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SWR4 Abendgedanken

Ich habe es mir schon lange gewünscht: Einmal nach Israel zu reisen, ins Heilige Land. Dieses Jahr hat sich der Traum erfüllt - ich habe eine Pilgerreise nach Israel gemacht. Obwohl mir auf den zweiten Blick dieses Land gar nicht mehr so "heilig" erschien. Junge Frauen und Männer mit Maschinengewehren im Arm und auf den Schultern gehören zum Alltag in Israel. Panzer auf den Straßen, Militärs in den Gassen, Checkpoints und Kontrollstellen, die jeder passieren muss.
Als Tourist weiß man wenig von den Sorgen und Nöten der Menschen in diesem Land. Dennoch und gerade deshalb, ist Israel eine Reise wert. Für Muslime, Juden und Christen ist dies eine heilige Stadt. Und das habe ich überall da gespürt, wo wir heilige Stätten besucht haben. In der Grabeskirche habe ich es den anderen gläubigen Menschen nachgemacht und meinen Kopf auf die sogenannte Grabsteinplatte Jesu gelegt. In der Geburtskirche blieb nur wenig Zeit, die Hand durch den Geburtsstern zu strecken. Am Tempelberg konnten wir die al-Aqsa- Moschee und den Felsendom nur von außen bewundern, aber der Ort war voll mit Muslimen, die gebetet haben und den Koran gelesen haben. Selbst am See Tiberais habe ich gespürt, dass hier viele Menschen mit ihren Sehnsüchten und Träumen im Herzen landen. Am meisten beeindruckt hat mich die Klagemauer. Hier weinen jüdische Frauen und Männer aus aller Welt um ihren verlorenen Tempel. In den Mauerritzen stecken Gebete und Wünsche, vollgestopft mit Hoffnungen. Über all diesen Gebeten thronen in den Mauerritzen unzählige weiße Tauben. Welch ein schönes Bild! Sie gurren zufrieden und beobachten die Menschen beim Beten. Sie sind für mich Symbol für den Frieden. Ich konnte nicht anders, als an diesem Ort für den Frieden zu beten: Frieden zwischen Israel und Palästina, Frieden zwischen den Religionen und unter den Menschen unterschiedlichster Kulturen. Von einem Olivenbaum in der Nähe der Klagemauer habe ich einen Zweig als Erinnerung mit nach Hause genommen. Er soll mich jeden Tag an meinen Wunsch nach Frieden im Heiligen Land erinnern.

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Ich heirate. Bald. Und zwar kirchlich. Weil meinem Mann und mir das wichtig ist. Die Frage, die dann immer kommt, ist: „Hast du schon ein Kleid? Wie sehen eure Ringe aus? Was, du hast noch kein Kleid und keine Ringe?" Enttäuschte Blicke, mitfühlende Gesten, erste Hilfsangebote.
Der „Hype" um Brautkleid, „wedding planer", „locations", Kutsche, Hochzeitsauto und Blumenschmuck macht mir wirklich zu schaffen. Das hätte ich nicht erwartet, welcher Druck damit aufgebaut werden kann. Manchmal ist es zum Verzweifeln, denn wir möchten ja alles richtig machen. 
Aber andererseits denke ich, dass es genauso gut und richtig für uns ist, wie wir es machen. Egal, was andere davon halten. Dass sich Menschen mit uns freuen, sich interessieren und durch ihre Fragen Anteil an unserer Freude nehmen, ist schön. Schließlich geht es ja um einen wichtigen Schritt im Leben: Ein öffentliches Versprechen vor Gott. Und das ist wirklich etwas Besonderes. 
Ja und da ist mir dann auch die passende Antwort eingefallen, auf all die nervösen Fragen um mich herum: Im Vertrauen auf Gott und in Liebe zueinander schließen wir den Bund fürs Leben. Was wir anhaben, ist vielleicht auch wichtig, aber nicht entscheidend. Entscheidend ist -  unser Ja.
Es ist schön, gemeinsam ein Fest vorzubereiten.
Sich zu überlegen welches Lieblingslied man hat, mit welchem Motiv man die Hochzeitskerze gestalten will und welche Bibelstelle uns auf unserem gemeinsamen Weg begleiten soll. Und am Schönsten ist es, sich einen gemeinsamen Trauspruch aus der Bibel auszusuchen. Unserer Spruch lautet: "Liebt einander, so wie ich euch liebe" - Johannesevangelium 15,12.
Das ist Zuspruch und Anspruch zugleich. Gott liebt mich, liebt uns. Die Liebe eines Menschen fällt einem zu wie ein Geschenk. Dass die Liebe bleibt -  auch das ist Geschenk. Ich weiß, dass menschliche Liebe zerbrechlich ist und scheitern kann. Aber ich vertraue auf Gottes Liebe, die mich hält und trägt, auch in schweren Zeiten. Das gibt mir ein tiefes Gefühl der Gelassenheit. Diese innere Ruhe - auch bei den Hochzeitsvorbereitungen - wünsche ich allen Paaren, die dieses Jahr heiraten.

