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SWR4 Abendgedanken

Ihre Namen sind lustig und phantasiereich. Sie heißen Dr. Johannis Kraut, Dr. Rundkragen oder Dr. Schlamassel. Es sind Clowns, Menschen, die andere Menschen zum Lachen bringen. Dort, wo es sonst wenig zu lachen gibt. Sie sind Clowndoktoren und erleichtern den kleinen Patienten auf den Kinderstationen den Alltag. Oft im weißen Kittel, wie die richtigen Ärzte, aber ohne Spritze und Stethoskop und mit roter Nase im Gesicht. Mit ihrer Herzlichkeit und ihrem Humor bereiten sie den Kindern ein wenig Freude in einer fremden und auch bedrohlichen Umgebung. Ihre Späße sind nicht oberflächlich. Sie geben den Kindern und auch den Eltern Lebensfreude und Lebensmut. Sie erinnern an das alte Wort von Hippokrates: Lachen ist die beste Medizin. Dieses Wort gilt noch heute. Clowns helfen uns zu lachen. Die Clowndoktoren helfen den kranken Kindern zu lachen. Sie helfen zu lachen, wenn es scheinbar nichts mehr zu lachen gibt. Sie helfen zu lachen. Nicht über andere, mehr über uns selber. Es geht nicht um einen lustigen Auftritt, um eine Nummer. Um Comedy. Es geht um das Hinhören auf das Leben der Menschen. Lachen, ja schon ein Lächeln hat tiefe Auswirkungen auf unser Befinden. Wenn sich die Mundwinkel heben, wird die Seele positiv beeinflusst. In einem Psalm heißt es: „Als der Herr das Los der Gefangenschaft Zions wendete, da waren wir alle wie Träumende. Da war unser Mund voll Lachen." (Ps 126;1-2a) So soll es sein. Lachen befreit. Wer lacht, nimmt das Leben nicht so bierernst und nimmt sich selbst nicht so wichtig. Lachen ist das Bekenntnis, dass wir Menschen sind. Das Lachen lässt uns Menschen menschlich bleiben.

 

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Heute vor 50 Jahren hat Papst Johannes XXIII. das 2. Vatikanische Konzil eröffnet. Nicht nur die Katholiken schauten an diesem Tag aufmerksam nach Rom. Auch die Christinnen und Christen der anderen Kirchen blickten gespannt auf das Konzil, das vom Bischof von Rom mit dem Wort „aggiornamento" angekündigt wurde. Aggiornamento - frei übersetzt: eine Öffnung hin zum Heute. Dieses Konzil suchte die alten Bilder der Kirche neu zu entdecken. Kirche als Communio, als Gemeinschaft; Kirche als pilgerndes Gottesvolk. „Sein wandernd Volk will leiten, der Herr in dieser Zeit; ...",  so sangen die Christen nach dem Konzil. Der Chor des Gottesvolkes auf dem Weg wurde schon während des Konzils vielstimmig. Die anderen christlichen Kirchen waren als Beobachter in der Konzilsaula vertreten. Die Ökumene hatte einen festen Platz in den Gesprächen und Beschlüssen bekommen. Die römische Kirche trat mit dem Konzil offiziell in die ökumenische Bewegung ein. Das Schlussdokument zur Ökumene ermutigt bis heute zu einer Ökumene auf Augenhöhe. Ist es doch das erste offizielle Wort aus dem Vatikan zugunsten des ökumenischen Dialogs. Ich gehöre nicht zur römisch-katholischen Schwesterkirche, aber erinnere heute gerne an diesen denkwürdigen 11. Oktober 1962 in Rom. Ich erinnere gerne an diesen mutigen, kleinen und korpulenten Papst Johannes. Sein Mut und seine Weitsicht helfen uns bis heute als Christinnen und Christen aufeinander zuzugehen. Getrennt in Konfessionen, aber durch die eine Taufe verbunden als das eine Gottesvolk unterwegs.

