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SWR4 Abendgedanken

Jeden Abend auf dem Sofa ist es das Gleiche. Mein kleiner Sohn möchte eine Geschichte hören. Zur Zeit liebt er die „Bremer Stadtmusikanten".
„Noch mal die Geschichte mit dem Esel. Und dem Hund. Und der Katze. Und dem Hahn. Alle machen Musik. Bitte vorlesen."
Und ich merke: das häufige Vorlesen hat auch sein Gutes. Immer wieder fallen mir Sachen auf, die ich vorher gar nicht bemerkt habe.
Zum Beispiel: „Etwas Besseres als den Tod findest du überall". Als der Hahn, den man angeblich nur noch für die Suppe brauchen kann, den anderen Tieren sein Leid klagt, da sagt ihm der Esel: „Etwas Besseres als den Tod findest du überall" Esel, Hund und Katze wissen schon wie das ist, wenn man nicht mehr gebraucht wird. Sie sind unterwegs, um sich eine Zukunft zu suchen. Und jetzt laden sie den Hahn ein, mitzukommen.
Und so sind sie nun zu viert unterwegs. Allein sah die Zukunft für keinen von ihnen rosig aus, aber gemeinsam schaffen sie es wieder eine Perspektive zu haben. Gemeinsam bestehen sie Abenteuer und finden ein neues Zuhause, eine Familie. Sie sind füreinander da, halten zusammen und meistern so die Krise.
Alles nur ein Märchen? Nein, bei weitem nicht. So kann es sein, wenn man zusammenhält.
„Einer trage des anderen Last" hat der Apostel Paulus lange Zeit vor den Bremer Stadtmusikanten gesagt. Aber sie haben es ganz bildlich umgesetzt. Der Esel hat den Hund auf seinen Rücken genommen und ihn getragen. Der wiederum hatte die Katze auf seinem Rücken, die ihrerseits den Hahn getragen hat.
Einer trage des anderen Last. Und auch wenn der Hahn selbst keinen mehr zu tragen hatte, so fühlte er sich getragen von der Freundschaft der anderen. Und so waren sie zusammen stark und konnten es selbst mit Räubern aufnehmen.
Und nur so geht es, wenn nicht jeder an sich denkt, sondern wenn man zusammen die Lasten trägt. Dann finde ich wirklich etwas Besseres, nämlich Hoffnung und Zuversicht.
Ich lese meinem Sohn das Märchen zu Ende. Er strahlt mich an, freut sich und sagt: „Mama, das sind Freunde. Die haben sich lieb."
Und das ist kein Märchen.

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Ich kann nicht einschlafen, wenn mich mein Gewissen quält. Ein reines Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen - so sagt der Volksmund. Und es stimmt. Mich quält es immer, wenn ich ins Bett gehe und einen Streit nicht beigelegt habe. Oder jemandem wehgetan habe ohne mich zu entschuldigen. Es gibt so vieles im Alltag, dass mein Gewissen belastet.
Und ich bin da auch nicht allein - denke ich.
„Lasst die Sonne über eurem Zorn nicht untergehen" - diesen Rat gibt deshalb die Bibel. (Eph 4,26). Und dazu habe ich von einem Mann in der Zeitung gelesen: Das ist der Satz, der mich durch 48 Ehejahre begleitet hat. Was immer sich im Laufe eines Tages zwischen uns gestellt haben mochte - vor dem Einschlafen wurde es bereinigt."
Ein schönes Verhalten, eine gute Tradition. Nichts Belastendes und Bedrückendes mitzunehmen und dann erholsam zu schlafen. Und dabei zu wissen: Wir haben uns versöhnt. Ausgesprochen. Es gibt nichts, dass uns trennt.
Und so ein Motto über 48 Ehejahre beizubehalten. Mich hat das beeindruckt. Denn es ist nicht einfach, die Sonne über dem Zorn nicht untergehen zu lassen. Mir fällt es manchmal richtig schwer, zuzugeben: ich habe etwas falsch gemacht. Und dann zu diesem Fehler zu stehen und um Verzeihung zu bitten.
Das ist wirklich nicht immer einfach. Aber das Gefühl danach, diese Freude und das Glück entschädigen für all die Mühe im Vorfeld. Und um ehrlich zu sein: Es ist doch richtig toll, morgens aufzustehen und zu wissen: der Tag beginnt gut. Gestern habe ich alles ins Reine gebracht. Nichts steht mir heute im Weg. Die Sonne geht auf, der Zorn des gestrigen Tages ist längst verraucht und vorbei. Und vor allem: Ich bin ausgeschlafen, gut gelaunt. Mein Gewissen hat mich in der Nacht nicht gezwickt und gequält.
„Lasst die Sonne über eurem Zorn nicht untergehen." Was für ein schönes Motto für ein gutes Miteinander. Ob in der Ehe oder in der Freundschaft, auf der Arbeit oder beim Sport. Ein Motto für ausgeschlafene Menschen, die zwar mal streiten, aber sich auch wieder versöhnen.
Probieren Sie es doch mal aus. Wenn nötig ist, gleich heute.

