Bei manchen scheint das ganz gut zu funktionieren, aber nicht wenigen wird das dann doch irgendwann mal alles zu viel, auch wenn sie das in der Öffentlichkeit nicht zugeben.
„Ich bin reif für die Insel“ – hört man schon mal, was heißen soll, ich brauch dringend Urlaub. Aber kann so ein zweiwöchiger Urlaub einen Erschöpfungszustand, der immer öfter kommt und immer stärker wird, wirklich und langfristig auffangen? Ich glaube eher nicht. Selbst wenn ich im Urlaub tatsächlich richtig abschalten kann.

Ich muss schauen, was ich in meinem Alltag ändern kann und dafür kann ich den  Urlaub vielleicht gut nutzen.
Ich bin reif für die Insel, kann ja auch heißen, ich sehe im Moment in meinem Leben keine klare Küstenlinie, vieles ist irgendwie uferlos geworden: zu viele Anforderungen, ich scheine nie richtig fertig zu werden. Es gibt einfach von allem zuviel. 
Auf einer Insel zu sein, bedeutet, ich habe einen gewissen Überblick, ich sehe ganz gut wie ihre Küste verläuft und meine Möglichkeiten dort halten sich in Grenzen.
Ich vermute viele Menschen sehnen sich insgeheim nach einem einfacheren Leben. Aber wir leben nun mal in dieser Zeit der ständigen Veränderung und der unzähligen Möglichkeiten und müssen hier in der Regel zurechtkommen.
Da können uns selbst geschaffene „Inseln im Alltag“ helfen, Zeiten, in denen wir mal nur bei uns selbst sein können, das tun, was uns Freude macht.
Deshalb finde ich Kurzurlaube sehr wichtig. Und sich zu überlegen, was ist mir zu viel, was kann ich lassen, wo muss ich nun wirklich nicht immer auf dem neuesten Stand sein. Und auch wo muss ich mir helfen lassen.
Nicht wenige Menschen verpassen, sich solche Rettungsinseln zu schaffen und werden psychisch krank durch Überforderung. Deshalb muss ich mich selbst schützen. Besonders auch wenn ich älter werde und merke, dass mir manches schwerer fällt.
Zu allen Zeiten haben Menschen solche Inseln gebraucht,
So berichtet schon der Evangelist Markus, dass Jesus nach einem anstrengenden Tag zu seinen Jüngern gesagt haben soll:
„Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind und ruht ein wenig aus.“ Denn sie fanden nicht einmal Zeit zum Essen, so zahlreich waren die Leute, die kamen und gingen. Sie fuhren also mit einem Boot in eine einsame Gegend, um allein zu sein." (6,30-32)“

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Soziale Netzwerke sind sehr beliebt und ein Riesenerfolg. Facebook und Twitter und wie sie alle heißen. Menschen in aller Welt nutzen sie begeistert. Ich weniger, was aber nicht heißt, dass ich es nicht auch gut finde, wenn Menschen sich ohne viel Aufwand jederzeit informieren und austauschen können. Weltweit.

Damit ich einigermaßen auf dem Laufenden bin, habe ich an einer Veranstaltung zum Thema teilgenommen. Da sind die neuesten Trends vorgestellt worden – zum Beispiel, wie man sich am besten selbst fotografieren kann, in allen möglichen Lebenslagen, um die Fotos – Selfies werden sie genannt - dann mit der gewünschten Wirkung ins Internet zu stellen. Anhand von Beispielen ist uns gezeigt worden, was Menschen so alles bewusst oder unbewusst einer großen Öffentlichkeit zugänglich machen. Manchmal ganz schön bedenkenlos.
Und ich habe mich gefragt, verführt es nicht geradezu, sich in einem ganz bestimmten Licht zu präsentieren? Sich so zu zeigen, wie man gern sein möchte oder wie man sein sollte, um für andere interessant zu sein, um dabei zu sein. Wird dann nicht hin und wieder ein bisschen übertrieben, um zu imponieren? Auch wenn das vielleicht der eigenen Lebenswirklichkeit nicht so unbedingt entspricht? Vieles mehr Schein als Sein ist?

