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SWR4 Abendgedanken

Musik ist ein Geschenk Gottes. Dazu habe ich eine Geschichte in meiner Zeitung gelesen. Da erzählt eine Frau von ihrem letzten Gottesdienstbesuch und von dem, was dort passiert ist. Es wurde das Abendmahl gefeiert und während sich die Gemeinde nach und nach im Kreis um den Altar versammelte, um dort Brot und Wein zu bekommen, spielte die Orgel feierliche Musik. Eine schöne, feierliche Stimmung.
Und plötzlich - mitten in Bachs Präludium - fing ein Kind an zu weinen. Ein noch sehr kleines Kind, erst sehr leise, dann immer lauter werdend. Doch bevor die Stimmung kippen konnte, hat die Organistin reagiert. Nathlos ist sie von Bachs Präludium übergegangen in „Der Mond ist aufgegangen" und spielte dieses Lied für das kleine Kind.
Das Geschrei verstummte, stand in der Zeitung, und eine ganz besondere Atmosphäre legte sich über alle Anwesenden. Das Abendmahl wurde weiter gefeiert. Und die Frau, die dies berichtet hat, hat darüber in der Zeitung geschrieben: Sie wird diesen ganz besonderen Augenblick nie vergessen. Sie wird sich immer wieder daran erinnern, wie die Orgel das kleine Kind beruhigt hat.
Ich kann mir das gut vorstellen: Auch ich kenne die besondere Wirkung der Musik gerade im Gottesdienst. Die Musik gehört für mich einfach dazu, ich kann mir gar keinen Gottesdienst ohne Musik vorstellen.
Am Ende eines Gottesdienstes höre ich mir gerne das Orgelnachspiel an. Lehne mich in der harten Kirchenbank zurück und genieße die Musik. Oftmals gelingt es mir alles andere auszublenden und mich ganz und gar auf die Musik einzulassen. Dann stört es mich nicht, wenn andere um mich herum reden oder schon rausgehen. Dann hänge ich meinen Gedanken nach, lasse den Gottesdienst noch einmal Revue passieren und nehme den einen oder anderen Gedanken mit.
Die Musik beruhigt mich und sie schafft es auch, mich ganz zu mir zu führen. Meine Probleme, meine Sorgen, meine Verpflichtungen, mein voller Terminkalender sind für diesen Augenblick vergessen. Musik ist einfach beruhigend, feierlich. Stimmungsvoll.
„Denn die Musik ist eine Gabe und ein Geschenk Gottes", das hat der Reformator Martin Luther gesagt: „ Denn die Musik ist eine Gabe und Geschenk Gottes, nicht ein Menschengeschenk. So vertreibt sie auch den Teufel und macht die Leute fröhlich: man vergisst dabei allen Zorns, Unkeuschheit, Hoffart und anderer Laster."

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Es gibt ihn, den Tod mitten im Leben. Ich meine jetzt nicht den körperlichen, sondern den seelischen und sozialen Tod. Der kann sich mitten im Leben ereignen. Einfach so. Ohne große Ankündigung. Genau davon erzählt die Bibel. Und zwar berichtet sie von einer Frau, die in ihrem Leben gestorben ist. Hanna, so hieß die Frau, hatte ein Problem: sie war unfruchtbar. Mit diesem Problem konnte sie nicht leben. Nicht nur, weil ihr Wunsch nach einem Kind riesengroß war, sondern auch, weil sie von den anderen immer wieder daran erinnert wurde. Man zeigte mit dem Finger auf sie, redete, lästerte über sie. Aus: „Sie hat keine Kinder" wurde ganz schnell: „Wozu bist du überhaupt zu gebrauchen?"
Hanna litt unter dieser Situation. Sie hatte gar keine Freude mehr am Leben und keine Energie. Auch ihr Mann konnte sie mit seiner Liebe nicht mehr aufbauen.
Die Bibel erzählt: In ihrer Not und Verzweiflung geht Hanna in den Tempel und schüttet Gott ihr Herz aus. Und Gott hört Hanna. Er merkt, dass sie mitten im Leben gestorben ist und hilft ihr.
Hanna wird schwanger, bekommt einen Sohn. Neues Leben kommt zur Welt und damit wird auch Hanna wieder lebendig. Sie gehört wieder dazu. Nun gibt es keinen Grund mehr, Hanna auszugrenzen, mit dem Finger auf sie zu zeigen, sie mit Spott und Häme zu überschütten.
Sie meinen, das sei ein Wunder und so was gibt es in Wirklichkeit gar nicht?
Ich finde: Auch heute gibt es solche Situationen, wo ein Mensch denkt: Eigentlich bin ich zu nichts zu gebrauchen. Ich glaube, da kann Gott helfen. Er kann Menschen schicken, die für andere eintreten, ihnen ihre Stimme leihen. So wie neulich in der Bäckerei. Mehrere Menschen haben miteinander erzählt, nein, eher über eine andere Frau gelästert. „Guck die Dir doch mal an! Die hat ihr Leben nicht im Griff. Schmutzige Kleider, dreckige Fenster, abgefahrene Reifen am Auto. Die hats wirklich gar nicht im Griff... Ne, ne, ne."
So ist es eine ganze Weile gegangen. Bis endlich die Frau hinter der Theke eingegriffen hat: „Jetzt hört endlich auf zu lästern. Das macht man nicht. Das hat die Frau auch nicht verdient. Und damit eins klar ist, ich komme gut mit ihr aus. Fragt einfach mal nach, wie es ihr geht. Gelegenheit dazu habt ihr. Sie kommt nämlich auch auf meinen Geburtstag. Und jetzt möchte ich nichts mehr hören.
Ich glaube, Gott hat der Verkäuferin diese Kraft geschenkt. Sie hat damit geholfen, dass die andere wieder leben kann. Und mir hat sie gezeigt: Es gibt ihn - den Tod mitten im Leben. Aber Gott schenkt Auferstehung - mitten im Leben.

