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SWR4 Abendgedanken

Bisweilen sieht man sie immer noch. Die bunten Fahnen mit der Aufschrift „PACE“ - „Frieden“. Auch ich habe noch eine in meiner Wohnung. Vor und während des Golfkriegs haben sie zu tausenden die Demonstrationen begleitet. Irgendjemand hatte in Italien die Idee und die war gut und hat sich durchgesetzt. Das Design ist schlicht, aber deutlich. Die Regenbogenfarben und dann in dicken Buchstaben eben Pace - Frieden. Das mit den Regenbogenfarben hat manchen etwas irritiert, sind doch diese Farben weltweit auch ein Symbol für Schwule und Lesben.
Sie nutzen den Regenbogen als Bild für Vielfalt, Toleranz und Weite. Aber nicht nur für sie hat der Regenbogen seine Bedeutung.  

Die Bibel erzählt mit ihren großartigen Bildern, dass Gott nach der Sintflut mit Noah einen neuen Anfang gemacht hat, mit ihm einen Bund geschlossen hat. Als Zeichen dafür, als Bekräftigung, als ewiges Symbol setzte er den großen Bogen zwischen Himmel und Erde. Der Regenbogen gilt seitdem als Bild für Gottes Bund. Und zwar mit allen Menschen. Es gibt mehr was uns eint, es gibt mehr was uns als Menschen zusammenrücken lässt, - wenn wir denn wollen. Es gibt Sehnsüchte, die sind gleich in allen Religionen und Konfessionen. Wir sind Menschen unter der einen Sonne. Mit Sehnsucht nach dem Paradies, wie das auch aussehen mag, mit Sehnsucht nach dem Ende der Ausgrenzungen, nach aufrechtem Gang, nach Frieden nach Gerechtigkeit: keine Moralkeulen mehr über Nichtkonforme. Die Wunden schlagen wir uns selber, an Gott liegt es nicht. Die Freiheit, die er uns gibt, hat halt Konsequenzen. Nicht nur zum Guten. Und doch hält Gott uns besser aus als wir uns untereinander, bleibt uns trotzdem treu.  

„Der Regenbogen ist Gottes illuminiertes Versprechen“, schreibt der amerikanische Schriftsteller Henry Longfellow. Wenn der Regenbogen sich bisweilen als Naturschauspiel zeigt sollte er uns daran erinnern, dass Gott uns seine Welt in die Hand gegeben hat und nicht, wie es manchmal scheint, sie uns in die Hände gefallen ist. Ihnen allen einen erholsamen Abend und eine gute Nacht,

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„Mein Herz hat heute 103.389 mal geschlagen. Mein Blut hat einen Weg von 270 Millionen Kilometer zurückgelegt. Ich habe 23.040 mal geatmet und 12 cbm Luft in mich eingesogen. Ich habe 4.800 Worte gesprochen, 750 Hauptmuskeln bewegt und 7 Millionen Gehirnzellen in Tätigkeit gesetzt.“ Die normale Tagesleistung von Bob Hope, dem legendären amerikanischen Filmkomiker. So hat er sein Tagespensum selbst einmal beschrieben. Und dann mit dem Zusatz quittiert: „Jetzt bin ich müde“. So what? So eine Tagesabschlussrechnung ist ja ganz schön. Gute Statistik. Perfekt geprüfter Ablauf meiner Biomaschine. Aber ich bin doch ein bisschen mehr als ein biochemischer Produktionsablauf. Wichtiger für mich ist, was sich hinter den Zahlen und Abläufen verbirgt. So ein Tagesrückblick kann dann ganz anders aussehen. Wichtiger als die Nachricht, dass es heute 113.389 mal korrekt geschlagen hat, ist, ob mein Herz heute ein paar Mal für jemand geschlagen hat und wer das war. Ob mich jemand durch seine Art berührt hat und mein Herz dann ein bisschen schneller dabei war als sonst. Oder auf der anderen Seite, ob es mir heute vor Schreck fast stehen geblieben ist, weil jemand mir Angst gemacht hat. 4800 Worte oder 3457 - völlig egal. Wichtiger ist, ob da ein paar Worte dabei waren, die anderen schlicht gut getan haben. Wortmüll produziere ich genug, es fällt viel aus dem „Gehege meiner Zähne“, wie Heinz Erhardt spöttisch sagen würde. Gut ist es, am Abend kurz zurückzublicken, ob ein paar gelungene Worte darunter waren, und was ich mir so zwischen den Zeilen alles gedacht habe. Ob ich alles so gemeint habe, wie ich es gesagt habe. Für mich oft überraschend, was so alles am Tag passiert ist, und was dann am Abend schon oft wieder vergessen ist. Bei mir endet es dann in einer kleinen Rückschau, in einem Gebet. So vielleicht: „Der Tag ist vorüber, Herr, das Licht wird weniger. Ich bin müde und ich weiß auch warum. Es war heftig heute. Nicht alles, was ich mir vorgenommen hatte ist mir gelungen. Mal wieder zu viel auf meinem Plan. Ob ich es je lerne? Wieder mal war heute zu wenig Zeit fürs Gebet, sorry, Herr. Aber Du musst zugeben, in den Stoßgebeten, so zwischendurch, werde ich immer besser. Lass mich diesen Tag nun beenden, mit allem was gelungen und allem was noch offen geblieben ist. Morgen ist auch noch ein Tag. Gute Nacht Herr, ich weiß Du schläfst nicht. Aber ich. Unter Deinem Schutz.“ Ihnen allen einen erholsamen Abend und auch Ihnen eine gute Nacht,

