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SWR4 Abendgedanken

24SEP2021
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Ich habe immer eine Wahl. Übermorgen ist es so weit. Ein neuer Bundestag wird gewählt. Und damit eine neue Regierung. Unser Land bekommt eine neue Kanzlerin oder einen neuen Kanzler. Nicht umsonst reden viele von einer entscheidenden Wahl. Es wird sich etwas ändern. Mindestens an der Spitze wird es nachher anders sein als vorher. Ob es grundsätzlich eine andere Politik geben wird, das entscheiden wir, die Wählerinnen und Wähler.
Was für ein Privileg.

Gerade war in den Nachrichten zu hören, dass die belarusische Politikerin Maria Kolesnikowa zu 11 Jahren Haft verurteilt wurde. Weil sie freie Wahlen wollte. Und dass fair ausgezählt wird. Mit offenem Ausgang. Doch sie wurde verhaftet. Mich hat das Bild beeindruckt, wie sie da in dem gläsernen Käfig stand. Lächelnd. Und mit ihren Händen formte sie ein Herz.

Schade, dass in unserem Land so viele Menschen nicht wählen. Es ist ein Geschenk, in einer Demokratie leben zu dürfen. Wir haben die Wahl und werden nicht verhaftet. Manchmal sagen enttäuschte Menschen: Mich fragt ja keiner. Doch, jetzt sind sie gefragt. Jeder von uns. Natürlich hat jeder nur eine von 60.000.000 Stimmen. Aber die Summe macht es, dass jede Stimme zählt und wichtig ist.

Das Geschenk, in einer Demokratie leben zu dürfen, führt in die Verantwortung. Gemeinsam sind wir verantwortlich für das Leben in unserem Staat. Deshalb nutze ich mein Wahlrecht.

Auch das Volk Israel hatte einmal die Wahl. Gott selbst hatte sie vor die Entscheidung gestellt: Wollt ihr mir vertrauen oder dem Gott der Nachbarn? Sie haben sich für ihn entschieden. Aber die wichtigere Wahl hat Gott getroffen. Er hat gewählt und sich für die Menschen entschieden. Er hat gesagt: „Für euch trage ich Verantwortung. Damit ihr lebt und eine Zukunft habt.“

Für Beides bin ich dankbar. Für Gottes Wahl und dafür, dass ich wählen kann. Ich habe meinen Stimmzettel schon abgegeben. Ich möchte Verantwortung übernehmen. Und jetzt hoffe ich, dass viele andere es heute auch noch tun.

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23SEP2021
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Was für eine komische Zeit. Seit anderthalb Jahren leben wir, wie wir uns das nie vorstellen konnten. Fast habe ich mich daran gewöhnt, eine Maske zu tragen, wenn ich anderen Menschen nahe komme. Aber grundsätzlich achte ich lieber auf Abstand. Um kein Risiko einzugehen. Um nicht infiziert zu werden. Um niemanden anzustecken.

In den Gottesdiensten erlebe ich die Einschränkungen sehr deutlich. Es ist ein komisches Bild, wenn ich von der Kanzel in die Gemeinde hineinschaue, wie sie da so isoliert sitzen, jede und jeder für sich, Paare und Familien zusammen. Und alle mit einem Mund-Nase-Schutz. Ein wenig besser ist es geworden, immerhin dürfen wir wieder gemeinsam singen, wenn auch mit Maske. Aber es macht Hoffnung, dass es irgendwann wieder ohne Einschränkungen geht.

Im vergangenen Jahr habe ich nur ganz wenige Taufen gefeiert. Nicht, weil keine Kinder zur Welt gekommen wären. Sondern weil ein so besonderer Gottesdienst nicht möglich war und eine anschließende Familienfeier auch nicht.

Jetzt ist vieles leichter und einfacher. Und es wirkt, als ginge ein Seufzer durch die Reihen: Endlich! Wir wollen, dass unser Kind getauft wird. Wir hätten ja gern schon viel eher darum gebeten, aber es wirkte alles so bedrückend. Jetzt wollen wir aber nicht mehr warten.

Und nun kommen sie, eine Familie nach der anderen. Seit die Sommerferien vorüber sind, vergeht kaum ein Sonntag ohne Taufe. Dankbare und fröhliche Eltern kommen in die Kirche.

