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SWR4 Abendgedanken

Georg lässt sich taufen.
Das ist die Nachricht bei unserem Jahrgangstreffen gewesen.
„Hast Du schon gehört? Georg lässt sich taufen.“ Überraschte Gesichter, irritierte Rückfragen.
Georg? Der ist nie in Reli gewesen, damals in der Schule. Seine Eltern hatten ihn nicht taufen lassen und Reli war einfach daheim kein Thema. Jetzt ist er Mitte 40, macht irgendwas mit Computern, ist längst Familienvater. Und jetzt lässt er sich taufen?
Spannend. Natürlich hat mich das interessiert. Irgendwann an diesem Abend sind Georg und ich mit einem Glas Bier in der Hand nebeneinander gestanden. Ich habe ihn gefragt, wie das eigentlich gekommen ist mit seiner Taufe. Georg hat angefangen zu erzählen. Eigentlich ist das eine ganz normale Geschichte gewesen. Szenen aus einem ganz normalen Leben. Wie die Kinder ihm immer Löcher in den Bauch gefragt haben. Wie dankbar er ist für seine Frau – für ihn ist es die erste Ehe, für sie die zweite. Wie das war, als der Vater gestorben ist. Wie es ihm so bei der Arbeit geht und dass er sich inzwischen selbständig gemacht hat.
Szenen aus einem ganz normalen Leben. Da hat kein religiöser Blitz eingeschlagen oder so was. „Aber“, so hat Georg erzählt, „es hat sich was geändert. Vielleicht habe ich mich geändert. Erklären kann ich’s eigentlich nicht. Ich habe angefangen, mich mit Glaubensfragen zu beschäftigen. Dann habe ich mal mit Freunden diskutiert, im Internet manches nachgelesen. Ob ich jetzt so richtig glaube, weiß ich nicht. Und ich kenne mich nicht gut aus. Aber es zieht mich da hin. Deshalb lass ich mich taufen.“
Mich hat beeindruckt, was Georg da erlebt hat. Dass sein Leben nicht einfach festgezurrt ist und dann geht da nichts mehr. Er ist unterwegs und unterwegs verändert sich manches. Hat Gott seinen Weg gekreuzt? Oder war Gott sowieso von Anfang an mit dabei? Vielleicht schließt sich das auch gar nicht gegenseitig aus. Bei der Taufe wird Georg jedenfalls gesegnet werden. Der Pfarrer oder die Pfarrerin sagt zu ihm: „Gott geht mit dir mit – wohin du auch gehst.“ Für Georg eine richtig gute Sache.

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Kann das gehen: dass Zwei wieder zusammenfinden nach langem Streit?
Zwei Freunde aus Mannheim haben erzählt, wie sie das erlebt haben. Sie sind jahrelang befreundet gewesen und haben auch zusammen gearbeitet, miteinander Geld verdient. Dann ist irgendetwas vorgefallen. Der eine hatte den Eindruck: der hat mich über den Tisch gezogen. Der andere ist sicher gewesen: das stimmt gar nicht. Es ist um Geld gegangen. Aber es ist eben auch darum gegangen: „Können wir einander noch vertrauen? Können wir noch befreundet sein? Können wir noch miteinander?“
„Nein,“ haben beide entschieden, das war’s. Das Geschäftliche haben sie vor Gericht geklärt. Ansonsten wollten sie nichts mehr miteinander zu tun haben.
Funkstille. 12 Jahre lang.
Ein gemeinsamer Freund aus alten Tagen hat nach 12 Jahren etwas riskiert. Er hat beide eingeladen. Weil er gewusst hat, wie tief der Bruch zwischen den beiden war, war er sich nicht sicher, ob das Treffen wirklich klappt.
Er hat sich trotzdem getraut. Und: Es hat geklappt. Nach all den Jahren haben die beiden Männer angefangen, miteinander zu reden.
Leicht war das sicher nicht. Und so wie früher wird es auch nicht gewesen sein. Aber beide haben nachher erzählt, dass eine Last von ihnen abgefallen ist. Eine Last, die sie 12 Jahre mit sich herumgeschleppt haben. Und einer der beiden hat nachdenklich gesagt: „Naja, wenn Zwei, die an Gott glauben, nicht vergeben können…“
In der Bibel lese ich: „Denkt im Umgang miteinander immer daran, welchen Maßstab Jesus Christus gesetzt hat.“
Die beiden Männer haben das hingekriegt. Und ich nehme es für mich als Hausaufgabe. Eine, mit der ich nie fertig bin.
Nicht aufeinander losgehen, sondern aufeinander zugehen. Nicht nur übereinander reden, sondern miteinander. Einander gelten lassen. Und wenn irgendwer sich traut und eine Brücke anbietet: dann will ich mich auch trauen und schauen, ob diese Brücke trägt.

