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SWR4 Abendgedanken

Vor ein paar Jahren hat ein Bekannter von mir seine Arbeitstelle verloren. Er und seine Familie haben eine schwere Zeit durchgemacht. Mit weniger Geld auszukommen ist gar nicht so einfach. Das heißt keine großen Anschaffungen, weniger Taschengeld für die Kinder, keine Urlaubsreisen mehr. Jetzt hat er wieder Arbeit gefunden. Gott sei dank. Die ganze Familie ist erleichtert. Er hat mir erzählt: „In dieser Zeit kam ich mir total überflüssig vor. Jetzt habe ich endlich wieder einen Grund, morgens aufzustehen."
Wir brauchen Arbeit, um für uns sorgen zu können. Miete, Essen, Auto und so weiter. Aber Arbeit bedeutet für den Menschen noch mehr. Vor rund vierzig Jahren schrieb Papst Johannes Paul II.: Arbeit ist wichtig, weil wir uns durch sie selbst verwirklichen. Wir können durch die Arbeit »mehr Mensch werden«.
Durch die Arbeit mehr Mensch werden? Ich finde, dass der Papst damit die Arbeit ein bisschen zu wichtig nimmt. Sicher, Eine gute Arbeit gibt meinem Leben Sinn. Doch wer Sinn nur in seiner Arbeit findet, verarmt vielleicht in anderen Bereichen des Lebens. Schon so manche Beziehung ist zerbrochen, weil der Beruf zu sehr im Vordergrund stand.
Wenn ich die Arbeit zu wichtig nehme, dann lauert noch eine andere Gefahr: Was, wenn die Arbeitsstelle verloren geht? Viele Menschen finden ja dauerhaft keine Arbeit. Werden sie dann immer weniger Mensch? Meinem Bekannten ging es ja tatsächlich so. Als er keine Arbeit hatte, zog er sich zurück. Sein Leben wurde ärmer - nicht nur, was das Geld betraf.
Arbeit oder keine Arbeit - bedeutet das: alles oder nichts? Für mich geht die Frage nach dem Sinn über den Beruf hinaus. Ich könnte mich fragen: Was will ich in dieser Welt verändern? Was erfüllt mich? Wozu fühle ich mich berufen? Sinn finde ich auch in Freundschaften, in der Familie oder im Glauben. Ich kann auch ehrenamtlich etwas Sinnvolles tun. Im Krisenfall hilft es, wenn ich möglichst viele Sinnquellen habe.
Je mehr Orte ich haben, an denen ich „mehr Mensch werden kann", um so besser. Dann stehe ich auch mal Zeiten durch, in denen die Arbeit langweilig oder nervig ist. Gut, wenn es dann Freunde gibt. Oder Sport. Oder Musik. Oder viele andere Wege, um Sinn im Leben zu fi

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- Wovon es abhängt, ob wir uns verstehen
Kennen Sie das, wenn Sie sich bei einem Gespräch so richtig wohl fühlen? Wenn Sie spüren: Der andere versteht mich, meine Gedanken, meine Gefühle? Mir geht es gut, wenn ich mit einem Freund spreche, der mich schon lange kennt. Manchmal aber auch, wenn ich mit einem Menschen zum ersten Mal spreche. Woran liegt es, dass manche Gespräche diesen Wohlfühl-Faktor haben - und andere nicht? Schon vor einigen Jahrzehnten hat ein Wissenschaftler versucht, genau das herauszufinden. Er hieß Carl Rogers. Er hat viele Gespräche genau untersucht. Zuerst bekam er heraus, was keiner von uns mag. Wir mögen es nicht, wenn uns jemand bevormunden will. Das geschieht viel häufiger, als wir vielleicht denken. Oft sind es einfach gut gemeinte Ratschläge. Zum Beispiel: „Jetzt mach Dir doch keine Sorgen!" Klingt eigentlich ganz nett. Wenn jemand Sorgen hat, hilft es ihm aber nicht weiter. Beim Gesprächspartner entsteht eher der Eindruck: Der andere nimmt mich mit meinen Sorgen nicht ernst. In vielen Gesprächen zeigt sich: Ich dränge den anderen in eine bestimmte Richtung. Oft bemerke ich es gar nicht. Aber es wird meistens kein gutes Gespräch daraus. Carl Rogers sagt, für ein gutes Gespräch braucht es drei Dinge: Ehrlichkeit, Mitgefühl und Wertschätzung. Eigentlich ist das doch selbstverständlich! Ehrlichkeit - Naja, in vielen Gesprächen nehme ich es damit nicht so genau. Zum Beispiel, wenn ich dem anderen gefallen will oder wenn ich kleine Schwächen nicht zugeben will. Auch das zweite Stichwort hört sich zunächst mal einfach an: Mitgefühl zeigen. Aber es ist ganz schön anstrengend, sich wirklich für den anderen zu öffnen. Ich muss Platz machen für fremde Gefühle. Mich bewusst auf den anderen einlassen. Das kostet Kraft. Ich finde, die dritte Eigenschaft ist eine besondere Herausforderung: die Wertschätzung. „Wertschätzen" - Das heißt, den anderen nicht zu bewerten. Ihn nicht in ein Schema zu pressen. Ihn so anzunehmen, wie er ist. Carl Rogers hat gewusst, dass gute Gespräche nicht vom Himmel fallen. Er hat aber gezeigt, dass jeder lernen kann solche Gespräche zu führen. Seine Regeln klingen einfach, sind aber anspruchsvoll. Ehrlich sein, sich in den anderen einfühlen, den anderen wertschätzen. Ich hab's ausprobiert und schnell gemerkt, dass es gut ist, sich erst mal auf eines der drei Dinge zu konzentrieren. Dann kann ich mich langsam steigern. Es ist wirklich nicht einfach. Aber es lohnt sich. Denn dieses Gefühl, den anderen zu verstehen und von ihm verstanden zu werden, ist: unvergleichlich.  

