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SWR4 Abendgedanken

18JUN2021
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„Erholung am Wochenende“, darunter stellen sich die Menschen sehr verschiedene Dinge vor: Die einen legen sich am liebsten mit der Zeitung oder einem Buch aufs Sofa. Und andere können gar nicht genug unternehmen und sind von früh bis spät auf Achse.

Je älter ich werde merke, dass es kein Fehler ist, ein bisschen früher ins Bett zu gehen und mich richtig zu erholen. Obwohl - der Spruch: „Die Nacht ist zum Schlafen da“, den höre ich nicht so gerne. Aber allmählich sehe ich es ein.

Ich sollte schlafen gehen, auch, wenn ich scheinbar irgendetwas verpasse. Und ich sollte auch dann schlafen gehen, wenn eine Arbeit noch nicht ganz fertig ist. Ich weiß, mehr Schlaf würde mir gut tun. Aber so richtig mag ich das immer noch nicht hören. Womöglich verpasse ich doch etwas. Oder es wäre doch besser, noch eine Weile am Schreibtisch zu sitzen und eine Aufgabe abzuschließen. Da sitze ich dann, es wird später und später, und der Mond scheint zum Fenster herein. Und er erinnert mich daran, schlafen zu gehen, wie es im berühmten Abendlied von Matthias Claudius - der Mond ist aufgegangen - heißt:

„Wie ist die Welt so stille und in der Dämmrung Hülle so traulich und so hold als eine Stille Kammer, wo ihr des Tages Jammer verschlafen und vergessen sollt.“

Ein schönes Lied. Und mittendrin die Aufforderung, sich zu erholen und zu schlafen. Matthias Claudius vergleicht die Nacht und ihre Dunkelheit mit einer stillen Kammer, einem ruhigen Zimmer. Da drinnen ist es ruhig und friedlich. Ich bin in Sicherheit und darf ganz beruhigt einschlafen. Und den ganzen Trubel der vergangenen Woche, alles, was liegen geblieben ist, das darf ich einfach einmal verschlafen und vergessen. Ich darf mich erholen.

Mir gefällt dieser Gedanke. Und der Mond erinnert mich daran, wenn ich wieder einmal nicht ins Bett finde. Arbeit ist wichtig und in der Freizeit will ich etwas erleben. Aber ich muss nicht auf Teufel komm raus die Nacht zum Tag machen. Die Nacht ist zum Schlafen da, und die Dunkelheit hüllt mich ein wie eine ruhige und sichere Kammer. Hier kann ich mich beruhigt erholen.

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17JUN2021
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Der Vater einer Bekannten feiert bald seinen 90. Geburtstag. Sie hat mir erzählt, wie er - leicht gekrümmt - in seinem Sessel sitzt und lächelt, wenn sie ihn besuchen kommt. Er nickt ihr freundlich zu - und dann fragt: „Wie ist denn Ihr Name?“ Ihr alter Vater ist dement. Und ich ahne, wie sich das anfühlt. Die beiden waren so eng miteinander verbunden, aber die Krankheit macht die eigene Tochter zu einer Fremden.

An manchen Tagen aber, da hat der Vater helle Momente. Die Erinnerung ist wieder da - nicht vollständig und manchmal nur kurz. Aber sie ist da. Kleinigkeiten wie ein Urlaub oder der Tag, an dem die Tochter ihren ersten Freund mit nach Hause gebracht hat. Einen Moment lang ist es hell und vertraut, wie früher.

Helle Momente. Für meine Bekannte sind sie kostbar, dann sie kann ihrem Vater wieder nahe sein. Dieser Gedanke begleitet mich weiter: Immer, wenn Menschen sich nahe kommen, sind das helle Momente. Manchmal hat sie eine Krankheit auseinander gerissen. Oder: Zwei Freunde haben sich so sehr in die Wolle gekriegt, dass sie sich fremd geworden sind. Oder es begegnen sich zwei Leute, die so unterschiedlich sind, dass sie nichts miteinander anfangen können. Wenn das passiert, dann ist jeder für sich und allein.

Besser ist es zu zweit, zu dritt oder zu mehrent. Es sind helle Momente, wenn ich merke, dass da jemand ist, der mich sieht und der mich kennt. Leider gibt es dafür keine Garantie. Helle Momente sind ein Geschenk, wie ein Licht, das plötzlich aufleuchtet und mir wieder Orientierung gibt.

