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SWR4 Abendgedanken

Eigentlich wollte man sich endlich zur Ruhe setzen - und da muss man noch mal aufbrechen und ganz neu anfangen. Manchmal kommt das vor. Ein älteres Ehepaar hat das so erlebt. Beide waren Ende 60. Sie haben ein kleines Häuschen bewohnt mit einem wunderbaren Garten. Dafür hatten sie lange gespart.
„Eigentlich könnten wir unser Leben genießen", hat der Mann mir erzählt, „aber wir haben uns entschlossen, alles zu verkaufen und in die Schweiz zu ziehen." Dann hat er von seiner Tochter gesprochen, die in Bern verheiratet ist. Ihre Ehe war zerbrochen. Der Mann war ausgezogen. Sie war jetzt allein mit ihrem kleinen Kind. Sie wollte aber gern in Bern bleiben, um ihre gute Arbeitsstelle nicht zu verlieren. „Wissen Sie", hat die Mutter und Oma dann noch dazu gesagt, „wir ziehen in eine fremde Stadt und in eine winzige Wohnung ohne Garten. Wir kennen niemanden. Wir werden ganz neu anfangen müssen, und das in unserem Alter. Aber wir können unsere Tochter doch nicht im Stich lassen."
Ich fand das bemerkenswert und habe gefragt, woher die beiden denn die Kraft nehmen für diesen Aufbruch. Und ich war ganz angerührt von Ihrer Antwort: „Wir haben in unserem Leben soviel Segen empfangen. Dafür sind wir Gott dankbar. Von diesem Segen wollen wir an andere abgeben, an unsere Tochter und unser Enkelkind. Als Pfarrer kennen Sie doch bestimmt den Satz aus der Bibel: „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein."
Ja, natürlich kenne ich diesen Satz. Den hatte Gott zu Abraham gesagt. Abraham sollte alles stehen und liegen lassen und mit seiner Frau Sara in einem fremden Land ein neues Leben anfangen. Auch diese beiden waren nicht mehr die Jüngsten. Abraham war 75 Jahre alt und Sara 65. Aber beide haben auf Gott vertraut und sind losgezogen. Und Gott hat sein Versprechen gehalten und sie in das neue Land geführt. Er hat sie mit Kindern gesegnet und einer guten Zukunft.
Ich finde das sehr mutig, sich auf diese gewaltige Veränderung einzulassen - von Abraham und seiner Frau damals und genauso von dem alten Ehepaar heute.
Gott ist bei denen, die aufbrechen: „Ich gehe mit dir. Darauf kannst du dich verlassen!" Was für ein schönes Wort für alle, die neue Wege vor sich haben.

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Um Mauern zu überwinden, muss man hoch springen
Olympische Spiele in London. In diesen Tagen finden die Leichtathletikwettkämpfe statt. Mich fasziniert besonders der  Hochsprung. Ich selber bin 1, 94 groß. Diese Höhe zu überspringen ist für Hochspringer kein Problem. Die Besten schaffen 2, 45 m. Das finde ich unglaublich!
Wer hoch springen kann, kann Hindernisse überwinden. Vielleicht ist es das, was mich so daran fasziniert. Denn das wäre ja manchmal gut, wenn man das könnte. „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“ (Psalm 18,30), heißt es in einem Psalm in der Bibel. Der das gebetet hat, der kannte wohl die Hindernisse im Leben. Aus diesem Satz höre ich sogar etwas Humor heraus.
Was können das wohl für Mauern sein, über die ich mit meinem Gott springen kann?
Mir fällt dazu zunächst die Mauer des Schweigens ein zwischen zwei Menschen, die sich nichts mehr zu sagen haben. Ich denke dabei an Nachbarn, die schon lange nicht mehr miteinander reden. Da hat es mal was gegeben. Und seither herrscht Funkstille. Ich stelle mir vor, welch ein Sprung dazu gehört bis zu dem ersten Wort, das sie wieder miteinander reden. Dazu muss einer von beiden über den eigenen Schatten springen. Dieser Sprung ist sicher nicht einfach. Aber es wird ein befreiender Sprung sein.
Oder ich denke an einen Menschen, der sich ein festes Bild von einem anderen gemacht hat. Und hinter der festen Mauer der vorgefassten Meinung verschwindet der andere ganz.
„Ich kenne die doch. Die ändert sich nie. Die ist nun mal so!“ Ich vermute, über diese Mauer zu springen ist besonders schwer. Aber auch dieser Sprung wird ein befreiender sein.
Mir fallen auch noch andere Mauern ein. Angst kann genauso zur Mauer werden wie Arroganz. Ich kann empfindlich reagieren oder Ausreden suchen, auch das sind Mauern, die mich von anderen trennen.
Aber Gott sei Dank: Vor all diesen Mauern stehe ich nicht allein. „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen.“ Ich stelle mir Gott wie einen Trainer vor. „Spring!“, ruft er zu mir herüber, „du schaffst das! Gib nicht auf. Ich helfe dir. Du und ich – wir haben das gleiche Ziel!“   
Ich habe Respekt vor den Sportlern, die hoch springen können. Dazu gehört viel Training und bestimmt auch manche Überwindung.
Genauso habe ich Respekt vor all denen, die mit ihrem Gott über Mauern springen. Ich bin sicher, auch dazu gehört gutes Training. Und wenn es klappt, ist die Freude riesengroß! 

