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SWR4 Abendgedanken

„Der Herr ist mein Hirte, nichts wird mir fehlen.“ So beginnt einer der schönsten Psalmen der Bibel. Innigstes Gottvertrauen kommt in ihm zum Ausdruck. „Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser.“ Ich bete ihn gern diesen Psalm. Selbst wenn mein Gottvertrauen diesen großen Worten meist hinterherhinkt, so liebe ich doch diese Worte. Nähren sie doch in mir die Hoffnung, dass es stimmen möge, dass da einer ist, dem ich sagen kann: „Muss ich auch wandern in finsterer Schlucht, ich fürchte kein Unheil, denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab geben mir Zuversicht.“ Mit dem Bild von Gott als dem guten Hirten bin ich sehr vertraut. Es kommt häufig in der Bibel vor. Gott sorgt sich um den Menschen, wie ein guter Hirte sich um seine Schafe kümmert.

Dann aber – mitten im Psalm – ändert sich das Bild. Auf einmal heißt es: „Du deckst mir den Tisch vor den Augen meiner Feinde.“  Eben lag ich in meinen Gedanken noch auf einer schönen satten Wiese, und von jetzt auf gleich ist auf einmal von Feinden die Rede. Dieser plötzliche Wechsel im Psalm ist mir beim Beten immer sehr schwer gefallen. Ist ja auch klar, denn ich habe keine Feinde, die mich existentiell bedrohen, die mir nach dem Leben trachten. Aber der Psalm ist ja nicht nur für mich entstanden. Wenn ich zum Beispiel an Flüchtlinge denke, Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen, weil man sie dort verfolgt, weil Feinde sie umzingeln. Welche Hoffnung, welche Sehnsucht drückt sich darin aus, wenn sie beten: „Du deckst mir den Tisch vor den Augen meiner Feinde.“ 

Heute ist der Tag des Flüchtlings. Millionen Männer und Frauen, Kinder, Alte und Kranke irren auf dieser Welt umher. Nur einige Tausend davon schaffen es, bis zu uns zu kommen. Sie willkommen zu heißen, ihnen den Tisch zu decken, das heißt, den Psalm 23 Wirklichkeit werden zu lassen. Denn der Herr ist nicht nur mein Hirte.

 

 

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Prosit Neujahr – das klingt jetzt im September ein bisschen ungewohnt. Aber es passt zum heutigen Tag. Denn heute ist Rosch ha-Shana das  jüdische Neujahrsfest. Also allen jüdischen Mitbürgern: Rosch ha-Shana tov – ein gutes neues Jahr 5775.  Das Judentum ist eben ein bisschen älter als das Christentum und deshalb ist man dort  schon im 6.Jahrtausend. In einem Monat, genau am 25. Oktober, feiern die Muslime ihr Neujahrsfest und die beginnen dann das Jahr 1436.

Es passt ganz gut, dass Rosch ha-Shana in diesem Jahr in der Interkulturellen Woche liegt. Sie findet jedes Jahr Ende September statt und wird von der evangelischen, katholischen und orthodoxen Kirche in Deutschland ausgerufen. Unterstützt werden die Kirchen dabei von den Gewerkschaften, den Wohlfahrtsverbänden, den Kommunen, Ausländerbeiräten und vielen andern Gruppen. Und das diesjährige Motto der interkulturellen Woche ist wie gemacht für Neujahr im September. Es heißt nämlich: Gemeinsamkeiten finden – Unterschiede feiern. Gemeinsamkeiten finden: Damit es kein allzu großes Durcheinander gibt, richten sich Juden, Christen und Muslime im täglichen Miteinander hier in Deutschland mehr oder weniger nach dem gregorianischen Kalender, also dem der Christen, der Mehrheitsgesellschaft. Das setzt aber die Kalender der Juden und Muslime nicht außer Kraft. Sie haben ihre eigenen Feiertage und ihren eigenen Rhythmus im Kalenderjahr. Und diesen Unterschied gilt es nicht zu bedauern, sondern zu feiern. Denn er macht das Leben und unser Land bunt und vielfältig. Und das Schöne: Wer jüdische und muslimische Freunde hat, kann immerhin dreimal in einem Jahr Neujahr feiern. Und deshalb für heute: Rosch ha-Shana tov, Prosit Neujahr!

 

 

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„Wie schön ist es, dem Herrn zu danken, deinem Namen, du Höchster, zu singen.“ So beginnt der 92. Psalm. Aber nicht nur in diesem Psalm wird Gott gelobt und gepriesen. Sondern in ganz vielen dieser 150 Gebete des alten Israels, geht es um Lob und Dank. Verständlich, denn die Juden nennen die Psalmen das Buch der Preisungen. „Halleluja! Lobt den Herrn vom Himmel her, lobt ihn in den Höhen“ heißt es im 148. Psalm. Bei soviel Lob und Preis Gottes könnte man meinen, den alten Juden sei es immer gut gegangen. Im Gegenteil oft gab es in der Geschichte des Volkes Israel Krieg, Hunger, Zerstörung und Gefangenschaft. Aber trotzdem ist das Lob Gottes im Volk nie ganz verstummt. Selbst in den Psalmen, in denen geklagt und geflucht wird, steht häufig zum Schluss trotz allem das Lob. „Mein Gott, mein Gott warum hast Du mich verlassen“ so beginnt der Psalm 22, später aber heißt es im Text: „Ich will deinen Namen meinen Brüdern verkünden, inmitten der Gemeinde dich preisen.“ Gott loben, auch wenn es mir schlecht geht. Wie haben die alten Juden das geschafft? Vielleicht liegt es daran, dass die meisten Psalmen nicht nur gebetet sondern gesungen wurden. „Wie schön ist es, dem Herrn zu danken, deinem Namen, du Höchster, zu singen.“  Mich erinnert dieser Vers an einen Kanon, den ich schon als Kind gelernt habe: „Lasst uns miteinander, lasst uns miteinander, singen, loben, danken dem Herrn, lasst es uns gemeinsam tun, singen, loben und danken dem Herrn.“ Selbst wenn es mir nicht gut geht, ich eher klagen möchte statt loben, ich dann aber dieses kleine Lied singe oder auch nur summe, geht es mir gleich ein bisschen besser. Also wenn es mit dem Loben Gottes mal wieder nicht so klappt, versuchen sie es mal mit Singen. Denn sowieso gilt: Gut gesungen ist doppelt gebetet.

