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SWR4 Abendgedanken

Manchmal möchte man alles hinter sich lassen und einfach weglaufen! Weil man denkt: Wenn ich weglaufe, dann wird alles irgendwie besser.
Die Bibel erzählt auch eine solche Weglaufgeschichte. Sie handelt von Jona. Jona sieht eine schwere Aufgabe vor sich und denkt: Wenn ich wegrenne, dann wird alles irgendwie besser! Aber für ihn wird gar nichts besser. Im Gegenteil. Alles wird schlimmer. Das Schiff, in dem er sitzt, gerät in einen Sturm. Jona wird von den Seeleuten über Bord geworfen und schließlich von einem Wal verschluckt. Nein, durch sein Weglaufen ist nichts besser geworden, sondern alles schlimmer.
Eigentlich wäre das eine schreckliche Geschichte, wenn sie hier enden würde. Zum Glück geht sie weiter. Als Jona im größten Schlammassel steckt und denkt: „Jetzt ist alles aus!", da betet er zu Gott - und sagt: „Gott, verzeih mir. Hilf mir in meiner Not."
Und Gott? Gott hört Jonas Gebet und rettet ihn. Der Wal spuckt ihn aus.
Es wäre schön, wenn ich Ihnen, liebe Hörerinnen und Hörer, sagen könnte: Wenn Sie einmal in Not sind und am liebsten weglaufen möchten, dann machen Sie es wie er: Beten Sie und Gott wird Sie retten.
Leider ist das in der Geschichte unseres Lebens nicht so einfach wie in der Geschichte von Jona. Viele beten zu Gott, weil sie sich etwas wünschen, vielleicht, dass eine Prüfung gut wird, oder dass etwas, was schief gelaufen ist, wieder in Ordnung kommt, oder dass ein kranker Mensch, den sie lieb haben, wieder gesund wird.
Und dann kommt es anders als sie sich das gewünscht haben: Nichts davon tritt ein.
Ich glaube trotzdem, dass ich etwas von Jonas Weglaufgeschichte lernen kann. Als Jona in seiner größten Not ist, da erinnert er sich an Gott und betet zu ihm, weil er weiß: Wo immer ich auch bin, wie immer es mir auch geht, was immer ich auch getan habe: Gott ist bei mir und hört mich und gibt mir Kraft.
Ich wünsche Ihnen, dass Sie sich wie Jona an Gott erinnern, wenn es ihnen schlecht geht und sie am liebsten weglaufen möchten. Und dass Sie sich sagen können: Wie immer es mir auch geht, Gott ist bei mir und hört mich. Er wird mir Kraft geben.

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„Wissen Sie, was das Schlimmste ist?", hat mich ein älterer Herr gefragt. „Wenn man umsteigt aus dem Berufsleben in den Ruhestand. Vorher war man jemand, im Beruf, man hatte seine Position und Anerkennung. Und dann plötzlich ist man ein Niemand. Das tut weh. Ich habe lange gebraucht, ehe ich das überwunden habe."
Ich kenne viele, die das nachempfinden können. Und manch einer, der vor diesem Wechsel steht, hat Angst vor genau dieser Zukunft. Was kann man da tun?
Vielleicht könnte man sich damit helfen, dass man überlegt: Was ist das Alter denn eigentlich? Einer hat einmal geantwortet: „Das Alter ist nicht der letzte Akt einer Tragödie, dann fällt der Vorhang und die Lichter gehen aus. Sondern das Alter ist so etwas wie die letzten Takte einer Ouvertüre. Da fängt es erst richtig an! Der Vorhang öffnet sich, die Lichter gehen an, und das Entscheidende beginnt."
Das Entscheidende könnte sein: mehr Zeit für sich und andere, für die Familie, für die Enkelkinder, für das Hobby, für Reisen. Das ist doch eine schöne Aussicht! Und Anerkennung und Liebe können einem die Enkelkinder reichlich geben - wenn man welche hat. Oder die Vereinskameraden. Oder die Mitsänger im Gesangverein.
Kann auch der Glaube eine Hilfe sein beim Übergang vom Berufsleben in den Ruhestand?
Eine mögliche Antwort steht in der Bibel: „Die Frucht des Glaubens ist Geduld." (Gal.5,22)
Ich verstehe diesen Satz so: Der Glaube macht aus mir hoffentlich einen geduldigen Menschen. Und Geduld braucht es, um sich in einer neuen Situation zurechtzufinden. Am Anfang ist noch vieles ungewohnt und ungeübt. Das braucht Zeit. Aber ich erlebe oft: Wer mit Geduld an die Sache herangeht, der wird es gut schaffen.
Wenn Sie jetzt in einer solchen Lebensphase sind, vom Berufsleben in den Ruhestand, dann wünsche ich Ihnen Geduld bei diesem Übergang. Ich wünsche Ihnen aber auch den Mut, einzuwandern in dieses fremde Land. Sie können darauf vertrauen: Gott wird sie auch dort führen und bewahren.