In einem alten Gebet der Bibel, in Psalm 36 heißt es: Gott - in deinem Lichte sehen wir das Licht. Die kleine Zeile erzählt von Gott wie von einem hellen Moment: Sie spricht von einem Lebensgefühl, von dem Vertrauen, dass da einer ist, der mich sieht und mich kennt. Meine Bekannte hat mir einmal gesagt, wie sehr sie dieses Gebet tröstet. Es ist ein Hoffnungsschimmer für sie: Denn selbst, wenn Vater und Tochter sich nicht mehr erkennen - Gott kennt sie beide. Und was die beiden miteinander verbindet, das ist nicht vergessen. In Gottes Lichte, sieht sie dieses Licht.

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16JUN2021
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Ich finde, man kann es auch übertreiben mit der Bescheidenheit. Gut erinnern kann ich mich da an ein Gespräch mit einer Frau - sie war so etwa Mitte 40: der Mann tagsüber bei der Arbeit, die Kinder fast erwachsen, der Familienalltag soweit geregelt. Aber die Frau war unzufrieden und oft schlecht gelaunt. Und irgendwann ist ihr dann aufgefallen, was nicht stimmt: Sie war selbstverständlich geworden: Abendessen um 19 Uhr auf dem Tisch - selbstverständlich. Wäsche gewaschen - selbstverständlich. Geschirr gespült, eingekauft… Für ihre Familie ganz normal und nichts Besonderes. Dieser Frau hat das gestunken. Aber anstatt etwas zu sagen hat sie ihre Enttäuschung in sich hinein gefressen. Sie hätte einfach einmal ein Lob gebraucht von ihrem Mann oder ihren Kindern. Aber darauf hinweisen? Das kam nicht in Frage denn - Bescheidenheit ist eine Zier.

Ich denke, so oder so ähnlich geht es vielen Frauen und Männern - zu Hause oder auch an der Arbeitsstelle. Und es ist schade, dass sich viele vor lauter Bescheidenheit nicht trauen, etwas zu sagen. Wenn ich meine Aufgaben erfülle und etwas leiste, dann darf das gesagt werden! Deshalb bin ich noch lange nicht unbescheiden.

Bescheidenheit ist eine Zier. Mit falscher Bescheidenheit ist aber niemandem geholfen. Mir fällt dazu ein richtig guter Satz von Jesus ein, der in der Bibel steht: Wir Menschen sollen unser Licht nicht unter den Scheffel stellen. Ich denke, Jesus meint: Was wir Gutes leisten, das gehört nicht versteckt unter einen Deckel. Es gehört gut sichtbar auf einen Leuchter. Beim Gespräch mit der unzufriedenen Frau dachte ich mir: Fahr doch einfach mal ein paar Tage weg, zu einer Freundin. Lass deine Kinder ein paar Tage von Tiefkühlpizza leben und die wirst staunen, wie sie dein gutes Essen wieder zu schätzen wissen. Stelle dein Licht auf einen Leuchter und sei stolz, wenn du etwas leistest.

Bescheidenheit ist eine Zier. Aber falsche Bescheidenheit macht unzufrieden. Und wenn es trotzdem schwer fällt, auf die eigenen Leistungen hinzuweisen, dann hilft vielleicht ein bisschen Spott mit dem Sprichwort: Bescheidenheit ist eine Zier - doch leichter lebt’s sich ohne ihr.

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15JUN2021
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Beruhigend zu merken, dass man mit dem Alter doch auch klüger wird. Ich habe das gemerkt, als ich auf ein Gedicht von Erich Fried gestoßen bin, dass mich als junge Frau sehr beeindruckt hat. Es hat mich damals aber auch ziemlich erschreckt. Heute, wo ich älter bin, zum Glück nicht mehr. Das Gedicht hat den Titel „Kleines Beispiel“ und es handelt davon, dass man manchmal das Gefühl hat, gar nicht richtig gelebt zu haben.

Auch ungelebtes Leben geht zu Ende
zwar vielleicht langsamer wie eine Batterie
in einer Taschenlampe

Aber das hilft nicht viel:
Wenn man (sagen wir einmal)
diese Taschenlampe
nach so- und so vielen Jahren anknipsen will
kommt kein Atemzug Licht mehr heraus
und wenn Du sie aufmachst
findest Du nur Deine Knochen
und falls Du Pech hast auch diese
schon ganz zerfressen

Da hättest Du genau so gut
leuchten können

Heute höre ich das ziemlich gelassen. Aber früher habe mich gefragt: Bin ich wie die Taschenlampe in diesem Gedicht? Anstatt zu leuchten und mich selbst bemerkbar zu machen, bin ich nicht viel zu zurückhaltend. Ich hatte große Pläne. Die habe ich dann vor mir hergeschoben - und am Ende ist nie etwas daraus geworden. Hat mein Leben nie geleuchtet - und trotzdem sind die Batterien jetzt leer und ausgelaugt?

