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SWR4 Abendgedanken

Heute war der letzte vollständige Sommertag - zumindest kalendarisch gesehen. Morgen - genau um 16:49 h beginnt der Herbst. Dann steht die Sonne senkrecht über dem Äquator und macht sich auf in Richtung südliche Erdhalbkugel. Die bekommen dann den Frühling und den Sommer und bei uns beginnt dann der Herbst und bald danach kommt der Winter.
Ein klein bisschen traurig macht mich das schon. Ich weiß zwar, dass es auch im Herbst noch ein Paar schöne Sonnentage geben kann - der berühmte Altweibersommer - aber im Großen und Ganzen steht fest: Die Sonnenstunden werden weniger und vor allem die Nächte sind jetzt länger als die Tage.
Aber das muss mich eigentlich nicht traurig machen. Zum einen hat die dunklere Jahreszeit auch ihre schönen Seiten: In der warmen Stube sitzen, wenn es draußen stürmt und schneit. Kerzen anzünden, Glühwein trinken, Bratapfel essen, den Heiligen Martin, Advent, Nikolaus und Weihnachten feiern. All das gehört für mich in die dunklere, in die kalte Jahreszeit. Und auf all diese Dinge freue ich mich schon. Und zum andern, wenn es mir trotz Kerzen und Glühwein zu kalt und dunkel wird, habe ich ja immer noch meine Erinnerungen an den Sommer. Ich kann mich erinnern: An das Sitzen im Biergarten im Schatten der Kastanienbäume; an die Gespräche mit Freunden auf der Terrasse bis tief in die Nacht oder an das fröhliche Kreischen der Kinder auf dem Wasserspielplatz in der Hitze eines Sommertages. Sich erinnern können ist eine wunderbare menschliche Fähigkeit. Ich muss mir nur ein wenig Zeit nehmen, um im Album meiner inneren Bilder ein wenig hin- und herzublättern. Dann kann es passieren, dass es mir auch mitten im kalten Winter warm ums Herz wird.

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Wenn es regnet und gleichzeitig die Sonne scheint, taucht er auf: Der Regenbogen. Für mich ist er mehr als ein Naturschauspiel. Das liegt an einer der schönsten Geschichten der Bibel, der Noah-Geschichte. Sie ist eine uralte Erzählung. Von einer Sintflut wird erzählt, einem großen Hochwasser und dass Gott damit die Menschen wegen ihrer Schlechtigkeit vernichten will. Gott rettet aber einen, den Noah und mit ihm die ganze Schöpfung, damit es weitergeht auf dieser Erde. Und nach der Rettung schließt Gott einen Bund mit dem Menschen. Er macht mit ihm einen Vertrag. Gott bindet sich an den Menschen und macht dabei eine ganz wunderbare Zusage: „Ich will künftig nicht mehr alles Lebendige vernichten, wie ich es getan habe. Solange die Erde besteht, sollen nicht aufhören Aussaat und Ernte, Kälte und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht." (Gen 8,21bf) Das verspricht er dem Noah. Und das Zeichen für diese Zusage ist der Regenbogen. „Balle ich Wolken über der Erde zusammen und erscheint der Bogen in den Wolken, dann gedenke ich des Bundes, der besteht zwischen mir und euch.", so der Originalton Gottes. (Gen 9,14). Und deshalb ist der Regenbogen für mich mehr als ein Naturschauspiel. Wenn er erscheint, sag ich mir immer: Gott erinnert sich an seinen Bund mit uns. Er will die Erde nicht vernichten, auch wenn es donnert und kracht, die Erde bebt und Tornados übers Land jagen. Gottes Zusage gilt: „Es sollen nicht aufhören Aussaat und Ernte, Kälte und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht." Eine Zusage, die Hoffnung macht und Mut gibt.

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Der Mensch ist die Krone der Schöpfung. So haben wir's gelernt und so verkünden wir es weiter. Begründen können wir dies nicht nur mit der Evolutionstheorie, die den Menschen als Produkt einer Entwicklung von Millionen von Jahren sieht, sondern auch mit der Bibel. Denn dort steht gleich zu Anfang der Schöpfungsbericht, mit dem Sieben-Tage-Schema. Wenn man so will, eine Art biblische Kurzzeitevolution. Gott schuf die Welt in 7 Tagen, heißt es da. Zuerst schuf er das Licht, dann den Himmel, die Erde, die Pflanzen, Sonne Mond und Sterne, Vögel, Fische, Tiere und zum Schluss den Menschen. Und weil die Krönung des Ganzen immer zum Schluss kommt, ist der Mensch die Krone der Schöpfung, so einfach ist das.
Aber ganz so einfach ist das eben doch nicht. Der Mensch wurde nämlich nicht am 7. Tag geschaffen, sondern bereits am sechsten. Übrigens in der Bibel gemeinsam mit dem Vieh, dem Gewürm und dem Wild des Feldes, mit denen müssen wir uns die Krone also schon mal teilen. Aber die Krone kommt ja zum Schluss, am siebten Tag. Und was macht Gott da? Am siebten Tag macht Gott ganz einfach Pause. Er ruht, er schafft nichts. Er setzt sich hin und betrachtet in aller Ruhe, was er getan hat und damit vollendet er sein Werk, setzt ihm die Krone auf.
Ein verrückter Gedanke: Die Krone der Schöpfung ist das Nichtstun. Nicht die aktive Arbeit, das Produzieren, das Engagieren ist der Höhepunkt, sondern Ausruhen, Betrachten, Nichtstun. Nur im ersten Moment ist dieser Gedanke verrückt. Konsequent durchdacht kann er vor Vielem schützen: Vor Stress, Hektik, Herzinfarkt, piependen Handys, Überproduktion und Ausbeutung der Umwelt. Die Krone der Schöpfung ist die Pause - ein sympathischer Gedanke.

