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SWR4 Abendgedanken

Fasten kann man bei Nikolaus von der Flüe lernen. Er hat auf alles verzichtet, was nicht lebensnotwendig ist. Er hat eigentlich in einer ständigen Fastenzeit gelebt, nicht nur in der Passionszeit vor dem Osterfest. Heute ist der Todestag von Nikolaus von der Flüe. Er lebte in der Schweiz und starb vor 527 Jahren. 

Ich habe bei ihm ein sehr persönliches Gebet entdeckt, mit dem ich Gott mein Leben anvertrauen kann. Ein Gebet, das zur Mitte führt, um mit Gott unterwegs zu sein. Ein Gebet, das Kraft gibt, damit ich für andere Menschen offen bin.

Hin und wieder spreche ich dieses Gebet:

Mein Gott, du mein Leben. Nimm alles von mir, was mich hindert zu dir.
  Mein Gott, du mein Leben. Gib mir, was mich fördert zu dir.
  Mein Gott, du mein Leben. Nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen dir.“

 In diesem Gebet zeigt sich, das Fasten mehr ist als eine Schlankheitsdiät. Nikolaus von Flüe hatte das begriffen. Anstoß war für ihn die Begegnung mit den Gottesfreunden. Das war zu seiner Zeit eine Gemeinschaft, denen Leben in persönlicher, intensiver Beziehung zu Gott sehr wichtig war. 

Viele Ratsuchende sind zu Nikolaus von der Flüe in die Ranftschlucht gekommen, wo er als Einsiedler gelebt hat. Er hat als Mahner zum Frieden gewirkt in seinem Kanton und in der ganzen Eidgenossenschaft. Er hat Krieg verhindert. 

Sein Gebet zeigt mir, dass ich nicht aus eigener Kraft Gott finden und ein gelungenes Leben führen kann. Mit seinem Gebet bitte ich Gott, dass er mich befreit von allem, was mich am Leben hindert. Dann: Ich möchte stark werden und fähig zu einem Leben im Sinne Gottes. Als drittes: Ich muss nicht um mich selbst kreisen und in meinen Sorgen ersticken. Ich möchte bei Gott zu Hause sein. Dann kann ich in der Welt meine Aufgaben erfüllen. Ich brauche dem anderen nichts wegnehmen und muss mir das Leben nicht verdienen. Ich kann mit offenen Armen empfangen, was mir Gutes im Leben zufällt. Ich habe die Freiheit mit anderen zu teilen. Ich kann von meinem Überfluss abgeben.

Nikolaus von der Flüe hat das vorgelebt. Sein Gebet erinnert mich daran.

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Es gibt viele Ratgeber für das Fasten. Vor allem solche für schnelles Abnehmen von überflüssigen Pfunden. Jetzt im Frühling wollen viele den Winterspeck loswerden, um wieder eine gute Figur zu haben.
Fasten ist aber weit älter als die modernen Kuren zum schnellen Abnehmen. In den Religionen gehört Fasten seit Jahrtausenden zum Leben. Fasten soll vor allem dazu helfen, dass ein Mensch alles Überflüssige ablegt und sich Zeit für Gott und seine eigene Seele nimmt. Fasten gehört im Islam zu den fünf Säulen des religiösen Lebens. Fasten gehört zum christlichen Glauben. Im jüdischen Glauben wird das Fasten auch geübt. Gläubige wollen mit dem Fasten die Beziehung mit Gott pflegen. 

Die Bibel erzählt aber auch, dass in Israel vor zweieinhalb Tausend Jahren ein Mann Ärger gemacht hat. Der Prophet Jesaja hat öffentlich gegen das Fasten gewettert. Im Namen Gottes hat er gesagt, dass Gott vom religiösen Fasten gar nichts hält, wenn es nicht Konsequenzen für das Leben in der Gesellschaft hat. Fasten ist nur dann richtig, wenn andere spüren, dass Fasten befreit. Wenn einer fastet, um sich um Gott und seine Seele zu kümmern, aber andere unterdrückt und klein macht, dann hat das Fasten keinen Wert. Über andere hintenherum böse reden widerspricht dem Sinn des Fastens. Fasten heißt vielmehr, sich kümmern um Menschen, die Hilfe brauchen. Kranke besuchen und Gefangene. Dafür sorgen, dass Obdachlose eine Unterkunft bekommen. Flüchtlinge aufnehmen. Zeit für Kinder haben. 