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Du schaffst es nicht! stand neulich in dicken Buchstaben als Überschrift in meiner Wochenzeitung. Ein Mann, heute Akademiker, hat in dem Artikel erzählt wie es ihm vor 25 Jahren gegangen ist. Er war ein sogenanntes Arbeiterkind und aufgrund dieser Herkunft trauten ihm die Lehrer nicht zu, das Gymnasium zu besuchen, das Abitur zu machen und eventuell sogar zu studieren. Ganz nach dem Motto: Sag mir, wer deine Eltern sind und ich sage dir, was du kannst und was du vor allem nicht schaffen wirst.
Und ich merke, auch mein Denken und mein Handeln wird manches Mal von solchen Vorurteilen bestimmt.
Dabei stimmt es nicht, dass es Menschen gibt, die nichts können. In der Bibel erzählt Jesus dazu folgende Geschichte: Ein Mann hatte drei Diener und als er lange verreisen wollte, hat er die drei zu sich gerufen und ihnen sein Vermögen anvertraut. Dem einen hat er fünf Talente gegeben, dem anderen drei und dem dritten ein Talent. Dann ist er verreist. Die beiden ersten Diener haben ihre Talente gut angelegt und so verdoppelt, der dritte aber hat sein Talent vergraben aus Angst, er könnte etwas falsch machen. Irgendwann ist dann der Herr zurückgekommen. Da konnten zwei Diener zeigen, dass sie etwas aus den Talenten gemacht hatten. Der dritte Diener aber, der sein Talent versteckt hatte, wurde dafür bestraft.
Ich verstehe diese Geschichte so: Jeder hat Talente, die einen vielleicht mehr, die anderen vielleicht weniger. Aber zumindest eine Sache kann jeder gut. Und die muss man sich auch zutrauen. Einfach so sein Talent vergraben, es verstecken, das macht nicht glücklich. Wenn Gott alle Menschen begabt hat, dann können wir auch etwas daraus machen.
Aber oft geht das nur, wenn jemand mir das auch zutraut. Und mir sagt: Du schaffst das! Gott traut dir das zu. Und es liegt an mir, auch anderen etwas zuzutrauen. Egal, was vorher schief gelaufen ist, egal, woher jemand kommt, welchen Beruf oder wie viel Geld die Eltern haben. Du schaffst das! Und ich nehme mir vor, das öfter mal genauso zu sagen: Damit jeder es hören kann, der es braucht. Ja, du schaffst das!

