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SWR4 Abendgedanken

Totensonntag sagen die einen, Ewigkeitssonntag die anderen. Übermorgen ist es wieder soweit. Totensonntag oder Ewigkeitssonntag - wie würden Sie sagen?
Als ich selbst betroffen war und im Gottesdienst saß und selbst einen lieben Menschen verloren hatte: Da merkte ich plötzlich, warum es der Totensonntag ist. Als all die Namen der Verstorbenen vorgelesen wurden, da wurde mir die Vergänglichkeit des Lebens ganz deutlich. Und als dann sein Name genannt wurde, da wurde der Kloß im Hals immer dicker und die Tränen haben mir sofort wieder in den Augen gestanden. Das ist Totensonntag: zu merken, dass das Leben Abschied bedeutet. Und das das nicht einfach ist, sondern weh tut. Aber mich hat es auch getröstet, dass ich mit meinen Gefühlen und mit meiner Trauer nicht alleine war. Dass es anderen Menschen auch so gegangen ist wie mir.
Und dann wurde im Gottesdienst ein Abschnitt aus der Offenbarung des Johannes vorgelesen. Da wird beschrieben, wie es denn mal sein kann, wenn das Leben zu Ende ist: Gott wird jede Träne abwischen von ihren Augen. Es wird keinen Tod und keine Trauer mehr geben, kein Klagegeschrei und keinen Schmerz. Denn was früher war, ist vergangen."
Dieser Abschied ist nicht für immer. Dieser Gedanke hat mir Mut gemacht, gerade weil der Abschied so wehgetan hat. Vielleicht sind wir in der Ewigkeit wirklich wieder mit all denen zusammen, mit denen wir hier unser Leben verbracht haben. Und die uns verlassen haben, deren Fehlen uns so weh tut. Vielleicht treffen wir alle wieder, die wir geliebt haben und auch die, die wir nicht mochten. Daran zu glauben, darauf zu hoffen, das hat mir die Trauer leichter gemacht. Und so habe ich gemerkt: Totensonntag und Ewigkeitssonntag gehören zusammen. Weil Tod und Ewigkeit zusammen gehören. An meinem persönlichen Totensonntag hat mich die Hoffnung auf die Ewigkeit getröstet. In all meiner Trauer habe ich wieder nach vorne geschaut und mich dankbar an all die schönen Momente mit meinem Verstorbenen erinnert.

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„Und dann haben wir alle zusammen ein Bier getrunken", hat mir der Mann erzählt. Wir haben zusammen in seiner Küche gesessen und über seine Frau gesprochen. Ich war als Pfarrerin zum Trauergespräch bei ihm. Seine Frau war am Tag vorher gestorben. „Es war eine schöne Zeit, die wir zusammen hatten", hat der Mann gesagt. „Freud und Leid haben wir miteinander geteilt. Und als dann im Frühjahr die schreckliche Diagnose kam, da brach für uns erst einmal die Welt zusammen. Es war klar, dass sie sterben musste. Die Krankheit war viel zu weit fortgeschritten, keine Therapie konnte sie mehr retten. Deswegen habe ich mich dann auch vor wenigen Wochen entschlossen, sie nach Hause zu holen. Wenn sie schon sterben sollte, dann bei mir, bei uns zuhause. Dort, wo sie sich wohlgefühlt hat, in dem Zimmer, das sie eingerichtet hat. Wir haben ihr Krankenbett ins Wohnzimmer gestellt. Mit Blick aus dem Fenster. So wie sie es gerne hatte. Und so war sie immer bei mir."
Der Mann musste jetzt doch mit den Tränen kämpfen. Und dann hat er weiter erzählt. „Und in diesem Wohnzimmer, also hier nebenan, ist sie dann gestern Abend gestorben. Ich habe ihr die ganze Zeit die Hand gehalten, sie gestreichelt und ihr gesagt, dass sie gehen darf. Leicht ist mir das nicht gefallen. Aber sie sollte nicht kämpfen müssen. - Und dann, als sie tot war, da habe ich den Rest der Familie angerufen, die Nachbarn informiert und wir haben uns alle noch einmal an ihrem Bett versammelt. Wir haben Abschied genommen. Und dann haben wir uns im Wohnzimmer hingesetzt und haben alle zusammen ein Bier getrunken. Und meine Frau war dabei. Sie hatte immer gerne Gesellschaft und warum sollte sie die nicht auch noch nach dem Tod haben?"
Später habe ich gemerkt, dass mich genau das so beeindruckt hat: dass die Frau zuhause sterben durfte und dann noch zuhause bleiben - nicht allein, sondern bei denen, mit denen sie auch im Leben gern zusammen war.
Als Christin glaube ich: Dieses Leben hier gibt uns einen Vorgeschmack auf die Gemeinschaft bei Gott die noch kommen wird. Und genau daran hat mich das gemeinsame Bier am Totenbett erinnert.

