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SWR4 Abendgedanken

Das Bild des jungen Mannes ist mir den ganzen Tag nicht aus dem Kopf gegangen. Ein sympathisches, freundliches Gesicht mit unternehmungslustig blitzenden Augen. Doch dieser Junge lebt nicht mehr.
Vor 2 Tagen ist er bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen.
Am Morgen eines wunderschönen Sommertages in Südtirol ist mir die Todesanzeige mit Bild in der Zeitung aufgefallen. Seine Eltern und Großeltern hatten sie formuliert, auch im Namen seiner Freundin und der Geschwister.
Den Gedanken daran, wie es diesen Menschen jetzt geht, konnte ich einfach nicht zu Ende denken. Für mich ist es unvorstellbar, wie sie mit so einem Schicksalsschlag umgehen können. Gibt es da noch Trost? Mir ist nichts eingefallen.
Stattdessen hat mich ein Satz in der Todesanzeige erschreckt. Es hieß da: „Gott hat es gefallen unseren Sohn zu sich zu rufen".
Wie kommt man dazu so zu denken? Wie kann es Gott gefallen, diesen Jungen seiner Familie zu entreißen, wo sein Leben doch erst richtig beginnen sollte, er offensichtlich Freude am Leben hatte.
Mich hat der Satz richtig empört, denn er widerspricht meinem Bild von einem Gott, der es gut meint mit den Menschen.
Ich könnte verstehen, wenn die Angehörigen des jungen Mannes sich vorwurfsvoll an Gott wenden: „Gott, warum hast du zugelassen, dass  dieses Leben schon so früh beendet ist?"
Ich denke gerade auch Menschen wie diese Eltern, die ihr Leben offensichtlich ganz im ehrfürchtigen Glauben an Gott leben, dürfen so fragen und sprechen.
Die genaue Ursache, die zum Tod dieses jungen Menschen geführt hat, habe ich nicht erfahren. Aber ganz gleich, ob es eine Verkettung unglücklicher Umstände war, er selbst Schuld hatte oder ein anderer - ich denke Gott hat das gar nicht gewollt, so etwas gefällt ihm nicht!
Auch wenn niemand weiß wie Gottes sogenannter „Großer Plan für uns Menschen" aussieht.
Vielleicht gibt es den Eltern Halt, dass sie hoffen können, dass ihr Sohn jetzt in Gottes Obhut ist. Vielleicht finden sie in dieser Hoffnung irgendwann auch Trost.
Und sie brauchen Menschen, die ihnen in dieser schweren Zeit zur Seite stehen.

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David und Goliath" - der eine klein und schmächtig, der andere groß und mächtig. Der Kleine steht dem Großen, Mächtigen so gut wie chancenlos gegenüber.
Die beiden sprichwörtlichen Figuren werden immer wieder mal bemüht, wenn es um ungleiche Gegner bei einer Auseinandersetzung geht. Weil die Geschichte aus dem Alten Testament der Bibel vielen bekannt ist und so das Kräfteverhältnis schnell erklärt ist.
In der Geschichte hat der kleine Hirtenjunge David als Einziger den Mut, zum Kampf gegen den übermächtigen Riesen Goliath anzutreten. Goliath hatte seine Gegner und auch Gott verhöhnt. Das hat David wütend gemacht. Überzeugt davon, dass er Gott und das Recht auf seiner Seite hat, stellt er sich dem im Grunde aussichtslosen Zweikampf. Goliath ist der Vorzeigekämpfer des gegnerischen Lagers, ein Hüne, bestens gerüstet.
Mutig und nur mit einer Steinschleuder in der Hand tritt der kleine David ihm entgegen, schleudert im richtigen Moment einen Stein und trifft Goliath tödlich am Kopf.
Wenn es heutzutage in einer Schlagzeile heißt  „David besiegt Goliath" - dann bedeutet das, jemand hat sich nicht einschüchtern lassen von einer vermeintlichen Übermacht, sondern sich mutig gewehrt.
Wie zum Beispiel ein Mann, dessen Ersparnisse durch die riskanten Geschäfte seiner Bank über Nacht verloren waren. Er hat, wie zu lesen war, gekämpft, ausdauernd und am Ende gesiegt. Als Kampf Davids gegen Goliath wird auch der Protest der Elbfischer mit ihren Kuttern gegen riesige Containerschiffe bezeichnet. Für die großen Containerschiffe soll die Elbe vertieft werden. Zum Schaden der Natur und der kleinen Fischer.
Wenn Menschen sich wehren, weil sie es nicht für richtig halten, was geschieht - in der Gesellschaft, in der Politik oder in einem Unternehmen -dann sind sie Machtdemonstrationen ausgesetzt. Und nicht selten sehen die Chancen für sie nicht gut aus. Doch hoch motiviert und überzeugt davon, das Recht auf ihrer Seite zu haben, manchmal auch aus ihrem christlichen Glauben heraus, protestieren sie gegen die vermeintlich Übermächtigen.
Und die tun gut daran, zu hören und abzuwägen, was Ihnen vorgetragen wird. Und sie sollten bedenken: Jede Macht ist nur eine geliehene Macht und sollte so gebraucht werden, dass sie zum Wohle aller ist.
Damit David und Goliath sich nach einer Auseinandersetzung bestenfalls auch wieder die Hand reichen können.

