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SWR4 Abendgedanken

Manchmal tut man Dinge, die will man gar nicht tun. Da muss nur jemand das richtige Knöpfchen drücken und schon passiert, was passieren muss.
Da parkt einer vor der Einfahrt und man hat ihn angeschrien noch bevor jemand auf 3 zählen kann. Eins der Kinder hat ein Problem und man mischt sich ein - und macht alles schlimmer.
Eigentlich will ich das gar nicht. Eigentlich weiß ich genau, dass es falsch ist. Aber dann passiert es doch.
Und meine Erfahrung ist: In  solchen Situationen erlebe ich, was Gnade ist. Gott sei Dank.
Gott hat Geduld, er hält mich aus. Das ist Gnade, wenn ich merke: Da habe ich Mist gebaut, aber es gibt einen, der dennoch zu mir steht. Gott ist der Gott der zweiten Chance - und der dritten und der vierten auch.
Und Gnade ist es, wenn Gott mir vergibt. Ich bin so froh, dass ich meine Fehler bei Gott aussprechen kann. Ich weiß, dass er meine Reue sieht. Ich weiß dass er mir nichts nachträgt, sondern meine Schuld fortträgt. Das ist Gnade.
Gnade ist es schließlich, dass Gott mich nicht mir selbst überlässt und auch nicht dem, was mich treibt und reitet.
Ich kann mich mit Gottes Hilfe ändern. Egal wie alt ich werde, dafür ist es nie zu spät. Ich kann dazulernen. Die Bibel berichtet von alten Menschen, die ihr Leben noch einmal verändert haben: Abraham zum Beispiel ist mit 75 aus seiner Heimat in ein unbekanntes Land aufgebrochen und Mose hatte zwei Drittel seines Lebens hinter sich als er den Auftrag bekommen hat, sein Volk zu befreien.
Warum sollte ausgerechnet ich also gezwungen sein, das zu wiederholen, was ich eigentlich nicht tun will? Das muss nicht sein.
Meine Erfahrung ist:
Wenn ich vor Gott ausspreche, was ich als Fehler erkannt habe, dann bin ich schon sensibel dafür, wenn es das nächste Mal wieder zu geschehen droht.
Wenn ich weiß, dass ich Mist gebaut habe, aber Gott mit vergibt, dann fällt es mir viel leichter, mich auch bei Menschen zu entschuldigen.
Gnade ist es schließlich, dass ich nach und nach etwas Neues einüben kann.
Aus dem Mist, den ich gebaut habe, macht Gott Dünger für mein Wachstum - auch im Alter.

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Gehorsam ist nötig, so sagt der österreichische Neurowissenschaftler Raphael Bonelli. Wir alle müssen in verschiedenen Alltagssituationen auf andere hören, weil sonst das Zusammenleben nicht klappt. In einem Orchester müssen ja auch alle dem Dirigenten gehorchen, sonst wird das nichts.
Aber es ist etwas anderes, ob man aus dem Bauch heraus gehorcht, oder der Kopf einen leitet oder das Herz.
Man kann ja aus dem Bauch heraus gehorsam sein. Konkret heiß das: Man hat Angst, bestraft zu werden. Das gibt es in einigen Formen der Religion, mehr aber noch im Straßenverkehr. Wenn ich aus Angst vor einem Bußgeld die Geschwindigkeitsbegrenzung einhalte, dann ist das Bauchgehorsam.
Der Kopfgehorsam dagegen fragt: Was nützt mir - und was schadet mir? Je nachdem wird dann gehorcht - oder eben auch nicht. Die Straßenverkehrsordnung liefert auch hier wieder jede Menge Anschauungsmaterial.
Wenn ich das Prinzip „Rechts vor links" verstanden habe, weiß ich, dass es sinnvoll ist und mich schützt. Also halte ich es ein. Solchen Kopfgehorsam finden wir natürlich auch in der Religion. Man bemüht sich, dass die Rechnung aufgeht und die Zahl der schlechten Taten nicht höher ist als die der guten. Da heißt es dann: „Willst du in den Himmel kommen, dann benimm dich wie die Frommen."
Es muss auch anders gehen, nicht nur mit Angst; nicht nur mit Berechnung. Herzensgehorsam entsteht da, wo ich aus freiem Willen und aus Überzeugung etwas tue, das jemand anderes angeordnet hat. Ich nehme eine Autorität an, die gut ist und deren Gebote und Verbote Sinn ergeben.
Ich muss nicht jedes Gebot verstanden haben, ich muss aber wissen, dass ich der Autorität vertrauen kann.
So kann ich auch Gott gehorchen. Genauer: auf ihn und seinen Rat hören. Er ist eine Autorität, die gut ist. Seine Gebote und Verbote ergeben Sinn, auch wenn ich nicht jedes von ihnen in aller Tiefe verstehe. Ich gehorche mit dem Herzen: Weil du gut bist, Gott, und es gut mit mir meinst; weil du den Überblick hast und das Leben kennst wie kein anderer, deshalb vertraue ich dir und tue, was du willst.