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33 Meter lang ist sie und ein besonderer Ort der Gemeinschaft: Die lange Tafel vor dem Schloss in Koblenz. Für die Bundesgartenschau im letzten Jahr wurde sie errichtet. Sie ist eigentlich nur ein robuster langer Tisch um den herum ganz viele Stühle stehen. So gesehen eine ganz einfache Sache. Aber oft ist das Einfache ja auch das Geniale. Denn die lange Tafel vor dem Schloss ist eine permanente Einladung, sich gemeinsam an einen Tisch zu setzen: Zu essen, zu trinken und miteinander ins Gespräch zu kommen. Und viele Menschen haben die Einladung auch in diesem Sommer - genauso wie zu Zeiten der BUGA im letzten Jahr - angenommen: Familien, Freundeskreise, Nachbarschaften, Vereine. Man trifft sich an der langen Tafel. Manchmal sind die Treffen sehr spontan, andere haben einen festen Termin. Ich zum Beispiel weiß, dass ich jeden ersten Freitag im Monat dort einige Freunde und Bekannte aus unserm Stadtteil treffen kann. Nur so: ohne Programm, ohne Tagesordnung, ohne Absprachen, ohne Verpflichtungen. Jeder bringt etwas zum Essen und zum Trinken mit. Und schon ergibt sich ein reich gedeckter Tisch für alle. Teller, Glas und Besteck sollte man natürlich nicht vergessen. Aber selbst wenn, ist das kein Problem. Es gibt immer gute Geister, die oft mehrere Teller, Gläser und Besteck mitbringen. Damit auch die, die das mal wieder vergessen haben oder einfach spontan vorbeikommen, mitessen und mittrinken können. Es wird viel geredet an einem solchen Abend. Meist belanglose Dinge aber manchmal ergeben sich auch ernsthaftere Gespräche. Wie es eben gerade kommt. Von Jesus wird erzählt, dass er sich oft mit den Menschen zum Essen und Trinken getroffen hat. Ich stelle mir das so ähnlich vor wie unsere Treffen an der langen Tafel: Kein Programm, keine Tagesordnung und es wird auch kein Protokoll geschrieben. Einfach nur miteinander essen, trinken, reden, Gemeinschaft erfahren und merken: Ich bin nicht allein. Das Leben kann so einfach sein, man muss sich eben nur des Öfteren gemeinsam an einen Tisch setzen. Er muss ja nicht gleich 33 Meter lang sein.

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Rosch ha-Shana tov - ein gutes neues Jahr 5773, das wünsche ich heute Abend unseren jüdischen Mitbürgern. Denn sie feiern Rosch ha-Shana, das jüdische Neujahrsfest. Und da das Judentum ein bisschen älter ist als das Christentum sind sie schon im Jahr 5773.
Heute ist aber auch ein Gedenktag, der an ein hässliches Ereignis in der jüngeren deutschen Geschichte erinnert. Vor 21 Jahren, am 17. September 1991, begannen die rassistischen Ausschreitungen in der sächsischen Stadt Hoyerswerda. Unter der Parole „Deutschland den Deutschen und Ausländer raus!", attackierten hunderte von Neonazis ausländische Vertragsarbeiter und Asylbewerber. Tageland hatten die Nazis die Macht in Hoyerswerda, die Polizei wurde der Sache nicht Herr und die Bürger schauten zu. Es war der Beginn einer ganzen Reihe von ausländerfeindlichen Ausschreitungen in dem noch jungen wiedervereinigten Deutschland. Im Vergleich zu 1991 ist es heute zwar ruhiger geworden, aber immer wieder flackert sie auf: Die rechtsradikale Hetze gegen Ausländer, Juden und allgemein gegen alles Fremde. Dahinter steckt die Angst vor Menschen, die anders sind: Die eine andere Hautfarbe, eine andere Religion, eine andere Lebensweise oder andere politische Überzeugungen haben. Das Andere, das Fremde wird nicht als Bereicherung sondern als Bedrohung gesehen. Schade, denn mit dieser Einstellung kann man die Buntheit und Vielfalt dieser Welt gar nicht erleben. Ich möchte heute Abend ganz bewusst an all die Fremden denken, denen ich in meinem Leben begegnet bin, die mein Leben bereichert und bunt gemacht haben. Und ich möchte Gott danken, dass er uns nicht alle gleich gemacht hat. Dass es schwarze, gelbe, rote und weiße Menschen gibt; dass es Menschen gibt, die mit Stäbchen essen und welche, die dafür eine Gabel brauchen. Dass es Menschen gibt, die schon im Jahre 5773 sind, während wir uns noch mit dem Jahr 2012 herumschlagen. Und deshalb Rosch ha-Shana tov ein frohes neues Jahr allen jüdischen Mitbürgern.

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