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SWR4 Abendgedanken

Kann man besondere Momente festhalten?
Viele Menschen versuchen es, indem sie besonders wichtige Augenblicke fotografieren. Ob es später gelingt, beim Betrachten des Fotos den Moment wieder herbei zu holen?
Neulich im Taufgottesdienst hatte die Familie des kleinen Täuflings einen Fotografen engagiert. Der sollte den besonderen Moment der Taufe ihres kleinen Töchterchens im Bild festhalten. Und weil er eine besonders gute Perspektive haben wollte, stieg der Fotograf die Treppen zur Kanzel hinauf und suchte den Blick gewissermaßen von oben. Einige Gemeindeglieder schauten verärgert drein und schüttelten den Kopf. Muss das sein? Die Kanzel zum Fotostativ zu machen?
Kann man das Kostbare eines Augenblickes im Bild festhalten? Ich denke, das ist eine tiefe Sehnsucht von uns Menschen: Und das ist ja nicht erst so, seit es die Fotografie gibt. Die Bibel erzählt eine Geschichte von Petrus, dem Jünger von Jesus, der ein besonders schönes Erlebnis hatte (Matth 17, 1-9). Und das wollte er auch festhalten. Jesus war mit Petrus und den Jüngern Johannes und Jakobus auf dem Berg Tabor, um zu beten. Und dann erleben die Jünger eine ganz mystische Situation. Sie sehen, dass Jesus wie in einem besonderen Licht erscheint. Ein ganz besonders intensiver Moment muss das gewesen sein. Die Jünger sind tief bewegt. Und die Jünger spüren, dass sie Zeugen eines ganz außerordentlichen Geschehens geworden sind.
Petrus, der Fischer, ein Mann der Tat, will den Moment festhalten. Und hat auch gleich eine Idee: Er schlägt Jesus vor: „ich will hier drei Hütten bauen“.
Jesus ist anderer Meinung. Erst einmal sollen die Jünger davon gar nichts erzählen. Er hatte ja noch viele wichtige und aufregende Erfahrungen in der Zukunft mit ihnen vor.
Mir scheint: Jesus war auch der Meinung, dass wir kostbare Momente nicht wirklich festhalten können sondern intensiv erleben und in der Seele bewahren. Aber das ist nicht ganz leicht in unserer Zeit, wo das Fotografieren an allen Orten so selbstverständlich geworden ist.
Ich glaube: Kostbare Momente kann man nur festhalten, indem man ganz und gar bei der Sache ist. Und auch nicht beschäftigt mit Fotografieren.

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Der Januar ist eine gute Zeit zum Heiraten. Zumindest in Gedanken. So kommt es mir jedenfalls vor, denn die meisten Anmeldungen für eine Trauung erreichen mich in den ersten Wochen des Jahres.
Vielleicht haben die Paare unter dem Weihnachtsbaum über ihre Zukunftspläne gesprochen. Oder sich in der Silvesternacht ein Versprechen gegeben. Oder sie haben mit dem neuen Kalender, den sie im Januar begonnen haben, über Termine fürs neue Jahr nachgedacht. Jedenfalls: Im Januar melden Paare ihre Hochzeitstermine bei der Pfarrerin an. Das neue Jahr beginnt mit Hochzeitsplanungsgesprächen.
Übrigens ist das auch in der Bibel so. Jedenfalls im Johannesevangelium. Das fängt auch mit einer Hochzeit an. Johannes erzählt vom ersten Wunder, das Jesus vollbracht hat. Und das war auf einer Hochzeit.
Manchmal habe ich ja das Gefühl, in der Kirche ginge es immer nur um schwere, ernste Dinge. Aber das stimmt ja gar nicht: Ausgerechnet ein Hochzeitsfest macht den Auftakt für das Wirken von Jesus. Daran will ich in Zukunft denken, wenn die Leute, mit denen ich in der Gemeinde zu tun habe, alle nur sauertöpfisch und schlecht gelaunt und pessimistisch sind. Und sie daran erinnern, dass Gott will, dass Menschen sich über ihr Leben freuen. Jesus jedenfalls hat das gezeigt! Denn der war mittendrin dabei, als die Leute ihr Fest feiern. Er feiert mit und sorgt am Ende sogar höchstpersönlich dafür, dass das Fest gelingt.
Mit gefällt es, wenn Menschen, die einander lieben, ein Jahr zu ihrem ganz persönlichen Hochzeits-Jahr erklären und gleich im Januar damit anfangen. Ich glaube, dass es Jesus gefallen würde, wenn wir das alle probieren. Es muss ja nicht gleich ein großes Hochzeitsfest sein. Aber Begegnungen mit Menschen, die mich fröhlich stimmen oder denen ich gut tue, das will ich mir vornehmen, so oft es geht. Einen Besuch, den ich schon lange vorhatte, endlich machen. Einen Menschen anrufen, den ich schon lange nicht getroffen habe.
Ein bisschen Hochzeitsstimmung jedenfalls will ich mir bei den Brautpaaren, die jetzt anrufen, abgucken und für mich in alle Monate des neuen Jahres mitnehmen.