Heute denke ich: Nein. Ich habe mein Leben nicht verpasst. Im Laufe der Jahre habe ich etwas Wichtiges verstanden: Mein Leben muss nicht außergewöhnlich oder spektakulär sein. Was mein Leben bisher zum Leuchten gebracht hat, das waren ganz alltägliche Dinge: Als ich meinen Schulabschluss geschafft habe. Die Freunde, die mich im Leben begleiten. Etwas ganz Besonderes war die Geburt meiner beiden Nichten. Und ich habe vor Stolz geleuchtet, als ich einer Freundin einen Rat geben konnte, der wirklich geholfen hat.

Heute weiß ich, wie wichtig es ist, das nicht zu übersehen. Meine Tage sind nur dann ungelebt vertan, wenn ich nichts davon bemerke und mir die Freude daran entgehen lasse. Deshalb ärgere ich mich auch nicht mehr so sehr, wenn ich meine großen Pläne vor mir her schiebe. Wenn ich allem hinterher renne, was ich einmal wollte, dann versschwende ich meine Lebensenergie. Und dann bleibt nichts übrig, was leuchten könnte.

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14JUN2021
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Schön, dass es gerade so lange hell ist, am Abend. So ungefähr um halb zehn kommt die Dämmerung. Es wird dunkel und ich weiß: für manche wird es auch in der Seele dunkel. Ich kenne dieses Gefühl selbst. Der Tag liegt hinter mir, aber anstatt zur Ruhe zu kommen, fangen meine Gedanken an, zu kreisen: Was ist liegen geblieben? Was ist morgen zu tun? Wo weiß ich nicht weiter? Es gibt viele Leute, denen geht das ähnlich: Abends stapeln sich ihre Sorgen im Kopf und manche begleitet das sogar bis unter die Bettdecke. Wer nachts nicht schlafen kann, weil die Gedanken kreisen, der hat wirklich eine finstere Nacht.

Am nächsten Morgen ist das Gefühl meistens wieder verflogen. Es wird hell, und bei eine Tasse Kaffee oder Tee sieht die Welt schon wieder ganz anders aus. Ich bin immer froh, wenn mir ein neuer Tag auch neuen Schwung gibt. Bei Licht betrachtet sind meine Probleme auch nicht größer als die, anderer Leute, und ich fürchte, ich nehme sie manchmal einfach zu wichtig. Und trotzdem: Abends sitze ich wieder da und grüble.

Ich ärgere mich darüber, denn eigentlich weiß ich es ja besser. Anstatt auf das zu starren, was liegen geblieben ist, sollte ich lieber an das denken, was mir gelungen ist. Vielleicht ist das gar nicht viel. Vielleicht habe ich nur den Müll rausgebracht oder ein bisschen aufgeräumt - aber immerhin. Und warum sollte morgen nicht etwas Gutes auf mich warten? Morgen ist ein neuer Tag. Und ganz sicher geht die Sonne wieder auf.

Es gibt ein Lied im evangelischen Gesangbuch, das mir hilft, wenn es dunkel wird. Es ist das Lied „Der Tag, mein Gott, ist nun vergangen“ und darin heißt es:

„Die Sonne, die uns sinkt, bringt drüben den Menschen überm Meer das Licht: und immer wird ein Mund sich üben, der Dank für Gottes Taten spricht.“

Das ist doch ein schöner Gedanke: Wir hier gehen langsam auf den Abend zu. Aber dafür geht irgendwo auf der Welt gerade die Sonne auf. Ich stelle mir vor, wie die Menschen aus ihren Betten kommen und sich erst einmal recken und strecken. Bestimmt kocht gerade irgendjemand Kaffee - oder was auch immer dort zu einem Frühstück gehören mag. Irgendwo auf der Welt fängt gerade jemand neu an. Und hier bei mir? - Hier ist es auch bald wieder Morgen. Ich bin gespannt, was der neue Tag bringen wird.

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