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SWR4 Abendgedanken

„Ich glaube, ich habe noch nie einen Behinderten gesehen!“ Die Konfirmandin, die neben mir am Bahnsteig gestanden hat, ist sich ziemlich sicher gewesen. Ihre Freundin hat gleich widersprochen: „Du hast doch selbst ne Brille. Du bist auch behindert!“ Allgemeines Gelächter.
Irgendwie haben ja beide recht.
Noch immer leben behinderte Menschen meist in besonderen Einrichtungen. Dort wohnen sie, die Jüngeren können auf dem Gelände zur Schule gehen, die Älteren in einer Behindertenwerkstatt arbeiten. Eigentlich eine gute Idee. Aber mit der Nebenwirkung, dass sich behinderte und nicht-behinderte Menschen im Alltag kaum über den Weg laufen.
Darum habe ich mich mit meinen Konfirmanden auf den Weg gemacht, um behinderte Jugendliche in einer diakonischen Einrichtung zu besuchen. Wir haben dort zusammen Musik gemacht, sind zusammen Kegeln gegangen, haben Fußball gespielt und einfach Spaß zusammen gehabt.
Auf der Heimfahrt hat einer von unsren Jungs gesagt: „Sind die wirklich behindert? Die sind doch eher wie wir: die hören auch gern Musik und spielen Fußball. Und der Torhüter von denen war der Hammer!“
Wenn wir einander kennenlernen, merken wir, was uns verbindet. Wir merken dann schon auch, wer wobei besondere Unterstützung braucht. Aber vor allem merken wir, dass wir ganz normal miteinander umgehen können. Und dass sich keiner wegen irgendwas schämen muss.
Denn klar, die zweite Konfirmandin hat auch recht: „Du hast doch selbst ne Brille. Du bist auch behindert.“ Julia hat eine Brille, meine Tante hört schlecht und Markus wird in Mathe nie über die 4 rauskommen. Na und?
Wir sind nicht alle gleich. Wir sind alle besonders. Gottes besondere Kinder.
Gottes Wunschkinder, allesamt.
In meiner Nachbarschaft wird demnächst eine betreute Wohngruppe für geistig behinderte junge Leute entstehen. Mal sehen, vielleicht treffen wir uns mal zum Fußball spielen. …

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Was hat Noah eigentlich an Tag eins nach der Sintflut gemacht? Noah, Sie erinnern sich vielleicht: Der hat in der Arche seine Familie durchgebracht. Durch die schlimme Flut, die nun hinter ihnen lag.
Für mich ist Noah so ein Sinnbild dafür, neu anzufangen. Ein neuer Tag, ein neues Jahr.
Noah hatte gerade erlebt, wie sich das anfühlt, wenn einem das Wasser bis zum Hals steht. Die große Welt um ihn herum war aus den Fugen geraten. Und seine kleine Lebenswelt auch. Jetzt war es überstanden und Noah hat gestaunt: das Leben geht weiter.
Er ist aus der Arche rausgegangen. Und ich an seiner Stelle hätte ungefähr 30.000 Ideen gehabt, was ich nun alles machen könnte. Zum Beispiel hätte ich vorsichtshalber anfangen, die Arche auszubessern – weil -- wer weiß, was morgen kommt. Oder ich hätte mich voll ins Leben gestürzt; ich hab‘ ja so viel verpasst! Oder ich hätte es mir irgendwo gemütlich gemacht. Oder ich hätte mich von jedem liebgewonnen Tier an Bord einzeln verabschiedet, weil es mir schwer gefallen wäre, mich zu lösen.
Vielleicht hat Noah tief durchgeatmet, hat die Sonne auf sein Gesicht scheinen lassen und vor Begeisterung ein Enkelkind durch die Luft gewirbelt.
Dann aber hat er alles stehen und liegen lassen und hat erstmal einen Altar gebaut. Das erzählt die Bibel.
Einen Altar hat man genutzt, um zur Ruhe zu kommen, um vor Gott nachzudenken und sich zu besinnen. Da konnte man etwas mit Gott teilen: ein Anliegen, eine Sorge, was auch immer einen gerade beschäftigt hat. Einfach beten, wie einem gerade zumute war.
Einen Altar habe ich noch nie gebaut. Aber ich finde stark, dass Noah auf seine Art den Beziehungsfaden zu Gott aufgenommen hat. Er hat sich gefreut: „super, ein neuer Tag, ein neues Jahr!“ Und im nächsten Moment ist für ihn klar gewesen: „Gott, ich will dich dabei haben.– Ich möchte dich auch morgen erleben. Und in Zukunft.“
Von Noah lerne ich: Durchstarten an sich ist schon gut. Aber ich möchte mit Gott durchstarten. Auch in diesem Jahr. Darum bitte ich ihn um seinen Segen.