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„Dass du dich noch so genau daran erinnerst" - das bekomme ich ziemlich oft zu hören. Ich hab' wirklich für Begebenheiten, die auch schon länger zurückliegen können, ein gutes Gedächtnis. Manchmal weiß ich Details, an die sich sonst niemand mehr so richtig erinnert.
Ich find' es gut, wenn es mir hin und wieder gelingt, mit meinen Erinnerungen andere anzuregen, auch mal intensiver im Gedächtnis zu kramen. Wenn mir dann ein Lächeln mir zeigt, ja du hast recht, jetzt erinnere ich mich auch, freut mich das. Denn es kann gut tun, Erinnerungen mit anderen auszutauschen.
Ich finde es interessant, wie unterschiedlich sich Menschen manchmal an ein und dieselbe Begebenheit erinnern! Unsere Erinnerungen sind etwas Persönliches. Sie spiegeln meinen Lebenslauf wider und sie hängen davon ab, was ich erlebt habe. Aber auch davon wie ich bin, oder wie ich im Laufe des Lebens geworden bin.
Wissenschaftler haben herausgefunden, dass uns unsere Erinnerungen beeinflussen, bei dem was wir tun. Bewusst und unbewusst.
Das glaube ich sofort! Wenn ich mir zum Beispiel überlege, welche Emotionen Erinnerungen auch nach vielen Jahren noch hervorrufen können! Positive aber leider auch negative. Über ein Unrecht, kann ich mich auch nach  Jahren aufregen. Eine Erinnerung kann mich bedrücken oder ängstlich machen. Gute Erinnerungen tun mir dagegen gut und sie können mich beflügeln. Deshalb meinen Psychologen, wir sollen sie für unser Leben nutzen. Uns Zeit nehmen für gute Erinnerungen! Eine einzige positive Erinnerung kann viele negative überlagern!
Auch wenn ich im Moment vielleicht keine so schöne Zeit erlebe. Erinnerungen an bessere Zeiten können versöhnen oder geduldiger machen. Gerade auch wenn man es vielleicht jetzt mit einem Menschen nicht so leicht hat.
Und schöne Erinnerungen können mich trösten und aufbauen, Mut machen. Im Sinne von „das kann mir niemand nehmen", oder „so was Schönes kann ich wieder erleben".
Christen in aller Welt leben mit einer seit 2000 Jahren überlieferten Erinnerung. Sie ist für sie Gegenwart. Und steht im Mittelpunkt ihres Glaubens: Die Erinnerung an Jesus Christus und seine Zusage, dass er bei den Menschen ist und mit ihnen ist, wie immer ihr Leben verlaufen wird. Das gibt vielen Menschen Trost und Zuversicht und es beeinflusst ihr Leben positiv.