Der Psychiater Hans-Joachim Maatz hat das in seinem Vortrag erläutert. Er hat diesen Trend in unserer Gesellschaft - hin zu mehr Schein als Sein - schon lange beobachtet. Und durchs Internet wird er noch gefördert. Es gibt Menschen, die geradezu zwanghaft alle Trends mitmachen wollen. Ständig an ihrer Selbstdarstellung feilen. Als wäre ihr Leben nur toll, eine einzige Party. Und sie verdrängen dabei, dass sie eigentlich ganz anders sind. Manche können gar nicht mehr wahrnehmen, wie sie wirklich sind. Wollen das nicht. Nicht selten befinden sich Menschen damit in einem permanenten Stresszustand.

Dabei denke ich, gerade junge Leute brauchen Zeit und Gelegenheit, sich selbst kennenzulernen, sich auszuprobieren. Um herauszufinden, was ihnen wirklich wichtig ist. Das funktioniert nicht, wenn sie meinen überall dabei sein zu müssen. Manchmal braucht es Mut, sich von scheinbar äußeren Zwängen zu lösen um authentisch zu sein.
Und das ist wichtig in jedem Alter. Auch wenn man älter geworden ist.

Von Jesus wird berichtet, dass er Menschen geholfen hat, zu sich selbst zu finden, dass er fähig war zu erkennen, welcher Mensch sich hinter der äußeren Erscheinungsform verbirgt. Er hat dann sicher mit ihnen darüber gesprochen und in der Bibel steht, dass er zu ihnen: „Geh nach Hause“, gesagt haben soll, was so viel bedeutet wie, geh in dich, sei du selbst und lebe dein Leben … So bist du von Gott gewollt.

(Sich anders zu geben als man ist – das scheint manchmal notwendig zu sein,  manches leichter zu machen. Wirklich frei und glücklich kann ich nur leben, wenn ich ganz ich selbst sein kann.)

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Führen Sie konsequent Buch über Ihre Finanzen? Oder reicht Ihnen, wenn Sie Einnahmen und Ausgaben so im Blick haben, dass sie sich in der Regel die Waage halten? Besser natürlich, wenn sich ein Zugewinn ergibt. Schlecht, wenn man allzu leichtfertig den Überblick verliert und ins Minus rutscht.  
Davor haben sich schon die Kaufleute im Venedig des 15. Jahrhunderts gefürchtet. Nicht dass sie leichtfertig gewesen wären, aber ihre immer umfangreicheren Geschäfte waren ihnen zu unübersichtlich geworden. Das machte ihnen Sorgen und brachte sie um den Schlaf. Und um ihren „Seelenfrieden“ soll es schlecht bestellt gewesen sein.
Da wollte der Franziskanermönch Luca Pacioli helfen. Er war ein begabter Mathematiker und entwickelte die Idee von der sogenannten „Doppelten Buchführung“: Soll und Haben werden einander gegenüber gestellt und am Ende kann der Gewinn oder Verlust ermittelt werden. Sie kennen das. Auf der einen Seite das, was ich ausgebe und auf der anderen Seite, was ich eingenommen habe. Diese „Doppelte Buchführung“ ist so allgemeingültig, dass sie auch nach 500 Jahren noch Grundlage der Buchhaltung aller Unternehmen ist. 

Bemerkenswert finde ich den besonderen Ratschlag, den der Mönch damals den Kaufleuten in Venedig gegeben hat: Sie sollten ihre Rechnungsbücher Gott weihen, auf das erste Buch ein Kreuzzeichen machen, damit sie bei ihren Geschäften Gott immer im Sinn haben! Möglicherweise hatte er schon damals ein ungutes Gefühl, was gewinnbringende Geschäfte betraf. Und sicher erkannte Pacioli auch, dass korrekte Buchführung noch kein moralisch einwandfreies Handeln beweist.
Die doppelte Buchführung an sich ist ja nur das Gerüst für Berechnungen. Sie sagt mit dem am Ende errechneten Gewinn oder Verlust nichts über moralische Werte aus. Dazu muss man hinter die Zahlen schauen. Wieso konnten bestimmte Kosten so niedrig gehalten werden?
Weil an Löhnen und Ausgaben für gute Arbeits- und Lebensbedingungen gespart wurde? Woher kommen die billigen Rohstoffe? Und wer trägt die Kosten für Umweltschäden? Wieso können manche Produkte so teuer verkauft werden?
Eine Buchführung jenseits von Zahlen kann oft vielmehr über die Lebenswirklichkeit  aussagen als die korrekte Auflistung der Finanzen.

