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SWR4 Abendgedanken

Näherinnen in Bangladesch nähen unter schlechten Arbeitsbedingungen Kleider, die sie selbst sie nie leisten können. Hier bei uns werden sie billig verkauft. Kinder in Indien können nicht unbeschwert spielen, weil sie hart arbeiten müssen, um ihre Familien zu ernähren. Immer wieder sieht man solche Bilder im Fernsehen oder liest davon in der Zeitung.
Ich finde, das sind die modernen Sklaven unserer Zeit. Es gibt noch immer ganz viele Menschen die in Abhängigkeit von anderen leben. Es gibt noch immer Menschen, die die Armut, die mangelnde Bildung, die schlimme Lebenssituation anderer ausnutzen. Dabei hat doch der Apostel Paulus schon vor 2000 Jahren gesagt: Es spielt keine Rolle mehr, ob ihr Juden seid oder Griechen, unfreie Diener oder freie Menschen, Männer oder Frauen. Denn durch eure Verbindung mit ChristusJesus seid ihr alle wie ein Mensch geworden. (Galater 3,28)
Das ist die Idee, die mich leiten soll in meinem Verhalten. Denn wenn wir Menschen vor Gott alle gleich sind, dann hat niemand das Recht, andere zu unterdrücken und klein zu machen. Dann kann es nicht sein, dass andere unterdrückt werden, nur damit es mir besser geht. Ich muss deshalb mein Handeln immer wieder in Frage stellen. Denn wenn ich nur mit dem Finger auf andere zeige, mein eigenes Verhalten nicht ändere, wird sich nur schwer etwas zum Besseren verändern. Das fängt schon im Kleinen an: Wo kaufe ich ein? Was kaufe ich? Und wie kann es sein, dass die Bluse, die mir so gut gefällt, nur so wenig kostet? Ein Blick auf das Etikett zeigt: Made in Bangladesch! Da habe ich die Antwort. Also hänge ich die Bluse zurück, verzichte auf den Kauf. Auch wenn ich sie gerne gehabt hätte. Aber was wird dann aus den Näherinnen ist Bangladesh? Dass ich bestimmte Sachen nicht mehr kaufe, das Etikett überprüfe, das ist das eine. Das andere ist: Es gibt Marken, die behandeln und bezahlen die Näherinnen und Produzenten fair. Darauf kann man achten. Das ist nicht immer leicht. Ich weiß. Es ist eine Aufgabe fürs Leben. Aber eine, die es wert ist, finde ich.
Übrigens: morgen ist der Gedenktag an das Unrecht des Sklavenhandels. Ich finde, der ist immer noch aktuell.

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Kennen Sie die Geschichte von der Zahnfee? Wenn Kinder einen Milchzahn verlieren, dann legen sie diesen unter das Kissen und nachts kommt die Zahnfee, nimmt den Zahn mit und legt stattdessen eine kleine Überraschung unter das Kissen. Die Geschichte von der Zahnfee soll den Kindern die Angst nehmen und ihnen Freude daran machen, dass etwas Neues kommt. Ich glaube ja, wir Menschen brauchen so etwas. Solche Rituale, die helfen, Altes aufzugeben. Und einem Lust machen auf Neues.
Ich jedenfalls kann mich nicht gut von Dingen trennen, gerade wenn mir etwas lieb und teuer geworden ist. Viel zu viel bewahre ich auf. Und so packe ich manche Kisten mit Erinnerungsstücken, die mir lieb geworden sind. Manchmal frage ich mich: Brauche ich das alles? Dann fällt mir die Zahnfee ein. Nein, sagt sie mir. Da kannst dich von diesen Dingen trennen. Du brauchst sie nicht, um dich zu erinnern. Sie sind auch Ballast. Wenn die Zahnfee den Milchzahn mitnimmt, dann hilft sie den Kindern sich von dem Alten zu lösen. Auf die Milchzähne folgen die zweiten Zähne. Ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Und der kann nur beginnen, wenn das Alte vergeht. Es kommt also etwas Neues, wenn etwas Altes aufhört. Jesus sagt: "Wer die Hand an den Pflug legt und dabei zurückschaut: der eignet sich nicht für das Reich Gottes." Es ist also gut, wenn ich meine Altlasten los werde und mich frei mache für etwas Neues. Das heißt nicht, dass ich all meine Erinnerungen aufgeben muss. Natürlich nicht. Aber ich kann mich von dem Ballast trennen, von den Dingen, die mich binden, die mich davon abhalten im Hier und Jetzt zu leben. Wer die Hand an den Pflug legt und zurückschaut, der sieht nicht, was vor ihm liegt, was das Leben noch bringen kann und wird. Wer nur zurückschaut, der eignet sich nicht für das Reich Gottes. Wer nur am Alten hänge, nur verklärt zurückblicke, dann kann ich gar nicht die Gegenwart so gestalten, dass auch der morgige etwas Neues bringen kann. Jesus macht mir also Mut, mich vom Alten zu trennen. Denn Gott hat noch viel Neues für mich.