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Melva trägt einen roten Anstecker am Kragen. Der hat die Form eines Kommata. Sie reicht ein Körbchen herum, und jeder von uns darf sich daraus einen solchen Anstecker nehmen. Lauter Kommas stecken wir uns ans Revers. „Setze niemals einen Punkt, wo Gott ein Komma gesetzt hat.“ („Never place a period where God has placed a comma!”), sagt Melva, als sie uns verabschiedet. Zusammen mit 10 anderen habe ich unsere Partnerkirche in den USA besucht.
Ein Komma, keinen Punkt, denn „Gott redet auch heute noch zu uns,“ („God is still speaking“) sagt Melva. Ihre unbefangene, direkte Art des Glaubens beeindruckt uns sehr. Schnell schließen wir Freundschaft mit den Christen der amerikanischen Gemeinde.
Die Christen dort leben eine sehr aufgeschlossene Form des Glaubens. In dieser Kirche wurden schon im 19.Jahrhundert Schwarze zu Pfarrern ordiniert, im frühen 20.Jahrhundert auch Frauen und seit 30 Jahren auch Menschen homosexueller Orientierung. Diese Offenheit und Liberalität macht viele Kirchen in Amerika zu einem bunten Ort. Im Gottesdienst sind neben klassischer Orgelmusik auch Trommelklänge zu hören und neben dem schwarzen Talar sind genauso auch bunte Kleider am Altar zu sehen.
Melva spricht mit großer Herzlichkeit, als sie sagt: „Wer damit rechnet, dass Gott auch heute noch zu uns spricht, der sollte nicht nur die Ohren, sondern auch die Türen offenhalten – wer weiß von uns schon, durch wen Gott gerade mit uns Kontakt aufnimmt. Das kann die 92jährige frühere Krankenschwester ebenso sein wie das Flüchtlingskind aus Haiti, das allein in New York City angekommen ist.“ Und so gehört ihre protestantische Kirche zu denen, die sich zusammen mit den katholischen Gemeinden intensiv um Flüchtlinge kümmern. Sie verschaffen ihnen Unterkunft und Essen, vor allem aber juristische Hilfe bei der Einwanderung.
Setze niemals einen Punkt, wo Gott ein Komma gesetzt hat. Ich lerne von Melva diese wunderbare Vorstellung, dass Gott durch uns seine großartige Geschichte mit den Menschen weiterschreibt und noch viel Neues mit uns vorhat.

