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SWR4 Abendgedanken

Aus ganz Deutschland waren junge Fußballer mit ihren Familien zu einem Turnier bei Ulm angereist. Das Zeitkorsett war eng: Anreise am Samstag über Autobahnen und Landstraßen. Früh am Sonntagvormittag mussten die Spiele beginnen, denn alle wollten am späten Nachmittag nach Hause aufbrechen.
Der Pfarrer des Ortes hat protestiert. „Der Sonntagvormittag ist die Zeit, in der Gottesdienste stattfinden“, hat er gesagt. „Öffentliche Sportveranstaltungen können erst danach anfangen!“ Die Ortsverwaltung aber hatte die Ausnahme genehmigt. Das geht. Und das hat den Pfarrer geärgert.
Was halten Sie von der Sache?
Das Grundgesetz sagt (Artikel 140): „Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt.“ Oder einfacher gesagt: Der Sonntag gehört den Menschen. Der Sonntag soll frei sein von den Zwängen des Alltags und Zeit lassen für körperliche, geistige und seelische Erholung. Sicherlich kann auch eine Sportveranstaltung der persönlichen Erholung dienen. Als Vater eines fußballverrückten Sohnes weiß ich, wie das die Familie verbinden kann, wenn man am Spielfeldrand steht und miteinander zittert und sich miteinander freut. So etwas kann einen beflügeln für die kommende Woche. Doch ich finde, so ein Fußballturnier sollte die Ausnahme bleiben. Der Sonntagvormittag sollte kein beliebiges Zeitreservoir für regelmäßiges Training und Wettkämpfe von Jugendmannschaften sein. Dann wird auch das wieder Stress und Muss.
Die Idee von der Sonntagsruhe findet sich übrigens schon in den 10 Geboten. Alle 7 Tage ein freier Tag, an dem man sich erholen kann und tun kann, was man möchte. Nicht, was man muss. Das war die Idee. Der Sonntag gibt Raum für Familie und Freunde, Gemeinschaft und Glauben, und um für die Woche aufzutanken.
Wie die Sache mit dem Pfarrer und dem Fußballturnier ausgegangen ist? Mit einem Kompromiss. Man hat die Pfarrer eingeladen und sie haben auf der Turnierwiese einen kurzen ökumenischen Gottesdienst gehalten. Dann gings los. Ich finde das prima!

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„Ich bin klein, nur 1,62 m, und sehe nicht gut aus. Ich hatte noch nie eine Freundin. Die Mädchen lachen oft über mich. Das quält mich wahnsinnig! Ich möchte oft weinen“ – hat der junge Mann gesagt, der mich im Pfarrhaus aufgesucht hatte.  
Wie diesem jungen Mann geht es vielen Menschen: Es fehlt ihnen an Selbstvertrauen. Sie finden nichts Gutes an sich und fühlen sich minderwertig. Sie tun sich schwer, sich selbst anzunehmen. Ständig vergleichen sie sich mit anderen und rutschen immer tiefer in Selbstzweifel hinein.  
Was kann man da tun? Ich glaube, dass Gott in seiner schöpferischen Liebe und Phantasie niemanden unter uns ohne Begabung gelassen hat. Es kommt nur darauf an, die auch zu entdecken.   
„Überlegen Sie einmal“, habe ich zu dem jungen Mann gesagt, „was Sie gut können, worin Sie stark sind, wo andere zu Ihnen sagen: Du bist aber geschickt! Es gibt bei Ihnen doch bestimmt ein paar Eigenschaften, die positiv sind und die Ihnen helfen können, anders über sich selbst zu denken.“
Der jungen Mann hat eine Weile überlegt und fing an einige aufzuzählen. „Ich bin hilfsbereit“, hat er gesagt, „ich freue mich, wenn mich andere um etwas bitten. Neulich hat mein Nachbar gefragt, ob ich ihm bei einer Reparatur an seinem Haus helfen könnte. Da habe ich mich gefreut und das gern gemacht.“ Und während der junge Mann erzählt hat, wurde er irgendwie fröhlicher.   
Am Ende unseres Gespräches habe ich dem jungen Mann eine Geschichte aus der Bibel erzählt. Sie handelt von einem kleinen Mann Zachäus. Der wollte unbedingt Jesus sehen. Aber die Leute ließen ihn nicht durch. So stieg er auf einem Baum. Was haben die anderen ihn ausgelacht und sich lustig gemacht über ihn! Und dann wurde gerade er von Jesus angesprochen. Gerade zu dem kleinen Mann auf dem Baum hat Jesus gesagt: „Bei dir möchte ich heute gern zu Gast sein.“
„Vielleicht kann diese Geschichte Sie ermutigen „Ja!“ zu sich selbst zu sagen und „Nein!“ zu Ihren Selbstzweifeln“, habe ich zu dem jungen Mann gesagt. „Ich bin sicher, das wird die Begegnungen mit Mädchen entkrampfen und selbstverständlicher werden lassen.“
Dass ihm das gelingt, wünsche ich ihm und allen anderen, die es schwer mit sich haben.