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Was kann man mit Händen alles machen, habe ich die Kinder im Kindergottesdienst gefragt? Die Antworten sind nur so aus ihnen herausgesprudelt: „Streicheln kann man mit der Hand!“, hat ein Mädchen gerufen. „Aber auch schlagen“ –hat ein Junge dagegen gehalten. Dann kam immer mehr: sich die Hände reichen, jemanden an die Hand nehmen, kitzeln, hauen, weh tun, zärtlich sein, die Haare wuscheln, Mama an die Hand nehmen, malen, schreiben, arbeiten.
Ganz wichtig war den Kindern, dass man mit den Händen mehr Gutes tun kann als Schlechtes. Immer, wenn jemand etwas Negatives gerufen hat, hat ein anderes Kind mit etwas Gutem dagegen gehalten. So ging das eine ganze Weile. Und dann habe ich einen Satz aus der Bibel vorgelesen: „Von allen Seiten umgibst du, Gott, mich und hältst deine Hand über mir!“
Die Kinder konnten sich darunter etwas vorstellen: Gott hält seine Hand über mich, damit mir nichts passiert. Gott nimmt mich an die Hand, damit ich in der Schule nicht alleine bin.
Und dann haben sie gesungen: Gott, dein guter Segen, ist wie des Freundes Hand, die mich hält die mich führt, in ein weites Land.
Na, siehste, hat ein Mädchen gesagt. Hände sind was Gutes.
Anschließend sind alle Kinder zum Segen nach vorne gekommen, vor den Altar, haben sich fest an den Händen gehalten. So wie Freund das tun. Die Eltern sind hinter ihren Kindern gestanden, haben ihnen die Hand auf die Schulter gelegt. Damit haben sie ihren Kindern gezeigt: wir sind für dich da, wir stehen hinter dir.
Und ich habe den Kindern segnend die Hände aufgelegt. Dabei ist es ganz still geworden. Aber jeder hat gespürt, wie gut es tut, wenn Hände da sind. Hände, die gereicht werden, Hände, die stärken, Hände, die segnen. Wir sind alle noch eine Weile ganz ruhig stehen geblieben. Irgendwie hat niemand diesen besonderen Moment auflösen wollen. Denn wir alle haben gespürt wie wir durch die Hände anderer Gottes Segen spüren und erfahren können.
Gott, dein guter Segen ist wie des Freundes Hand – das haben die Kinder am Ende noch einmal gesungen und sich wieder an den Händen gefasst. Ich glaube, so kann man dem Leben mutig entgegen gehen.