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Vielleicht kennen Sie noch das alte Kinderspiel „Eins, zwei, drei, und ich bin frei!“ Als Kind hat es mir viel Spaß gemacht. Die Spielregel war einfach: Alle verstecken sich, einer muss suchen. Wenn die Versteckten gefunden wurden, mussten sie versuchen, sich am Freischlag z. B. einem Baum, frei zu schlagen. Wenn der Sucher sie vorher berühren konnte, waren sie seine Gefangenen.
Inzwischen weiß ich: Auch dieses Spiel spielen wir Erwachsenen auf unsere Weise. Kinderspiele spiegeln ja oft ein Stück Leben. Die Kinder verstecken sich hinter Bäumen und Büschen, hinter Häuserecken und parkenden Autos. Wir Erwachsene haben andere Verstecke. Wir haben unsere Ausreden und Ausflüchte.
Der eine sagt z.B.: „Ich bin nun eben so.“ Das ist sein Versteck. Es soll ihn davor bewahren, sich ändern zu müssen.
Der andere sagt: „Die anderen sind auch nicht besser!“ Dieses Versteck ist immer naheliegend, denn Menschen, die auch nicht besser sind, gibt es so viele wie Sand am Meer. Ein anderes Versteck kann sein: „Ich habe keine Zeit!“ Dahinter verbirgt sich oft ein ganz anderer Grund.
Vielleicht gibt es so viele Verstecke wie es Menschen gibt.
So war das anscheinend schon immer. Auch Adam und Eva haben sich versteckt, erzählt die Bibel. Sie haben sich hinter den Bäumen des Gartens versteckt. Sie hatten Angst vor Gott. Und ich frage mich, ob von dieser Geschichte die Vorstellung mancher Menschen herrührt, sie müssten sich vor Gott verstecken, Gott sei der, der sie greifen will. Ich vermute sogar, von daher bleibt manch einem der Zugang zum Glauben verbaut.
In der Bibel wird aber deutlich: Gott ist nicht der, der uns schnappen will, sondern er ist der, der uns sucht, weil will, dass wir frei werden. Diesen Unterschied zu begreifen finde ich wichtig. Sonst vergessen wir den zweiten Teil des Kinderspiels und bleiben in unseren Verstecken. Wir wissen dann aber nichts mehr vom Freischlag. Aber wir Christen glauben, dass Gott selbst uns frei gemacht hat. Jesus Christus ist für uns gestorben – das macht uns Menschen frei. Wir brauchen uns nicht mehr zu verstecken. Vor niemandem. Nicht vor Gott. Und auch nicht vor den Menschen. Die Ausreden können aufhören.

