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SWR4 Abendgedanken

Wenn einer begeistert ist, dann springt ein Funke auf andere über, und sie lassen sich von ihm begeistern.
Das ist mir klar geworden, als mir ein Ehepaar von der Kirchenführung erzählt hat, die sie für einen Geburtstag organisiert hatten. Der Küster selbst hatte sie geführt und das so wundervoll gemacht, dass sie nun hinterher voll des Lobes waren. Sie hatten sich sogar die Mühe gemacht, zurückzukehren und ihm persönlich zu danken. Und sie waren noch immer ganz vergnügt, als sie in der Erinnerung an diesen Nachmittag davon erzählt haben. Sie erzählen von der guten Laune, die sie bekommen haben. „Und unsere Enkel-Kinder, die haben vielleicht gestaunt", sagen sie.
Ich war bei seinen Führungen auch schon dabei. Deshalb weiß ich, wie die Erwachsenen schmunzeln und vielleicht kichern, wenn er von dem herrlichen Kleid der Damen erzählt, die im Kirchenfenster abgebildet sind. Wie er galant und freundlich denen Mut macht, die das enge Treppenhaus zum Turm hinaufsteigen und wie er mit großem Schwung und voller Anerkennung schildert, wie die Bauleute sich bei der Renovierung angestrengt haben.
Es ist ein Erlebnis, solchen Menschen zu begegnen, die buchstäblich Feuer und Flamme sind für das, was sie tun. Die mitreißend ihre eigene Begeisterung spüren lassen. Und die Spaß daran haben, andere in ihre Freude mit hinein zu holen.
Da springt ein Funke über, da wird gute Laune geweckt, und noch eine ganze Zeit danach lächeln die Menschen, wenn sie daran denken. Viele kommen wieder, weil es so schön war.
Ich finde, von Menschen, die einen so mitreißen, kann man lernen: Begeisterung ist etwas, was ich nicht für mich behalten sollte. Wenn mir etwas gut tut oder wenn ich etwas als Aha-Erlebnis für mich entdecke - dann ist das meistens auch etwas, was anderen guttut, was sie belebt. Wovon es sich deshalb lohnt, zu erzählen. Weil es Schwung gibt oder einen neuen Blick auf die Dinge. Eine freundliche Haltung auch für das Miteinander. Worüber habe ich heute lächeln müssen oder schmunzeln? Was ist mir heute Vergnügliches begegnet? Ich will es gerne weitersagen und weiterschenken!

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Vor ein paar Tagen musste ich überlegen: Morgen beginnt eine neue Mitarbeiterin, wie heiße ich sie am besten willkommen? Zeige ich ihr alle Räume? Stelle ich ihr alle anderen Mitarbeiter vor? Gebe ich ihr erst einmal alle Schlüssel, die sie braucht? Eine Liste aller Termine, die anstehen, eine Namensliste aller Mitarbeiter? Kopiererpasswort, Computerpasswort. Ich zeige ihr das Fach, in dem sie künftig ihre Post findet und das Materiallager und das Archiv. Ach ja, und Blumen kriegt sie natürlich auch. Und die wichtigsten Fachbücher, Beschreibungen unserer Kirche und unserer Orgel... Ich merke, wie ich selbst ganz atemlos werde bei all dem, was ich ihr am liebsten sofort präsentieren würde.
Als sie dann am anderen Morgen ankam, war sie ganz interessiert an den vielen Dingen, die es zu erfahren gab. Aber sie wusste auch schon vieles. Sie hatte sich informiert und vorbereitet. Und dann sagte sie fast beiläufig: „Ich war im Gottesdienst, und da ist mir aufgefallen...". Schon zwei Wochen vor Dienstantritt hat sie mit der Gemeinde, in der sie künftig arbeiten wird, Gottesdienst gefeiert. Stimmt, ich habe mich erinnert. Damals hatte ich mir gar nichts weiter dabei gedacht. Aber jetzt wird mir plötzlich klar: Was für eine wundervolle Idee ist das, auf diese Art irgendwo neu anzukommen. Vor aller Arbeit- Gottesdienst. Zusammen mit den Menschen, die meinen Weg in Zukunft mit mir gehen, beten und singen und eine Predigt hören, das ist ein guter Anfang. Noch nicht sofort im Dienst sein, gefordert, unter Beobachtung, in der „Probezeit", wie das früher hieß. Im Gottesdienst sind die Menschen erst einmal nur einfach da. Das ist nicht Arbeitszeit und auch nicht Freizeit sondern fast eine Stunde ohne Zeit ohne „ich muss". Ein Atemholen im angenehmen Tempo gemeinsam gesungener Lieder und im Hören. Gemeinschaft sein, die nichts fordert; wo ich einfach dazukomme und da bin. Mit der Haltung: „Ich bin hier, Gott." Auf die Gott vielleicht entsprechend antwortet: „Ich bin hier, Mensch".
Das will ich mir wieder neu einprägen für Neuanfänge, die bei mir noch anstehen im Leben: Vor aller Pflicht, vor allem „ich muss", vor allem anderen Dienst - Gottesdienst.