Das gilt natürlich auch für die private Buchführung. Dann erscheinen auf der Habenseite Dinge wie eine glückliche Beziehung, verlässliche Freundschaften, die Freude die Kinder aufwachsen zu sehen, wohnen in gesunder Natur, ein dankbares Lächeln… Und die Mittel, die ich dafür aufwende, können Geduld, Aufmerksamkeit, Liebe und manchmal Verzicht sein.

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Auf dem Platz vor dem Brandenburger Tor steht gerade ein riesiges Foto. Es ist vor 70 Jahren aufgenommen und zeigt eben diesen Platz im Mai 1945: Das Brandenburger Tor stark beschädigt, davor Trümmerberge. Auf dem Boden in einer Reihe liegen verletzte deutsche Soldaten. Junge Frauen kümmern sich um sie. Die jungen Leute schauen ernst. Ratlosigkeit steht in ihren Gesichtern, als würden sie fragen, wie soll es jetzt nur weitergehen? Der Krieg ist vorbei, es wird nicht mehr gekämpft, aber die Stadt liegt in Schutt und Asche. Ich frage mich, was in ihnen vorgegangen sein mag? Diese jungen Menschen hat der Krieg geprägt und sie haben seine Schrecken erlebt. Und bei den meisten kommt spätestens jetzt die bittere Erkenntnis, dass sie missbraucht worden sind, missbraucht für einen Krieg, der so viel Leid über die Menschen gebracht hat. Ob sie jemals wieder normal leben können? Was ist von ihren Träumen und Hoffnungen geblieben? Die Jugendzeit im Krieg - verlorene Zeit… Unwiederbringlich.
Aber jetzt könnte ein neues, glücklicheres Leben beginnen. Das haben sie bald begriffen und zugepackt. Dafür bewundere ich die Generation meiner Eltern.  

Ich habe meinen Vater gefragt, wie er das Ende des Krieges erlebt hat. Er war da gerademal 18 Jahre alt und kurz zuvor nach schlimmen Erlebnissen an der Front in russische Gefangenschaft geraten. Am Lager an der polnisch-russischen Grenze sind Züge mit jubelnden russischen Soldaten vorbei gerollt, zurück in ihre Heimat. Während ihm eine ungewisse Zeit in unbekannter Ferne bevor stand. Er sei so froh gewesen, diesen schrecklichen Krieg überlebt zu haben und deshalb habe er sich nicht unterkriegen lassen, seinen Glauben an das Leben, sein Gottvertrauen, nie ganz verloren. Selbst wenn seine Lage schlimm war, habe er immer wieder versucht etwas Positives zu sehen, das ihm Mut macht. So hat er als Kriegsgefangener versucht Russisch zu lernen um sich einigermaßen verständigen zu können. Und er hat Menschen kennengelernt, die ihm und seinen Kameraden zu essen gegeben haben und die sich für ihr Schicksal interessiert haben. 

Mein Vater sagt heute, dass seine Erfahrungen damals ihm auch später im Leben geholfen haben, wenn es mal schwierig geworden ist und er mit Schicksalsschlägen umgehen musste.
Als er 1949 nach Hause kam, hat er einen Beruf gelernt, zwar nicht seinen Traumberuf eines Försters, aber der Traum von einer Familie hat sich vier Jahre später erfüllt. Und seinen Kindern hat er seine Lebenseinstellung weitergegeben: Nach vorn schauen, versuchen Vergangenes aus der neuen Perspektive besser zu verstehen und daraus lernen. Auch aus negativen Erlebnissen lassen sich positive Schlüsse ziehen! Aber nicht zu lange am Vergangenen hängen bleiben, an Fragen, auf die man keine zufriedenstellende Antwort bekommt. Und an Erinnerungen, die einen allzu traurig machen. Weil man sonst vielleicht neue Möglichkeiten, neue Wege nicht wahrnehmen kann. 

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