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Kerzen anzünden im Internet? - -Ja, so was geht. - Ich habe es ausprobiert. Es gibt eine Webseite im Internet, auf der ich so etwas machen kann. Mitten in der Arbeitszeit gönne ich mir dann ein paar Minuten Auszeit, mache Pause und zünde eine Kerze an. Im Stillen bete ich, schreibe eine Bitte für jemanden auf und zünde "virtuell" eine Kerze an. Diese Kerze brennt dann - sozusagen im Internet - und wird Stunde um Stunde kleiner und irgendwann ist sie ausgelöscht. Eine schöne Idee, wie ich finde.
Beten ist schließlich immer virtuell - egal ob im Internet oder zu Hause oder in der Kirche. Ich spreche mit Gott, egal wo ich bin. Durch das Gebet schaffe ich mir einen Raum, in dem ich ruhig werden kann und Gott ganz nahe bin.
Das Internet bietet mir solche Räume für das Gebet. Es gibt zum Beispiel auch virtuelle Gebetsräume. Ein Klick und ich bin online. Der Gebetsraum öffnet sich und ich trete ein. Mein Avatar, meine virtuelle Stellvertreter-Figur, betritt diesen Raum. Sie macht das Licht an, dimmt es ein wenig, setzt sich gemütlich auf den Boden oder auf einen Hocker, schaltet besinnliche Musik ein und blättert in der Bibel. Hier kann ich abschalten und bei mir ankommen. Es funktioniert, ich habe es ausprobiert. Die Sehnsucht nach Spiritualität wächst, auch in Zeiten der vielen modernen Medien, die mich immer wieder galant vom Eigentlichen ablenken.
Was das Eigentliche für mich ist? Ich nehme mir viel zu wenig Zeit im Alltag - und das heißt, zu wenig Zeit für mich und für Gott. Da ich tagsüber viel im Internet unterwegs bin, schätze ich solche virtuellen Gebets-Angebote. Sie sind für mich eine Einladung, Innezuhalten. Egal wann und wo ich gerade unterwegs bin.
Und wenn ich virtuell eine Kerze anzünde, dann bin ich real mit meinem Herzen und meinen Gedanken dabei.