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„Das Glück wohnt im Nordwesten.“
So hat es neulich in der Zeitung gestanden. Staunend habe ich die Schlagzeile gelesen. Eine Umfrage hatte das ergeben: im Nordwesten Deutschlands seien Menschen besonders glücklich. Besonders zufrieden mit ihrem Leben.
Ich wüsste gern, was die Leute da genau gefragt worden sind. Denn Glück ist ja vermutlich für jeden etwas anderes.
Was ist für Sie ein Glück?
Gute Kollegen? Eine Beziehung, die schon viel durchgehalten hat? Endlich mal wieder Omas Schwarzwälderkirsch-Torte essen? Eine Karte für das Konzert meines Lieblings-Sängers ergattern? Morgens gesund aufstehen? Abends zufrieden einschlafen?
Ein Konfirmand mit immerhin 14 Jahren Lebenserfahrung hat seine ganz eigene Glücks-Definition geliefert: "Glück ist, wenn man Mist gebaut hat und alles wieder gut wird".
Glücks-Momente: oft unverdient, einfach so. Manchmal etwas ganz Großes. Das Kind in meinem Arm. Die gute Nachricht vom Arzt. Die Versöhnung nach langem Ärger.
Manchmal sind es auch eher kleine Glücksmomente: die Sonne, die ich an einem schönen Herbsttag auf meiner Haut spüre, der Wind, der mir durch die Haare fährt; das Gläschen Wein mit Freunden, das fröhliche Winken über die Straße hinweg.
Ein großes Glück, ein kleiner Glücksmoment: beides ist für mich ein Geschenk. Etwas, was mich dankbar macht. Nicht nur allgemein dem Leben gegenüber. Auch Gott gegenüber, weil ich mein Leben als Geschenk von ihm ansehe.
Ich erinnere mich, wie meine Oma früher nach dem Abendessen gebetet hat: „Dankt dem Herrn, denn er ist freundlich, und seine Güte währt ewig.“ Das hatte sie aus einem Psalm der Bibel. Sie hat die alten Bibelworte zu ihrem eigenen Gebet gemacht, weil sie fand: das ist auch ein Glück – satt werden, nicht hungern müssen.
Ein großes Glück und für viele Menschen nicht selbstverständlich.
Genug zum Leben haben: Ich finde, das allein ist schon ein Grund, dankbar zu sein.
Nicht nur im Nordwesten. Auch hier, im Süden.

