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SWR4 Abendgedanken

Der amerikanische Traum: Das ist, wenn ein Mensch vom Tellerwäscher zum Millionär wird. So recht mag ich eigentlich nicht daran glauben, dass das möglich ist. Und doch ist mir eine solche Geschichte erst neulich wieder begegnet. Mitten in Rheinhessen. Und sie hat sehr viel mit meinem eigenen Lebensweg zu tun.
Bei Mainz bildet der Rhein ein Knie und umfließt damit die Region Rheinhessen. Ziemlich genau in der Mitte von Rheinhessen liegt das kleine Dorf Biebelnheim. Und dort in der evangelischen Kirche steht eine Orgel, die ist genau 100 Jahre alt. Vor 100 Jahren wurde sie der Gemeinde spendiert von Theodor Finkenauer. Der war in der Mitte des 19. Jahrhunderts als kaum Zwanzigjähriger nach Amerika ausgewandert. Und er hat dort „sein Glück gemacht“, wie man sagt. Er wurde ein wohlhabender Brauereifabrikant. Für Finkenauer war das eine göttliche Fügung. Aus Dankbarkeit und weil er mit seiner alten Heimat im Herzen noch immer verbunden war, hat er der Kirche in Biebelnheim eine Orgel gestiftet. Jetzt zum 100. Geburtstag der Orgel gab es eine kleine Feierstunde.
Und weil ich als Jugendliche zehn Jahre auf dieser Orgel gespielt habe, war auch ich eingeladen. Mit 14 Jahren bin ich zu diesem Dienst als Organistin gekommen. Nicht etwa, weil ich eine besonders begabte Musikerin gewesen wäre, sondern weil mich unser Gemeindepfarrer eines Sonntagsmorgens aus dem Bett geklingelt hat. Die Organistin war ausgefallen. Der Pfarrer wusste aber, dass ich ein wenig Klavier spielen konnte. Deshalb sollte ich einspringen. Das habe ich dann die nächsten zehn Jahre getan.
Durch das Orgelspiel bin ich später zum Theologiestudium gekommen und bin heute Pfarrerin. Orgelmusik hat noch immer eine große Bedeutung für mich. Und erst jetzt -- beim 100. Geburtstag der kleinen Dorforgel -- habe ich die Zusammenhänge erfahren: Wie der amerikanische Traum von Wohlstand und Glück für Theodor Finkenauer in Erfüllung gegangen ist. Wie daraus für Biebelnheim -- und für mich – ein Glück geworden ist. Und ich finde jetzt: Das war wirklich eine himmlische Fügung.

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Große Gebäude sind oft ein wahres Wunderwerk der Architektur. Besonders bei alten Kathedralen kann man das gut erkennen: Die Baumeister haben sich genau überlegt, wie Stützen, Pfeiler und dicke Mauern die großen Kräfte tragen. Zum Beispiel an der Katharinenkirche bei uns in Oppenheim kann man das sehen. Die Strebepfeiler und Strebebögen tragen und stützen das Gewölbe in der Mitte, leiten Kräfte um und verteilen sie auf mehrere „Schultern“. Ohne diese Verteilung der Lasten, hätte das ganze Gebäude keinen Bestand.
Und ich denke mir: Solche Strebebögen oder Strebepfeiler haben wir Menschen auch nötig. Ich meine nicht allein die technischen Hilfsmittel, Gehhilfen, -- den Rollator zum Beispiel. Die helfen, wenn man gebrechlich ist.
Ich denke aber vor allem an Menschen, die für andere zur Stütze werden. Die Bibel erzählt, wie Mose solche Stützen bekam. Er hat sich übernommen. All seine Verantwortung für das Volk lastete auf seinen Schultern. Er hat sich für alles und für jeden verantwortlich gefühlt, von morgens bis abends. Eines Tages dann besucht ihn sein Schwiegervater Jethro. Jethro ist ein Gottesmann. Er hat Achtung vor dem, was Mose leistet. Aber er sieht auch die Grenzen der Belastbarkeit bei seinem Schwiegersohn und beschreibt, was er sieht: „Es ist nicht richtig, wie du das machst. So richtest du dich selbst zugrunde und auch das Volk, das bei dir ist. Das ist zu schwer für dich, du kannst es allein nicht bewältigen“ (2. Mose 18, 17)
Und er rät Mose, sich Menschen zur Seite zu holen, die die Arbeit mit ihm teilen. „Wenn du das tust, bleibst du der Aufgabe gewachsen.“
Mose nimmt den Rat von Jethro an und verteilt die Last der Verantwortung. In der nächsten Geschichte wird erzählt, wie Mose Gott begegnet und einen Bund mit ihm und seinem Volk schließt. Ohne seine „Strebepfeiler-Kollegen“ hätte Mose womöglich gar nicht die Kraft gefunden für eine so intensive Gottesbegegnung.
„Du kannst es nicht allein“ - Ich will mir ein Beispiel an meiner kunstvoll gebauten Katharinenkirche und an Mose nehmen und versuchen, rechtzeitig Lasten zu teilen.