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Das Bild hat damals einen Skandal ausgelöst.
Eigentlich hatte der Maler Caravaggio einfach ein hübsches Weihnachtsbild malen sollen. Damals, im 17. Jahrhundert. Maria und Klein-Jesus, dazu ein paar Hirten – das kann für einen Künstler ja nicht so schwer sein. Dass bei Caravaggio dann keine Hirten aus alter Zeit vor Jesus gekniet haben, sondern zwei Pilger aus seiner Gegenwart, nun gut. So was war üblich, damals. Der Skandal waren die Füße. Die Füße der Pilger sind so was von dreckig. Und so auffällig! Wenn ich das Bild anschaue, sehe ich als erstes die schmutzigen Füße. Weil die Pilger knien, schaue ich direkt auf ihre Fußsohlen. An denen kann man gar nicht vorbeischauen.
Die beiden Pilger, ein Mann und eine Frau, knien vor Jesus und haben die Hände gefaltet. Vermutlich bitten sie ihn um etwas. Die Pilgerstäbe in ihrer Hand deuten daraufhin, dass sie schon einen langen Weg hinter sich haben. Sie haben sicher schon viel erlebt und einiges durchgemacht. Darum die dreckigen Füße. So ist das, wenn man in der Welt unterwegs ist.
Aber die Leute damals fanden das skandalös. Sie haben gesagt: „Das geht gar nicht! Das passt nicht zu einer Audienz bei Jesus. Es passt nicht dazu, dass die beten. Dafür muss man sich doch fein machen. Das ist doch eine Zumutung für Jesus!“
Der Maler aber hat darauf bestanden. Sie haben schmutzige Füße. Er hat sich durchgesetzt.
Das Bild hängt heute in einer Kirche in Rom. Ich finde es eine grandiose Einladung: So wie du bist, kannst du bei Gott auftauchen und beten. Mit dem Dreck deines Lebensweges an den Füßen, mit Alltagsstaub auf der Seele, einfach mit allem, was dir noch anhängt. Bring dein ganzes Leben mit. Auch was dich geärgert hat. Und was dir leid tut. Und was du zum Heulen findest.
Die schmutzigen Füße erinnern mich: ich brauche Gott nicht fernhalten von meinem Leben und mich nicht verstecken. Er weiß ja, wie es zugeht. Ich bin ziemlich sicher: Jesus hatte oft schmutzige Füße…