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"Dankbar sein zu können, das ist die wichtigste Schlüsselqualifikation zum Glück." Das haben Forscher in einer wissenschaftlichen Studie festgestellt. Dankbarkeit ist eine Kraftquelle, die vor Enttäuschung und Verbitterung schützt, steht in dem Bericht. Menschen mit hohen Ansprüchen sollten Dankbarkeit jeden Tag neu einüben, empfehlen die Wissenschaftler und ihr Tipp: Am Ende jeden Tages an drei Dinge denken, die gut gelaufen sind. Und dann: Dankbar lächeln. 
Gerade das finde ich nicht einfach. Denn was abends in meinem Kopf sitzt, ist nicht immer Dankbarkeit. Das, was weh getan hat, was verletzt, was mich angerührt hat, was mich wütend gemacht hat. Das Gedankenkarussell dreht sich in meinem Kopf herum. Keine Spur von Dankbarkeit. Und bevor alles verbittert in mein Herz rutscht, versuche ich es mit einem Blickwechsel. Ich kann schließlich auch dankbar sein für Kritik.
Wenn mich die gedankenlose Bemerkung des Kollegen nervt, weil ich mal wieder viel zu schnell war und Fehler gemacht habe. Dann weiß ich, er hat recht. Es wäre schön, wenn ich mir bei vielem mehr Zeit nehmen würde. Ich bin dankbar für diesen ehrlichen Hinweis, denn ich weiß, ich kann daran arbeiten. Also: Danke für die Kritik. Oder wenn mich meine Kollegin loben will und ich abwinke, ach, schon in Ordnung, das ist nicht der Rede wert. Dann merke ich, wie schwer es ist, Lob ohne Rechtfertigung anzunehmen. Danke für deine guten Worte. Einfach so, ohne mich dabei klein zu machen.
Das Wort „Danke" heißt im Lateinischen „gratia". Und „gratia" steht für Freundschaft oder Liebe, Wohlwollen und Gnade. Vielleicht hat es mit Gnade zu tun, dankbar sein zu können. Es ist Gnade, auf seine Schwächen und Fehler mit Wohlwollen zu schauen und sie anzunehmen in Liebe. Danke sagen heißt auch, befreundet zu sein mit dem Leben, liebevoll auf die Menschen um mich herum zu schauen und dankbar annehmen, was kommt.  Schließlich ist mir mein Leben geschenkt - sozusagen - „gratis" - von Gott. Danke!

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Sie heißen Andreas, Dietlind, Marsello, Hadschi und Martina. Und für mich sind sie „Superhelden".
Alle fünf sitzen im Rollstuhl und besuchen die Klasse 6 der Schule für Körperbehinderte in Stuttgart. Jedes Jahr proben die Schüler und Schülerinnen gemeinsam ein Stück mit ihrer Lehrerin ein, zu  Themen, die ihnen wichtig sind. "Die Schüler lernen auf diese Weise, ihre Gefühle auf der Bühne auszudrücken, was sie im Alltag so vielleicht nie machen würden", erklärt ihre Lehrerin. Und dann geht´s los. Die fünf flitzen mit ihren Rollis auf der Bühne von einer Ecke in die andere - ohne sich umzuhauen oder anzurempeln. Dazu gehört viel Übung, denke ich. Und plötzlich bleiben alle stehen, der Vorhang geht zu - das Stück beginnt. "Was ist ein Superheld?" - Die Schüler wissen es genau. Jeder fährt mit seinem Rolli nach vorne an die Rampe und schreit laut in das Publikum: "Ich will laufen können". Andreas blickt mit gossen Augen in die Menge. Sein Bein ist amputiert, er trägt eine Prothese. Dietlind will wie James Bond auf Wände klettern können. Martina will wie Superman auf einem Seil balancieren können. Marcello würde einfach nur gerne seine Hand richtig bewegen können. Und für Hadschi wäre es das Schönste auf der Welt, mit beiden Beinen auf der Erde stehen und tanzen zu können. Im Zuschauerraum ist es still geworden. Und ich denke nach. Meine Superhelden-Wünschen? Die kenne ich ganz genau, aber sie sind komplett anders, als die meiner fünf Freunde. Was ich alles gerne machen könnte, wovon ich träume, das passt gar nicht in einen Satz. Plötzlich kommen mir meine Wünsche ganz klein vor. Auf der Bühne wird es wieder lauter. Die Schüler schreien unisono: "All das können wir aber nicht!"  "Ich kann dafür super mit dem Rolli kippen", sagt Andreas und tanzt mit seinem Rollstuhl wie auf einem Bein. "Ich kann Beatboxen", lacht Dietlind und trommelt im Takt auf seine Brust. Martina kann perfekt stricken und Marsello pfeift einwandfrei die Titelmelodie von James Bond. Ich staune und bin wirklich überrascht. Alle fünf strahlen um die Wette von der Bühne. Das Publikum ist begeistert. Und ich denke mir: "Ihr seid echte Superhelden!"

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