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„Auch der schönste Sommer will einmal Herbst und Welke spüren." So schreibt Hermann Hesse in einem seiner Gedichte. Das Alter bezeichnen wir gerne als den Herbst des Lebens. Das Alter ist oft beides: ein herrlicher Altweibersommer, ein goldener Oktober und kräftige Herbststürme mit nasskaltem Regenwetter. Das Alter hat viele Gesichter. Aktive, fröhliche Senioren, die bewusst, aktiv und engagiert leben; die reisen, vielleicht noch mal studieren, nordic walkend durch die Parkanlagen ziehen, sich noch mal verlieben, mit Enkelkindern ausgelassen im Garten spielen. Das sind die schönen Seiten des Altwerdens. Der goldene Oktober. Und es gibt die andere Seite. Wenn Menschen nicht mehr so können, wie sie wollen; die Kräfte nachlassen, die Einsamkeit kommt, weil der Partner, die Freundinnen und die Angehörigen längst verstorben sind. Wenn nichts so bleibt, wie es mal war. Wenn das Gedächtnis nachlässt und für viele die Reise ins Vergessen beginnt. Wenn der eigene Tod immer mehr in den Blick gerät. Diese Menschen spüren dann den Herbst des Lebens wie Stürme und nasskaltes Regenwetter. Die Bibel ist da realistisch. Sie erzählt und singt vom Leben in den Psalmen: „Von Jahr zu Jahr säst du die Menschen aus, sie gleichen dem sprossenden Gras. Am Morgen grünt es und blüht, am Abend wird es geschnitten und welkt." (Ps 90,5-6). Unerfüllte Wünsche, verschenkte Möglichkeiten, Leid und Krankheit in Gottes Hände zu legen, dazu lädt der Herbst des Lebens ein. Die letzten goldenen Sonnenstrahlen zu genießen, Rückschau zu halten auf den Frühling des Lebens und die schönen Sommertage; die Ernte zu genießen. Und sich dann eines Tages vom Wind nach Hause, zu Gott, wehen zu lassen.

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Jeden Morgen gehe ich zuerst ins Bad und stehe vor dem Spiegel. Verschlafen, unordentlich, zerzaust sehe ich mein Gesicht. Mein eigenes Gesicht. Es ist das erste, was ich vom neuen Tag sehe. Mein Gesicht im Spiegel. Ich schaue es an und denke: Ich kenne dich nicht, aber ich wasche dich trotzdem. Manchmal gelingt es mir in Ruhe mir selber zu sagen: Dieser Mensch, den ich da sehe, ist ein von Gott geliebter und bejahter Mensch. Ich höre dann auch meine eigene Frage in mir: Was ist an mir schon liebenswert? Ich bin noch nicht in Hochform. Ich bin noch nicht gewaschen, nicht gestylt und nicht gepflegt. Ich habe noch nichts geleistet an diesem neuen Tag. Ich habe noch längst keinen Grund, mit mir zufrieden zu sein. Mich an mir selber zu erfreuen. „Doch dann fällt mir Psalm 8 ein, mein Lieblingspsalm: Was ist der Mensch, dass du an ihn denkst, ..., dass du dich seiner annimmst? Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, hast ihn mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt." (Ps 8,5-6) Dann wird mir bewusst: Gott liebt mich. So wie ich bin. Er hat mich mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt. Ich schaue in den Spiegel und erfreue mich an diesem Gedanken. Noch ungewaschen und ungepflegt. Und dann kann ich auch sagen: Ja, diesen Menschen, den ich da sehe, liebe ich auch. Ich lächle mein eigenes Gesicht an. Weil Gott Ja sagt zu mir, sage ich auch Ja zu mir und zu diesem neuen Tag: Mein Morgengebet. Man kann sich natürlich auch am Abend vor den Spiegel stellen. Denn das JA Gottes ist an keine Tageszeit gebunden.

 

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„Von einem bestimmten Alter an ist jeder Mensch für sein Gesicht verantwortlich." Ein Wort von Albert Camus. Ich denke, er meint: Kein Körperteil steht so im Mittelpunkt wie das Gesicht. Das Gesicht ist Spiegel der Seele. Es gibt etwas von meinem Leben preis. Mit der Zeit wandelt sich unser Gesicht.  Nichts anhaben konnte die Zeit dem Gesicht eines jungen Bergmanns, der kurz vor seiner Hochzeit unter Tage tödlich verunglückte. Seine Leiche wird erst Jahrzehnte später aus Schutt und Wasser ausgegraben. Das eisenhaltige Wasser hat seinen Körper durchtränkt. Seine Gesichtszüge blieben erhalten. Der Tote wird zutage gefördert, aber niemand kann sich an ihn erinnern. Seine Angehörige und Freunde sind längst verstorben. Schließlich kommt zitternd und gebeugt auf ihrem Stock eine alte Frau herbei. Sogleich erkennt sie in dem Toten ihren früheren Bräutigam. Vor mehr als 50 Jahren war er einige Tage vor der Hochzeit im Bergwerk verschüttet worden.
* Die Geschichte erinnert an einen Film, der um ein Vielfaches zu schnell läuft. Unsere Erfahrung: Die Zeit hinterlässt Spuren in unseren Gesichtern. Nur in leblosem, konserviertem Zustand kann ein Mensch sein Gesicht wahren, wie in der anrührenden Geschichte. Ein lebendiges Gesicht erzählt vom Leben, gibt Einblicke ins Leben, ist gezeichnet vom Leben. Die Spuren der Zeit im Gesicht eines Menschen sind wie ein Ausweis all dessen, was dieser Mensch erlebt hat. Dass er sich gefreut hat am Leben, das er gelitten hat in seinem Leben. Und jeder Gesichtszug, jede Falte sagt: Ich lebe. Ich bin auf dem Weg durch die Zeit.  

 

 

 

* Geschichte von Johann Peter Hebel

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