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Ach, Frau Pfarrerin, ich käme ja auch öfter in die Kirche, wenn es da mal etwas zu lachen gäbe - das hat mir vor kurzem ein älterer Mann gesagt. Und er hat mich zum Nachdenken gebracht. Warum ist das eigentlich so, dass in der Kirche so selten gelacht wird? Eigentlich doch unverständlich.
Schließlich geht es doch um das Evangelium, das heißt auf deutsch die frohe Botschaft, die frohmachende Botschaft.
Die Kritik des alten Herrn hat mich lange beschäftigt. Und so wirklich habe ich keine Antwort darauf gefunden. Aber ich muss sagen: Ich lese die biblischen Geschichten nun anders. Und stelle fest: So viele biblische Geschichten handeln von der Freude. An Weihnachten zum Beispiel: Da kommt der Engel Gottes zu den Hirten und sagt: Ich verkündige euch große Freude!
Er sagt nicht: Achtung, aufgepasst. Da ist etwas Sensationelles passiert, ganz spannend, lohnt sich zu gucken. Nein, er sagt: ich verkündige euch große Freude!
Und da werden die Hirten aufmerksam: Freude! Die fehlt nämlich in ihrem Alltag. Deshalb werden sie neugierig. Da ist also etwas passiert, das froh macht, glücklich macht. Und genau das ist es, was die Hirten brauchen: Mal Freude zu erleben, Glück zu erfahren. Gerade in ihrer Situation als Hirten, als Außenseiter der Gesellschaft, als Isolierte, die keiner ernst nimmt und keiner zu sich einlädt.
Gott will ihnen Freude schenken. Und die Hirten lassen sich beschenken. Sie machen sich auf den Weg, um die große Freude zu finden und in ihr Leben zu lassen.
Sich freuen ist gesund. Das verändert die Sichtweise, weil man sich selbst und seine Sorgen nicht mehr so wichtig nimmt. Wenn man etwas hat, worüber man sich freuen kann: dann wiegt das andere nicht mehr so schwer. Freude tut etwas und sie ist ansteckend. Positiv ansteckend.
Sich freuen ist etwas Schönes. Und Freude gibt es auch im Gottesdienst. Denn auch uns ruft heute noch der Engel zu: Siehe ich verkündige euch große Freude. Was für ein Geschenk!

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Karneval bringt mich immer in die Zwickmühle. Einerseits erinnern mich diese närrischen Tage immer an meine Kindheit. Ach war das schön. Ich habe mich verkleidet. Nicht einfach so. Im Vorhinein habe ich mir Gedanken gemacht: Wer oder was bin ich denn dieses Jahr? Prinzessin oder Clown? Vielleicht sogar Cowboy, obwohl das nur für Jungs ist?
Und dann bin ich verkleidet voller Freude auf dem Faschingswagen mitgefahren. Ich war einfach mal jemand anderes: ich war dann mal Prinzessin, ganz grazil und vornehm, schick und elegant. Oder Cowboy: draufgängerisch und laut, mit einer Knallpistole am Gürtel.
Heute kann ich mit vielem am Karneval nichts mehr anfangen und manches, was ich so zu sehen und zu hören bekomme, ist mir wirklich peinlich.
Aber das Verkleiden und das ich mal in eine andere Rolle schlüpfen kann, genau das zieht mich heute noch an.
Dann bin ich mal nicht so wie ich immer bin: die seriöse Pfarrerin, die ernsthaft sein soll, aber gerne lacht, dann bin ich mal nicht die, die immer zuhört, sondern die, die auch mal laut ist und dummes Zeug macht. Und vor allem: In der Fasnacht muss ich mich auch nicht dafür schämen, wenn ich aus der Rolle falle. Heute ist es ja normal, nicht normal zu sein.
Und das ist ja die eigentliche Zwickmühle: Ganz klar zu bekommen, wer ich eigentlich bin. Auszuprobieren, mal anders zu sein. Mich nicht so zu verhalten, wie andere es erwarten. Erstmal nur so zur Probe.
Karneval gibt mir die Möglichkeit, eben mal anders zu sein. Mal die zu sein, die ich vielleicht gerne wäre. Und wenn ich dann merke: Das ist es doch nicht. Dann ist es nicht schlimm. Es ist ja Karneval. Da darf man anders sein.
Gott sei Dank. Denn Gott kennt mich. In Psalm 139 heißt es: „Herr, du erforscht mich und kennst mich." Manchmal muss ich noch herausfinden, wer ich bin. Aber Gott weiß es, denn er kennt mich. Und er begleitet mich, wenn ich mich ausprobiere. Auch am Karneval.

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