Alle Beiträge

Die Texte unserer Radiosendungen in den Programmen des SWR können Sie nachlesen und für private Zwecke nutzen.
Klicken Sie unten die gewünschte Sendung an.


SWR4 Abendgedanken

24MAI2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Bei solchen Bildern bekomme ich Gänsehaut: Hunderte Einwohner der ukrainischen Stadt Cherson stellen sich russischen Militärfahrzeugen entgegen. Sie rufen: „Dreht um, fahrt nach Hause“. Die Frauen und Männer haben dabei die ukrainische Flagge um ihre Schulter gelegt. Und sie tragen keine Waffen. Die Militärfahrzeuge legen den Rückwärtsgang ein und verlassen die Stadt.

Was die Bürger von Cherson in dieser Situation getan haben, wird als „ziviler Widerstand“ bezeichnet. Widerstand ohne Waffen und ohne Gewalt. Von diesen Bildern geht eine große Kraft aus. Sie machen Mut und Hoffnung. Dass es einen anderen Weg gibt, sich gegen die russische Invasion zu wehren. Nach solchen Bildern muss ich in der Presse und im Internet allerdings regelrecht suchen. Andere Bilder hingegen drängen sich mir auf, jeden Tag, auf allen Kanälen: Bilder, die brennende Panzer und Häuser zeigen und Städte, von denen nur noch Schutt und Trümmer übriggeblieben sind. Es sind schreckliche Bilder, die die Nachrichten beherrschen.

Wir sind uns schon im Kleinen, in unserer Familie, nicht einig, was richtig ist: Sollen Menschen ihr Land mit Waffen verteidigen oder ist es besser, ohne Gewalt Widerstand zu leisten? Welches ist der bessere Weg zum Frieden? Es gibt gute Argumente für den einen Weg und gute für den anderen. Mir ist klar, es gibt keine einfache und schon gar keine eindeutige Lösung. Trotzdem halte ich es für ganz und gar nicht naiv zu glauben, dass Gewalt auf lange Sicht keinen Frieden möglich macht. Forschungen bestätigen das: Gewaltfreie Bewegungen waren in den letzten 100 Jahren doppelt so erfolgreich wie solche, die Waffen eingesetzt haben[1]. Damit das gelingt, braucht es allerdings eine ganze Menge: Es müssen Viele mitmachen, der Gegner muss gleichzeitig geschwächt werden, mit Sanktionen zum Beispiel. Oder weil Teile des Gegners nach und nach kooperieren. In jedem Fall braucht auch gewaltfreier Widerstand eine Strategie und einen Plan.

Und es braucht Bilder und Geschichten, die von diesem Widerstand ohne Waffen erzählen: vom jungen russischen Soldaten zum Beispiel, der übergelaufen ist und mit Tee und Kuchen von den Ukrainern empfangen wird. Von den Bürgern, die Straßenschilder austauschen, um Angreifer zu verwirren. Von den vielen hundert Menschen, die die Zufahrtsstraße zu einem ukrainischen Atomkraftwerk blockieren. Diese Form des Widerstands muss sichtbar werden! Weil er Mut macht und weil er an kleinen Beispielen zeigt: Widerstand heißt nicht automatisch Gewalt und Zerstörung.

[1] Why Civil Resistance Works | Erica Chenoweth

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35444
23MAI2022
AnhörenDownload
DruckenAutor*in

Die Stuttgarter Domkirche St. Eberhard steht auf der Königstraße. Mitten zwischen Geschäften und Banken. Man muss genau hinschauen, um zu sehen, dass die Fassade der Kirche an einer Stelle durchbrochen ist. Von einer Glasscheibe. Dahinter: ein Gesicht. Die Büste von Eugen Bolz.

Bolz war württembergischer Staatspräsident bis 1933. Weil er sich offen gegen die Nationalsozialisten gestellt hat und später Verbindungen zum Widerstand im Dritten Reich hatte, wurde er 1945 hingerichtet. Eugen Bolz war nicht nur Politiker, sondern auch engagierter Katholik. Er saß für die katholische Zentrumspartei im Landtag. Und in dieser Zeit war St. Eberhard seine Stuttgarter Pfarrkirche.

Der kleine Bolz-Gedenkort in der Kirchenfassade ist an diesem Wochenende eingeweiht worden. Das ist ein guter Zeitpunkt. Denn am Donnerstag beginnt in Stuttgart der Katholikentag. Mehrere Zehntausend Christinnen und Christen werden in diesen Tagen in der Stadt unterwegs sein und genau hier vorbeilaufen. An dieser aufgebrochenen Kirchenmauer.  Für mich ist das ein starkes Symbol: Kirche muss sich öffnen, zur Straße hin, zur Welt. Denn die Kirche ist nicht für sich selbst da ist. Eine Kirche, die in ihren Mauern bleibt, ist keine Kirche im Sinne von Jesus. Das bedeutet im Umkehrschluss: Kirche muss hinausgehen, sie muss dort sein, wo Menschen leiden, weil sie vor Krieg und Gewalt fliehen, wo Menschen ausgebeutet werden, weil andere ihnen einen fairen Lohn verwehren. Oder dort, wo Menschen diskriminiert werden, wegen ihrer Hautfarbe, ihres Geschlechts oder ihrer Religion.

Eugen Bolz hat seine politische Arbeit als Katholik genau so verstanden. Er hat entschlossen gehandelt, wenn Andere unrecht behandelt wurden. Er selbst hat seine Haltung einmal so formuliert: „Politik ist für mich nichts anderes als praktische Religion“.

Der Katholikentag in Stuttgart in dieser Woche bietet genau diese Chance: Was Christen glauben mit dem, was in der Welt vor sich geht, zusammenzubringen. Auf Straßen und Plätzen, in Kirchen und Hallen. Eine der zentralen Veranstaltungen findet im Landtag von Baden-Württemberg statt und stellt die entscheidende Frage: „Wer braucht noch die Kirche?“ Ein Bischof und ein Politiker werden sich dort gegenübersitzen, Bischof Georg Bätzing und Kevin Kühnert; und sie werden um Antworten ringen.

Der Landtag in Stuttgart ist nur einen Steinwurf entfernt von der Domkirche St. Eberhard. Der neue Gedenkort bricht die Grenze zwischen Kirche und dem öffentlichen Raum symbolhaft auf. Für eine Zukunft der Kirche ist das wichtig: Diesen Durchbruch muss es dauerhaft geben, nicht nur beim Katholikentag.

https://www.kirche-im-swr.de/?m=35443