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Wer sucht, der findet. Sagt der Volksmund. Bei mir klappt das allerdings nicht immer. Das, sehe ich in meiner Sockenschublade. Denn da fristen ganz viele Single-Socken ihr trauriges Dasein. Single-Socken sind solche, deren Partner auf mysteriöse Weise in der Waschmaschine verschollen ist. Sie werden das wahrscheinlich auch kennen.
Es gibt unzählige Verschwörungstheorien zur verlorenen Socke in der Waschmaschine. Das alles interessiert mich nicht. Denn Fakt ist: die eine Socke ist weg und die andere noch da.
Also weg mit der noch vorhanden Socke in die Schublade. Eigentlich könnte ich die ganzen Single-Socken auch wegwerfen, ich habe ja noch genug vollständige Paare. Und ich habe das ja nun schon oft genug erlebt: Suchen bringt nichts. Von wegen: Wer suchet, der findet. Weg ist weg. So ist das bei mir.
Aber jedes Mal, wenn wieder eine Socke verloren gegangen ist, muss ich denken: Ganz anders ist die Sache bei Gott. Er gibt das Verlorene nicht so schnell auf, er sucht. Und zwar ganz gründlich. So wird im Lukasevangelium folgende Geschichte erzählt: Da ist ein Hirte, der hundert Schafe hat. Auf seiner Wanderung verliert er ein Schaf. Als er das merkt, begibt er sich auf die Suche. Er geht den ganzen Weg zurück bis er sein eines Schaf wieder findet. Auf seinen Schultern trägt er es zurück zur Herde.
Jesus hat diese Geschichte erzählt und dazu gesagt: So ist Gott. Er ist der Hirte und die Schafe sind wir Menschen.
Neulich musste zum Beispiel ich so gesucht werden. Nicht weil ich mich verlaufen hatte, sondern weil ich mich verrannt hatte. In meinem Terminkalender. Ein Termin jagte den anderen, ich war nur noch unterwegs, hatte aber für nichts mehr richtig Zeit. Dadurch wurde ich immer ungeduldiger und gereizter. Und keiner konnte es mir recht machen. Irgendwie kam ich aus der Situation nicht mehr raus. Total verrannt und festgefahren. Alleine konnte ich das Problem nicht lösen.
Aber zum Glück stellt Gott uns Menschen zur Seite, die uns nicht aufgeben. So empfinde ich das zumindest. Und so hat eines Tages das Telefon geklingelt, ein guter Freund war dran, der nur kurz gesagt hat: „Heute Mittag um eins gibt's Mittagessen. Bei mir. Bis dann." Er hat mich aus der verrannten Situation rausgeholt, weil er einfach alles durcheinander gebracht hat.
Ich glaube, dass war ein Hinweis von Gott. Denn Gott gibt nicht auf beim Suchen, weil er noch genug andere hat. Jedes verlorene Schaf ist ihm wichtig. Er achtet auf jedes Einzelne. Für Gott gilt wirklich: Wer sucht, der findet. Gott sei Dank!