Sie freuen sich, dass ihr Kind beschenkt wird mit der Liebe und der Zusage Gottes, da zu sein. Sie haben sich danach gesehnt und fühlten sich gebremst. Jetzt endlich hat die Freude eine Möglichkeit gefunden. Und sie wird genutzt. Wie schön.

Ich freue mich für die Kinder. Ich freue mich mit den Familien. Und ich sehe, wie Gottes Wege mit seinen Menschen weitergehen. Eine Krise kann uns verunsichern. Sie kann uns einschränken und ausbremsenAber sie verhindert die Zukunft nicht. Gott sei Dank!

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22SEP2021
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Wer Freundschaft halten will, verzeiht Unrecht; wer es immer wieder auftischt, macht Freunde uneins.“ – das steht so in der Bibel und das hat mich ins Nachdenken gebracht. Ich wusste sofort, was gemeint ist. Jede Freundschaft lebt auch von Vergebung. Je näher sich Menschen kommen, desto leichter und desto tiefer können sie sich verletzen.

Und deshalb brauchen wir alle es, dass Freundinnen und Freunde zueinander sagen: „Ich vergebe dir!“ – „Wer Freundschaft halten will, verzeiht Unrecht.“ Das leuchtet ein. Und das kenne ich.

Doch das andere, das beschäftigt mich: „Wer Unrecht immer wieder auftischt, macht Freunde uneins.“ Es passiert so oft, dass sich befreundete Menschen zwar vergeben, aber die Familie, andere Freunde oder auch Kolleginnen und Kollegen sind sehr viel nachtragender. Immer wieder fangen sie davon an, immer kratzen sie den Schorf von der Wunde. Eltern wollen gern, dass ihre Kinder mit den „Guten“ unterwegs sind, dass sie Partner finden, die verlässlich sind. „Ich wünsch dir Liebe ohne Leiden“, hat Udo Jürgens gesungen – und ich kenne nur wenige, die nicht sofort wissen, was gemeint ist.

Ganz klar, ich denke auch manchmal, ich müsste die, die mir wichtig sind, beschützen und sie daran erinnern, dass sie von jemandem schon einmal enttäuscht wurden. Ganz selten nur ist das richtig: Wenn jemand zum Beispiel wirklich bösartig ausgenutzt wird.

Meistens ist es richtig, die Menschen zu beglückwünschen, wenn sie bereit sind, zu vergeben. Wie gut ist es, wenn unsere Lieben die Größe haben, selbst gute Freundinnen und Freunde zu sein. Das Leben ist so kurz und es ist ein Glück, wenn wir auf unserem Weg Freundinnen und Freunde finden. Und „wer Freundschaft halten will, verzeiht Unrecht“.

Warum sollte ich dem im Wege stehen? Ganz ehrlich: Mir fallen nur sehr egoistische Gründe ein. Also will ich jemand sein, der andere darin bestärkt, zu vergeben und zu verzeihen. Ich will jemand sein, der anderen Mut macht, auch das Risiko einzugehen, verletzt zu werden. ich will jemand sein, der anderen gönnt, dass sie mit verziehenem Unrecht und vergebener Schuld immer wieder neu anfangen. Denn Freundschaft ist etwas sehr Kostbares, das will ich bewahren.

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21SEP2021
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„Ich bin trotz allem noch am Leben – das allein ist schon ein Wunder!“ – die Dame, die das zu mir gesagt hat, hatte gerade nach langer und anstrengender Pflege ihren Mann beerdigt. Und ich wusste einiges aus den mehr als 70 Jahren ihres Lebens. Von den Misshandlungen in ihrer Kindheit angefangen hätte sie ihr Leben erzählen können, indem sie einfach die Wunden hätte aufzählen können, die ihr das Leben und die Menschen darin zugefügt hatten.

Doch sie zählte nicht die Wunden, sondern die Wunder. Sie erzählte, wie eine Tante sie gerettet hatte aus ihrem Elternhaus mit der unterdrückten Mutter und dem cholerischen und gewalttätigen Vater. Es war ein Wunder, dass sie in eine funktionierende Familie hineinkommen konnte.