 

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Mein Sohn hat einen guten Fußballtrainer. Ich denke, ich kann das beurteilen. Denn ich habe in den letzten Jahren viele Trainer vom Spielfeldrand aus beobachten können. Da gibt es die unterschiedlichsten Typen. Es gibt die Lauten, die ihre Mannschaft förmlich zum Sieg schreien und am Spielende ganz heiser sind. Und es gibt die eher Ruhigeren, die genau beobachten und sich ihre Worte für die Ansprache in der Halbzeitpause aufheben.
Der Trainer meines Sohnes gehört zu den Ruhigen. Ich bewundere ihn. Auch weil er zu seiner Mannschaft steht, auch wenn die verloren hat. Die Schuld für die Niederlage sucht er nie bei einzelnen Spielern. Er ist der Meinung: Eine Mannschaft gewinnt zusammen und sie verliert zusammen. Natürlich muss er die Schwachpunkte im Spiel seiner Mannschaft benennen. Aber er tut das nie auf verletzende Art und Weise. Nach einer Niederlage hat er für jeden erst einmal ein gutes Wort, das tröstet und wieder aufrichtet. Und die besonders Enttäuschten nimmt er sogar auch einmal in den Arm.
Ich finde seine Haltung vorbildlich. Seine Jungs können viel von ihm lernen, meine ich, auch fürs spätere Leben. Zum Beispiel, wie man mit Niederlagen umgeht. Denn die gibt es auch im Leben. Dann ist es wichtig, den Kopf nicht hängen zu lassen, sondern sich aufzurappeln und mit neuen Vorsätzen weiterzumachen. Und die Jungs lernen auch, wie heilsam gute Worte sein können. Die bauen auf. Ätzende Kritik dagegen: die macht einen fertig.
Mein Sohn hört nun mit dem Fußballspielen auf. Das finde ich schade. Die Vorbereitung auf seine Schulabschlussprüfung macht das nötig. Sieben Jahre hatte er diesen guten Trainer. Den wird er nicht vergessen, glaube ich. Ich hoffe, mein Sohn wird auch später Vorbildern begegnen, an denen er sich orientieren kann. Vielleicht wird er ja auch selber für andere zu einem Vorbild. Zum Beispiel, in dem er ein gutes Wort bereithält für den, der gerade eine Niederlage verkraften muss. Denn gute Wort bauen auf. Das findet schon die Bibel, wenn sie sagt: „Halte fest am Vorbild der heilsamen Worte.“  (2. Tim. 1,13)

 

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„Ich denke an dich. Ich drücke dir die Daumen!"
Zwei Menschen begegnen sich. Der eine sagt: „Ich habe heute etwas Besonderes vor. Es wird nicht leicht werden." Der andere antwortet: „Ich drücke dir die Daumen! Ich denke an dich."
Das sagen manche, wenn sie ganz fest an den anderen denken wollen.
Woher die Redewendung „jemandem die Daumen drücken" ursprünglich kommt, weiß ich nicht genau. Aber ich stelle mir vor, da verspricht einer dem anderen, an ihn zu denken. Er scheut sich aber ihm zu sagen: „Ich bete für dich." Oder: „Ich falte für dich die Hände." Und so sagt er es etwas verschlüsselt: „Ich drücke dir die Daumen." Denn beim Händefalten drückt der eine Daumen ja den anderen.
Ich habe den Eindruck, dass es heute vielen Menschen so ergeht. Sie wollen wohl intensiv an den anderen denken, aber mit dem Beten haben sie so ihre Schwierigkeiten. Vielleicht, weil sie schon zu oft enttäuscht worden sind. Sie hatten ganz fest für etwas gebetet, und aus dem Erbetenen war nichts geworden.
Eines allerdings halte ich für wichtig, beim Beten und beim Daumendrücken: Der Daumen und das Denken müssen wirklich zusammengehören. Denn wie oft wird versprochen, den Daumen zu drücken, und dann vergesse ich den anderen doch gleich wieder. Und dabei wäre es doch so wichtig, dass wir einander mit guten Gedanken begleiten. Denn Gedanken sind Mächte. Und gute Gedanken sind positive Mächte. Die machen den anderen stark.
„Ich denke an dich. Ich drücke dir die Daumen!" Ich bin sicher, dem einen tat das richtig gut, es so vom anderen zu hören. Den anderen dann auch wirklich mit guten Gedanken zu begleiten - ich glaube fest, dass das hilft.
Drücken wir also einander die Daumen. Das lohnt sich!

 

 

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