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Mein Bruder war neun Jahre alt, als er in der Schule einen Aufsatz schreiben musste. Es war kurz vor Weihnachten, das Thema: „Was schenke ich meinen Eltern?“ Was ihm für Vater einfiel weiß ich nicht mehr, aber das Geschenk für Mutter war klar: eine bestimmte Süßigkeit, die ihr gefiel und - das war der raffinierte Nebeneffekt – auch dem, der sie schenkte. Also schrieb mein Bruder seinen Aufsatz, stockte aber dann beim Namen des Konfekts. Lehrer wissen alles, dachte er, hob also die Hand und fragte: „Wie schreibt man …“ und dann nannte er den Namen der bekannten Süßigkeit, die ich natürlich jetzt nicht nenne.   
Der für allwissend gehaltene Lehrer zuckte zusammen, schüttelte dann energisch den Kopf, antwortete nicht wie erwartet sondern polterte barsch: „Ach Quatsch, schreib Pralinen.“  

Mein heute fünfzigjähriger Bruder hat das bis heute nicht vergessen. Heute schmunzelnd, damals verärgert. Er hatte damals sofort erkannt, dass der Lehrer genauso wenig Bescheid wusste wie er.  

Warum fällt es so schwer, zuzugeben, wenn man mal etwas nicht weiß, warum fällt es so schwer, Fehler und Niederlagen einzugestehen? In meiner Schulzeit gab es auch einen sehr speziellen Mathelehrer. Wenn er sich mal wieder tüchtig verrechnet hatte, was leider nicht selten vorkam, erklärte er ohne mit der Wimper zu zucken, das sei Absicht gewesen, um unsere Aufmerksamkeit zu testen. Bravo! Dadurch wurde seine Autorität nicht stärker, im Gegenteil, sie schwand dahin.  Ich kenne Leute, die bei Diskussionen eher ganz geschickt Argumente der Gegenseite annehmen und ins Feld führen, als den Satz über die Lippen zu bekommen „Ich habe mich geirrt, Du hast Recht…“.  

Nur keine Schwäche zeigen, ist die Devise. Ich habe Respekt vor Menschen, die über ihren Schatten springen können, Fehler machen und zu ihnen stehen. Und denen kein Zacken aus der Krone fällt, wenn andere auch einmal Recht haben. Ich habe Respekt vor Menschen mit Ecken und Kanten. Mit Siegen und Niederlagen. Vor Menschen, die sich nicht wichtiger nehmen als nötig und die die Größe haben, bisweilen auch über sich selbst zu lachen. Der indische Jesuitenpater Anthony de Mello hat es einmal so ausgedrückt: „Diejenigen, die keine Fehler machen, machen den größten aller Fehler: Sie versuchen nichts Neues“.  

