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SWR4 Abendgedanken

05APR2012
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Nehmen Sie mal an, Sie könnten durch die Zeit reisen. In welcher geschichtlichen Epoche würden Sie gerne einen Tag verbringen? Ich stelle mir vor, welche Möglichkeiten das in sich birgt. Ich könnte wichtige Dinge hautnah miterleben. Eins meiner Reiseziele wäre sicher das Ereignis, an das wir uns heute erinnern: Das letzte Abendmahl, das Jesus mit seinen Freunden in Jerusalem gefeiert hat. In der jüdischen Welt ist damals wie heute in diesen Tagen sowieso gefeiert worden, denn es war Pessach. Das ist das wichtigste Fest der Juden und erinnert an den Auszug der versklavten Israeliten aus Ägypten. Es ist ein Familienfest, und ich stelle mir vor, dass zur Zeit Jesu die Straßen von Jerusalem voll waren von Menschen, die sich auf das Fest vorbereitet haben. Dann kam der Abend, und Jesus hat sich mit seinen Freunden zu Tisch gesetzt, um gemeinsam zu essen, genauso, wie es viele andere auch taten.
Wer wohl alles dabei war? Wer genau waren die ‚Freunde Jesu'? In der Bibel ist auf jeden Fall die Rede von „den Zwölf". Damit sind die engsten Anhänger Jesu gemeint. An anderer Stelle heißt es, er habe sich mit den Aposteln zu Tisch begeben. Es gibt noch ein älteres Zeugnis dieses Abends, nämlich einen Brief, den Paulus geschrieben hat. Da ist überhaupt nicht erwähnt, wer bei diesem Abendmahl dabei war. Ich hätte so gerne mal durchs Fenster geschaut. Wie haben die ausgesehen? Waren es Junge, Alte, nur Männer oder doch auch Frauen? Wenn an diesem Abend Frauen dabeigewesen wären, dann würde es wohl auch in der katholischen Kirche Pfarrerinnen geben. Niemand könnte mehr argumentieren, dass Jesus nur Männer beauftragt habe, das Mahl zu seinem Gedächtnis immer wieder zu feiern. Ich würde vor allem auch gern etwas spüren von der Atmosphäre jenes Abends, von diesem letzten Zusammensein Jesu mit seinen Freunden. Von seinem Vermächtnis: „Haltet dieses Mahl immer wieder zu meinem Gedächtnis". Von dem Moment, als Jesus denen, die da waren, die Füße gewaschen hat. Das war damals die Aufgabe eines Sklaven. Jesus wollte damit sagen, dass wir einander dienen sollen. Ich werde heute Abend in die Kirche gehen und in unserer Gemeinde den Gottesdienst mitfeiern. Weil wir uns gerade heute auch an die Fußwaschung erinnern, ist es in unserer Gemeinde üblich, dass zwölf Leute gebeten werden, nach vorne zu kommen und sich vom Pfarrer die Füße waschen zu lassen. Ich finde es ein schönes Zeichen, wenn unter diesen zwölf Menschen dann Alte und Junge sind, Männer und Frauen, Mädchen und Jungs. Das ist die Kirche, in der ich beheimatet sein will: Eine Kirche für alle Menschen.