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Ich hoffe, Sie hatten heute einen schönen Tag!
Heute ist Buß und Bettag - das steht noch immer in den Kalendern, auch wenn es längst kein arbeitsfreier Tag mehr ist. Aber dieser Eintrag im Kalender erinnert mich: Heute ist ein schöner Tag. Ein Tag, an dem ich aufhören kann mit Rechthaben und Rechthaben-Wollen. Ein Tag, an dem ich aufhören kann, in die falsche Richtung zu gehen. Ein Tag, an dem ich anfangen kann, es besser zu machen. Denn genau genommen heißt das Buße: Das ich aufhören kann, in die falsche Richtung zu gehen und dass ich umkehren und neu anfangen darf.
Aber dafür ist ein Tag im Jahr doch zu wenig, sagen Sie? Da haben Sie natürlich recht.
Es ist gut, sich jeden Tag Gedanken über sein Verhalten zu machen. Und das mache ich auch. Gerade abends lasse ich meinen Tag Revue passieren und überlege, warum ich mich wann und wo auf welche Art verhalten habe.
Wie gut das tut, daran erinnert mich dieser eine feste Tag im Jahr. Mir gefällt am Buß- und Bettag, dass ich heute nicht allein meine Schuld bekennen muss, sondern dass ich dabei Gemeinschaft habe. Mit vielen anderen kann ich im Gottesdienst vor Gott bringen, wo ich auf einem falschem Weg bin.
Was dann passiert, hat Jesus in einer seiner berühmtesten Geschichten so erzählt:
Da ist ein Mann, hat er gesagt, der zwei Söhne hat. Einer davon lässt sich sein Erbteil auszahlen und zieht damit in die Welt. Er bringt sein Geld durch mit Alkohol und Frauen. Völlig verarmt und am Boden zerstört, beschließt er nach Hause zurückzukehren. Er will seinen Vater um Verzeihung bitten und zu ihm sagen: Vater, ich habe Schuld auf mich geladen - vor Gott und vor dir. Ich bin es nicht mehr wert, dein Sohn genannt zu werden. Und so macht er es dann auch. Und völlig gegen seine Erwartung läuft sein Vater ihm entgegen, nimmt ihn wieder auf, feiert ein Fest mit ihm und stattet ihn neu aus. So kann er neu anfangen und versuchen, es besser zu machen.
So ist Gott, hat Jesus gesagt. Und ich glaube: Genauso macht es Gott mit uns allen, nicht nur am Buß- und Bettag, sondern auch an allen weiteren kleinen persönlichen Bußtagen.
Daran erinnert dieser Tag jedes Jahr im November. Was für ein schöner Tag das ist.