Wir Christen entdecken das vor allem bei Jesus. Der hat es seinen Freunden gesagt: Ihr könnt die Beziehung zu Gott nur erleben, wenn ihr euch für die einsetzt, die euch brauchen. Ein Krankenbesuch kann dann zu einem Gottesdienst werden. Wenn ihr Kranke und Gefangene besucht, begegnet ihr mir selbst. Und wer mir begegnet, der begegnet Gott.

Das soziale Fasten gehört zum religiösen Fasten dazu.
Verzichten einüben kann man und Zeit haben für das Gespräch mit Gott und ebenso sich Zeit nehmen für Menschen, die auf unseren Besuch warten.

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„Weniger ist mehr.“ Diesen Spruch sage ich mir immer mal wieder. Die Liste dessen, was ich tun soll, wächst mir manchmal über den Kopf. Ich komme dann gar nicht mehr nach. Was soll nicht alles erledigt werden! Vergiss nicht … Du hast mir doch versprochen … Ich brauche es spätestens morgen.

„Weniger ist mehr.“ Diese Einstellung versuche ich mir anzugewöhnen. Damit sie zu einer Grundhaltung wird. Damit sie mich davor bewahrt, dass ich alles möglichst gleichzeitig und schnell mache. Mir helfen dabei Zeiten des Fastens. Da verlangsame ich automatisch meine Gangart. Da gewinne ich Zeit für mich selbst. Fastenzeiten sind Zeiten, in denen ich fünf Tage nichts esse, aber ausreichend trinke und täglich eine Gemüsebrühe zu mir nehme. Seit 27 Jahren faste ich zwei Mal im Jahr, im Advent und in der vorösterlichen Fastenzeit. 

Was für einen Sinn macht das Fasten?

Ich faste, weil mir dann eine Woche geschenkt wird, wo ich mehr Zeit habe, die ich nicht für das Essen brauche. Fasten hilft mir zu spüren, ich brauche weniger, als ich denke. Ich werde leerer. Ich merke, was mir schwer fällt, dass ich darauf verzichte. Fasten ist deshalb auch eine Zeit,  in der ich für Gott und für mich mehr und bewusster Zeit habe.

Fasten hilft mir zu erkennen, dass ich auf vieles verzichten kann, was sich mir aufdrängt. Manchmal habe ich mit anderen zusammen gefastet. Wir haben uns dann abends für eine Stunde getroffen. Wir haben einander erzählt, was wir erlebt haben, was uns gut getan hat. Wir haben einander aber auch verraten, wo wir mit dem Fasten Probleme haben. Kleine körperliche gymnastische Übungen haben ebenso dazu gehört wie eine Zeit der Meditation über ein Wort von Jesus auf seinem Weg zum Kreuz. Zum Beispiel über den Satz: „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein. Wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht.“ Fasten erinnert mich daran, dass ich ganz viel von dem, was ich zu brauchen meine, gar nicht nötig habe. Im Fasten erlebe ich einen heilsamen Abstand vom Konsumieren. So kann ich mit manchem Druck, den ich mir sonst auflegen lasse, besser umgehen. Beim Fasten mache ich immer wieder  gute Erfahrungen mit dem Spruch: „Weniger ist mehr“.

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Waltraud Mäschle hat 20 Jahre gegen den Krebs gekämpft. Sie hat Spuren hinterlassen, obwohl sie ihren Kampf am Ende verloren hat.  Sie hat Menschen Mut und Kraft gegeben in dem Glaubenskurs, den sie entwickelt hat.

Wie sie dazu kam, hat sie selbst erzählt. Waltraud Mäschle war Religionslehrerin. Als sie zum ersten Mal schwer erkrankt war, wurde sie von Müttern ihrer Schüler besucht. Sie haben sie gefragt, was ihr der christliche Glaube jetzt nütze. Sie hat geantwortet: Ich habe Schmerzen wie andere bei dieser Krankheit auch. Ich habe Angst, dass es schlimmer wird. Aber ich kann beten. Ich kann das alles Gott sagen, was mir Angst macht. Das macht es mir leichter und gibt mir Kraft. Damals, so hat sie es mir und anderen erzählt, da hat sie zu Gott gesagt: „Du kannst mir noch weitere Jahre schenken. Dann will ich für diese Eltern und andere Erwachsene Geschichten der Bibel so erzählen, dass sie merken, dass wir in diesen Geschichten selbst vorkommen und wie diese Geschichten Mut und Kraft für das Leben geben.“ 