 

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„Ich an deiner Stelle würde das ganz anders machen!“ sagt eine Bekannte zu mir. Ihr erscheint es ganz einfach, wie eine Sache von mir geregelt werden müsste.
Und dann räumt sie ein: „Naja, ich bin nicht an deiner Stelle“.
Eine andere sein können - manchmal scheint das verlockend. Auf den ersten Blick könnte das ganz einfach sein.
Manchmal aber wird es sogar gefährlich, wenn man es versucht. Die Bibel erzählt von einem ziemlich missglückten Versuch, an die Stelle eines anderen zu treten. Als Jakob seinen Bruder um das Erstgeburtsrecht betrügt.
Für ein Linsengericht hat Jakob mit seinem Bruder Esau getauscht, als es darum ging, sich vom Vater segnen zu lassen. Und als es dann so weit war, musste Jakob einige Anstrengung darauf verwenden. Er wollte dem fast blinden Vater vorgaukeln, dass nicht Jakob sondern sein Bruder Esau vor ihm steht. Er musste seine Stimme verstellen und seine glatte Haut mit einem Fell kaschieren. Der Vater hat sich ein wenig gewundert. Hat ihm trotzdem seinen Segen gegeben. Aber dann ist die Sache aufgeflogen. Esau war natürlich stocksauer. Und Jakob musste fliehen.
Und was er da angerichtet hat, ist ihm vielleicht erst richtig klargeworden, als er später selbst unter einem solchen Betrug zu leiden gehabt hat. Als er Rahel heiraten wollte, die er liebte. Und man verheiratete ihn an ihrer Stelle mit Lea, der älteren Schwester.
Stellvertretung bei den Menschen geht nicht ohne Abstriche. Und manchmal geht es überhaupt nicht.
Im Laufe seiner wechselhaften Geschichte erlebt Jakob, dass Gott zu ihm ganz persönlich gekommen ist. Gott konnte Jakob ja nichts vormachen. Brauchte er auch nicht. Denn Gott hat ihn als den gesehen, der er war: Der Betrogene, der Betrüger, der Flüchtling, der der seinen Betrug bereut, der der viele Jahre dafür schaffen musste, anerkannt zu werden und vieles mehr. Jakob eben. Und kein anderer. Mag sein, dass es verlockend scheint, vor den Menschen zuweilen anders zu sein als ich bin oder an die Stelle eines anderen zu gelangen. Vor Gott brauche ich das nicht. Da bin ich immer ich selbst. Wie gut!