Ich meine: Solcher Gehorsam ist nötig, weil sonst das Zusammenleben nicht klappt.
Quelle:
www.kath.net/news/38026; http://www.kath.net/news/39151/print/yes

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Ich möchte eigentlich kein Ja-Sager sein. Das sind Leute, die einfach und ungeprüft allem zustimmen, weil das angeblich einfacher ist als sich eine eigene Meinung zu bilden. Aber ich habe schon länger den Eindruck, dass das gar nicht mehr stimmt. Mir scheint, dass es oft viel einfacher ist, Nein zu sagen als Ja. Wenn ich Nein sage, dann fragt meistens keiner mehr nach. Das ist dann eben so. Ich will nicht. Ich mache das nicht. Ich glaube das nicht. Schluss, Aus, Ende.
Wenn ich Ja sage, dann wird nachgefragt: Aha - und wie willst du das machen? Wie kommst du denn darauf?
Vor einiger Zeit habe ich den Satz gelesen: „Wer Ja sagt, muss auch B sagen; wer Nein sagt, sagt einfach nur Nein." Das hat mir eingeleuchtet. Sogar beim Glauben ist das so. Wenn ich sagen würde: „Es gibt keinen Gott." Dann wäre das Thema erledigt. Der Nein-Sager hat es - für den Moment jedenfalls - leichter.
Ich sage aber: „Ja, es gibt einen Gott." Und wer Ja sagt, der muss auch B sagen.
B sagen, heißt zum Beispiel:
Ja! Ich rede mit ihm! Es gibt ihn, er ist bei mir und ich fände es ausgesprochen unhöflich, wenn ich ihn morgens nicht begrüßen würde wie ein Familienmitglied. Ich fände es unfreundlich ihm abends nicht „Gute Nacht" zu sagen. Und es täte unserer Beziehung nicht gut, wenn ich ihm nichts von mir erzählen würde. Also bete ich. Wer Ja sagt, muss auch B sagen...
Ja, es gibt einen Gott. Das bedeutet außerdem für mich, dass ich ihm zuhöre. Manchmal redet er über mein Gewissen, mit der Stimme meines Herzens. Aber ich habe schon gemerkt, dass ich mich da auch verhören kann.
Deshalb ist mir die Bibel so wichtig geworden. Da lässt Gott mich teilhaben an seiner Geschichte mit den Menschen und zeigt mir, wie das Leben gelingen kann, da „höre" ich ihn.
Und weil ich sage: „Ja, es gibt einen Gott." bedeutet das für mich auch, dass ich nicht nur hinhöre, sondern auch auf ihn höre. Dieser Gott ist ja Gott und nicht nur ein Mensch. Und bei Gott finde es richtig, wenn man ihn nicht nur hört, sondern ihm auch gehorcht.
Wenn er mir zum Beispiel sagt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst", dann will ich das versuchen. Ich gehorche - so gut ich kann.
Wer Ja sagt, muss auch B sagen, finde ich.

Den Gedankengang habe ich Wolf Lotter nachgedacht (brand eins, Heft 1, 2012; Schwerpunkt: Nein sagen)