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Eine gute Nachbarschaft miteinander zu haben, ist etwas sehr Schönes.
Aber es nicht immer selbstverständlich. Nachbarn sucht man sich nicht aus. Das kann schon mal schiefgehen. Man kommt sich in die Quere, stört sich, überschreitet eine Grenze. Einer hat das Gefühl, der andere mache sich zu sehr breit.
In guter Nachbarschaft gelingt das Miteinander. „Nachbarschaftshilfe" heißt, dass der Mensch nebenan schneller erreichbar ist als andere. Wenn ich Hilfe brauche oder wenn ich ihm helfen kann, der Nachbar ist da. Eine besondere Form von Verbundenheit, die schon in kleinen Dingen das Leben leichter und freundlicher macht. Ich nehme Post für den Nachbarn entgegen. Er gießt meine Blumen im Urlaub. Wir halten ein Schwätzchen, wenn wir uns begegnen.
Jesus erzählt manchmal Geschichten von Nachbarn, zum Beispiel von den Samaritern, mit denen die Juden - ihre Nachbarn -- ein Problem haben. Er erzählt von einem Mann aus Samarien, der sich so ganz anders verhält als seine Nachbarn, die Judäer, das von ihm erwarten: Ohne zu zögern, kümmert er sich um einen Kranken. Deshalb, weil der Hilfe braucht. Und weil es dann egal ist, wo er herstammt oder zu welcher Religion er gehört. Er ist der Nachbar. Der Nächste.
Jesus sagt am Schluss der Geschichte: Macht das auch so!
Viele Jahre später hat Matthias Claudius offensichtlich einen ähnlichen Gedanken. In seinem Lied „Der Mond ist aufgegangen" schreibt er:
„Verschon uns, Gott, mit Strafen
und lass uns ruhig schlafen.
Und unsern kranken Nachbarn auch!"
Vielen Menschen ist das Lied vertraut. Auch diese letzte Strophe. Wo mit einem Mal die Rede ist vom Nachbarn.
Genauer von „Unserm kranken Nachbarn"
Der Nachbar gehört zu mir - und ich zu ihm. Allein die Tatsache, dass er zufällig nebenan wohnt, macht ihn für mich wichtig. So wie es ihm ergeht - da hänge ich irgendwie mit drin. Weil es „mein" Nachbar ist. Weil wir Wand an Wand wohnen oder Grundstück an Grundstück, sind wir auf besondere Weise aneinander gewiesen.Deshalb bete ich für ihn.
Denn eine gute Nachbarschaft miteinander zu haben, tut allen gut.