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Heute schon geteilt?
Das ist für mich die Frage heute, an St. Martin. Denn das ist das Markenzeichen des Heiligen Martin. Teilen.
Die Geschichte von Martin, dem römischen Soldaten, wird in diesen Tagen in den Kindergärten und Schulen erzählt. Martin hatte nicht viel dabei, sagt die Legende: ein Pferd, ein Schwert und einen Mantel. Sein Mantel sollte ihn gegen die Kälte schützen. Nichts also, was man einfach so hergeben würde, weil man’s eh nicht mehr braucht.
An einem Wintertag sind sie einander begegnet: der Soldat, der eigentlich nichts zu verschenken hatte, und ein Bettler, der nichts hatte. Ob Martin schon an dem zitternden Häufchen Elend vorbeigeritten war, bis er doch noch angehalten hat?
Oder ist es ihm gar keine Frage gewesen, was jetzt dran ist?
Jedenfalls hat er angehalten. Er hat den frierenden Bettler gesehen. Und er hat die Wärme auf seiner Haut gespürt. Die Wärme von seinem Mantel.
Kurz entschlossen hat er das Schwert gezogen und seinen Mantel geteilt. Ein Teil für sich. Ein Teil für den Mann in Not. Dann ist er weitergeritten.
Die Kinder im Kindergarten haben heute leckere gebackene Martinsmänner bekommen und haben sie miteinander geteilt. Und siehe da: es hat für alle gereicht.
Als es dann dunkel geworden ist, sind sie mit ihren Laternen durch die Straßen gegangen. Unterwegs von der Kirche zum Kindergarten sind sie an dem Haus vorbeigekommen, in dem das alte Ehepaar wohnt, das nicht mehr gut aus dem Haus kommt. Vermutlich sind die Beiden wieder am Fenster gestanden, wie letztes Jahr, und haben den Kindern versonnen zugeschaut und sich gefreut. Die Kinder haben ihr Licht mit den alten Leuten geteilt.
Licht kann man teilen. Zeit und Freundlichkeit auch.
Von Martin lerne ich: das letzte Hemd muss ich gar nicht hergeben. Aber ein halber Mantel ist viel wert. Ein halber Mantel oder eine halbe Stunde, in der ich bei der kranken Nachbarin vorbeischaue. Ein offenes Ohr am Telefon oder einfach der Gruß auf der Straße. Eigentlich ist es gar nicht so schwer…
Die Frage wird mich deshalb noch eine Weile begleiten: Heute schon was geteilt?

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Was soll aus Walid werden, der mit seiner Familie vor dem Krieg in Syrien geflüchtet ist? Was aus Jakob, der sich aus Eritrea bis zu uns durchgeschlagen hat und schlecht verheilte Folterspuren an seinem Körper trägt?
Die beiden sind hier fremd. Und sie sind mir fremd. Ich bin in einem anderen Land groß geworden als sie. Spreche ihre Sprache nicht. Ihre Kultur ist nicht meine. Über manches, was sie tun, schüttle ich den Kopf. Und ihnen geht es mit mir genauso.
Sie sind auch einander fremd. Sie verbindet nichts miteinander – außer ihrer Sehnsucht, endlich im Frieden zu leben. Wir werden Orte brauchen, Gelegenheiten, bei denen wir anfangen einander kennenzulernen, miteinander etwas auf die Beine zu stellen, miteinander zu feiern.
Sollen wir in unserer Stadt Flüchtlinge aufnehmen? Und wenn ja: sollen die dann alle zusammen untergebracht werden oder lieber auf mehrere Häuser in verschiedenen Stadtteilen verteilt werden?
Solche Fragen sind in den letzten Monaten in vielen Orten diskutiert worden.
Ich habe viel mitdiskutiert. Dabei ist für mich wichtig geworden: Ich möchte in einer gastfreundlichen Stadt leben. In einer Stadt, die Walid und Jakob spüren lässt: „Eine Heimat wie die, die dir genommen worden ist, können wir dir nicht geben. Aber einen Ort, an dem du in Frieden leben kannst, an dem deine Kinder ein einigermaßen normales Leben führen können: den können wir dir anbieten. In dieser Stadt kannst du mitleben. Hier kannst du mitmachen.“
Dass ich mir so eine Stadt wünsche, hat mit meinem Glauben zu tun.
Ich habe daheim eine Jesus-Ikone stehen. Ein uraltes Bild: Klein-Jesus mit seinen Eltern auf der Flucht nach Ägypten. Mit erbärmlich wenig Gepäck, gerade so dem Tod entronnen. Das ist die Geschichte, die in der Bibel gleich nach der Weihnachtsgeschichte steht. Wenn ich dieses Bild anschaue, denke ich: jeder Flüchtling heute ist in ganz besonderer Gesellschaft. In der Gesellschaft Jesu.
Für mich ist das ein wichtiger Grund, um Walid und Jakob zu sagen: „Willkommen!“

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