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Der junge Mann setzt sich an die Orgel. Die ersten Töne erklingen.
Und je mehr folgen - kraftvoll, dann wieder etwas verhaltener - geht ein Raunen durch die Zuhörer: „So haben wir die Orgel in unserer Kirche noch nie gehört!"
Ein großes Talent! So ist der junge Organistauch angekündigt worden. Erhat sofort zugesagt, hier ein Benefizkonzert zu geben.
Eingroßes Talent - ja ganz bestimmt, aber ich denke, da steckt mehr dahinter: Das ist Leidenschaft, die ihn so spielen lässt!
Mit Leidenschaft meine ich, dass jemand so begeistert ist von einer Sache, dass sie ihn nicht mehr loslässt. Dass sie ihn mehr als alles andere interessiert. Und sie macht einem Menschen über alle Maßen Freude und macht sogar glücklich. Die Leidenschaft für einen Menschen kann das größte Lebensglück bedeuten.
Aber es ist da leider auch noch die andere Seite der Leidenschaft: die leidvolle. Auf die weist das Wort auch hin. Wenn eine leidenschaftliche Liebe nicht erwidert wird zum Beispiel.
„Die Leidenschaft, die Leiden schafft" - dieser Spruch bringt auf den Punkt, dass Leidenschaft, auch wenn wir sie üblicherweise positiv sehen, auch mit Leid zu tun haben kann. Spielleidenschaft kann zu menschlichen Tragödien führen und auch ein Verbrechen aus Leidenschaft.
Das deutsche Wort „Leidenschaft" ist erst im 17. Jahrhundert entstanden, aus dem Wort Passion.
Passion ist ein zentraler Begriff des Christentums und bezeichnet den Leidensweg Jesu. Passion geht zurück auf lateinisch „pati", das heißt erdulden und „passio" das Leiden.
Das ist schon merkwürdig!
Manchmal spricht man statt von Leidenschaft - auch von einer Passion für etwas: Von einem passionierten Tänzer, Fußballer oder Nichtraucher. Eine ausnahmslos positive Bedeutung.
Da denkt doch niemand an leiden oder gar an das Leiden Jesu!
Ich will mal versuchen, eine Verbindung zwischen den beiden Bedeutungen herzustellen: Jesus hat das Leid am Kreuz erduldet für uns Menschen. Er hat es aus Liebe zu den Menschen getan, wenn man so will, aus Leidenschaft für sie.
Wenn sich heute Menschen mit Leidenschaft für andere einsetzen, dann handeln sie in seinem Sinn. Wie ein Wissenschaftler, der leidenschaftlich forscht um ein wirksames Medikament zu entwickeln.
Ich denke auch, dass eine Leidenschaft - für eine Sache oder für einen Menschen - mich nur dann dauerhaft erfüllen kann, wenn sie nicht nur eigenen Interessen dient.

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„Das passiert hier immer wieder, daran sind wir beinahe gewöhnt, so schlimm es auch klingen mag."
So hat die junge Südtirolerin reagiert als ich sie auf den Tod eines Bergwanderers angesprochen habe, der ganz in der Nähe abgestürzt war. Am Tag zuvor war es passiert und diese Nachricht hatte mich erschreckt.
Wie das Unglück passieren konnte, darüber ist viel spekuliert worden.
Aufgeregt und fast wütend hat mir die junge Frau dann erzählt, wie oft sie in letzter Zeit Menschen in den Bergen angetroffen hat, die sich leichtsinnig verhalten haben. Die, überhaupt nicht dafür ausgerüstet, schwierige Wanderwege und sogar Klettersteige gehen. Eine Familie hätte sie auf einem Weg getroffen, auf dem sie sich am liebsten angeseilt hätte. Sie, die nun wirklich Erfahrung hat. Doch die Eltern ließen ihre Kinder einfach vorneweg laufen - „In Sandalen" - ihre Augen haben vor Entrüstung geblitzt.
Sicher gibt es unglückliche Umstände, die zu einem Bergunfall führen. Manchmal kann man sie einfach nicht vorhersehen.
Aber leider, so habe ich gehört, nehmen die Bergunfälle durch Leichtsinn zu. Menschen vertrauen darauf, dass ihnen schon nichts passieren wird. Sie riskieren viel. Und muten ihrem Schutzengel viel zu viel zu.
Manche überschätzen ihre eigene Leistungsfähigkeit, verlassen die gesicherten Wege. Warum tun sie das? Vielleicht liegt es daran, dass sich viele sogar im Urlaub unter Druck setzen, weil sie anderen nicht nachstehen wollen. Und so Touren unternehmen, die sie eigentlich überfordern.
Vielleicht liegt es auch daran, wie ein erfahrender Bergführer meint, dass „viele Menschen den Naturgewalten nicht mehr den nötigen Respekt entgegenbringen".
Sie unterschätzen, wie unberechenbar sie manchmal sein können. Zum Beispiel wie schnell in den Bergen das Wetter innerhalb kürzester Zeit umschlagen kann. Nachrichten von Bergunfällen erschrecken und man kann nur hoffen, dass sie auch nachdenklich machen:
Wie verhalte ich mich in den Bergen? Bereite ich mich gut auf eine Wanderung vor? Welche Schwierigkeiten kann ich mir zumuten?
Bin ich mir der Verantwortung bewusst, die ich übernehme - für mein eigenes Leben und das mir anvertrauter Personen.
Und auch für die Männer und Frauen der Bergwacht, die selbst in Gefahr geraten können, wenn sie anderen zu Hilfe eilen.    

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