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SWR4 Abendgedanken

Alles wird gut! Das möchte man so gern hoffen - wenn alles aussichtslos scheint und die Sorgen nur schwer zu ertragen sind.
„Vielleicht geschieht ja ein Wunder" hat mir eine Frau geschrieben. „Ich bete jeden Tag darum für meine kranke Tochter."
Und es ist wahr. Manchmal geschieht ein Wunder. Manchmal werden Schwerkranke auf unerklärliche Weise gesund. Manchmal wird eine Beziehung wieder gut, obwohl keiner mehr damit gerechnet hatte.
Und in der Bibel wird auch von Wundern erzählt. Jesus hat Kranke gesund gemacht, für die es jahrelang keine Therapie gegeben hatte. Er hat Blinde sehend gemacht, Lahme konnten wieder gehen und Taube wieder hören.
Es gibt solche Wunder. Aber ist damit alles gut? Für die, die gesund geworden sind, ganz bestimmt. Aber wie ist das für die anderen, die auch Hilfe bräuchten? Auch Jesus damals hat nicht alle gesund gemacht. Und jetzt ist er nicht mehr da.
Was machen diese Wundergeschichten mit denen, die heute auf ein Wunder hoffen? Müssen sie nicht denken: Gott kann Wunder tun. Aber bei mir will er es nicht! Und manche fragen sich vielleicht: Habe ich mich nicht genug angestrengt, nicht genug gebetet, nicht genug geglaubt? Manchmal denke ich: Die Geschichten von den Wundern machen es für die anderen, die umsonst hoffen, noch schlimmer.
Sollte man sie besser gar nicht erzählen, die Wundergeschichten, damit sich niemand vergeblich Hoffnungen macht? Damit niemand meint: Anderen hilft er, aber mir hilft Gott nicht?
Ich glaube, besser wäre es, zu überlegen, was genau denn ein Wunder eigentlich ist.
Wenn etwas geschieht, was ich mir nicht hatte vorstellen können - dann ist ein Wunder passiert. Also auch, wenn ein Blinder lernt, mit seiner Behinderung zu leben und seine Begabungen auf anderen Gebieten auszuleben. Wenn ein Contergan-Geschädigter ein berühmter Sänger wird. Wenn eine schwer kranke Frau sagt: So nah habe ich meine Familie sonst nie erlebt. Und ihr Schicksal annehmen kann und zufrieden sein.
Im Moment kann ich mir das vielleicht nicht vorstellen. Aber es kann geschehen. Und dann ist es ein Wunder, finde ich. Dann ist es gut.

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Heute, morgen und übermorgen feiern die Muslime ihr wichtigstes Fest: Das Ramadanfest. Bayram. Sie feiern den Neuanfang des Lebens nach dem Fastenmonat: Gut Essen und Trinken, die Familie kommt zusammen, man besucht Verwandte und Freunde, man spendet für die Bedürftigen, für die Kinder gibt es Geschenke. Ein bisschen wie Weihnachten.
Bis gestern haben manche vier Wochen lang gefastet. Jedenfalls tagsüber. Erst nach Sonnenuntergang kommt das Fastenbrechen. Dann darf man Essen und Trinken.
Ich habe keine Ahnung, wie viele von den Muslimen hier in meiner Stadt  wirklich fasten. Bei den Jungs, die in meiner Straße zusammen mit den deutschen vor der Tür ihrer Schule stehen und rauchen, habe ich den Eindruck: die fasten nicht. Es könnte sein, dass an diesem Punkt Christen und Muslime dasselbe Problem haben. Auch in den Kirchen fehlen die jungen Menschen, wenn Gottesdienst gefeiert wird.
Ich habe Frau Öz gefragt, die lange meine Wohnung in Ordnung gehalten hat, warum sie fastet: „Weil Gott will" hat sie gesagt, „dass wir lernen, uns zu beherrschen. Und weil wir lernen sollen, wie köstlich das ist, was wir haben." Und ich denke mir: Manchen von den Jungs und Mädchen, die vor der Schule stehen und rauchen, täte es bestimmt gut, wenn sie das lernen.
Aber ob man dazu solche Übungen braucht? Sind das nicht Äußerlichkeiten und eigentlich kommt es auf den Glauben an? Das stimmt. Aber im Glauben muss man sich einüben. Den muss man pflegen. Den darf man nicht verwahrlosen lassen. Dann verliert er sich irgendwie. Das merken auch wir Christen. Man braucht Übungen, damit man spürt, wie gut der Glaube tut. Beten zum Beispiel ist so eine Übung. Regelmäßig Beten hält den Kontakt aufrecht zu Gott. Dann reißt das Gespräch nicht ab und er wird einem nicht fremd. Und ab und zu in den Gottesdienst gehen, das belebt den Glauben. Was man dort sieht und hört, was einen bewegt, was einem zu denken gibt: das hält den Glauben lebendig. Ohne diese äußeren Formen wird der Glaube irgendwann zugedeckt vom Alltag und ist nicht mehr zu erkennen.
Ich glaube, es täte uns Christen gut, solche Übungen im Glauben zu machen. Genau wie den Muslimen.