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Eine Busfahrt in den Südstaaten Amerikas in den 1950er Jahren. Die vorderen Sitzplätze im Bus sind für die Weißen reserviert. Wenn allerdings die Plätze nicht ausgereicht haben, mussten die schwarzen Fahrgäste ihnen Platz machen. An einem Tag im Dezember 1955 ist die Näherin Rosa Parks sitzen geblieben. Nach einem langen Arbeitstag hat sich die farbige Frau geweigert, ihren Platz freizumachen. Sie wurde deshalb verhaftet, und ein Ruck ging durch die schwarze Bevölkerung der Stadt Montgomery. Über ein Jahr lang sind die Schwarzen zu Fuß gegangen, per Anhalter gefahren oder mit dem Fahrrad - die Busse blieben leer. Ein Autofahrer hat eines Tages neben einer alten Frau gestoppt, die offensichtlich nicht besonders gut zu Fuß war. „Steig ein, Großmutter," hat er sie ermuntert, „du brauchst nicht zu laufen!" Sie hat das Angebot fröhlich abgelehnt: „Ich laufe nicht für mich, ich laufe für meine Kinder und Kindeskinder." 381 Tage hat der Busstreik von Montgomery gedauert. Danach hat das Oberste Gericht die Rassentrennung in den Bussen für verfassungswidrig erklärt.
Der junge Martin Luther King war damals als Pfarrer neu in Montgomery. Er hat miterlebt, dass Schwarze und Weiße auf verschiedenen Parkbänken saßen, in getrennte Schulen und getrennte Schwimmbäder gingen. Er kannte die schwarzen Dienstmädchen, schwarzen Köche oder schwarzen Krankenschwestern, die in den Häusern der wohlhabenden weißen Bürger gearbeitet haben. Als der Busstreik von Montgomery begann, hat sich Martin Luther King  wie selbstverständlich an die Spitze der Protestbewegung gesetzt. Bis zu seinem Tod 12 Jahre später ist er ihr Kopf gewesen. An ihn möchte ich heute erinnern, sein Tod jährt sich heute zum 44. Mal. Martin Luther King pochte auf das, was in der amerikanischen Verfassung eigentlich längst verankert war: Alle Menschen haben die gleichen Rechte und sollen die gleichen Chancen haben. Er hatte nicht nur Anhänger, sondern auch zahlreiche Gegner. Letztendlich hat er für seine Überzeugung mit dem Tod bezahlt. Ich bin deshalb so beeindruckt von ihm, weil er ein zutiefst gläubiger Mensch gewesen ist und davon überzeugt, dass man nur gewaltlos etwas erreichen könne. Von dieser Haltung ist er nicht abgegangen - auch nicht, als man seine Familie bedroht hat. Ich denke, unsere Welt würde anders aussehen, wenn es mehr Menschen wie ihn geben würde. Er hat großen moralischen Druck erzeugt, so dass die ganze Welt aufmerksam wurde auf die Situation der Schwarzen in Amerika. Gewaltlos hat er dazu beigetragen, die amerikanische Gesellschaft von Grund auf zu verändern - und ist selber ein Opfer der Gewalt geworden. Am 4.April 1968 wurde er in Memphis erschossen. Über sich selbst hat Martin Luther King  gesagt: "Wenn ich einem von euch.... den Weg zur Erlösung gezeigt, die Botschaft des Herrn verbreitet habe, dann war mein Leben nicht umsonst."

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Warum kann man nicht im Schlafanzug in den Kindergarten gehen? Solche und ähnliche Fragen höre ich im Moment täglich von meiner kleinen Tochter. Sie zwingt mich dazu, die Dinge so auf den Punkt zu bringen, dass sie sie versteht. Da muss ich schon genau überlegen, was ich sage, denn meine Tochter würde mir alles glauben. Im Moment bricht der Frühling durch und an vielen Bäumen hängen bunte Ostereier. „Was ist Ostern?", hat sie gefragt. Und mich ins Nachdenken gebracht. In drei Tagen ist Karfreitag, da möchte ich mit ihr zum Kinderkreuzweg gehen. Mit Tüchern, kleinen Kulissen und Figuren wird dort der Leidensweg von Jesus nacherzählt, vom letzten Abendmahl bis zur Kreuzigung. Die Stationen sind im Gemeindehaus auf dem Boden aufgebaut, so dass die Kinder dazwischen umhergehen können. An einer Station sitzen biblische Figuren um einen winzigen Tisch - wie in einer Puppenstube. Eine von ihnen kniet und wäscht den anderen die Füße. Das ist die Jesus Puppe. Sie wandert weiter von Station zu Station. Von der Verurteilung durch Pontius Pilatus den langen Weg hinaus aus der Stadt bis zum Kreuz. Die letzte Station ist das Grab, mit dem Stein davor. Jesus ist gestorben und begraben. Die Kinder haben Blumen und grüne Zweige mitgebracht, die sie jetzt vor das Grab legen. Es ist ein Hinweis auf das Leben, das wiederkommt. Das Leben ist mit dem Tod nicht zu Ende. Das ist es, was wir an Ostern feiern: Wir erinnern uns daran, dass Frauen und Männer Jesus begegnen, nachdem er gestorben war und sie ihn ins Grab gelegt hatten. Sie erleben ihn als den Lebendigen. Sie spüren, dass sein Weg noch lange nicht zu Ende ist, und dass er einen Auftrag für sie hat. Deshalb beginnen sie, von Jesus zu reden. Bis heute. So kann ich meiner Tochter das Osterfest erklären, glaube ich. Das ist auch das, was sie erlebt. Im Gottesdienst, bei den Festen im Kindergarten, oder auch bei uns zuhause. Dass da viele Menschen sind, die von Jesus sprechen und denen er wichtig ist. Dass Jesus zwar gestorben, aber trotzdem da ist. Ich freu mich auf Ostern - und auf die Fragen meiner Dreijähringen.