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„Wie kann ich Glauben lernen?“- hat ein Konfirmand mich im Unterricht gefragt. Diese Frage war ihm wichtig, das habe ich gemerkt. Der 13-Jährige gehörte zu den Kritischen unter den Konfirmanden. Mit oberflächlichen Antworten gab er sich nicht zufrieden. Er wollte den Dingen auf den Grund gehen.
Wir haben dann miteinander überlegt, dass Glaube mit Erfahrung zu tun hat. Wir haben uns das an einem einfachen Beispiel klar gemacht: Woran merke ich, ob ein Essen gut schmeckt? Ich werde es wohl probieren müssen. Wir haben uns dann ein etwas anspruchsvolleres Beispiel überlegt: Woran merke ich, ob ein Mensch, dem ich begegne, zu einer verlässlichen Liebesbeziehung in der Lage ist? Ich werde mir natürlich seine Beteuerungen, Versprechungen und Liebesschwüre anhören, aber dann beginnt ein Abenteuer, über dessen Ausgang keine sicheren Prognosen möglich sind. Die Beziehung muss einfach gewagt werden.
Das gilt, glaube ich, auch für den Glauben. Ich kann ihn nur erfahren, wenn ich mich auf ihn einlasse. Das fängt zum Beispiel mit dem Beten an. Wenn ich anfange mit Gott zu reden, werde ich merken, wie gut mir das tut. Mein Herz wird leicht und ich komme innerlich zur Ruhe. Und dann möchte ich das immer wieder tun, weil es mir hilft.
Oder ein anderes Beispiel: Jemand setzt sich für andere ein. Er engagiert sich zum Beispiel in einer der Vesperkirchen, die es im Winter in den großen Städten gibt. Dort bekommen Menschen, die allein in der Wohnung oder auf der Straße leben, ein warmes Mittagessen angeboten. Wenn einer sich hier engagiert, wird er spüren, dass das Helfen ihm Freude macht - und dann ist das vielleicht auch eine Erfahrung von Glauben. Oder eine andere wird in einer gefährlichen Situation auf wunderbare Weise vor Schaden bewahrt, als würde jemand die Hand schützend über sie halten. Aus solchen Erfahrungen kann Glauben erwachsen, meine ich.     
„Wichtig scheint mir dabei nur eines zu sein“, habe ich dem Konfirmanden gesagt, „dass du offen bist für solche Erfahrungen.“ Diese Offenheit habe ich ihm gewünscht – so wie allen, die auf der Suche nach Gott sind.      

