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SWR4 Abendgedanken

Oma und Opa. Die Beziehung zu den Großeltern ist wahrscheinlich für jeden wichtig, der Großeltern hat odergehabt hat. Nach der katholischen Tradition hat auch Jesus eine Oma und einen Opa gehabt, die ihn vermutlich fürs Leben stark gemacht haben: Joachim und Anna. Heute ist ihr Gedenktag.

Aus der Bibel erfährt man gar nichts über die beiden. Sie werden nur in einigen Schriften aus den ersten Jahrhunderten erwähnt, die nicht in der Bibel sind. Das bringt mich dazu,generell über die Rolle der Großeltern nachzudenken: Großeltern haben in den Familien früher eine wichtige Rolle gespielt, die heute oft wegfällt, weil die Kinder und Enkel an einem andern Ort wohnen oder weil die Familie sich nach Scheidung und neuer Heirat verändert hat.

Wenn ich zurückdenke, was meine Großeltern für mich bedeuten, merke ich, wie wichtig sie sind: Großeltern kennen spannende Geschichten aus vergangenen Zeiten. Sie haben Lebens- und Erziehungserfahrung und weil sie meistensnicht mehr im Beruf stehen, haben sie auch nicht so viel Druck wie Eltern, sondern sie sind gelassener und haben Zeit.

In Sachen Geborgenheit und Lebensvertrauen können sie so etwas sein, wie das doppelte Netz beim Seiltanz: Weil es mehr Abstand hat, macht es gelassener und freier, im Notfall fängt es mich aber immer noch auf.Großeltern haben eine Generation Abstand. Es geht nicht um die eigenen Kinder, die sie erziehen müssen. Deshalb können sie großzügiger mit den Enkeln sein oder auch korrigieren, wenn Eltern zu wenig konsequent sind. Bei meinen Großeltern hats immer noch ein Stückchen Schokolade gegeben, wenn ich bei meinen Eltern keine mehr bekommen habe. Aber auch wirklichnur ein Stückchen.

Familien heute verändern sich. Wenn das auf Kosten der Großelterngehen würde, wäre das traurig. Und es muss ja auch nicht so sein. Ich habe schon einige Leihomas und Leihopas kennengelernt. Das Wort ist vielleicht nicht passend, weil es sich ja um keine Leihgabe handelt. Aber die Idee ist doch nicht schlecht, dass es für ältere Menschen Kinder gibt, die sie als Enkel annehmen können und die sie mit Erfahrung, Gelassenheit und Großzügigkeit fürs Leben stark machen können.

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Geschichtlich ist nicht viel von ihm sicher. Manche vermuten, dass er ein Bruder Jesu war. In den Evangelien ist er immer mit dabei, wenn Jesus aus dem Kreis der zwölf Apostel drei auswählt, die ihn in besonderen Situationen begleiten sollen. Zum Beispiel am Ölberg. Als Jesus in der Nacht vor seinem Tod mit seiner Angst nicht allein sein will und Jakobus und zwei andere bittet, bei ihm zu bleiben. Nach dem Tod Jesu hat Jakobuswahrscheinlich die Jerusalemer Gemeinde geleitet und ist mit Petrus und Paulus einer der wichtigsten Apostel der Urkirche gewesen. In den vierziger Jahren des ersten Jahrhunderts hat man ihn vermutlich mit dem Schwert hingerichtet.

Was für ein Mensch er war, kann man nicht sagen. In der Bibel wird sein Charakter selten beschrieben. Einen Hinweis gibt vielleicht der Spitzname, den er mit Johannes gemeinsam bekommt. Die Evangelien nennen die beiden  nämlich die „Donnersöhne". Das lässt auf Temperament und Rückgrat schließen, es könnte aber auch heißen, dass er nicht konfliktscheu gewesen ist. Interessanterweise ist er mit seinen Brüdern und Maria, der Mutter Jesu, im Evangelium sogar einmal als der Grund beschrieben, warum sich die Leute von Jesus abwenden. An einer anderen Stelle wird beschrieben, wie er und sein Bruder Johannes sich bei einer Essenseinladung mit den anderen Jüngern um den besten Platz, den Platz neben Jesus,streiten. Jesus weist sie zurecht und verlangt, dass man für den Platz neben ihm auch sein Schicksal teilen können müsse. Und das haben die beiden ja schließlich auch getan.

