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SWR4 Abendgedanken

Es ist schon ne Weile her, aber ein wunderbares Bild. Ich habe in einem Chor mitgesungen und wir haben abends in der Kirche für ein Konzert geprobt: Der Chor stand hinter dem Altar, mit Blick in Richtung Dirigent und auf die Eingangstür hinter ihm. Darüber ein großes rundes Glasfenster, das in Gelb- und Rottönen den auferstandenen Jesus zeigt. Alles in Richtung Westen. Als die Sonne im Lauf des Abends untergangen war, sind wir vom Chor alle in einem warmen Licht gestanden und ich habe gedacht, dass das ein wunderbares Bild für meinen Glauben ist: Durch Jesus Christus strahlt mich die Liebe Gottes an. Und weil es der Auferstandene ist, ist auch klar, dass der Tod hier nichts zu sagen hat. Mein nächster Gedanke ist dann aber gewesen: Eigentlich schade, normalerweise erlebt das nur der Priester am Altar. Die Gläubigen in den Bänken haben das nicht. Und weil ich ja schon am symbolisch Deuten gewesen bin, habe ich weiter gedacht: Dann muss der Priester halt so predigen, dass die Leute, die ihn hören, auf seinem Gesicht sehen können, dass er von Gottes Liebe getroffen ist. Aber warum nur so predigen? Müsste es nicht auch in seinem Handeln spürbar sein und auch wenn er im Alltag den Menschen begegnet? Es wäre dann so, dass sich über ihn die Liebe Gottes in die Welt verbreitet. Ich finde, das ist ganz schön viel verlangt von einem Priester. Aber sicher denken viele Leute, dass ein Priester so sein muss. Klar, er ist so was wie ein Vollblutchrist, aber er ist ja auch ein Mensch, der Fehler macht und Schwächen hat. Außerdem muss ich sagen, dass ich ja gar nicht weiß, was den Priester von mir als Null-acht-fünfzehn-Christ unterscheidet. Also müsste es auch an meinem Umgang mit den Leuten spürbar werden, dass Gott mich und sie liebt. Ganz schön schwer. Ich weiß gar nicht, wie ich das konkret machen soll und wie ich das schaffen kann. Denn ich kenne ja meine Schwächen und Launen nur allzu gut. Aber ich denke, der Anfang ist, dass ich mich treffen lasse von der Liebe Gottes und dass ich es bewusst genieße wenn, andere mir ohne Vorbehalte liebevoll begegnen. Oder wenn das Sonnenlicht durch ein schönes Kirchenfenster auf meine Haut fällt. ... Und die Erinnerung an das Sonnenlicht auf meiner Haut ist schon ein Anfang finde ich.

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Laut Kalender ist heute Sommeranfang. Und egal wie das Wetter ist, ich genieße es einfach, dass Sommer ist. Das heißt für mich laue Abende, lange hell, viel Natur, Wasser und Barfuß gehen. Wenn ich nur dran denke, läuft in mir schon ein Film ab. Aber dieser Film beschleunigt sich, er wird leider immer schneller. Gelbe Getreidefelder, Astern und die ersten reifen Äpfel und schon ists wieder vorbei. Je älter ich werde, desto schneller scheints zu gehen und desto stärker wird die Sehnsucht nach dem nächsten Sommer. Aber genau das ist das Problem. Heute fängt der Sommer 2012 erst an und ich bin gedanklich schon beim nächsten Sommer. Dieses In-der-Zukunft-Leben macht mich nicht glücklich und es nimmt mir die Chance, diesen Sommer richtig zu erleben. Also besser in der Gegenwart leben, als in der Zukunft. Ich weiß ja noch nicht mal, ob ich nächsten Sommer noch lebe und ob ich gesund bin. Also durchschnaufen, im Jetzt ankommen, die Augen auf machen und sehen, was jetzt gerade um mich rum ist. Letzten Endes ist die Flüchtigkeit des Sommers und diese Übung, ins Jetzt zu kommen, ja nicht nur was für heute. Ich bin vielleicht in der Mitte des Lebens. Bisher habe ich mein Leben viel auf die Zukunft ausrichten müssen: Schule, Studium, Einstieg in den Beruf und erste Erfolge darin. Das war alles immer auf die Zukunft hin gedacht und als Junger hat mir das auch nichts ausgemacht. Im Gegenteil, dieser Blick auf die Zukunft hat mir meine Ziele gezeigt und mich motiviert. Auch wenn vieles anders gekommen ist, als gedacht, gelohnt hat sich der Einsatz immer. Aber es gibt auch eine Phase im Leben, wo ich nicht nur an die Zukunft denknen muss, sondern im Jetzt sein kann. Und das will ich nicht verpassen. Sonst verpasse ich mein Leben und die Möglichkeiten, die jedes Lebensalter mir bieten kann. Also was jetzt - Zukunft oder Gegenwart? Als Christ heißt das für mich, dass ich zum einen in die ganz weite Zukunft schaue, auch über den Tod hinaus, wo ich mir ein glückliches ewiges Leben vorstelle, mit allen Leuten, die mir am Herzen liegen und natürlich mit Gott. Aber es heißt auch, dass ich ein Stück dieser Zukunft schon in meinem Jetzt suche, heute an diesem ersten Sommerabend.