Sie erzählte nicht, wie schrecklich die Krankheit gewesen ist, unter der sie als junge Frau lange gelitten hatte. Für sie war es ein Wunder, dass ein Arzt einen Geistesblitz hatte und eine sehr seltene Krankheit bei ihr erkannte.

Der Mann, den sie fand und heiratete, starb nach nur 5 Jahren völlig unerwartet. Der gesamte Freundeskreis ließ die junge Frau damals im Stich. Aber sie sagt: „Ich war so allein. Ich wollte nicht mehr leben. Heute sehe ich darin ein Wunder, dass ich meinem Mann in diesem Schmerz nicht einfach in den Tod gefolgt bin.“

Erst viele Jahre später hat sie wieder einen Weggefährten gefunden und fast zwei Jahrzehnte mit ihm leben können. Ein Wunder für sie. Und als er dann nach langer Krankheit starb und sie sich in der Pflege völlig aufgerieben hat, da war es ein Wunder für sie, dass sie trotz allem noch am Leben war…

Vieles habe ich ausgelassen aus dem Leben dieser Dame, die mit ihrer ruhigen, aber bestimmten Art sagt, dass sie irgendwann erkannt hat, dass sie selbst die Macht hat, zu entscheiden, wie sie ihr Leben verstehen will.

Ist es eine Aneinanderreihung von Wunden oder eine lange Reihe von Wundern? Hat Gott immer wieder eingegriffen in ihr Leben? Waren da Schutzengel? Waren es Menschen, die wie ihre Tante damals Wunder vollbracht haben, weil sie einfach das Richtige getan haben?

Sie sagt einfach: „Es gibt einen Gott. Und er tut Wunder. Mal so und mal so, aber es sind Wunder. Dafür bin ich dankbar.“ Und so erzählt sie ihr Leben.

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20SEP2021
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„Könnten Sie bitte langsam und deutlich sprechen? Ich höre sehr schlecht. Ich wäre Ihnen sehr dankbar.“ – Die Frau, die mir das sagte, war etwa 80 Jahre alt. Ich hatte gerade begonnen, bei einer Veranstaltung für Senioren einen Vortrag zu halten. Und sie unterbrach mich mit ihrer etwas brüchigen Stimme: „Könnten Sie bitte langsam und deutlich sprechen? Ich höre sehr schlecht. Ich wäre Ihnen sehr dankbar.“

Ich bin dieser Aufforderung gern gefolgt. Erst später habe ich dann darüber nachgedacht, was genau mich so beeindruckt hatte. Es war die Art, wie sie es gesagt hatte. Da war kein Vorwurf an mich. Da war auch keine Entschuldigung von ihrer Seite. Diese Frau mit ihren weißen, lockigen Haaren und ihrem hinter sich geparkten Rollator war einfach klar und zugleich höflich. Sie ist mit mir genauso umgegangen, wie sie sich das für sich selbst auch gewünscht hat: Mit Respekt.

Sie hat „bitte“ gesagt. Sie hat erklärt, was sie will und warum sie es will. Und sie hat deutlich gemacht, dass sie dankbar dafür ist, wenn ich ihrer Aufforderung nachkomme.

Ob sie sich das vorher genau überlegt hatte? Ich erlebe es ab und zu bei Veranstaltungen, dass von irgendwo einfach „Lauter!“ gerufen wird oder jemand einfach nur vor sich hinschimpft, auch im kleineren Kreis. Sie hat das anders gemacht.

Ich habe diese Frau später noch etwas näher kennengelernt und ich habe gemerkt, dass sie etwas verinnerlicht hatte, das Jesus einmal gesagt hat und das als „Goldene Regel“ bekannt ist: „Geht mit euren Mitmenschen so um, wie ihr selbst wollt, dass sie mit euch umgehen“ (Matthäus 7,12).

Tatsächlich hat diese Frau mich an diesem Tag davor bewahrt, einen bestimmt sehr wichtigen Vortrag zu halten, den die Hälfte der Anwesenden dann gar nicht verstanden hätte, weil ich zwar laut, aber zu schnell gesprochen hätte. Und sie hat es mir sehr leicht gemacht, auf sie zu hören, weil sie diese einfache Regel befolgt hat: „Geht mit euren Mitmenschen so um, wie ihr selbst wollt, dass sie mit euch umgehen.“

Ein Vorbild für mich.

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