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Ich gehe gerne über Friedhöfe. Das klingt vielleicht etwas seltsam, aber es stimmt. Nicht nur in den sonnigen Monaten, wenn es dort grünt und blüht, sondern auch in den grauen Novembertagen. Dann schaue ich mir die Gräber an.
Gräber sind so unterschiedlich. Und erst die Grabsteine! Da entdecke ich ganz verschiedene Formen und Materialen. Hier einen verwilderten, bemosten Sandstein, da eine polierte Marmorplatte, da ist ein Foto der Verstorbenen angebracht und da ein Kreuz eingemeißelt. Alles ganz verschieden und individuell. Doch eines haben alle gemeinsam: auf jedem Grabstein finde ich einen Namen. Den Namen dessen, der dort bestattet wurde und manchmal auch die Namen von Menschen, die im Krieg vermisst wurden, deren Grab man nicht kennt. Aber die Namen sind da. Und ich erfahre so einiges über den Mann, der gar nicht alt wurde, wie ich dem Geburtsdatum und dem Sterbedatum entnehmen kann. Und manchmal ist sogar der Beruf genannt oder dem Busfahrer wurde ein Bus auf den Grabstein gemeißelt.
Ich gehe durch die Reihen und in Gedanken stelle ich mir das Leben der Menschen vor. So viele Namen, so viele Lebensgeschichten. Und alles ist auf dem Friedhof zu finden. Und auch wenn die Buchstaben auf den Gräbern verwittern, die Namen bleiben und mit ihnen die Erinnerungen an die Verstorbenen, an ihr Leben. Nichts davon geht verloren. Die Namen bleiben und mit ihnen das Leben. Was mit einem Namen verbunden ist, bleibt. „Freut euch, dass eure Namen im Himmel geschrieben sind", hat Jesus einmal gesagt. Ja, hier auf dem Friedhof sind die Namen auf die Grabsteine geschrieben, hier sind sie vielleicht vergänglich. Aber unvergänglich sind sie bei Gott. Bei ihm ist niemand vergessen. Und auch wenn irgendwann der Grabstein verwittert, das Grab aufgegeben wird, im Himmel ist der Name der Menschen für immer aufgeschrieben.
Bei Gott ist niemand vergessen. Er kennt jeden mit Namen. Vielleicht gehe ich genau deswegen so gerne über Friedhöfe, weil mir dann immer wieder klar wird: Jedes Leben ist einzigartig. Jeder Mensch hat einen Namen. Und dieser Name bleibt in Ewigkeit.

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„Und jetzt tanzen!", hat der kleine Junge gesagt, ist vom Stuhl herunter geklettert und hat sich im Kreis gedreht. Zur Orgelmusik. Bei der Beerdigung seiner Uroma. Da hat er getanzt vor der Urne und den vielen Kränzen. Der Rest seiner Familie hat mit Taschentüchern in den Händen steif auf den Stühlen gesessen.
Zuerst habe ich sein Verhalten befremdlich gefunden. So verhält man sich doch nicht auf einer Beerdigung. Da wird geweint und geschluchzt, aber definitiv nicht getanzt. So ist es unsere Tradition. Alle sind schwarz gekleidet. Das gibt der Trauer auch ein Aussehen. Irgendwie geht man anders, spricht anders. Man verhält sich eben dem Anlass entsprechend.
So haben meine Eltern es mir beigebracht. Und so erlebe ich es als Pfarrerin auf vielen Beerdigungen.
„Und jetzt tanzen!" Der kleine Junge hat diese Tradition nicht gekannt. Wie auch? Und woher auch? Schließlich war dies seine erste Beerdigung und er war auch gerade mal zwei Jahre alt. Für ihn war Musik etwas Schönes, etwas wozu man tanzt. Und da ist der Anlass egal.
Mich hat diese Begegnung nachdenklich gemacht. War das wirklich so falsch? Darf man auf einer Beerdigung nicht doch auch Freude empfinden?
„In dir ist Freude, in allem Leide, o du süßer Jesu Christ" so heißt es in einem Kirchenlied. Freud und Leid gehören also zusammen. Gewiss, es ist schlimm, einen lieben Menschen zu verlieren. Das tut weh und macht einen traurig.
Aber da ist doch auch die Hoffnung, dass die Freude und das Leben stärker sind als der Tod. Denn wenn Jesus Christus von den Toten auferstanden ist, dann gibt es eine Hoffnung über den Tod hinaus. Gott selbst erwartet uns. Dann wird es Tränen und Leid und Kummer nicht mehr geben. Wie das sein wird, weiß ich auch nicht genau. Aber die Vorstellung, dass mit dem Tod nicht alles aus ist, tröstet mich. Macht mir Mut und schenkt mir Freude am Leben.
Der kleine Junge hat meinen Glauben eigentlich genau richtig verstanden bei seiner Tanzeinlage. Er hat das ausgedrückt, was ich glaube. Nämlich, dass Gott mehr Leben für mich hat als dieses Irdische. Wenn das mal kein Grund zur Freude ist. „Und jetzt tanzen!"

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