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„Ich komme jeden Tag hierher und rede mit meiner Frau."Das hat mir der ältere Mann erzählt, den ich auf dem Friedhof traf. Ich kannte ihn. Er hatte seine bettlägerige Frau die letzten Jahre zuhause gepflegt. Tag und Nacht. Nur für Besorgungen verließ er das Haus. Er wollte seine Frau nicht ins Pflegeheim tun, obwohl die Pflege ihn oft an die Grenze seiner Kraft brachte. Er hatte ihr versprochen, sie nicht wegzugeben. Sein Sohn war anderer Meinung. Er sah die Last, die sein Vater trug. Er versuchte den Vater zu überreden, die Mutter ins Pflegeheim zu geben. Darüber zerbrach die Beziehung der beiden. Die Frau starb und der Mann war nun ganz allein. Seit ihrem Tod vor drei Jahren besucht er jeden Morgen ihr Grab. „Ich erzähle ihr dann, was ich gestern erlebte habe. Manchmal muss ich dabei weinen. Aber bei ihr schäme ich mich nicht dafür." Mich berührt das Schicksal dieses Mannes. Das einzige, was ihm bleibt, ist das Gespräch mit seiner toten Frau. Und die Tränen, die er vergießt, weil sie nicht mehr da ist. Tränen, die niemand sieht.
Die Bibel erzählt in einem der Psalmen, wie einer sich in seiner Not an Gott wendet und ihn bittet: „Sammle meine Tränen in deinen Krug. Ohne Zweifel, du zählst sie." (Psalm 56, 9).
Ich verstehe das so. Gott sieht meine Tränen, jede einzelne, auch die heimlichen. Ich bin ihm nicht gleichgültig. Das erfährt der Beter des Psalms als er sich an Gott wendet und mit ihm redet. Da spürt er: Mit Gott zu reden tut mir gut. Mein Herz wird mir leichter. Der Blick klarer. Ich sehe wieder einen Weg für mich.
Bevor er vom Grab seiner Frau weggeht, redet der alte Mann auch mit Gott, hat er mir erzählt. Er betet ein Vaterunser. Jeden Tag. Vertraute Worte, von Kindheit an. Wenn er „Vaterunser" sagt, kommt er Gott nahe. Dann fühlt er sich nicht mehr so allein. Wie gut, dass Gott unsere Tränen sieht und unser Gebet hört.