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„Ich hoffe nicht auf ein Wunder, das mir die verlorene Sehkraft zurück bringt". Das sagt Susanne Krahe über sich. Susanne Krahe ist 52, Christin und seit über 20 Jahren blind. „Meine Erblindung", sagt sie, „hat mir neue Dimensionen eröffnet, die mir als Sehender unerschlossen geblieben wären."
Mir gibt das zu denken, denn immer wieder treffe ich Menschen, die warten auf ein Wunder. Eltern hoffen für ihr behindertes Kind auf ein Wunder. Eine junge Mutter, dass sie den Krebs doch noch besiegen kann. Wer könnte das nicht verstehen!
Zur Zeit Jesu haben viele von ihm ein Wunder erwartet.  Und manche hat er geheilt.
Heute gibt es Gott sei Dank eine Menge medizinische Hilfe und vieles kann man gesund machen. Aber immer noch nicht alles. Dann hoffen die Leute auf ein Wunder.
Die erblindete Susanne Krahe sagt: Warum könnt ihr nicht sehen, was die Kranken und Behinderten können? „Menschen mit Behinderungen erfahren von Kindheit an, dass ihr Sosein den Maßstäben selbst der eigenen Eltern nicht genügt". Das ist die Erfahrung einer blinden Frau.
Und Jesus? Hat der denn nicht die Blinden sehend gemacht und dafür gesorgt, dass Gelähmte wieder auf die Beine gekommen sind? Ja, das hat er. Aber auch er hat längst nicht alle geheilt und gesund gemacht. Jesus wollte zeigen und spürbar machen, wie es einmal in Gottes neuer Welt sein wird. Und dass gerade die Kranken und Behinderten dort gut aufgehoben sein werden.
Und bis dahin? Sollen wir also nicht auf Wunder hoffen? Vielleicht jedenfalls nicht auf solche, wie man sie bei Jesus erleben konnte. Ich denke an den Apostel Paulus. Der hatte anscheinend eine schwere Krankheit und schreibt in einem Brief: „Ich habe immer wieder um ein Wunder gebetet. Aber Gott hat mir geantwortet: „Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig" (2. Kor 12,9). Gerade so hat er den Glauben der Christen in der ganzen damals bekannten Welt verbreitet. Deshalb glaube ich: Gottes Kraft kann Wunder tun. Auch wenn einer krank ist oder behindert.
Und heute: Die blinde Susanne Krahe schreibt Bücher. Ein Mann im Rollstuhl ist Finanzminister. Es ist viel mehr möglich, als ich mir vorstellen könnte. Ich finde, das ist ein Wunder.