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„Der Mond ist aufgegangen“, ein schönes altes deutsches Volkslied. Im neuen Gotteslob, anders als im alten, steht’s drin. Jahrzehnte hat man an diesem neuen Gebet- und Gesangbuch der katholischen Kirche gearbeitet. Und nach einigen drucktechnischen Pannen wird es überall in Deutschland eingeführt. Bei uns im Bistum Trier am kommenden Sonntag.

Warum haben die Macher des neuen Gotteslobes dieses alte Lied von Matthias Claudius aus dem 18. Jahrhundert aufgenommen? „Der Mond ist aufgegangen, die goldnen Sternlein prangen am Himmel hell und klar. Der Wald steht schwarz und schweiget und aus den Wiesen steiget der weiße Nebel wunderbar.“ Ich glaube die Macher des neuen Gotteslobes haben gemerkt, dass diese alten Verse über alle Jahrhunderte hinweg Ruhe ausstrahlen. Eine Ruhe, die wir gerade am Abend gut gebrauchen können. Wenn die Hektik des Tages zu Ende geht und Zeit ist, den Tag noch einmal zu bedenken. Für ein solches den Tag-Revue-passieren-lassen gibt das Lied in den weiteren Strophen einige Impulse.  „Wir stolzen Menschenkinder sind eitel arme Sünder und wissen gar nicht viel. Wir spinnen Luftgespinste und suchen viele Künste und kommen weiter von dem Ziel.“ Je länger das Lied dauert um so mehr wird es zu einem Gebet: „Gott lass uns dein Heil schauen, auf nichts Vergängliches trauen, nicht Eitelkeit uns freun; lass uns einfältig werden und vor dir hier auf Erden wie Kinder fromm und fröhlich sein.“  Die Wortwahl und auch der Satzbau mögen alt und antiquiert klingen, aber die Botschaft des Liedes trifft mich auch heute. Sei fromm und fröhlich wie ein Kind und vertraue dich so der Nacht an. Und so möchte ich Ihnen mit den letzten Zeilen aus der siebten Strophe einen guten Abend und eine geruhsame Nacht wünschen: „Verschon uns, Gott, mit Strafen und lass uns ruhig schlafen und unsern kranken Nachbarn auch.“

 

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„Gemeinsamkeiten finden – Unterschiede feiern“. So lautet das Motto der diesjährigen interkulturellen Woche. Jedes Jahr Ende September rufen die Kirchen, die evangelische, die katholische und die orthodoxe Kirche in Deutschland dazu auf. Unterstützt werden sie dabei von den Gewerkschaften, den Wohlfahrtsverbänden, den Kommunen, Ausländerbeiräten und vielen andern Initiativgruppen. Tausende von Veranstaltungen finden überall im Lande statt.

„Gemeinsamkeiten finden“, das leuchtet ein. Denn wir alle, die wir hier in Deutschland leben, haben die Aufgabe dieses Land zu gestalten. Egal ob wir einen Migrationshintergrund haben oder nicht. Egal ob unsere Eltern oder Großeltern von irgendwo eingewandert sind oder schon immer hier gelebt haben. Egal welcher Religion oder Konfession, welcher Partei oder welchem Verein wir angehören. Gemeinsam  haben wir dafür zu sorgen, dass es gerecht zugeht in unserm Land und die Würde jedes Menschen geachtet wird. Theologisch begründet sich das damit, dass wir alle Geschöpfe Gottes sind. Der Odem Gottes, der Atem der Welt in jedem von uns steckt, egal welche Hautfarbe ein jeder hat.

„Unterschiede feiern“, das hört sich zunächst befremdlich an. Denn wir wollen doch betonen, was uns verbindet, nicht worin wir uns unterscheiden. Dahinter steckt die Angst, dass Unterschiede trennen könnten. Nach der Einstellung: Du bist anders, also will ich nichts von dir wissen. Das muss aber nicht so sein. Im Gegenteil: Unterschiede können auch verbinden. Mit der Einstellung: Du bist anders, also will ich was von Dir wissen, kann uns das, was uns unterscheidet auch zusammenführen. Und die vielen kulturellen Unterschiede: im Essen, im Trinken, im Feiern, im Tanzen, im Glauben und in vielen andern Dingen, machen unser Land bunt. In den Veranstaltungen, die in dieser Woche  landauf landab stattfinden, sind Sie eingeladen, diese Buntheit kennen und genießen zu lernen. „Gemeinsamkeiten finden – Unterschiede feiern.“

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