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„Immer wenn ich diesen Baum anschaue, erinnert er mich an das Kriegsende", hat der alte Mann gesagt. Er hat auf den Baum mitten auf dem Dorfplatz gezeigt. „Hier hat sich früher das Leben abgespielt. Ach, mit diesem Baum verbinde ich mein ganzes Leben."
Er machte eine Pause und ging dann langsam an seinem Stock zur Bank unter dem Baum. „Hier habe ich in meiner Kindheit gespielt. Mit meinen Freunden. Damals war der Baum noch jung. 1918 zum Kriegsende hatte ein Bauer ihn gepflanzt. Als Erinnerung an seine Söhne, die in Frankreich gefallen waren. Ein Mahnmal, dass solche Zeiten sich nicht wiederholen müssen. Ein Zeichen, dass wir friedlich miteinander leben sollen."
Inzwischen hatten wir uns auf die Bank unter der Friedenslinde gesetzt. Ich habe nicht richtig gewusst, was ich sagen sollte. Und es war vielleicht auch einfach besser zu schweigen und dem alten Mann zuzuhören.
„Gut 20 Jahre später ist das Ganze wieder von vorne losgegangen. Da fing dann der 2. Weltkrieg an. Es gibt ja immer Menschen, die nicht dazu lernen. Jetzt im Alter kann ich das so kritisch sagen. Damals bin ich auch auf die Parolen und Reden hereingefallen. Jetzt bin ich über 90 und sehe vieles anders."
Mit seinem Stock hat er auf den Baum gezeigt. „Sehen sie genauer hin", hat er mich aufgefordert. „Dann sehen Sie, dass der Frieden unterbrochen wurde. Der Baum zeigt das ganze Leid des zweiten Weltkrieges."
Ich habe den Baum genauer betrachtet Und wirklich, der Krieg hatte auch den Baum gezeichnet. Die eine Hälfte des Baumes war tot. Dort grünte und blühte nichts mehr.
„Der Krieg hat auch vor unserem Dorf nicht halt gemacht", hat der alte Mann weiter erzählt. „Auch diese Friedenslinde wurde beschädigt. Aber sie hat es geschafft. Sie ist nicht eingegangen. Ich finde: Die kaputte Seite erinnert daran, dass es immer wieder Krieg gibt, weil Menschen sich den Frieden nicht gönnen. Und die heile, blühende, grüne Seite macht mir Mut, für den Frieden zu arbeiten. Hier im Kleinen in unserem Dorf. Und sonst auch. Sie zeigt mir, dass die Hoffnung nicht unterzukriegen ist." Mit diesen Worten hat der Mann sich zurückgelehnt und in das dichte Grün der Friedenslinde geschaut.
Und ich musste an ein Lied aus unserem Gesangbuch denken: „Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt, ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt?[1]" Heute ist der 8. Mai, der Gedenktag des Kriegsendes. Ich finde, heute sollte man dieses Lied singen. Und hoffen, dass die Liebe bleibt - und der Frieden auch.


[1] Schalom Ben Chorin, Freunde, dass der Mandelzweig, EG 655

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Manchmal begegnet man unerwartet einem Engel. Gott sei Dank. Bei mir war das so:
Eigentlich wollten wir ganz entspannt Urlaub machen. Im Harz. Am Fuße des Brocken, dem legendären Berg, auf dem die Hexen sich zum Tanz treffen. Ein Urlaub mit Schnee. Ein bisschen Wandern, ein bisschen Dampflok fahren, ein bisschen Rodeln. Dafür hatten wir sogar noch extra einen Schlitten gekauft.
Doch dann kam alles anders. Es hat keinen Schnee gegeben. Nur geregnet. Alles war matschig. Und zu alledem hat unser kleiner Sohn auch noch eine schwere Mittelohrentzündung bekommen. Über vierzig Grad Fieber inklusive. Na toll.
Statt Rodeln hat es Wadenwickel gegeben und statt Spaziergängen im Schnee oder Matsch Fieberzäpfchen und ganz viel Tränen.
So haben wir in der Ferienwohnung auf dem Sofa gelegen und hatten abwechselnd unser weinendes Kind auf dem Bauch liegen.
Da hat es plötzlich an der Tür geklingelt. Mehrmals. „Oh nein," haben wir gedacht, „das ist die Vermieterin, die mit uns die Abrechnung machen möchte. Konnte die sich keinen günstigeren Zeitpunkt aussuchen? Man hört den Kleinen doch durch die geschlossene Tür weinen."
Und dann ist alles ganz anders gekommen. Die Vermieterin hat vor mir gestanden und wollte gar nicht die Abrechnung machen. Sie hatte einen Teller mit frischgebackenen süßen Waffeln dabei. Den hat sie uns mit einem freundlichen Lachen überreicht. „Ich habe extra weniger Zucker genommen, damit der Kleine die auch essen kann.", hat sie gesagt sie und ist wieder gegangen.
Und als ich da so im Flur stand mit dem Teller mit warmen Waffeln in der Hand, da fiel mir plötzlich auf, dass das Geschrei aufgehört hatte. Unser kleiner Sohn stand hinter mir, zeigte auf den Teller und sagte: „Is auch, Waffele esse!"
Wir haben uns an den Tisch gesetzt, die frischen Waffeln gegessen und für einige Minuten war die Mittelohrentzündung vergessen.
Tja, es gibt eben nicht nur viele Hexen im Harz. Sondern auch Engel. Die haben aber keine Rauschgoldlocken, keine weißen Flügel und auch keinen Heiligenschein. Sie fliegen auch nicht durch die Luft wie angeblich die Hexen. Einer dieser Engel vermietet Ferienwohnungen und backt gerne frische Waffeln für kleine kranke Jungs. Und dieser Engel sieht aus wie Sie und ich. Ich bin ihm begegnet.

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