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Manchmal kommt es mir so vor, als hätte ich den schwierigsten Beruf der Welt. Ich arbeite ja bei der Kirche. Da soll ich Kindern und Jugendlichen von Gott erzählen. Wissen Sie, wie die mich oft ansehen? Noch bevor ich den ersten Satz beendet habe? Manche schauen etwas erschrocken: Oha, was kommt jetzt? Andere fangen sofort an zu gähnen. Wieder andere schauen mich etwas mitleidig an.
Wenn ich dann nachfrage, fallen vor allem die Stichworte: Langweilig, ernst und kompliziert. Langweilig sei Gott, weil er immer Ruhe will. Alles soll andächtig sein. Und muss die Sache mit Gott immer so ernst und kompliziert sein? Es gibt so viele Widersprüche: Die eine Religion sagt dies, die andere sagt das.
Natürlich gibt es auch andere Reaktionen. Aber für viele Kinder und Jugendliche scheint Gott  „uncool" zu sein. Sie haben den Eindruck, dass sie und Gott einfach nicht zusammenpassen. Gott ist etwas für alte Menschen. In ihrem Leben kommt Gott nicht vor.
Stimmt das? Hat Gott mit dem Leben dieser Jugendlichen tatsächlich nichts zu tun?

Menschen haben doch zu allen Zeiten die Erfahrung gemacht, dass Gott in ihrem Leben vorkommt. Es sind ganz viele kleine und große Erfahrungen mit Gott überliefert. Warum sollte das heute anders sein?
Wenn ich darüber nachdenke, fällt mir ein, dass Jugendliche gut und gerne feiern. Feste und Partys sind für viele junge Leute ganz wichtig. Hier erleben sie Gemeinschaft, Freude, Liebe und Leid. Manche fiebern die ganze Woche lang der nächsten Feier entgegen. Eigentlich ist der Weg zu Gott da nicht weit. Denn wann wurden die Menschen zum ersten Mal auf Jesus aufmerksam? Bei einer Party, nämlich bei der Hochzeit zu Kana. Und da hat er dafür gesorgt, dass die Party nicht frühzeitig zu Ende war. Er hat Wasser in Wein verwandelt und so der Hochzeit nochmal einen richtigen Schub gegeben. Jesus war dafür bekannt, dass er gern gefeiert hat. Man denke nur an die vielen Gelegenheiten, wo er Menschen um einen Tisch versammelt hat. Reiche und arme, vorbildliche und Außenseiter.
Ich finde, Jesus hat eine frohe Botschaft. Nicht nur für mich und andere Kirchgänger, sondern auch für Kritiker, für Suchende und für die Jugendlichen in meinem Religionsunterricht. Jesus sagt: Freut euch und feiert! Feiert das Leben. Feiert die Gemeinschaft untereinander und mit Gott. Brecht und teilt das Brot. Esst und trinkt in meinem Namen und schließt niemanden dabei aus.

