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SWR4 Abendgedanken

An diesem Wochenende gehen auch in den letzten Bundesländern die Ferien zu Ende; und die Schule fängt wieder an. In Stuttgart, wo ich lebe, sehe ich nächsten Montag wieder die Schulkinder, meistens voller Anfangseifer mit einem großen Schulranzen auf den Schultern und mit einer gehörigen Portion Neugier aufs Leben und die Welt. Obwohl ich ja selbst täglich zum Unterrichten in der Schule bin, mache ich mir manchmal das Vergnügen und versuche, die Schüler aus der Distanz zu beobachten, wenn sie morgens voller Eifer in die Schule einlaufen oder wenn sie nicht aufhören, Fragen zu stellen, weil sie die Welt verstehen wollen.

Wenn die Schule anfängt, versuche ich mich daran zu erinnern, was ein Pädagoge mal gesagt hat. Er hat beschrieben, was Kinder am meisten brauchen, wenn sie sich gut entwickeln sollen. Es ist das Gefühl, dass sie erwünscht sind.

Das stimmt. Viel wichtiger als alle Bücher, als der beste Unterricht und der kompetenteste Lehrer sind nämlich diese Situationen, in denen die Schüler merken, dass es um sie als Mensch geht, der gebraucht wird mit seinen Fragen und Ideen und seinem Eifer. Sogar wenn er Probleme macht. Das Leben ist eben keine Veranstaltung ohne Probleme. Manchmal verabschiede ich meine Schüler am Ende der Stunde an der Türe einzeln und per Handschlag. Wenn wir dann noch ein persönliches Wort wechseln, merke ich, dass dieser Moment noch etwas bewirken kann, was ich im Unterricht nicht schaffen würde. Damit zeige ich auch dem, der jetzt nicht für meine Stunde Feuer und Flamme ist, dass er als Mensch trotzdem für mich zählt.

Eins ist aber auch klar: Dass jeder das Gefühl braucht, erwünscht zu sein, gilt nicht nur für Kinder. Jeder alte Mensch, jeder Mensch mit Behinderung, jeder Erwachsene, der meint, erstmal was leisten zu müssen: Jeder braucht dieses Gefühl: Du bist erwünscht.

Und damit ich dieses Gefühl habe, braucht es oft keine großen Worte, sondern es sind die kurzen Begegnungen im Alltag, ein Blickkontakt mit der Person, die im Laden an der Kasse sitzt, oder mit dem Autofahrer, der vor mir in die Kolonne einbiegt. Es kostet mich nichts, außer ein bisschen Geistesgegenwart, wenn ich merke: Mir gegenüber ist ein Mensch.

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Inzwischen sind die Meldungen schon beinahe alltäglich: Flüchtlinge aus Afrika ertrinken auf dem Mittelmeer oder werden vor Sizilien und Spanien aufgefangen. Letztes Jahr waren weltweit rund 17 Millionen Menschen auf der Flucht (Quelle: UNHCR). Diese Zahl ist so groß, dass ich mir nicht vorstellen kann, was hinter jedem einzelnen Leben an Hoffnungen, Sehnsüchten, Ängsten und Begabungen steckt. Aber manchmal versuch ich doch, mir das Schicksal von nur einem vorzustellen, der ertrunken ist, illegal in Europa lebt oder der in sein Herkunftsland zurückgeschickt wird, wo er wieder in Krieg, Verfolgung oder Armut landet. Dann wird für mich schnell klar, dass das ein Skandal ist. Als Christ sehe ich doch hier meinen Bruder und meine Schwester, die zugrunde gehen und als Europäer kann ich nicht so tun als ob es mich nichts angeht. Die Menschenrechte sind ja nicht nur für Europäer beschlossen. Und oft verdient Europa sogar noch an den Kriegen. Hinter jedem dieser Menschen steht aber ein Schicksal und keiner hier hat das Recht, einem anderen die Chance aufs Überleben oder auf ein besseres Leben zu nehmen.

Einige Politiker führen das Argument an, dass viele Afrikaner aus wirtschaftlichen Gründen fliehen. Aber ich frage mich, was daran denn so schlimm sein soll. Wirtschaftliche Gründe sind Wohnung, Essen, Arbeit und Gesundheit. Für mich wäre das auch ein guter Grund, dass ich in ein anderes Land fliehen würde.