Ihnen allen einen erholsamen Abend und eine gute Nacht,

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Ich war gerne König David. Elf oder zwölf Jahre war ich, da wurde die Geschichte des großen Königs in unserer Schule aufgeführt. Unsere Mütter nähten Kleider, die Väter bastelten am Bühnenbild, das Holzschwert, geschnitzt von einem Onkel, habe ich immer noch. Wir lernten Texte und kannten die Geschichte des kleinen Hirtenjungen, der zum König wurde, bald aus dem Effeff. Jedenfalls das Wichtigste. Spannend war die Besetzung der Hauptrollen. Mir fiel der Davidpart zu, nicht weil ich mich durch außergewöhnliche schauspielerische Fähigkeiten hervorgetan hätte, sondern weil ich schlicht der Kleinste in der Klasse war, vielleicht sogar eher der Schmächtigste und deshalb unserem Klassenlehrer für diese Rolle besonders geeignet erschien. Die Figur des Goliath, des Philisterriesen, der vom Hirtenjungen David mit einer Schleuder erledigt wird, spielte der Längste und Stärkste in unserer Klasse, einer der mich genau das oft hatte spüren lassen. Davids Triumph über Goliath war auch der meinige über den starken Alexander. Die Regieanweisung, den Fuß auf den erlegten Goliath zu positionieren, nahm ich sehr wörtlich. Kräftig rammte ich ihm während der Aufführung den Fuß in die Rippen und genoss das Gefühl, dass er sich vor dem versammelten Eltern- und Lehrerpublikum nicht wehren durfte – laut biblischem Drehbuch war er ja mausetot. Natürlich habe ich diesen Sekundentriumph später bitter bereut, die Rache von Alexander alias Goliath verfolgte mich in den kommenden Tagen. Der kurze Triumph schmeckte zwar süß, bezahlt habe ich ihn mit manch blauen Flecken. Trotzdem war mir seitdem die Gestalt des kleinen David, der später zum König wird, besonders lieb und ans Herz gewachsen. Auch wenn ich jetzt - damit das klar ist- natürlich andere Methoden bevorzuge, wenn es ums Streiten geht. David wurde mein Spitzname, unser Klassenlehrer nannte mich noch so bis zu seinem Tod vor wenigen Jahren.

Die Zugänge zu biblischen Gestalten sind individuell, nicht immer nur akademisch, manchmal auch bizarr biographisch. Das mir heute die Psalmen Davids wichtiger sind als seine Helden- und Frauengeschichten, liegt auf der Hand.  

So gibt es in der Bibel genug Figuren, die mir etwas zu sagen haben. Und nicht nur das, was man ganz klassisch auf den ersten Blick erwartet. Lebendig ist sie die Bibel, mehr als Literatur. Sie begleitet, verändert, stärkt und mahnt auch den, der es wirklich will. Und das schon seit tausenden von Jahren. Bis heute.  

Ihnen allen einen erholsamen Abend und eine gute Nacht,

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Gerade als Pfarrer sollte man eigentlich ein netter Mensch sein. Aber mir gelingt das nicht immer. Besonders wenn ich im Großraumwagen der Deutschen Bahn sitze. Nicht, dass ich was gegen Handys hätte, ich habe selber ein Smartphone, und bin auch froh drüber, aber was man unterwegs manchmal mitbekommt, ist gnadenlos. Nicht nur, dass man schon nach einer halben Stunde einen hübschen Querschnitt unterschiedlichster Klingeltöne vorgeführt bekommt, richtig heftig wird es erst, wenn gesprochen wird. Bei manchen lautstarken Geschäftstelefonaten möchte man sich bei den Damen und Herren fast entschuldigen, dass man es gewagt hat, einen Platz in ihrem Büro gebucht zu haben. Manche telefonieren, als gehöre der Wagen ihnen. Verschärft sind auch die, die ihrer oder ihrem Liebsten im Viertelstundentakt mitteilen, wann ihr Zug den Zielbahnhof erreicht.

Oder allerliebst sind auch die Hallo-hörst-Du-mich-noch Dramen in Gegenden mit Tunnel und Funkloch. Nein, ich bin in dem Punkt nicht gelassen. Oft bleibt nur ein Kopfhörer mit Walkman oder Bordradio. Was hilfreich ist, kann auch zur Fessel werden. Wie haben wir nur vor der Handyzeit leben können? „Du, ich muss jetzt aufhören“, sagt jemand ins Handy, „ich treff’ Dich gerade“. Ich erinnere mich, dass wir bei unseren Zeltlagern und Radtouren nur im alleräußersten Notfall nach Hause anrufen durften.  

Das können Sie heute in Freizeiten vergessen. Kaum jemand würde seine Kinder ohne Handy mitfahren lassen. Man versichert sich durch Anruf und SMS, auch gegen die eigenen Ängste.  

Das Tempo steigt, und das Vertrauen sinkt. Mobil sein, schnell sein, immer erreichbar. Bis einem irgendwann die Luft ausgeht.  

Die Dinge besitzen, ohne von ihnen besessen zu werden. Darauf kam es schon immer an. in jedem Jahrhundert, auf unterschiedlichste Weise. Das geht einfacher als man denkt. Und sehr praktisch. Auch beim Thema Mobilphone. Es gibt einen kleinen Schalter an den nützlich-nervenden Quälgeistern. Auf ihm steht  „OFF“. Und er funktioniert auch, wenn man nur will. Ihnen allen einen erholsamen Abend und eine gute Nacht,

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