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SWR4 Abendgedanken

„Behandelt die anderen genauso, wie ihr selbst behandelt werden wollt!" (Mt. 7, 12) Diese Regel stammt von Jesus. Wie man diese ganz konkret leben kann, dazu habe ich in meiner Zeitung eine Geschichte gelesen.
Da hat ein Mann erzählt, was ihm und seinem Freund in der S-Bahn passiert ist. Während der Fahrt bricht sein Freund plötzlich zusammen. Drei Jugendliche kommen dazu und helfen, den Freund auf den Bahnsteig zu tragen. Ein älterer Herr hindert den Zug am Weiterfahren, in dem er die Notbremse betätigt. Ein Ehepaar fordert einen Rettungswagen an. Eine junge Frau hält den Freund die ganze Zeit im Arm, da er wegen der Herzprobleme nicht flach liegen darf. Deshalb verpasst die Frau ihren Zug. „Macht nichts", sagt sie, „der nächste fährt eine Stunde später."
Ich finde es schön, dass es da so viele Menschen gegeben hat, die nicht einfach vorbeigelaufen sind, die nicht weggeguckt, sondern die geholfen haben. Einfach so, ohne die beiden Männer zu kennen. Jeder hat auf seine ganz eigene Weise geholfen.
Ich weiß nicht, ob die Jugendlichen, der ältere Herr, das Ehepaar oder die Frau Christen waren. Aber auf jeden Fall haben sie sich verhalten wie Christen es tun sollten. „Alles nun, was ihr wollt, das euch die Leute tun, das tut auch ihnen". Ich glaube, so hat Jesus das gemeint. Das ist die sogenannte „Goldene Regel". Und mal ehrlich, wer von uns möchte nicht auch, dass man ihm hilft, wenn er Hilfe braucht? Ich vermute mal, jeder möchte Hilfe bekommen, wenn er welche braucht. So rum ist es einfach mit der Goldenen Regel. Und die Geschichte aus der S-Bahn zeigt. Es ist eigentlich auch einfach, Hilfe zu leisten, wenn man es bloß will. Man muss nur einen Zug am Weiterfahren hindern, jemanden im Arm halten, einen Rettungswagen rufen oder mal mit anpacken. Das kann schon reichen. Das ist wirklich nicht viel und dazu muss man nicht einmal Christ sein. Anderen helfen kann ich auch, wenn ich kein Christ bin.
Aber wenn ich Christ bin, dann sollte ich es auf jeden Fall tun. Denn es gehört zu unseren Grundaufgaben als Christen, so zu leben wie Jesus es gesagt hat: „Behandelt die anderen genauso, wie ihr selbst behandelt werden wollt!" Eigentlich ganz einfach.

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Macht euch keine Sorgen um den kommenden Tag - der wird schon für sich selber sorgen.
Es reicht, dass jeder Tag seine eigenen Schwierigkeiten hat. (Mt 6, 34) Das hat Jesus gesagt. Und - ehrlich gesagt - manchmal ärgert mich das. Zum Beispiel als mein Mann und ich dabei waren, unser Gartenfest zu planen. Da gab es jede Menge, um das wir uns sorgen mussten: um Essen und Trinken, alle sollten einen Platz bekommen und Sorgen wegen des Wetters hatten wir auch.
Macht euch keine Sorgen um den kommenden Tag - der wird schon für sich selber sorgen.
Es reicht, dass jeder Tag seine eigenen Schwierigkeiten hat.
Immer wieder ist mir dieser Satz durch den Kopf gespukt. Immer, wenn ich irgendetwas für das Fest vorbereitet habe, ist er mir wieder eingefallen. „Macht euch keine Sorgen!" Warum denn nicht? Na, weil jeder Tag seine eigenen Schwierigkeiten hat. Das stimmt, irgendwie hat wirklich jeder Tag irgendetwas, das mir nicht gefällt. Die großen und die kleinen Sorgen. Die kann ich gar nicht vermeiden. Sie gehören irgendwie zu dazu, sind Teil meines Lebens. Jeder Tag hat irgendwie seine Plage. Das Aufstehen am Morgen, das mir manches Mal so schwer fällt, die Diskussionen mit Kollegen, das Planen und Strukturieren schwieriger Aufgaben.
Diese Schwierigkeiten plagen mich jeden Tag.
Macht euch keine Sorgen um den kommenden Tag - der wird schon für sich selber sorgen.
Es reicht, dass jeder Tag seine eigenen Schwierigkeiten hat." Irgendwann habe ich gemerkt, dass mir dieses Jesuswort immer besser gefiel. Es tat mir gut. Weil es mir nämlich eines klar gemacht hat: Ich kann so viel planen wie ich will, versuchen alles richtig zu machen, perfekt zu sein. Aber irgendetwas wird mir doch immer zu schaffen machen.
Und wenn ich das doch weiß, dann kann ich den kommenden Tag auch gelassener angehen. Natürlich mussten wir noch immer die vielen Sachen für unser Fest erledigen: Solche Sorgen gibt es. Na und? Man kann sie nicht alle aus der Welt schaffen. Aber viel wichtiger sind doch die schönen Gespräche mit Freunden, die ich schon lange nicht mehr gesehen habe, das Lachen, das Erzählen, die Geschenke.
Eigentlich ist es doch wirklich gut, dass jeder Tag seine eigene Schwierigkeit hat und ich mich nicht um alles sorgen muss. Ganz schön entlastend.

