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SWR4 Abendgedanken

Heute Abend sind wieder die Kinder unterwegs in gruseligen Kostümen. Sie klingeln an den Haustüren und bitten um Süßigkeiten. Halloween ist modern.
Vermutlich werde ich nachher nicht zuhause sein, wenn die Kinder vor meiner Haustür stehen. Ich gehe nämlich in den Gottesdienst. Für mich ist heute vor allem Reformationstag. Ist der auch noch zeitgemäß?
Der Reformationstag erinnert an den 31.Oktober 1517. An diesem Tag hat Luther seine 95 Thesen veröffentlicht. 95 Sätze, mit denen er dazu anregen wollte, die Kirche zu erneuern, sie zu reformieren. Menschen Angst vor Gott zu machen: das hat Luther nämlich weit gruseliger gefunden als ausgehöhlte Kürbisse mit Kerzen innendrin.
Er wollte seine Kirche zurück zum Ursprung schicken, zurück zur Bibel. So sollte die Kirche neu durchstarten. Das heißt, nicht nur „die" Kirche sollte neu durchstarten, sondern auch jeder einzelne Christenmensch. Darum hat Luther die Bibel ins Deutsche übersetzt, damit die Leute selbst nachlesen könnten, was da eigentlich drin steht.
Ich finde den Reformationstag zeitgemäß, weil ich die Gedanken von Luther aktuell finde. Gedanken wie diese:
Ich muss mich nicht selbst erlösen. Auch nicht durch das, was ich gut hinbekomme in meinem Leben. Jesus Christus hat mich erlöst. Darum kann ich fröhlich und aufrecht meinen Weg gehen, als freier Christenmensch. Ich muss nicht erst Gottes Herz erobern und ihn mit meinen guten Leistungen auf meine Seite ziehen. Da ist er längst.
Das und viel mehr kann ich in der Bibel lesen. Ich möchte selbst Bescheid wissen, was da drin steht, und nicht darauf angewiesen sein, was mir irgendwer darüber erzählt. Da geht es immerhin um die Quellen meines Glaubens. Da schöpft mein Glaube draus. Da wird er gestärkt und hinterfragt. Durch beides wird er vorangebracht.
Daran erinnert mich der 31. Oktober. Darum finde ich den Reformationstag wichtig.
Auch heute noch.

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„Meine Tür steht dir immer offen!" So hat mich der ältere Kollege verabschiedet, den ich in einer kniffligen Situation um Rat gefragt hatte.
„Meine Tür steht dir immer offen!" Es tut gut, das zu hören. Es tut gut, das zu erleben: einfach willkommen zu sein, ohne viel Umstände, und Rat zu finden, wenn man Rat braucht. Oder Trost.
Offene und geschlossene Türen stehen ja sinnbildlich für das, was sich zwischen uns Menschen abspielt, in unseren Beziehungen.
Eine offene Tür, ein offenes Herz: das ist ein Geschenk, das wir einander machen können. Es ist etwas Kostbares, wenn wir offen aufeinander zugehen, einander Aufmerksamkeit schenken und Zeit miteinander teilen.
Die anderen Türen gibt es auch. Geschlossene, verschlossene Türen. Auch solche, die ich womöglich gerne nochmal öffnen würde. Die Tür zu einem Menschen, an dem mir eigentlich viel liegt. Die Tür zum Nachbarn, die ich im Streit zugeschlagen habe. Eine Tür, die ich unauffällig geschlossen habe, um mich leise davonzustehlen.
Die Bibel greift die Erfahrung mit den geöffneten und geschlossenen Türen immer wieder auf. Sie bezieht diese Erfahrung nicht nur auf das, was Menschen miteinander erleben. Sie redet so auch über das, was zwischen Menschen und Gott geschieht und noch geschehen kann.
„Meine Tür steht dir immer offen!" Der Satz könnte von Gott stammen. Ernst gemeint gegenüber jedem Menschen. Egal aus welcher Lebenssituation der gerade kommt. Wer sich an Gott wendet, wird nicht vor einer verschlossenen Tür stehen. Kein Mensch wird von Gott zurückgewiesen. Jeder ist ihm willkommen.
Das andere ist: immer wieder ist in der Bibel davon die Rede, dass Gott auf Menschen zugeht und ihnen nachgeht. Er wartet nicht in sicherer Entfernung, bis wir einen Schritt auf ihn zu machen. Er will nicht abgeschlossen in einem fernen Himmel leben, sondern bei uns, in uns. Mitten im Leben. Darum bittet er darum, dass wir ihm die Tür öffnen.
Im Grunde kann ich ihm jeden Tag die Tür öffnen zu dem, was gerade bei mir ansteht. Und ihn bitten: „Komm da mit rein! Wenn du mich begleitest, fühle ich mich stark."