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„Adrians großer Traum" - Das ist der Titel einer Reportage, die ich gesehen habe. Sie zeigt die Entwicklung des Jungen Adrian von 12 bis 18 Jahren. Sein großer Traum ist Balletttänzer zu werden. Das ist nicht alltäglich, aber es ist auch noch nicht das Besondere daran. Sein Vater ist Baggerführer, beide Eltern kommen aus einem völlig anderen Milieu als die Eltern anderer Ballett-Kinder. Adrians Vater beschreibt das selbst so, dass er sich nicht vorstellen könne wie Adrian zu diesem Traum kommt, da keiner in der Familie etwas mit klassischer Musik oder Oper und Ballett zu tun gehabt habt. Beide Eltern unterstützen Adrian liebevoll und voller Stolz auf seinem Weg: Er besucht die Ballettschule der Berliner Staatsoper, hat als Jugendlicher erste Auftritte, auch im Fernsehen, und fängt schließlich ein Masterstudium zum Profi-Tänzer an. Es gibt immer wieder schöne Momente, wenn man sieht, wie der Vater mit Tränen in den Augen und voller Stolz diesen Weg seines Sohnes begleitet, der für ihn ein Weg in eine fremde, ganz andere Welt ist. Für ihn zählt nur, dass sein Sohn glücklich wird. Das hat mich berührt. Mich hat aber auch nachdenklich gemacht, wie es gehen kann, dass so ein Wunschtraum ohne äußere Einflüsse entsteht. In der Umgangssprache gibt es die Wendung „wie aus heiterem Himmel". Und ähnliche Deutungen gibt es auch in der Bibel, wenn von Berufungen von Propheten erzählt wird, oder wenn beschrieben wird, wie Jesus bei seiner Taufe im Jordan bewusst wird, was sein Weg sein wird. - aus heiterem Himmel. Auf der einen Seite beinahe unerklärlich, auf der anderen Seite auch beruhigend. Wenn ich zum Beispiel an die Werte des Christentums denke und an seine  Entwicklung, die momentan rückläufig ist. Für mich heißt das, dass ich zwar alles tue, was ich kann, um meinen Teil zu seiner guten Entwicklung beizutragen. Aber ich muss nicht alles alleine schaffen. Bei Adrian ist es auch ganz anders gekommen. Er hat aus gesundheitlichen Gründen mit dem Tanzen aufhören müssen, aber er sagt, dass er diese Zeit nicht missen will und für sein Leben daraus gelernt hat. Ich kann also darauf vertrauen, dass der Traum von einer besseren Welt auch immer wieder wie von selbst in Menschen aufkommen wird. Und wenn vielleicht nicht alles so läuft, wie ich es mir vorstelle, es kann trotzdem gut werden. Wie aus heiterem Himmel.