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Manchmal lese ich die Partnerschaftsanzeigen in der Zeitung. Dabei staune ich, welch hohe Erwartungen an den zukünftigen Partner gestellt werden. Sie sollte „junggeblieben, humorvoll und natürlich" sein. Und er „sportlich, unternehmungslustig und naturverbunden". Und das alles für eine gemeinsame Zukunft in perfekter Harmonie. Aber oft kommt es anders als erhofft, nicht nur, wenn man sich per Anzeige gefunden hat. Nach ein paar Jahren miteinander entdeckt man plötzlich: Er ist nicht so, wie ich ihn mir wünschte. Sie ist doch nicht die Idealpartnerin für mich. Manche wechseln dann den Partner in der Hoffnung, das nächste Mal das ganz große Glück zu finden.
Dann frage ich mich: Verlangen die Menschen zu viel voneinander? Sind unsere Ansprüche zu hoch geworden?
Ein Blick in die Bibel zeigt Überraschendes. Der erste Mann, von dem die Bibel erzählt, heißt Adam. Er lebt allein im Garten Eden. Er ist einsam. Gott sieht das. Darum erschafft er die Eva. „Ich habe dir eine Hilfe gemacht, die dir entspricht", sagt Gott zu Adam.
Ich verstehe das so: Mann und Frau sind dazu da, sich gegenseitig zu helfen, das Leben zu meistern. Und nicht, um sich gegenseitig die Bilder auszufüllen, die sie voneinander im Kopf haben. So nüchtern sieht die Bibel auf Mann und Frau. Für überzogene Erwartungen und absolutes Glücksverlangen ist da kein Platz.
Ich finde: Diese Geschichte kann zu einem ganz neuen Nachdenken über die Beziehungen zueinander führen. Sie zeigt, dass Mann und Frau einander überfordern, wenn sie meinen, einer müsse dem anderen seine Sehnsucht nach Liebe und Glück völlig sättigen. Sie können bestenfalls verlässliche und verantwortliche Partner füreinander sein, wie Adam und Eva es waren. Einander eine Hilfe sein - das wäre doch schon sehr viel! Ich glaube: Da ist auch das Glück nicht mehr weit.

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„Ich ärgere mich so über mich!" Die alte Frau rang sichtlich um Fassung. Sie war auf den sogenannten „Enkeltrick" hereingefallen. Der geht so: alte und alleinstehende Menschen bekommen einen Telefonanruf eines angeblichen Enkels. In dramatischen Worten schildert er seine Notlage. Er brauche sofort Hilfe, am besten Geld. In Angst und Schrecken versetzt sammeln die alten Menschen alles Bargeld im Haus zusammen und übergeben es einem Boten, der wenig später an ihrer Haustüre klingelt. Bald darauf stellt sich heraus, dass alles frei erfunden war. Ein Anruf beim echten Enkel bringt Klarheit.
„Ich ärgere mich so über mich! Wie konnte ich nur so gutgläubig sein. Geld und Schmuck habe ich weggegeben. Schmuck, den mein Mann mir zur Hochzeit geschenkt hatte."
Ich kannte die alte Frau. Sie hat es schwer genug im Leben ohne ihren verstorbenen Mann. Und jetzt war sie auch noch Opfer eines schlimmen Betruges geworden.
Ich finde das gemein. Aber dann denke ich: wer barmherzig sein möchte, sollte auch das Denken nicht vergessen. Andererseits sollte man aus lauter Misstrauen nicht die Barmherzigkeit über Bord werfen.
Was kann die alte Frau trösten? Dass die Polizei alles tun wird, um die Täter zu finden? Da gibt es wenig Hoffnung. „Geld und Schmuck sind für immer weg", hatte ihr die Polizei gesagt.
Kann sie vielleicht der Gedanke trösten, dass es im Himmel einmal so etwas wie eine ausgleichende Gerechtigkeit geben wird? So verstehen ja manche den Satz von Jesus aus der Bergpredigt: „Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen."  Barmherzig ist die alte Frau ja gewesen. Wird sie dafür im Himmel irgendwie entschädigt?
Ich hoffe darauf, dass der Satz von Jesus wahr ist und es etwas Schönes im Himmel geben wird für alle, die barmherzig waren. Ich hoffe das für die alte Frau und für alle anderen, die sich über ihre Gutgläubigkeit ärgern.

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