Dass ich in einem reicheren Teil der Erde geboren bin, ist ja nicht meine Leistung. Es ist Zufall, dass ich hier im Wohlstand lebe und der andere in Armut und Krieg.

Das macht mir zu schaffen. Ich weiß selbst nicht was ich dazu beitragen kann, aber ich weiß, dass ich in einer Welt leben möchte, in der jeder Mensch die Chance hat, etwas aus seinem Leben zu machen und glücklich zu werden. Egal ob er in Deutschland geboren ist oder in Uganda.

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Wie oft habe ich schon gedacht: Da kannst Du sowieso nichts ausrichten! Besonders, wenn’s um Umweltschutzthemen geht. Ich weiß, was richtig wäre: weniger Auto fahren, Wasser sparen, beim Einkaufen auf Plastiktüten verzichten oder beim Fleisch kaufen nicht die Billigvariante wählen, weil ich nicht daran beteiligt sein will, wenn Menschen andere Menschen ausbeuten oder wenn unsere Industrieanlagen die Natur zerstören.

Meistens kommt dann der Gedanke, dass es doch sowieso nichts hilft, wenn nur ich es anders mache, wo doch Millionen von Menschen nichts an ihrem Verhalten verändern  und wo ein Fabrikschornstein so viel Abgase produziert, dass mein Verzicht aufs Fahren nichts bringt. Besonders wenn ich mit Kindern und Jugendlichen über diese Themen rede, weiß ich manchmal nicht, was ich sagen soll: Sie sind schnell einsichtig, sagen aber meistens auch recht bald, dass einer alleine doch nichts verändern kann.

Wir wissen also scheinbar alle, was richtig ist, aber wenn nicht alle anfangen etwas zu verändern, dann ändert sich nichts.

Letztes Jahr habe ich von einem Ereignis gelesen, das mich da wieder sehr optimistisch stimmt: Am 23. Juli 2013 ist in Saitama in Japan eine Frau am Bahnsteig ausgerutscht und so ungeschickt gestürzt, dass sie zwischen dem Bahnsteig und dem Zug eingeklemmt war und sich nicht mehr befreien konnte. Dann ist das Unglaubliche passiert: Die Passanten haben zusammengeholfen, den Zug mit 32 Tonnen Gewicht zur Seite gestemmt und die Frau befreit.

Als ich das in der Zeitung gelesen habe, konnte ich es kaum glauben. Das Bild von den Leuten, die den Zug stemmen, wirkt einfach unglaublich stark. Ich kann mir kaum vorstellen, wie hundert Leute das schaffen. Wenn da jeder gedacht hätte, ich kann das nicht, wäre nichts passiert. Aber wenn einer anfängt, ziehen viele nach und das ergibt eine ungeheure Kraft, die Berge oder eben Züge versetzt.

Und es zeigt, dass Veränderung möglich ist, wenn Menschen zusammenhalten. Und das wiederum fängt bei jedem einzelnen an. Also auch bei mir. Ich muss ja nicht gleich die Welt retten. Und schon gar nicht alleine. Aber ich kann alleine mit dem anfangen, von dem ich begriffen habe, dass es das Bessere ist.

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Ich habe mir so sehr gewünscht, dass alles so bleibt, wie es ist. Ich habe den Einstieg in den Beruf gefunden, wohne in einer schönen Wohnung. Alles gut so. Und dann kommen immer neue Herausforderungen, die mich zu Änderungen zwingen. Da ein Stellenangebot, dort die Möglichkeit eine andere Wohnung zu bekommen. Dabei habe ich gedacht, ich könnte mich jetzt bequem in meinem Leben einrichten und mich ausruhen auf meinen Lorbeeren.

Ich will nicht jammern, das sind ja alles auf den ersten Blick gute Veränderungen. Und Veränderungen sind ja nie nur schön. Ich weiß meistens nicht, wie es hinterher sein wird. Oder die neue Ideen, die ich im Beruf umsetzen soll, kosten erst mal viel Mühe oder es fallen Traditionen weg, die ich gerne mag. Trotzdem glaube ich, dass Veränderungen etwas Gutes sind: Sie halten mich in Bewegung, bringen neue Lebenserfahrungen und meistens finde ich dabei Leute, die  mir helfen, bei dem was ansteht. Immer bin ich hinterher mindestens um eine Erfahrung reicher. Nämlich die Erfahrung, dass ich neue Seiten an mir entdecken kann und dass es sich lohnt, auf andere zuzugehen und offen zu bleiben.