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Als Student war ich für fünf Monate im Gefängnis. Nicht wie sie jetzt vielleicht denken. Ich habe dort ein Praktikum gemacht - beim Gefängnisseelsorger. Das Gefängnis steht in Freiburg, mitten in der Stadt. Eine eigene kleine Welt für sich. Rund siebenhundert Männer sitzen dort ein. Was mir zuerst auffiel: die vielen verschlossenen Türen. Alle paar Meter braucht man einen Schlüssel. Ohne Schlüssel habe ich mich auch als Praktikant ziemlich gefangen gefühlt. Als nächstes fiel mir der besondere Geruch auf. Denn im Gefängnis leben und arbeiten alle auf engstem Raum. Im Gefängnis riecht es nicht gerade nach Freiheit. Durch die kleinen, vergitterten Fenster kommt kaum frische Luft.
Ich habe dort mit vielen Menschen über ihr Leben gesprochen. Auch darüber, warum sie verurteilt wurden. Zum Beispiel erzählte mir ein junger Mann von seinem Streit vor einer Disco. Er zog ein Messer - schon war es passiert. Er meinte, es war Notwehr. Außerdem hatte er Drogen genommen. Der Richter würde schon einsehen, dass er unschuldig sei. Ich war da nicht so sicher. Schließlich war es bereits sein zweiter Mordprozess.
Ich kann es nachvollziehen, wenn jemand seine Schuld nicht einsehen will. Das scheint ihm einen Rest Hoffnung zu geben. Die Hoffnung, irgendwann einmal zur Welt da draußen zu gehören. Kein „Knasti", sondern ein normaler Bürger zu sein. Ins Gefängnis zu wandern, davon hat keiner der Insassen geträumt. Sehr viele schämen sich, dort gelandet zu sein. Sie brechen den Kontakt zu Freunden und zur Familie ab, weil sie lieber als verschwunden gelten. Sie haben das Gefühl ausgeschlossen zu sein - im wahrsten Sinne des Wortes.
Viele sind dankbar, wenn sie jemand besucht. Jemand wie der Seelsorger. Ihn schickt nicht das Gefängnis, sondern die Kirche. Er steht für ein Stück „normale Welt". Männer, die ein Verbrechen begangen haben, kommen hier zur Bibelstunde. Auch die Gottesdienste sind gut besucht. Das hat mich zuerst gewundert. Aber dann habe ich gemerkt: Hier können die Gefangenen Abstand gewinnen. Abstand zum Alltag, zu den Sorgen. Hier sind sie nicht Gefangene, sondern Gottesdienstbesucher. Für  sie ist es oft besonders schwer zu glauben, dass Gott sie liebt. Trotz ihrer Fehler, trotz ihrer Schuld. Ich bin überzeugt: Gott sieht vor allem auf das Gute im Menschen, sei es noch so verborgen. Im Praktikum habe ich gesehen: Es ist gut, wenn jemand da ist, der den Gefangenen diese Hoffnung gibt. Und ich finde, der Knast darf nicht völlig von der normalen Welt getrennt werden. Denn dort leben Menschen - Menschen, die von einem anderen Leben träumen.

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Vor kurzem lief im Fernsehen wieder diese Dschungelsendung „Ich bin ein Star, holt mich hier raus." Sie haben bestimmt davon gehört: Ein paar mehr oder weniger prominente Menschen müssen im Dschungel campieren. Keine Dusche, kein Bett, kein Sofa. Außerdem bekommen sie ständig neue Aufgaben gestellt: Würmer essen, mit Schlangen schmusen und vieles mehr. Echt eklig, finde ich. Aber die Sendung ist ein Quotenhit.
Warum schauen sich das so viele Menschen an? Ein Grund könnte sein: Wenn ich selbst einen schlechten Tag hatte, sehe ich dort: Anderen geht es noch schlechter. Ich kann nicht anders, als mich mit anderen zu vergleichen. Manchmal fühle ich mich nicht wohl, weil es andere scheinbar viel besser haben. Doch es funktioniert auch andersherum: Ich bin erleichtert, wenn´s mir besser geht als anderen. Mit denen im Dschungelcamp will ich jedenfalls nicht tauschen.
Ganz anders klingt dagegen die Botschaft der Bibel. Jesus sagt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Ich übersetze das mal so: Hör auf, dich ständig mit anderen zu vergleichen. Sieh den anderen nicht als Konkurrenten, sondern als guten Freund, als Partner. Auch dich selbst- ganz egal, was andere machen: Du darfst so sein, wie du bist.
Wenn das so einfach wäre, würde ich sofort mitmachen. Sich selbst lieben, den anderen lieben - das hört sich doch gut an. Es ist nur irgendwie viel schwieriger umzusetzen. Ich vermute nämlich, dass die anderen genau das gleiche tun wie ich:  vergleichen. Auch die, die im Dschungel sitzen, vergleichen sich ständig untereinander. Wer ist beliebter bei den Zuschauern? Wer hat welche Ekelprüfung geschafft? Wer gewinnt am Ende den Titel des „Dschungelkönigs"?
Vielleicht würde Jesus den Dschungelcampern vorschlagen:  Lasst den Dschungel hinter euch. Lasst das Vergleichen bleiben. Ich finde, das beeindruckende an Jesus war, dass er nicht nur davon geredet hat, sondern dass er diese Liebe auch ausgestrahlt hat. Er hat seinen Worten Taten folgen lassen.
 „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." - der Satz taugt wahrscheinlich nicht als Motto für eine Fernsehshow. Aber er kann zum Motto für mein Leben werden. Wenn ich dann mal einen schlechten Tag hatte, kann ich  auf das Gute bei mir und anderen schauen - anstatt nach dem größten Pechvogel zu suchen.

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