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Manchmal ist es richtig schwer, sich zu entscheiden, genau zu wissen, was man will. Und für meinen kleinen Sohn ist es manchmal noch schwerer. Das kann ich mir schon gar nicht mehr vorstellen. Und es macht mich verrückt.
„Möchtest Du noch einen Keks haben?" „Nein, will ich nicht." Also packe ich die Kekse weg. „Mama, nicht wegmachen. Ich möchte Keks essen." „Hm, Du willst also doch einen Keks essen?" „Ja." „Gut, dann nimm dir einen." „Mama, nein, nicht Keks, Banane essen."
Was jetzt? Keks ja oder nein? Ich stöhne innerlich. Und dabei ist Keks oder Banane ja eine Kleinigkeit. In wichtigeren Fragen ist es manchmal noch viel schwerer, sich klar zu entscheiden.
Jesus hat einmal gesagt: Eure Rede sei: Ja, ja; nein, nein. (Mt 5,37) Ganz klar. Ein Jain, also eine Kombination zwischen Ja und Nein geht nicht. Gibt es nicht. Entscheidungen müssen her.
„Eure Rede sei: Ja, ja; nein, nein." Ehrlich gesagt: ich krieg das auch nicht immer hin. Denn manchmal sage ich „ja", wenn ich eigentlich „nein" sagen will.
„Kannst Du mir grad mal helfen? Ich werde allein nicht fertig" Wenn mich jemand so fragt, dann sage ich beinahe automatisch: „Ja klar, mach ich." Und sofort danach bereue ich es. Denn Zeit habe ich nicht, aber ich will und kann auch nicht „nein" sagen. Aber ein „nein" wäre besser, ehrlicher. Denn mit meinem Ja, das nicht ehrlich ist, bringe ich mich bloß in Schwierigkeiten. Und der Hilfesuchende spürt es und weiß nicht recht, was mit mir los ist.
„Eure Rede sei: Ja, ja; nein, nein." Ich muss also nicht immer „ja" sagen. „Ja, ich kann dir helfen." „Ja, ich habe Zeit für Dich." „Ja, ich kann das auch noch machen." Es ist auch völlig in Ordnung mal „nein" zu sagen. „Nein, ich kann dir dieses Mal nicht helfen." „Nein, ich habe heute keine Zeit für dich." „Nein, ich schaffe das beim besten Willen nicht mehr."
Egal, wie ich antworte, wie ich mich entscheide, ein „ja" soll ein „ja" sein, ein „nein" ein „nein". Denn alles andere ist nicht ehrlich, weder mir noch den anderen gegenüber. Und das kann mich ganz verrückt machen.
Wie schwer es manchmal ist, mit dem „ja" und „nein" führt mir tagtäglich mein kleiner Sohn vor Augen. Und ich hoffe, dass wir beide zusammen lernen, uns jedes Mal für das Richtige zu entscheiden. Und auch einmal „nein" zu sagen.