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Es ist einfach, mit dem Finger auf andere Leute zu zeigen. Ich habe reichlich Gelegenheit dazu. Fast jeden Tag erfahre ich von neuen Skandalen und Enthüllungen, über die ich den Kopf schüttle. „Wie konnte der nur? Was ist denn in die gefahren? Das würde mir nie passieren.“ Oder vielleicht doch?
Christian Streich hat mich beeindruckt, der Trainer des SC Freiburg. Es war im vorletzten Herbst, als gerade Bayern-Präsident Hoeneß und sein Millionen-Betrug Thema Nummer 1 waren. Alles hat sich aufgeregt. Da wurde Christian Streich interviewt. „Was denken Sie über Hoeneß? Ist das nicht das allerletzte, was der gemacht hat?“ Hier der Trainer eines so kleinen Clubs wie Freiburg, dort die Millionen des Bayern-Bosses. Was würde der Freiburger Trainer wohl sagen?
Christian Streich hat eine Weile still dagesessen. Dann hat er nachdenklich gesagt: „Meine Oma hat immer gesagt: ‚Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.‘ - Ich bin’s nicht.“
Wie gesagt: das hat mich beeindruckt.
Die Oma von Christian Streich hat Jesus zitiert. Jesus hat sich nämlich nie gescheut, Unrecht beim Namen zu nennen und Leute aufzufordern, reinen Tisch zu machen. Es ist ihm also nicht darum gegangen, etwas zu vertuschen oder zu sagen “ist doch alles nicht so schlimm“.
Jesus hat von einem gnädigen Gott erzählt. Vor diesem gnädigen Gott kann und muss ich mich nicht rausreden, hat er gesagt. Und Jesus hat vorgelebt, wie gut das tut. Er hat nicht mit dem Finger auf die Leute gezeigt. Bei ihm konnten die neu anfangen, die Fehler gemacht hatten.
Wir haben vermutlich unterschiedliche Schwachstellen und sind nicht alle an der gleichen Stelle in Gefahr, einer Versuchung zu erliegen. Aber kein Mensch ist ohne Sünde.
Und Jesus übersieht meine wunden Punkte nicht. Er legt den Finger darauf. Das ist lästig, aber heilsam. Gott bleibt nämlich auch in den Momenten bei mir, in denen ich mich selbst kaum aushalten kann. Er fängt mich auf, wenn ins Wanken kommt, worauf ich mir so viel eingebildet habe. Dann kann ich neu anfangen. So gnädig ist Gott.
Wie könnte ich dann anderen gegenüber gnadenlos sein?

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Was macht Gott, wenn ein Mensch leidet?
Mit meinen Zehntklässlern hatte ich dieses Thema im Unterricht. Wir haben einige Abschnitte in der Bibel gelesen, aus dem Buch Hiob. Hiob freut sich an seinem Leben, bis ihn die sprichwörtlich gewordenen Hiobsbotschaften treffen. Sein Lebensglück zerbricht. Alles kaputt. Alles zu Ende.
Und Gott? Wie verhält er sich, wenn ein Mensch leidet?
Im Unterricht haben wir es ausprobiert. Einer der Zehntklässler hat den Menschen gespielt. Ein anderer hat die Rolle des Leidens übernommen, das den Menschen fertig machen will. Und einer der Jungs war Gott. Die anderen in der Klasse konnten vorschlagen, was „Gott“ ihrer Meinung nach tut.
Svenja hat gesagt: „Ich glaube, er macht nichts. Er schaut nur zum Fenster raus.“
„Genau“, hat Markus dazwischen gerufen: „Gott schaut zum Fenster raus und hört Musik“. Es ist mucksmäuschenstill im Raum geworden, als Gott zum Fenster rausgeschaut und seelenruhig Musik gehört hat, während hinter ihm das Leiden den Menschen fertig gemacht hat. Die Schüler haben erst ganz fasziniert geschaut, dann aber immer unzufriedener.
„Und wie hättet ihr es gern?“ habe ich nach einer Weile gefragt. Sofort ging ein Finger hoch: „Gott geht dazwischen. Der haut das Leiden weg!“
Ich vermute, Hiob hätte sich das ähnlich gewünscht. Und hat sich wohl gefragt, ob Gott nicht doch einfach bloß zum Fenster rausschaut und Musik hört. Hiob hat deshalb gegen Gott gewettert, er hat mit Gott gerungen.
Aber Gott hat Hiob nicht losgelassen. Er hat sich nicht von Hiob abgewendet. Er ist keinen Moment von seiner Seite gewichen. Und er hat ihm zugehört, egal wie heftig Hiob auf ihn losgegangen ist.
Hiob hat nicht auf alle Fragen eine Antwort gefunden. Er hat sich aber trotzdem entschieden: ich will mich zu diesem rätselhaften Gott halten. Der hält mich fest. Er ist mir näher als alles andere.
Manchmal hätte ich gern mehr Antworten. Manchmal würde ich gern deutlicher sehen, dass Gott eingreift.
Aber ich merke: zu glauben, dass er mich hält – das ist schon viel. Und es hilft mir.

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