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Die Welt wurde in sieben Tagen erschaffen. Steht in der Bibel. Mit großem Engagement haben meine Konfirmanden sich damit beschäftigt. Sie haben schnell verstanden, dass das ein Bild ist, kein Tatsachenbericht. Und am meisten hat sie der 7. Tag, der Ruhetag interessiert.
„Ja, wenn man nur arbeitet, dann dreht man irgendwann mal durch“, hat einer gesagt. Eine andere hat gemeint: „Wenn ich sieben Tage die Woche zur Schule gehen müsste, dann hätte ich nie Zeit für etwas anderes, ich wäre immer nur am lernen, lesen, Hausaufgaben machen. Das kann es ja auch nicht sein!“ „Sie sagen ja ruhen, hat ein Konfirmand gesagt, wir sagen chillen. Chillen bedeutet nämlich: gar nichts machen, absolut nichts, einfach nur abhängen. Aber wenn meine Eltern ruhen, dann machen die immer etwas!“
Das hat mich nachdenklich gemacht und ich habe mal überlegt, wie ich denn mit meiner Ruhezeit umgehe. Und dabei wurde mir klar, was dieser Junge meinte. Chillen meint gar nichts tun. Und wenn ich mal Ruhetag habe, freie Zeit sozusagen, dann muss ich immer etwas machen: noch schnell mal die Wäsche aufhängen, das Büro aufräumen, den Müll rausbringen. Jedenfalls mache ich immer etwas. Ich mache nie nichts. Ich hänge also nicht mit meinen Freunden auf dem Sofa ab – um mal in der Jugendsprache zu bleiben -, ich relaxe nicht, sondern ich bin beschäftigt. Und ich habe gemerkt, dass ich manchmal gar nichts mehr mit der freien Zeit anfangen kann, sondern sie immer füllen muss, frei nach dem Motto: Ich habe fünf Minuten Zeit, ich könnte noch schnell die Spülmaschine ausräumen.
Der siebte Tag ist Ruhetag – so haben meine Konfirmanden es auf den Punkt gebracht und mir ganz genau erklärt warum: Weil wir Menschen auch mal Zeit brauchen, um zu entspannen, um zur Ruhe zu kommen und mal nicht im Stress zu sein. „Gott hat gar nichts gemacht an dem Tag“, haben sie gesagt. „Er hat nur diesen Tag gesegnet und uns geschenkt. Und Geschenke soll man annehmen.“
Und ich finde, wo die Konfirmandinnen und Konfirmanden recht haben, haben sie recht. Ich werde mal wieder versuchen, Gottes Geschenk anzunehmen und am siebten Tag der Woche einfach mal chillen. Am nächsten Sonntag fange ich damit an!

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„Danke!“ So ein kleines Wort hat große Wirkung. „Danke“: Fünf Buchstaben, eigentlich nicht die Welt, aber dennoch ganz wichtig. Mir ist aufgefallen, dass dieses Wörtchen so ein bisschen aus der Mode gekommen ist.
Meinen Kindern versuche ich beizubringen, dass sie sich bedanken, wenn sie etwas geschenkt bekommen. Wie viele Eltern, erinnere ich immer mal: „Na, wie sagt man?“ Und meine Bemühungen fruchten. Denn neulich hat mir mein Sohn einfach so einen Kaffee ins Büro gebracht. Ganz stolz, weil er die Maschine bedienen kann und weil er nicht gekleckert hat, hat er vor mir gestanden. Ich habe die Tasse genommen, einen Schluck getrunken und mich dann wieder meiner Arbeit gewidmet. Er aber ist stehen geblieben. Als ich das gemerkt habe, hab ich ihn nur gefragt: „Ist noch was?“ Da hat er mir geantwortet: „Na, Mama, wie sagt man?“
„Na, wie sagt man?“ – wird auch Jesus damals gedacht haben als er zehn Männer mit einer ansteckenden Krankheit geheilt hat. Die haben damals Jesus um Hilfe gebeten. Er hat sie wirklich gesund gemacht. Dann hat er sie in den Tempel geschickt, dort war damals auch so eine Art Gesundheitsamt – dort wurden Heilungen überprüft. Dort hat sich gezeigt: Sie sind wirklich gesund. Alle zehn. Aber nur einer ist zurückgegangen und hat „Danke“ gesagt. So erzählt das die Bibel. (Lk 17,11-19).
Das ist eine schlechte Quote für Dankbarkeit. Eins zu neun steht es. Aber dieser eine, der zurückgekommen ist, der wurde von Jesus dafür gelobt: „Dein Vertrauen hat dir geholfen“ –hat er gesagt. Der Mann hatte Sicherheit für sein Leben bekommen. Er hat gemerkt: Ich muss gar nicht alles alleine machen. Mir wird geholfen. Und deswegen hat er Danke gesagt.
Mit seinem Danke sagt er sich und anderen: Ich habe begriffen, dass du für mich da bist.  Darauf will ich mich auch in Zukunft verlassen. Ich habe dich wahrgenommen und mir tut es gut, dass du an mich gedacht. Deswegen sage ich Danke. Eins zu neun – das war damals die Quote. Vielleicht kann ich daran arbeiten, sie zu ändern, zu bessern. Ich glaube, das täte uns allen gut.

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