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„Unser tägliches Brot gib uns heute" beten wir Christen im Vaterunser. Klingt einfach. Das kann ich mir vorstellen. Jeden Tag Brot haben. Das heißt: Ich habe immer zu essen.
Und dann lese ich bei Martin Luther, was er sich alles darunter vorstellt. „Unser tägliches Brot", schreibt Luther in seiner Erklärung zum Vaterunser, das ist „alles, was nottut für Leib und Leben."
Für Martin Luther ist das tägliche Brot nicht nur Essen. Er zählt es einzeln auf: Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut...
Na, bis hierher kann ich noch mit. Das sind alles handfeste Dinge. Kleidung, ein Dach über dem Kopf. Ein Auskommen haben. Ja, das gehört zu dem, was ich täglich nötig habe, -- „was nottut", wie Luther sagt.Was jeder Mensch zum Leben braucht.
Aber Luthers Liste ist noch viel länger. „Fromme Eheleute" zählt er dazu, „fromme Kinder, fromme Gehilfen". Mir fällt ein, dass das Wort „fromm" vor 500 Jahren etwas anderes bedeutet hat als heute. Es ist nahe bei dem Wort „Pflicht". Dinge tun, die lebenswichtig sind. Die Menschen tun, was ihnen aufgetragen ist, was ihnen „frommt" - wie man früher sagte. Sie handeln nicht nur nach Lust und Laune, sondern tun das, was nötig ist, sie erfüllen ihre Pflicht. Deswegen rechnet Luther auch die Regierung dazu: „fromme und treue Oberherren und eine gute Regierung", schreibt er. Auch das ist lebenswichtig - nicht nur für Christen.
Aber Luthers Liste geht noch weiter. Und jetzt überrascht er mich vollends: „Gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen." zählt Luther dazu. Er lässt nichts aus. Eben: alles, was ich zum Leben brauche. Dass selbst gute Freunde mein täglich Brot sind - ja, Herr Luther, Sie haben Recht. Darauf kann kein Mensch verzichten. Und dass das alles Dinge sind, die mir abhandenkommen können und die mir dann zum Leben fehlen, das ist wahr. Deshalb packe ich in Gedanken alles das mit hinein, wenn ich Gott darum bitte: Unser tägliches Brot gib uns heute!

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Auf der Flucht schmeckt das Brot anders als sonst. Manchmal erzählen mir Menschen von ihren Erfahrungen auf der Flucht. Von Hunger und Heimweh. Eine Frau erinnerte sich, wie köstlich ihr das erste Stück Brot geschmeckt hat, als sie endlich in Sicherheit war.
Die Bibel erzählt von einer Flucht, die mit einem ganz besonderen Brot verbunden war. In den Mosebüchern kann man lesen, wie die Zeit der Sklaverei für Israel ein Ende haben soll. Gott selbst würde sie befreien. Sie sollten nicht mehr für den Pharao schuften, denn Mose würde sie aus dem Land der Sklaverei hinausführen. In der Nacht vor dem Aufbruch sollten sie sich bereithalten. In den Vorbereitungen blieb nur wenig Zeit. Auf Sauerteig im Brot musste deshalb dieses Mal verzichtet werden. Sauerteig braucht Zeit. Er macht das Brot locker. Es schmeckt besser. Aber auf der Flucht zählen andere Dinge als leckeres Essen. Die Zeit ist knapp.
Dieses ungesäuerte Brot wird später zum Sinnbild für diese Nacht des Aufbruchs, die Nacht des Auszugs aus Ägypten. Alle waren gewiss aufgeregt, gespannt, voller Erwartung, vielleicht auch Furcht. Wer achtet da schon auf's Essen!
Es gibt in besonderen Situationen oft nur ein ganz schlichtes Essen. Und genau das wird verbunden mit der besonderen Situation. So wie die Lebkuchen auch mitten im Sommer nach Weihnachten schmecken. Und der besondere Apfelkuchen nach der guten Stube bei der Großmutter.
Und ein ganz schlichtes Brot kann köstlicher schmecken als manches opulente Gericht. Der Zwieback, den die Mutter dem kranken Kind zu essen gibt, schmeckt auch nach Fürsorge und Stärkung. Das Kind kann schmecken, dass es umsorgt wird. Diesen Geschmack wird auch der alte Mann noch erkennen und die alte Frau.
Auch heute noch - Jahrhunderte -- nach jener Flucht essen die Israeliten einmal im Jahr ungesäuertes Brot in der Erinnerung an diese besondere Nacht. Und ich stelle mir vor, dass es ganz besonders köstlich schmeckt. Es schmeckt nach Freiheit und Aufbruch und nach der Liebe Gottes.

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