Für mich wird an der Figur des Jakobus deutlich, dass ich als Christ ein Mensch mit Ecken und Kanten sein darf. Beim Essen mit Jesus an einem Tisch zu sitzen ist ein Bild für das Reich Gottes. Für das, was ich mir nach dem Tod wünsche und was ich jetzt schon zu leben versuche. Wenn ich mich am Tag des Apostels Jakobus an den Streit um den besten Platz beim Essen erinnere, könnte mir das sagen: Mich müssen nicht alle mögen und ich muss nicht alle mögen. Aber wenn ich ein Jünger Jesu sein will, muss mir klar sein, dass ich das nicht alleine bin und dass andere mit mir einen Platz bei Jesus haben. Und mir muss klar sein, dass es nicht um den besten Platz geht, sondern darum, dass ich danach strebe, einenPlatz bei Jesus zubekommen. Und dazu gehört, dass ich die anderen Menschen als meine Tischnachbarn dulde - mit Ecken und Kanten. Wie beim Apostel Jakobus eben.

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„1984" hat George Orwell seinen Roman genannt, in dem ein Konzern die Macht über alle Menschen gewinnt und siebis in ihr privates Leben durchleuchtet. Orwell hat das damals als Zukunftsvision beschrieben und kaum jemand hat gedacht, dass es einmal so weit kommen würde. Aber die Affäre um den Amerikaner Edward Snowden hat ja gezeigt, dass die Gemeindienste vor nichts Halt machen und dass ich als Privatperson davon ausgehen muss, dass mein Handy und mein Internetanschluss längst durchleuchtet sind. Es klingt wie in einem Science-Fiction-Film,aber es ist wohl die Wirklichkeit, in der wir heute leben. Und eigentlich muss keiner davon überrascht sein. An den Werbemails und -anrufen, die mich erreichen, merke ich ja schon lange, dass viele Firmen genau wissen, was ich kaufe, lese und was ich in meiner Freizeit und im Beruf so treibe. Wie gesagt, überraschend kommt das nicht. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass es wirklich jemanden interessiert, was ich als Otto-Normalbürger mache, und trotzdem fühlt es sich nicht gut an. Ich muss zwarnichts verbergen, aber ich will trotzdem selbst entscheiden, wer welches Wissen über mich hat. Es ist ja auch aus guten Gründen so, dass die deutsche Verfassung mir das Recht auf Schutz der Privatsphäre zuspricht.

Das Spannende ist, dass die Religion dieses Gefühl auch gegenüber Gott kennt. Bis ins 20. Jahrhundert haben Pfarrer, Lehrer und Eltern geglaubt, dass sie ihre Kinder besser erziehen würden, wenn sie sagen, dass Gott alles sieht. Und diese Kinder haben später als Erwachsene auch an diesem Big-brother-Gott festgehalten. Es gibt einen Psalm, der mir deshalb so gefällt, weil er mit Gott deshalb ringt und beschreibt, dass man vor Gott nirgendwohin fliehen kann, nicht mal ins Totenreich. Da heißt es: „Ob ich sitze oder stehe, du weißt von mir. Von fern erkennst du meine Gedanken" und „Von allen Seiten umgibst Du mich".  Hier geht es um dasselbe bedrängende Gefühl wie bei der Datenspionage. Der Unterschied ist aber, dass ich bei Gott die Vorstellung habe, dass er es gut mit mir meint. Am Ende des Psalms steht die Bitte, dass Gott meine Wege prüft und mich auf gute Wege führt. Für mich heißt das, dass ich auf einen Gott hoffe, der mich zwar durch und durch kennt und vor dem ich mich nicht schämen muss. Aber auch, dass er seine Liebe zu mir so zeigen kann, dass er meine Grenzen respektiert und mich mit diesen Grenzen zum Guten führt.

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Das Telefon klingelt, ich nehm den Hörer ab und hab am anderen Ende eine Frau, die mir ein Heimrufsystem verkaufen will. Ich habe erst gedacht, ich hör nicht richtig und hab erst dreimal gebraucht, bis ich geschaltet habe, dass ein Heimrufsystem für alleinstehende, alte Menschen gedacht ist. Also ein Apparat, den ich bei mir tragen und mit dem ich per Knopfdruck den Rettungsdienst alarmieren kann. Wenn jemand zum Beispiel in der Nacht stürzt, erreicht er jemanden, der ihm zu Hilfe kommt. Die Sache ist nur die, ich bin erst Anfang vierzig und sehe mich noch weit weg von diesen Problemen. Das habe ich der Frau am Telefon auch erklärt und sie hat sich dann für den Anruf entschuldigt.

Im Nachhinein hat es mich aber doch noch beschäftigt. Der Gedanke, dass ich mal alleine bin und Hilfe brauche, ist zwar nicht schön, aber auch wenn ich noch kein alter Mensch bin, finde ich es grundsätzlich doch wichtig, dass ich mir Gedanken mache, wer mir hilft, wenn ich in Not bin. Welche Telefonnummer ich für so einen Notfall zum Beispiel gespeichert habe. Und selbst wenn im schlimmsten Fall die Sanitäter kommen müssten, wäre es doch gut, wenn die Nachbarin die Tür aufmachen kann, weil sie den Wohnungsschlüssel zum Blumengießen hat, wenn ich im Urlaub bin.