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Angst kann einem das Leben ganz schön schwer machen. Dabei ist es ja eigentlich lebenswichtig, dass man rechtzeitig Angst kriegt. Nur dann kann man auf Gefahren reagieren und sich retten. Wie die junge Frau, die laut schreit, als sie sich im Dunkeln bedroht fühlt. Da macht sich der Angreifer davon.
Aber wenn die Angst zu groß wird, dann lähmt sie einen. Dann kriegt man keinen Ton mehr heraus. Dann fängt man an zu zittern. Dann geht nichts mehr.
Ich denke an die Menschen, die Panik kriegen, wenn sich die Aufzugtür schließt oder wenn sie über einen großen Platz gehen müssen. Oder die junge Frau, die Angst hat vor Menschen. Sie zieht sich immer mehr zurück. Sie meidet die Menschen. Nur ganz wenige noch, denen sie vertraut. Viele denken, sie sei unfreundlich oder irgendwie eingebildet und halten entsprechend Abstand von ihr. Aber die junge Frau hat eigentlich bloß Angst. Angst, sie könnte was falsch machen. Angst, die anderen könnten über sie lachen. Und wenn die anderen auf Abstand gehen, dann findet sie: Ich wusste es doch - sie mögen mich nicht. Und bleibt lieber für sich.
Ich glaube, solche Ängste haben viel mehr Menschen, als man denkt. Auch in den Gebeten der Bibel kommt sie immer wieder zur Sprache. „Die Angst meines Herzens ist groß", betet einer. Eine andere: „ich wandle mitten in Ängsten".
Die Gebete der Bibel zeigen aber auch, was gegen die lähmende Angst hilft. Gute Erfahrungen. „Die irre gingen in der Wüste" heißt es, „die rettete Gott aus ihrer Angst und führte sie auf den richtigen Weg" Oder: „die keinen Rat mehr wusste, die rettete? Gott aus ihrer Angst und brachte sie an ihr Ziel" (Ps 107) Verhaltenstherapeuten sagen dasselbe: Wenn die Angst einen lähmt, dann helfen nur solche guten Erfahrungen. An die kann man sich erinnern. Dann wird sie mit der Zeit weniger, die Angst.
Wie die Menschen in biblischer Zeit wirklich an ihr Ziel gelangt sind - wer weiß. Für sie war es Gott, der sie geführt hat. Und ich nehme mir jetzt vor: Wenn ich vermute, dass jemand in meiner Umgebung Angst hat - dann will ich versuchen, zu ihm zu stehen. Damit er gute Erfahrungen macht. Und vielleicht später mal sagt: Gott sei Dank.

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„In Deutschland gibt es kein Mitleid". Mit diesem Satz beginnt in einer Zeitung die Geschichte von 300 Schwarzafrikanern. Als Gastarbeiter hatten Sie in Libyen gearbeitet. Dann kam der Umsturz gegen den libyschen Diktator und auf einmal galten die Schwarzen als Kollaborateure. Die nur in ein Lager gesteckt wurden, hatten noch Glück. In dem Lager hat man sie zur Flucht gezwungen, erzählen sie. In den winzigen Booten, die übers Mittelmeer nach Italien fahren. Dort kamen sie wieder in ein Lager. Das wurde nach 2 Jahren von der EU geschlossen, wegen menschenunwürdiger Zustände. Da hat man den Männern ein Touristenvisum gegeben und sie nach Deutschland geschickt. Das war - nach EU-Gesetzen - illegal. Aber das wussten die Männer nicht.
Schließlich sind sie in Hamburg gelandet und wussten nicht mehr weiter. Auf alten Teppichen haben sie in einem Park geschlafen. Dort hat die Polizei ihnen Platzverweis erteilt. Das Kampieren ist im Park verboten. „In Deutschland gibt es kein Mitleid" schreibt die Zeitung da noch einmal.
Die Flüchtlinge gingen zum Pastor der nahegelegenen Kirche. Ob sie vielleicht auf dem Kirchhof schlafen dürften? Und genau in dem Moment hat es angefangen zu regnen. „Da habe ich ihnen die Kirche aufgeschlossen", erzählt der Pastor. 80 Männer leben seitdem dort in der Kirche St. Pauli. Und kaum waren sie, da, kamen Helfer und Hilfe aus der Nachbarschaft: Die Nachbarn brachten Decken, ein Gastwirt kocht Suppe, die Fans des Fußballclubs stiften T-Shirts, eine Lehrerin gibt Deutschunterricht.
Ein bisschen wie bei der Speisung der 5000, die in der Bibel erzählt wird, finde ich. Vielleicht erinnern Sie sich: Ein Kind hatte 5 Brote dabei und 2 Fische. Die werden geteilt. Und das Teilen geht weiter. Ist irgendwie ansteckend. Und am Ende werden alle satt.
Noch weiß niemand, wie es mit den Männern weiter gehen soll. Aber klar ist: So kann es nicht bleiben. Ich finde: Die Gesetze, die so ohne Mitleid sind, die muss man ändern.
Und vorläufig? „Wir handeln, ohne zu wissen, ob es gut ausgeht", sagt der Pastor, „Aber wir hoffen darauf. Das ist das Prinzip Liebe."
Wie gut, denke ich mir, dass viele Menschen in Deutschland eben doch Mitleid haben.

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