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Wenn Menschen frisch verliebt sind, sind sie gut gelaunt. Man spürt, dass sie gerade etwas Besonderes erleben: Sternstunden. Die Welt ist rosarot. Der Himmel hängst voller Geigen. Das steckt an. Jedenfalls war das neulich so bei einem Freund von mir.
Peter kann im Moment nichts ärgern. In seiner Lebensfreude schafft er es, in allem etwas Positives zu finden.
Ich erzähle von einem Menschen, der rumgenörgelt hat. „Du, vielleicht hat der das ganz anders gemeint“, Peter hat eine Erklärung dafür.
Ich erzähle von einem, der mich gelangweilt hat. „Die Pause hat dir bestimmt gutgetan.“ sagt Peter.
Egal was ich vorbringe, Peter schafft es, alles in „Gut“ umzudrehen und bleibt dabei, allen Leuten nur Freundliches zu unterstellen.
Es gibt solche Sternstunden. Verliebte erleben das, Menschen, die gerade eine Prüfung bestanden haben oder ein  mühevolles Projekt abgeschlossen. Die Großmutter, die zum ersten Mal ihr Enkelkind im Arm hält oder ein Mensch, der im Gebet sich von Gott berührt fühlt. Von solchen Sternstunden wird das ganze Leben  überstrahlt.
Heute ist der 6. Januar. „Heilige drei Könige“ heißt dieser Tag. Die Bibel erzählt von den drei Männern, die dem Stern folgen und tatsächlich eine echte Sternstunde erleben, denn sie finden das neugeborene Jesuskind. Die Geschichte klingt wie ein Märchen aus Tausend und einer Nacht. Und dort hat sie auch ihren Ursprung: In der fernen Zeit in fernen Ländern, als sich Gelehrte auf den Weg machen, weil sie eine besondere Sternenkonstellation am Himmel beobachten. Für sie war klar: Wenn am Himmel etwas so Besonderes zu sehen ist, dann  ist auf der Erde auch etwas Besonderes geschehen. Das wollen sie unbedingt finden.
Sie erleben ihre ganz persönliche Sternstunde. Als sie entdecken, was das Kind in der Krippe bedeutet, sind sie ganz erfüllt davon: Gott kommt zu den Menschen. Alle können sich freuen, und alle können von dieser beglückenden Sternstunde weitergeben.

 

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Im vergangenen November gab es wieder eine Bombenentschärfung in Mainz. Immer wieder findet man Bomben aus dem zweiten Weltkrieg. Bei Erdarbeiten in unseren Städten tauchen solche Altlasten auf. Manchmal lassen sie sich nicht so einfach entschärfen. Dann muss man sie zünden, gezielt sprengen, um sicher zu gehen, dass sie nicht von selbst losgehen und nach Jahrzehnten noch verheerenden Schaden anrichten.
Daran muss ich denken, als ich bei einem Besuch dem alten Herrn begegne. Seine Erinnerung wohnt mehr und mehr in der Vergangenheit und verlässt die Gegenwart. Wie ein Sprengkörper aus längst vergangener Zeit, taucht da im Gespräch mit ihm auf, was ihn beschäftigt. Seine Erlebnisse aus dem Krieg. Was Jahrzehnte lang nicht ausgesprochen wurde. Was niemand hören mochte. Vielleicht auch, was er selbst vorher nicht aussprechen konnte. Vergraben, verschüttet. Jetzt kommt es zum Vorschein.
„Opa ist dement.“ Sagt der Enkel. „Der lebt nur noch in der Vergangenheit.“
Da lagern Dinge in der Tiefe der Erinnerung, an die niemand gerne rührt. Auf dem Grund ihrer Seele tragen viele Menschen an alten, schweren Lasten. Es gab Momente, Zeiten, die sich bei ihnen tief eingebrannt haben: Offene Fragen, auch vergebene Schuld, der Blick in den Abgrund, die eigene, verletzte Seele. Die eines anderen Menschen. Es kann zuweilen besser sein, sich diesen inneren Angelegenheiten nicht ständig aussetzen zu müssen. Aber manchmal tut es auch gut, wenn es eines Tages ausgesprochen werden darf. Beim Graben in alten Erlebnissen. Jetzt, nach Jahrzehnten scheint die Zeit gekommen, über Furcht zu sprechen. Endlich! Über Sorge. Über Todesangst. Über Rettung in letzter Sekunde. Über den Tod der Kameraden.
„Mache dich auf, werde Licht, denn dein Licht kommt.“ (Jes 60,1) So hat vor vielen  hundert Jahren ein Gottesmann - Jesaja - seinen Landsleuten zugerufen. Hat sie ermutigt, selber Dinge ans Licht zu holen, die  im Verborgenen liegen, um sich vielleicht endgültig davon frei zu machen.  Wie die Bauleute, die die Bombenblindgänger für alle Zeiten wegräumen. Hoffentlich finden die alten Leute jemanden, der ihnen zuhört und sie ermutigt wie Jesaja, wenn sie das brauchen.

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