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Wie kann man gut mit anderen umgehen? Eine ganz einfache Regel heißt: „Behandelt die Menschen so, wie ihr selbst von ihnen behandelt werden wollt." Jesus hat das in der Bergpredigt gesagt.
Die Regel ist einfach, aber nicht leicht!
Ich kann zum Beispiel nicht nur von mir auf andere schließen. Es wäre sicher zu leicht zu sagen: „Was ich mag und gern habe, das mag auch jeder andere."
Ich esse gerne mal ein Schnitzel, aber wenn ich einen Freund von mir zum Essen einlade, der Vegetarier ist, dann sollte ich vielleicht nicht nur von mir auf andere schließen.
Tatsächlich mache ich das dennoch immer wieder.
Und ich bin nicht allein! Mit den besten Absichten machen Menschen einander manches Mal das Leben schwerer statt leichter. Alt gewordene Eltern fühlen sich von den erwachsenen Söhnen und Töchtern entmündigt, weil die „helfen" - ohne irgendetwas verstanden zu haben.
In den letzten Jahren lerne ich immer mehr, erst einmal hinzuhören, bevor ich etwas tue.
Eine gute Frage habe ich von Medizinern gehört. Sie fragen in der Pflege von Langzeitkranken: „Was muss ich über dich als Mensch wissen, um mich bestmöglich um dich kümmern zu können?" Sie legen nicht einfach los mit Spritzen, Maschinen, Therapien. Sie behandeln die Menschen mit Respekt und Einfühlungsvermögen.
„Gutes Fragen" ist manches Mal der Anfang von „Gutes tun".
Was wäre, wenn Söhne und Töchter fragen würden: „Was muss ich über meine alt gewordenen Eltern wissen, um ihnen das Leben leichter zu machen?"
Ich weiß von einem Sohn, der in dieser Art seine Mutter gefragt hat. Und so hat er erfahren, wie wichtig es für sie ist, dass sie selbstständig ihre Wohnung sauber halten kann. Das wusste er nicht!
Er hätte einfach jemanden zum Putzen angestellt - was ihr furchtbar peinlich gewesen wäre.
Nachdem er das verstanden hatte, haben sie zusammen die Wohnung so eingerichtet, dass sie fast jeden Winkel mit Rollator und Staubsauger erreichen konnte. So konnte die alte Dame für sich selber sorgen - und trotzdem hatte sie es leichter als vorher.
„Behandelt die Menschen so, wie ihr selbst von ihnen behandelt werden wollt." Ich glaube: So kann man Gutes tun. Und „Gutes Fragen" ist manches Mal der Anfang von „Gutes tun".
So möchte ich ja auch behandelt werden mit Respekt und Einfühlungsvermögen.

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Sich selbst nicht so wichtig nehmen: Das ist sympathisch, wenn das einer kann. Ich denke zum Beispiel an Martha. Martha feiert demnächst ihren siebenundsechzigsten Geburtstag. Seit zwei Jahren ist sie nun im Ruhestand. Und eigentlich wollte sie jetzt, im Ruhestand, einfach mal machen, was ihr gut tut.
Aber sie kommt nicht dazu! Die Kinder und die Enkel „fordern ihr Recht". Ständig soll sie da sein. Im Verein hat man anscheinend schon lange darauf gewartet, dass sie jetzt noch mehr macht. Beim Sommerfest, beim Weihnachtsbazar, beim Flohmarkt - überall soll sie helfen. Sie hat ja jetzt Zeit! Und auch ihr Mann hat den Kopf voller Pläne, was sie gemeinsam alles unternehmen müssen. Jeder zieht und zerrt und fordert. Die anderen bestimmen, wie sie lebt.
So hat sie sich das eigentlich nicht vorgestellt.
Ich weiß: Martha meint es gut mit den anderen, sie gibt gerne, sie setzt sich ein, damit es anderen gut geht. Sie nimmt sich selbst nicht so wichtig. Und ich glaube, sie würde etwas verlieren, wenn sie das ändern würde. Sie wäre nicht mehr sie selbst!
Es gibt viele Menschen, die so sind wie Martha. Und vielleicht sind Sie ja auch so jemand, der sich selbst nicht so wichtig nimmt. Aber irgendwie sind Sie dann manchmal zu gutmütig, irgendwie von anderen bestimmt, manchmal fast wie ein Sklave.
Es ist ein Gottesgeschenk, wenn man sich selbst nicht so wichtig nimmt! Aber muss das wirklich heißen, dass alle anderen immer wichtiger sind als man selbst?
In der Bibel steht der schöne Satz: „Ihr seid von Gott um einen hohen Preis freigekauft worden, deshalb werdet nicht Sklaven der Menschen!"
Merken Sie das? Da will ihnen einer Ruhe verschaffen! Gott mischt sich sozusagen ein: „Schön, dass du dich nicht so wichtig nimmst, aber ich nehme dich wichtig! Ich habe einen hohen Preis dafür gezahlt, damit du frei leben kannst. Und ich möchte, dass du das auch tust."
Ich höre das richtig, wie Gott sagt: „Bleib ruhig dabei und nimm dich selbst nicht so wichtig. Aber bitte, nimm mich ernst! Was ich sage ist gut für dich. Also höre nicht nur auf dich,
sondern auf mich. Und ich, Gott, sage: Hilf anderen, aber tu es im richtigen Maß."

Die Bibel, Neues Testament, 1. Brief an die Korinther, Kapitel 7, Vers 23

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