Ich weiß noch wie es war als ich meinen Zivildienst angefangen habe. Gerade als ich die Stelle in einem Krankenhaus zugesagt bekommen habe, komme ich im Bus mit einer Frau ins Gespräch, die in einer psychiatrischen Einrichtung arbeitet. Nach ein paar weiteren Gesprächen hat sich herausgestellt, dass ich auch da den Zivildienst machen könnte. Und ich hab’s gewagt. Dass ich keine Erfahrung mit psychischen kranken Menschen habe, hat mir schon ein bisschen Angst gemacht. Aber diese Zeit ist im Nachhinein so ein Gewinn für mich, dass ich heute, 20 Jahre später, noch davon zehren kann, dass ich die Veränderung gewagt habe. Leben heißt in Bewegung bleiben. Hoffentlich bis zum Schluss.

Andreas Knapp hat diese Bewegung mit dem Gehen in Verbindung gebracht. Er sagt in einem Gedicht:

Schuhe mehr lieben als Stühle. Bewegung mehr als Besitz.

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Im November gibt es eine ARD-Themenwoche zum Thema „Toleranz“. Mich beschäftigt das Thema schon länger, denn ich mag das Wort „Toleranz“ nicht besonders. Manche Leute verbinden mit Toleranz nämlich die Forderung, dass alles möglich ist und dass jeder mit allem und für alles Toleranz haben muss. In vielen Punkten finde ich das richtig. Toleranz kommt von „erdulden, ertragen“. Ich finde, gerade als Christ muss ich es wirklich ertragen, dass andere Leute eine andere Meinung haben als ich, oder dass sie anders leben. Das erwarte ich umgekehrt ja auch. Manchmal muss ich auch ertragen, dass bestimmte Dinge im Leben einfach so sind wie sie sind. Mehrheitsentscheidungen bei politischen Wahlen, Entscheidungen der Regierung, oder im Kleinen der Musikgeschmack von meinen Nachbarn, der nicht so sein muss wie meiner.

Aber Toleranz bedeutet eben nicht, dass es mir Wurst ist, was die anderen denken. Dass ich aufhöre, in der Diskussion und im Streit nach der Wahrheit zu suchen. Auch wenn die Wahrheit nicht immer einfach zu finden ist und manchmal sogar gegensätzlich bleibt.

Umgekehrt heißt das aber auch nicht, dass ich intolerantes Verhalten toleriere. Im letzten Jahr habe ich es zum Beispiel bei der Diskussion um die Ziele des neuen Lehrplans in  Baden-Württemberg gesehen. Die Diskussion dreht sich um die Frage, wie in der Schule damit umgegangen wird, dass es eine Vielfalt an sexuellen Prägungen gibt. Mir geht es jetzt nicht um dieses Thema, aber bei der Diskussion, die ich dazu verfolgt habe, habe ich Leute gesehen, die meinen, man müsste mit ihnen tolerant umgehen, wenn sie eine Meinung vertreten, die selbst eher intolerant ist: Sie akzeptieren Menschen mit anderen Lebensstilen nicht, wollen aber mit dieser Meinung akzeptiert sein. Das fällt mir schwer. Ich denke, wir alle sind doch Menschen, die sich nach Glück und Liebe sehnen. Jeder auf seine Weise. Solange das niemandem schadet, muss das doch möglich sein.

In Rom gibt es einen Platz mit einem kleinen Marmorelefanten von Bernini, der einen schweren Steinpfeiler trägt. Drunter steht auf Lateinisch, dass es einen kräftigen Verstand braucht, um die Weisheit zu tragen. Für mich geht’s genau darum: Nicht dass ich Recht habe, sondern dass ich voller Weisheit auf die Menschen sehe und dabei akzeptiere, dass möglichst viele zu einem Leben finden, das sie nicht verstecken müssen und das sie mit Glück und Liebe erfüllt.

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