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Mutter Teresa. Schon wieder die Vorzeigeheilige. Oder immer noch. Als ich vor über zwanzig Jahren in die Schule gegangen bin, haben uns die Lehrer Mutter Teresa als Vorbild für christliche Nächstenliebe vorgestellt. Wir mussten sie dann mit den Idolen unserer Jugend vergleichen, das war damals Boris Becker. Was sich bis heute geändert hat, ist der Vergleichspunkt: Auf das Sportidol Boris Becker ist die Popikone Michael Jackson gefolgt, später Madonna und immer wieder andere Stars. Die sind nachgewachsen. Aber das Vorbild für christliches Leben ist immer noch dasselbe. Das spricht zum einen für Mutter Teresa. Sie hat radikal ernst gemacht mit dem Christentum. Und dabei ist sie sogar von heftigen Zweifeln und Krisen geplagt gewesen. Also gar nicht so abgehoben, dass ich sie als Vorbild auf so hohe Sockel stellen kann, dass sie unerreichbar für mich ist. 
Aber worüber ich manchmal nachdenke ist, ob es nicht auch aktuelle Beispiele für ein gelungenes christliches Leben gibt, die die dieselbe Zugkraft entwickeln können wie Mutter Teresa. Platt gesagt kommt es mir vor, als ob unsere Zeit keine Heiligen mehr hat. Vielleicht werden die Vorbilder heute nicht mehr so idealisiert und schneller entzaubert. Oder sie leben im Verborgenen und wirken gerade nicht im Scheinwerferlicht der Medien. Vielleicht machen heute aber auch weniger so richtig ernst mit dem Glauben. Auf den ersten Blick denke ich bei Mutter Teresa ja auch, dass ich lieber glücklich sein will, als nur für andere da zu sein. Aber ich kenne ja genügend Beispiele im Kleinen, Momente, in denen ich spüre, dass es mich mehr glücklich macht, jemandem Zeit zu schenken als nur um mich zu kreisen. Für andere da sein und glücklich sein, muss kein Gegensatzpaar sein. Aber wen kann ich meinen Schülern heute als Vorbild vorstellen? Wenn ich so darüber nachdenke, wird mir klar, dass es gar nicht das perfekte Vorbild sein muss, das man zwar vielleicht verehrt oder bewundert, aber nicht nachahmt, weil es zu perfekt und vielleicht sehr extrem ist. Aber es muss doch einen Weg geben, wie ein Mensch wie ich, der auch seine Fehler und Schwächen hat, als Christ leben und Vorbild sein kann. Letzten Endes sehen meine Schüler im der Unterrichtsstunde vor allem mich vor sich stehen und da bringt es nicht viel, wenn ich von der Nächstenliebe der Mutter Teresa rede, aber engherzig mit den Schülern umgehe. Sie sehen mich vorne stehen und sie erkennen meine Schwächen und Stärken meistens schnell. Vielleicht gelingt es mir aber ab und zu, dass ich barmherzig und wohlwollend mit mir und mit ihnen umgehe. Und dass sie daran vielleicht sehen können, dass es sich lohnt, ein Christ zu sein.

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Krebs. Ein unangenehmes Thema.. Eine Krankheit, die viele betrifft. Wahrscheinlich kennt jeder mindestens eine Person, die auch von Krebs betroffen ist. Früher ist die Krankheit ja kaum heilbar und mit einem Tabu belegt gewesen. Ich kann mich noch erinnern: Als Kind habe ich das oft mitbekommen, dass die Erwachsenen hinter vorgehaltener Hand gesagt haben: Der oder die hat Krebs. Und wenn jemand an Krebs stirbt, wird es in der Todesanzeige oft nur verschlüsselt gesagt: ...nach langer schwerer Krankheit entschlafen.
Wenn man die Todesanzeigen von Menschen, die an Krebs gestorben sind, sammeln würde, das gäbe wohl eine ziemlich lange Liste. Der Verlauf der Krankheit ist für die Betroffenen und ihre Angehörigen anstrengend und belastend: das viele Auf und Ab von Hoffnung und Resignation, der Kampf gegen Therapienebenwirkungen, die Schmerzen und dann das Sterben. Das ist immer noch das Bild in meinem Kopf und sicher ist es oft auch so. Aber es hat sich auch einiges geändert: Laut Statistik sind vor 1980 zwei Drittel der Krebspatienten gestorben, heute überlebt mehr als die Hälfte. Nur von den Überlebenden, von den geheilten liest man nichts in der Zeitung. Und das ist doch eigentlich seltsam. Für jemanden, der selbst Krebs hat, kann das ganz schön entmutigend sein, wenn er nur liest, dass es wieder jemand nicht geschafft hat. Aber wenn ich mir vorstelle, in der Zeitung wären nicht nur die Todesanzeigen enthalten, sondern auch Anzeigen von denen, die geheilt worden sind, das könnte doch unglaublich ermutigen: Frau Sowieso hat nach langer schwerer Therapie ihren Krebs überwunden. Mit ihr freut sich die ganze Familie! Es ist inzwischen sogar wissenschaftlich nachgewiesen, dass der Glaube an eine Heilung den Heilungsprozess positiv beeinflussen kann. Warum sehe ich dann also diese Hoffnungszeichen so selten? Und das gilt nicht nur für den Krebs: Wenn ich es auch nicht gleich in die Zeitung setzen muss, ich könnte doch immer mal wieder mit den Menschen reden über das, was gut geht, was mir und anderen Kraft und Hoffnung gibt.

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