Als es ihr wieder besser ging, hat sie dann wirklich einen Kurs zum Glauben für Erwachsene entwickelt. Er ist in ganz Deutschland und einigen anderen Ländern bis heute bekannt und heißt „Stufen des Lebens“. Er geht davon aus, dass wir ein Leben lang unterwegs sind von Stufe zu Stufe. Dass es wichtig ist, dass jeder seinen Platz im Leben findet und einnimmt. Und dass keiner allein durchs Leben gehen muss. Andere sind mit unterwegs und Gott auch. In diesem Kurs werden Geschichten aus der Bibel entdeckt. Sie lassen die Teilnehmer spüren, dass sie einmalig sind und von Gott gewollt und geliebt. Das wird anschaulich erzählt und mit einem Bild in der Kreismitte dargestellt. Die Teilnehmer bei solchen Kursen kommen miteinander ins Gespräch. Manchmal gibt es Möglichkeiten, dass man ohne Worte betet, indem man einen Stein legt für das, was einem schwer fällt. Oder eine Kerze anzündet, weil man ein Hoffnungslicht braucht. 

Waltraud Mäschle hat bei mir und vielen anderen Spuren hinterlassen. Ich habe angefangen in der Bibel meine eigene Geschichte zu entdecken und Gott und Jesus, das Hoffnungslicht Gottes in unserer Welt.

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Pranitha Timothy setzt sich für versklavte Menschen ein. Vor ein paar Wochen habe ich sie kennen gelernt. Da hat sie bei einem Kongress von ihrem Einsatz berichtet. Mit einer Organisation, die sich für Menschenrechte einsetzt, spürt sie Unternehmen auf, die Menschen zu einem Hungerlohn beschäftigen und als Sklaven halten. Sie fährt dann mit ihren Mitarbeitern hin, hält fest, was sie sehen. Sie hat von einem solchen Einsatz in einer Reismühle berichtet. Als ihre Gruppe davon erfahren hat, dass der Besitzer dieser Reismühle seine Arbeiter, Männer, Frauen und Kinder unter menschenunwürdigen Verhältnissen schuften lässt, ihnen zu wenig zu essen gibt und sie unter elenden Bedingungen in der Mühle hausen müssen, haben sie den Besitzer und Sklavenhalter vor dem Gericht verklagt. Auf dem Weg zum Gericht sind sie, ihre Mitarbeiter und die versklavten Arbeiter fast umgebracht worden. 

Warum Pranitha Timothy ihr Leben riskiert, hat sie uns in wenigen Zügen erzählt. Nach einer schweren Lebenskrise hat sie sich wieder dem Glauben an Gott zugewendet. Und sie hat einen Satz aus dem Buch vom Propheten Jesaja gefunden. Da spricht er von einem Knecht Gottes. Der ist von Gott ausgewählt. Er setzt sich für das Recht ein. „Er wird nicht schreien noch rufen, und seine Stimme wird man nicht hören auf den Gassen.“ Da ist ihr schlagartig klar geworden, diese Worte gelten ihr. Sie soll sich für das Recht der Versklavten in Indien einsetzen. Aber dann hat sie einen Rückschlag erlitten. Sie erkrankte an Krebs. Der Gehirntumor konnte zwar entfernt werden. Aber zwei Jahre hatte sie keine Stimme. Seit einigen Jahren kann sie wieder sprechen, aber nur mit leiser, heiserer Stimme. Sie kann nicht laut rufen. So wie der Knecht Gottes.

Was sie erlebt hat, hat sie bestärkt. Sie setzt sich für Versklavte ein, gewinnt Prozesse und erlebt Menschen, die befreit lachen können. Ihr Leben ist nicht ungefährlich für sie, ihren Mann und ihre beiden Kinder. Was sie trägt und durchhalten lässt, ist ein tiefes Vertrauen in den lebendigen Gott. Pranitha Timothy hat mich begeistert. Sie regt mich an, heute mit Gott zu rechnen und zu fragen, wo er mich brauchen will.

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