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Manchmal ist es schon schwer zu wissen, wer man ist. Na, ich weiß schon, wer ich bin, also ich kenne meinen Namen, meinen Wohnort, meine Freunde, ich weiß welchen Beruf ich habe. Und trotzdem weiß ich manchmal nicht, wer ich bin.
Bin ich die Pfarrerin, die abends scheinbar locker und mühelos im Radio spricht. Oder bin ich die Pfarrerin, die sich vorher den Kopf zerbrochen hat auf der verzweifelten Suche nach den richtigen Worten. Bin ich die, die anderen ihre Fehler verzeiht, sich aber selbst nicht verzeihen kann, wenn sie etwas falsch gemacht hat. Bin ich die Pfarrerin, die gut organisiert ihren Terminkalender im Griff hat. Oder bin ich die Pfarrerin, die nicht mehr weiß, wann sie mal wieder ein wenig freie Zeit hat.
Wer bin ich? Manchmal weiß es selber nicht. Weiß nicht, was ich von mir halten soll. Wenn ich doch nicht weiß, wer ich bin, wie kann ich denn dann meinen Tag angehen? Wenn ich die bin, die sich selbst nicht verzeihen kann, wie kann ich dann selbstbewusst in den Tag gehen? Kann ich das überhaupt? Bin ich nicht so verunsichert von mir selbst, dass ich am liebsten mir die Decke über den Kopf ziehen würde?
Wer bin ich? Bin ich so oder so? So wie mich mein Mann kennt? Meine Gemeinde? Oder bin ich doch ganz anders?
Diese Frage quält nicht nur mich, auch der Theologe Dietrich Bonhoeffer hat sich in seiner Gefängniszelle damit auseinandergesetzt.
Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich trete aus meiner Zelle
gelassen und heiter und fest
wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.
Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.
Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!
Gut zu wissen, dass einer weiß, wer ich bin. Und das der mich auch so gewollt hat. Dem brauche ich nichts vorzumachen. Der hält zu mir. Auch wenn mir mal etwas nicht gelingt. Er kennt mich, weiß was ich kann. Ihm gegenüber muss ich meine Fehler nicht überspielen. Er kennt mich auch, wenn nicht alles rund läuft. Wer bin ich? Gott weiß es. Denn er hat mich so gemacht, wie ich bin. Und er wird schon wissen, warum das so gut ist.

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„Wasser! So viel Wasser!" Völlig ergriffen und mit großen Augen hat das kleine Mädchen in den Dünen gestanden. Keinen Zentimeter hat sie sich von der Stelle gerührt. Und jeder, der dabei war, hat gespürt: Das kleine Mädchen ist völlig begeistert vom Wasser, von so viel Wasser.
Zum allerersten Mal in ihrem Leben war sie mit ihren Eltern ans Meer gefahren. Und im Vorfeld hatte sie auch schon Bücher über das Meer angeschaut. Sie hat gewusst: Das Meer besteht aus Wasser, aus großen Wassermassen. Ganz viel Wasser eben.
Aber das Wissen ist das eine, Bücher angucken das andere und das Meer in Echt sehen: Das ist wieder anders. Das ist beeindruckend. Überwältigend.
„Wasser! So viel Wasser!" Ich habe dem kleinen Mädchen zugeschaut und war glücklich dabei zu sein. Ich habe mich anstecken lassen von ihrer Freude, habe versucht, mit ihren Augen das Meer zu sehen. Das Wasser, das viele Wasser. Und ich war auch neidisch - das gebe ich zu. Denn ich möchte auch mal wieder so staunen können. Denn so staunen zu können, sich so begeistern zu lassen, das ist ein Segen. Denn erst wenn man Staunen kann, begreift man wirklich. Erst wenn man Staunen kann, wird man ergriffen und auch: dankbar. Dann merkt man erst, wie viel Schönes es gibt, wie wunderbar doch die Welt ist. Dann sehe ich das Meer und freue mich einfach darüber, dass es da ist, dass ich es erleben darf. Einfach so. Wunderbar eben.
Mir gelingt das Staunen so oft gar nicht mehr. Viel zu sehr habe ich mich an die Wunder der Schöpfung gewöhnt, vieles ist so selbstverständlich geworden. Ich weiß dann einfach: Das Meer hat viel Wasser. Aber ich bewundere es nicht mehr so wie das kleine Mädchen.
„Herr, wie sind deine Werke so groß und viel! Du hast sie alle weise geordnet, und die Erde ist voll deiner Güter. Da ist das Meer, das so groß und weit ist." (Psalm 104,24-25a) So hat vor ca. 3000 Jahren jemand sein Staunen in Worte gepackt. Und so wie ich mich habe anstecken lassen von der Ergriffenheit des kleinen Mädchens am Strand, so helfen mir diese alten Worte meine Dankbarkeit auszudrücken. „Herr, wie sind deine Werke so groß und viel! Du hast sie alle weise geordnet, und die Erde ist voll deiner Güter. Da ist das Meer, das so groß und weit ist." Oder wie das kleine Mädchen viele, viele Jahre später gesagt hat: „Wasser, so viel Wasser!"

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