Das zweite ist aber, dass ich jetzt besser nachvollziehen kann, wie es wohl einem alten Menschen geht, dem so ein Angebot gemacht wird. Oder wenn seine Angehörigen diesen Vorschlag machen. Es ist zwar nur kurz gewesen, aber der Anruf war ein kleiner Schock für mich. Ich kann mir vorstellen, dass es sicher noch öfter solche Momente im Leben gibt, wo es einem schlagartig bewusst wird, dass etwas anders ist oder dass etwas nicht mehr so geht wie früher. Spätestens im Alter. Auch wenn ich das jetzt noch aufschieben kann, ich habe doch deutlich zu spüren bekommen, wie es sich anfühlt, wenn ich plötzlich zugeben müsste, wie hilfsbedürftig ich bin. Ein Heimrufsystem ist docheigentlich eine tolle Sache, wenn ein alter Mensch in seinen eigenen vier Wänden bleiben will und trotzdem eine Unterstützung für den Notfall hat. Aber es ist etwas ganz Anderes, wenn ich zugeben muss, dass ich der alte Mensch bin, der das jetzt braucht. Als junger Mensch kann ich da nur Mut machen, sich die Hilfe zu holen, die nötig ist. Klar will keiner alt sein. Aber alle wollen alt werden. Und damit das gelingt, können Heimrufsysteme helfen. Damit ich weiß, wo ich wirklich im Leben stehe und welche Hilfen ich brauche.

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Hilft es wirklich, wenn ich für Andere bete? Der Arzt und Psychotherapeut Anton Retzer meint, dass es nicht nur nichts hilft, wenn ich für andere Menschen bete, sondern dass ich ihnen damit sogar schaden kann. Er beruft sich dafür auf eine Studie, die Wissenschaftler 2006 in Amerika gemacht haben. Sie haben dort über drei Jahre die therapeutische Wirkung von Fürbitten untersucht. In dieser Studie haben die Forscher 1800 Herzpatienten, die eine Bypass-Operation bekommen sollten, in drei Gruppen eingeteilt: eine Gruppe, für die man gebetet hat, die aber nicht davon informiert worden ist; eine Gruppe, für die man nicht gebetet hat und die auch nichts davon wussten und eine Gruppe, die man informiert hat, dass man täglich für sie betet. Das Ergebnis ist für Retzer eindeutig ausgefallen: Ob gebetet wird oder nicht, hat keinen Einfluss auf die Überlebensrate oder auf Komplikationen bei den Patienten. Aber bei der Gruppe, die davon wusste, dass man für sie betet sind mehr Komplikationen aufgetreten als bei anderen Patienten.

Das klingt doch eindeutig. Und als ich davon gehört habe, habe ich mich natürlich gefragt, ob ich dann also das Beten für andere besser sein lasse, wenn es ihnen vielleicht sogar schadet. Aber dann ist mir etwas an dem Experiment aufgefallen: Wenn man herzkranken Patienten vor einer Operation sagt, dass man für sie betet, kann das für sie ja auch heißen: Es steht wohl schlimm um Dich. Da hilft nur noch beten. Und wenn ich mir vorstelle, ich wäre so ein Patient und vor einem Eingriff sagt man mir, dass man für mich betet, würde ich sicher denken: Aha, so schlimm steht es also um mich. Aber es steht ja noch auf einem ganz anderen Blatt, wie das Beten wirkt, wenn ich als Betroffener andere um ihr Gebet bitte. Ich kenne es von Prüfungssituationen, in denen es mich schon beruhigt hat, wenn ich wußte, dass andere an mich denken und für mich beten. Es kommt ja auch darauf an, was ich mir vom Beten erhoffe: Gott ist für mich kein Wunscherfüllungsautomat, dem ich meine Wünsche vorbeten muss, und wenn ich die richtige Formulierung erwischt habe und auch sonst alles richtig gemacht habe, dann erfüllt er meine Bitten.

Wenn ich für andere bete, dann ist es oft auch, weil ich ihnen helfen will aber nicht kann. Und ich finde Gott eine gute Adresse, an die ich mich wenden kann, wenn ich an meine Grenzen gekommen bin. Ohne Anspruch auf Erfüllung meiner Bitten, einfach, als Zuflucht. Und so werde ich in Zukunft auch weiter für andere beten. Nur muss ich es ihnen ja nicht immer sagen. Frei nach Motto: Tu Gutes und sprich nicht darüber.

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