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Wer ist Gott für dich?
Meine Zehntklässler haben im Religionsunterricht über dieser Frage gebrütet: Wer ist Gott für dich?
Zuerst haben sie in Gruppen viele Begriffe für Gott diskutiert. Der „Retter", der „Höchste", die „Beschützerin", das „oberste Prinzip" usw.. Dann haben sie gemeinsam solange aussortiert, bis nur zwei oder drei übrig geblieben sind.
Begriffe, in denen es um weibliche Züge Gottes geht, haben es schwer gehabt: Worte wie „Freundin" oder „Mutter" sind bei den meisten schnell rausgeflogen.
Als wir am Ende die Ergebnisse zusammen angeschaut haben, sind nur fünf Begriffe mehrfach genannt worden: der „Herr", der „Beschützer", der „Allmächtige", der „Schöpfer" und - ein bisschen überraschend von einigen Jungs ausgesucht - der „Kuschelgott". Kuschelgott? Da haben einige irritiert nachgefragt. Aber die Kuschelgott- Anhänger sind standhaft geblieben. Nur ein „Allmächtiger" oder ein „Herr" - der war ihnen gefühlt zu weit weg. Man braucht auch was für's Herz. Also Kuschel-Gott.
Wer ist Gott für dich?
Zwei Reli-Stunden später haben die Schüler versucht, ihre eigene Antwort auf's Papier zu bringen. Einer hat über einem leeren weißen Bogen gebrütet und gemeint, er muss ihn weiß lassen. „Wie soll ich unsichtbare Energie darstellen? Ich glaube, Gott ist unsichtbare Energie." hat er gesagt. Andere haben eine Erdkugel samt Bevölkerung entworfen und sie in Gottes Hände gezeichnet. Einer von den Jungs hat sich an den Kuschel-Gott getraut: der hat auf seinem Bild die Erde umarmt. Und ein Mädchen hat Sprechblasen gezeichnet: mal ist Gott eine Frage an mich, mal antwortet er mir.
Wer ist Gott für mich?
Ich bleibe selbst an der Frage hängen. Er ist für mich der, der diese Welt geschaffen hat und sie in Händen hält. Und mich auch. Der mit kraftvoller Liebe für seine Geschöpfe da ist, so wie Jesus es gezeigt hat. Gott ist für mich der, der mich fragt, mich hört, meine Fragen mit mir aushält. Er ist der, auf den am Ende alles rausläuft. Auch ich.

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„Trink ne Cola mit Martin!" - so ähnlich stand es auf einer Flasche im Getränkeregal. Und dann weiter: „Trink ne Cola mit Lisa!", „...mit Robert", „...mit Marius." Ein ganzes Regal voller Vornamen. Clever, diese Verkaufs-Idee, habe ich gedacht, einen mit Flasche unterm Arm zu Freunden loszuschicken. Die Strategie ist klar: verbringt Zeit miteinander, entspannt euch und trinkt dabei ganz nebenbei dieses eine besondere Getränk.
Klar auch: Freunde sind wichtig. Freunde mögen einander, unternehmen etwas zusammen, treffen sich zum Kaffee oder auf ein Gläschen Wein. Freunde lachen zusammen, diskutieren sich die Köpfe heiß, streiten und versöhnen sich wieder. In schwierigen Zeiten versuchen Freunde, füreinander da zu sein. Und wenn sie lange nichts voneinander gehört haben, werden sie unruhig und fragen nach. Ich finde, Freunde sind lebenswichtig.
Ein Etikett mit dem Aufdruck „Trink 'ne Cola mit Jesus" gibt es nicht im Getränkeregal. Schade eigentlich. Das wäre doch mal ein Hingucker. Und etwas zum Hinhören. Ich glaube, mir würde das ganz gut tun, so etwas zu hören: Mach dich auf den Weg zu Jesus. Nimm mal wieder Kontakt mit ihm auf. Verbring Zeit mit ihm. Beschäftige dich mit ihm und mit seinen Gedanken. Hör ihm zu.
Vielleicht komme ich gerade ziemlich zornig um die Ecke gebogen - dann ist es gut, ihm zuzuhören und mir von ihm sagen lassen: „Selig sind die Friedfertigen!" Vielleicht habe ich gerade wieder den Fernseher ausgestellt, weil ich die Flüchtlingsbilder einfach nicht mehr sehen konnte - dann möchte ich mir sagen lassen „Gebt ihr ihnen zu essen."
Vielleicht weiß ich gerade nicht, wohin mit meinen Sorgen - dann möchte ich's persönlich nehmen, dass er sagt: „Kommt her zu mir!"
So mit Jesus Zeit zu verbringen, das wird mir neue Energie geben. Mehr als ein bisschen Coffein und Zucker und brauner Farbstoff aus der Flasche im Getränkeregal....

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