 

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Heute ist der Tag nach Palmsonntag, die Karwoche nimmt ihren Lauf. Für mich ist das wie der Endspurt vor Ostern. Zur Zeit Jesu war es bestimmt ähnlich: Jesus ist jetzt in Jerusalem angekommen, hohe Erwartungen werden an ihn gestellt. Er soll das jüdische Volk anführen gegen die Römer, er wird als der sehnlichst erwartete Messias gehandelt. Die Stimmung heizt sich auf - und die Oberen merken das. Auch für sie beginnt so etwas wie ein Endspurt - werden Sie diesen unbequemen Propheten kontrollieren können, oder zettelt er etwa einen Aufruhr an? Jesus geht verdächtig anders mit den Menschen um - vor allem mit den Ausgestoßenen und Schwachen. Er setzt sich über Vorschriften hinweg und stellt sie auf den Kopf, zum Beispiel am Sabbat. Es ist abzusehen, dass sich die Lage zuspitzen wird.
Die Einen erwarten Großes von Jesus, andere befürchten etwas von ihm. Vor Ostern ist alles in der Schwebe. Als Jesus keinen Aufstand gegen die Römer anzettelt, sind Manche regelrecht enttäuscht. Judas zum Beispiel, einer aus dem engsten Kreis um Jesus. Er verrät Jesus für 30 Silberlinge (nicht gerade viel) an die religiösen Autoritäten, und Jesus wird verhaftet. Judas ging es nicht ums Geld, sein Verrat war sicher angetrieben von enttäuschten Erwartungen. Vielleicht wollte er Jesus zum Handeln zwingen und hat ihm sozusagen die Pistole auf die Brust gesetzt. Aus einem Freund ist ein Feind geworden. Ostern ist in diesem Sinne nicht nur das Fest der Auferstehung, es hat auch viel mit enttäuschten Erwartungen zu tun - sonst wäre Jesus nicht ans Kreuz geschlagen worden.
Ich erwarte manchmal auch irgendetwas - von meinem Mann oder meiner Freundin. Und wenn es dann nicht so kommt, dann denke ich: „Der muss das doch wissen" oder „die muss das doch merken". Erst werde ich ungeduldig und dann bin ich genervt, aber ich versuche trotzdem, mir klar zu machen, ob mein Mann oder meine Freundin meine Erwartungen überhaupt erfüllen können. Vielleicht wissen sie gar nichts davon. Ich habe festgestellt, dass ich meine Erwartungen oft gar nicht ausspreche. Wenn ich es tue, ernte ich Erstaunen und vieles klärt sich. Ich bin dann regelrecht erleichtert, dass das Unausgesprochene nicht mehr zwischen uns steht. Ich wünsche mir die richtigen Worte im richtigen Moment. Gerade jetzt, in dieser Zeit der Feiertage.

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