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Heute ist mein Tauftag. Der liegt zwar 55 Jahre zurück. Aber jedes Jahr am 3. Februar muss ich an ihn denken. Das Datum meiner Taufe kenne ich auswendig. So wie das Datum meiner Geburt. Denn ich finde, der Tauftag ist genauso wichtig wie der Geburtstag. Und warum?
Durch die Geburt gehört ein Kind zu seinen Eltern. Jedes Jahr am Geburtstag freuen sich Eltern ganz besonders über ihr Kind. Ihre Freude drücken sie mit Geschenken aus. Bei der Taufe ist das ähnlich. Durch die Taufe gehört ein Mensch zu Gott. Ich glaube, jedes Jahr am Tauftag freut sich Gott ganz besonders, dass es diesen Menschen gibt, auch wenn der gar nicht an seinen Tauftag denkt.
Ich kann mich an meine Taufe nicht erinnern. Ich war ein Baby. Aber es gibt Fotos. Zu sehen sind meine Eltern und meine vier Paten und der Pfarrer. Und ich erinnere mich an das, was mir meine Eltern erzählt haben. Dass es bitter kalt war und das Auto nicht angesprungen ist.
Jedes Mal, wenn ich heute in der Kirche eine Taufe erlebe, denke ich an meine eigene Taufe. Und dass der Pfarrer auch über meine Stirn Wasser rieseln ließ und gesagt hat: Frithjof Schwesig, ich taufe dich auf den Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. So spricht Gott der Herr: Fürchte dich nicht. Denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist mein!“
Ich glaube, dass Gott alle seine Geschöpfe liebt, aber bei der Taufe hat er mir ganz persönlich versprochen: Ganz gleich, was in deinem Leben kommen mag. Ich werde für dich da sein. Denn du und ich, wir gehören zusammen - ein Leben lang.
Jedes Jahr am 3. Februar, meinem Tauftag, denke ich an dieses Versprechen. Es tut mir gut zu wissen, dass Gott mir versprochen hat: Ich bin für dich da.
Falls Sie das Datum ihres Tauftages nicht kennen, nehmen Sie einfach ihr Familienstammbuch in die Hand und schauen sie nach. Das Datum steht da drin. Oder Sie rufen im Pfarramt der Gemeinde an, in der Sie getauft wurden. Dort hilft man Ihnen gerne weiter. Und dann feiern Sie ihren Tauftag, jedes Jahr, so wie ihren Geburtstag: mit einem guten Essen und mit lieben Menschen. Und vergessen Sie dann nicht das große Versprechen, das Gott jedem Menschen bei seiner Taufe gemacht hat: Ich bin für dich da!
Ist das nicht ein Grund zu feiern

 

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„Ich mag das Wort ‚alleinstehend‘ nicht. Ich bin alleingehend!“ – hat die Frau gesagt, die ich einige Monate nach der Beerdigung ihres Mannes besucht hatte. Fast fünfzig Jahre waren beide miteinander verheiratet gewesen. Sie hatten eine gute Ehe geführt, vier Kinder großgezogen, fünf Umzüge bewältigt. Und auch im Ruhestand waren sie aktiv geblieben. Sie sind gewandert und gereist, haben Theater und Kino besucht, ihr Leben genossen.
Dann ist der Mann nach kurzer, schwerer Krankheit gestorben. Die Frau war nun allein. Das war schwer. Als ihre Kinder und die Gäste nach der Beerdigung abgereist waren, war es in ihrer Wohnung plötzlich ganz still, zu still. Die Frau hat mir erzählt, wie es dann für sie weitergegangen ist. Sie hat sich entschlossen, aktiv zu bleiben. Sie ist unter die Leute gegangen, hat sich mit Freundinnen in der Stadt getroffen und viel Schönes unternommen. Sie hat versucht wieder an ihr altes Leben anzuknüpfen. Das hat ihr gut getan.
„Ich bin nicht alleinstehend“, hat sie zu mir gesagt. „Mein Leben steht nicht still, nur weil mein Mann fehlt. Nein, ich gehe meinen Weg weiter. Ich bin alleingehend! Ich will aktiv bleiben.“
Ich habe die Frau bewundert. Als Pfarrer begegnen mir immer wieder Männer und Frauen, die nach dem Tod des Partners mit ihrer Trauer und Einsamkeit nicht gut umgehen können. Sie verkriechen sich in ihren vier Wänden und verlieren die Freude am Leben. Bei dieser Frau war das anders. In ihrem Leben sollte nicht die Trauer das Sagen haben, sondern sie selbst.
Ich weiß, das ist nicht einfach. Es kostet Kraft und manchmal auch Überwindung, die Wohnung mit Tränen in den Augen zu verlassen und unter die Leute zu gehen. Man schämt sich, fühlt sich unsicher und traut sich wenig zu.
Vielleicht kennen Sie das ja auch. Das ist eine schwere Zeit, wenn ein lieber Mensch gestorben ist. Vielleicht kann diese Frau für Sie ja ein Anstoß sein, das Leben wieder neu zu wagen: Ich bin nicht alleinstehend, sondern alleingehend. Das Leben geht weiter. Und ich gehe mit.

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