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„Du bist ein Träumer“ sagen manche Leute, wenn sie meinen, dass jemand zu viel Phantasie hat. Einem Traum vertrauen die Wenigsten. Dass sich einer darauf verlässt, was er im Traum erfährt - wer das tut, muss heutzutage befürchten, dass er ausgelacht wird. Ich kenne aber jemanden, der da anders drüber denkt.
„Ach,“ hat Frau Stein gesagt, als ich sie besucht habe, „ja, die Operation, die ist leider notwendig geworden. Da kann man nichts machen. Aber ich habe keine Angst.“
Und dann hat sie mir von ihrem Traum erzählt. In dem sie eine Stimme gehört hat: „Es wird dir nichts geschehen.“ hat die Stimme gesagt. Und seitdem ist Frau Stein ganz beruhigt. Sie ist ein wenig verlegen. „Frau Pfarrerin, finden Sie das verrückt? Dass ich mich von einem Traum beruhigen lasse?“
„Kein bisschen,“ habe ich geantwortet. „Solche Träume kenne ich auch. Und von solchen Träumen erzählt schon die Bibel.“
Für die Menschen in der Zeit der Bibel war es offenbar gar nichts Ungewöhnliches, sich nach Träumen zu richten. Sie haben sie verstanden als Botschaften von Gott. So war das zum Beispiel bei dem Apostel Paulus, als er einmal in Seenot geraten ist. Auf einer Missionsreise im Mittelmeer ist das Schiff in einen schweren Sturm geraten- mehrere Tage lang. Die Mannschaft war schon sehr verzweifelt. Und dann erzählt Paulus den Seeleuten, dass er in der Nacht einen Traum hatte. In dem Traum hat Gott ihm gesagt: „Fürchte dich nicht. Du wirst nicht umkommen. Und die Menschen, die bei dir sind, werden auch alle gerettet.“ (vergl. Apg 27)
Paulus berichtet von seinem Traum, der ihm Mut macht. Und die ganze Mannschaft vertraut ihm. Und tatsächlich werden alle gerettet. Vielleicht schon deshalb, weil der Traum ihnen geholfen hat, ruhig zu bleiben und sich auf die eigenen Kräfte und die Erfahrung als Seeleute zu verlassen; weil er ihnen eine Perspektive gegeben hat und die Hoffnung „Wir schaffen das“.
„Wie schön,“ hat Frau Stein gesagt, als ich ihr von dem Traum des Paulus erzähle. „Paulus und ich haben etwas gemeinsam: Gott spricht zu uns im Traum.“ Und genau wie dem Paulus hat ihr das Mut gegeben und Vertrauen. Sogar vor der Operation, die auf sie zukommt.

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Einen  Stellvertreter haben, der mich gelegentlich vertritt, - das wäre ganz gut. Wenn es jemand geben würde, den ich an meiner Stelle schicken kann, wenn’s mal wieder dick kommt. Jedenfalls haben meine Nichte und ich uns das vor kurzem ausgemalt und wir haben uns dabei sehr amüsiert. Wir sind fast im selben Alter und sehen einander etwas ähnlich. Leute, die uns beide nur flüchtig kennen, können uns schon mal miteinander verwechseln.
Meiner Nichte gefiel dieser Gedanke. „Menschenskind,“ sagte sie, „das müsste man ausnutzen können. Stell dir vor, wir könnten einander vertreten. Und niemand würde das merken. Jede von uns hätte dann ab und zu Urlaub von ihren Aufgaben und könnte einfach mal etwas anderes machen!“
Eine schöne Idee, die natürlich nicht funktioniert. Meine Nichte ist Ärztin. Außer Hausmittelchen und freundliche Worte hätte ich ihren Patientinnen nichts zu bieten. Und umgekehrt hat meine Nichte auch keinen Ehrgeiz, meine Arbeit als Pfarrerin zu übernehmen.
In der Bibel gibt es auch diese Idee von der Vertretung, -- die dagegen sehr gut funktioniert. Der Apostel Paulus beschreibt das so: Wir Menschen wissen eigentlich nicht, wie wir in angemessener Weise mit Gott reden sollen. Aber die Geisteskraft Gottes tritt für uns ein. Sie vertritt uns dort, wo uns Worte fehlen, mit einem Seufzen. Und Gott versteht uns, denn sein Geist vertritt uns und weiß genau, wie es um uns steht. (Röm 8,26)
Ich finde das ist ein schöner Gedanke, gerade für Zeiten, wo ich viel zu erschöpft bin, um vor Gott viele Worte zu machen. Wenn Sorgen nur wie eine große Wolke über meinem Kopf hängen und ich selbst kaum verstehe, was los ist. Oder wenn Ärger von allen Seiten gleichzeitig angeflogen kommt. Dann weiß ich, dass Gott sogar mein Seufzen versteht.
Ja, eine menschliche Stellvertreterin, die meine Aufgaben erledigt, das wäre zuweilen vielleicht ganz entlastend. Aber vor Gott brauche ich das nicht. Wenn mir die Worte oder das Verstehen fehlen, tritt er selber für mich ein. Mit seinem Geist.

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