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SWR4 Abendgedanken

26JUL2021
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Hast Du ein Herz für andere? Unter dieser Fragestellung haben wir neulich im Konfirmandenunterricht einen Test gemacht. Dazu habe ich den Jugendlichen eine Situation beschrieben und sie dann gefragt, wie sie sich verhalten würden. Folgendes sollten sie sich vorstellen: „An der Bushaltestelle will eine Frau mit Kinderwagen einsteigen. Was machst Du?“ Ich habe erwartet, dass manche meiner Konfis rumdrucksen würden.

Und ich dachte, dass viele von ihnen sicher der Frau mit dem Kinderwagen helfen würden. Stattdessen kam eine ganz andere Antwort, und die hat mich ziemlich verblüfft: „Ich schaue in die andere Richtung und warte ab, ob die Frau mich direkt anspricht.“ Das war eine Antwort, die ich zuerst nicht verstanden habe. „Wie kann ich denn in so einer Situation in die andere Richtung schauen?“, habe ich gefragt. „Ganz einfach“, hat der Konfirmand geantwortet, „die Frau soll selbst entscheiden, ob sie genau mich fragen will. Ich will mich nicht aufdrängen. Aber wenn sie fragt, dann packe ich an.“ „Logisch“, hat ein anderes Mädchen daraufhin gesagt, „er ist doch fremd und unbekannt. Deswegen muss die Frau ihn ansprechen.“

So hatte ich die Sache noch nie betrachtet. Aber die Position der Jugendlichen hat mir auch eingeleuchtet. „Es geht doch darum, ob die Frau überhaupt Hilfe will“, hat ein Junge noch mal eingeworfen. „Vielleicht will sie es auch selbst versuchen. Dann soll sie das machen. Aber wenn es nicht klappt, dann soll sie fragen.“ Einerseits ja, denke ich mir. Andererseits schafft es nicht jeder, um Hilfe zu bitten und es ist gut, wenn jemand ungefragt mit anpackt.

Letztlich kam bei dem Test als Ergebnis heraus, dass alle Jugendlichen das Herz auf dem rechten Fleck hatten.

„Was du auch tust, bedenke das Ende, so wirst du nicht sündigen in Ewigkeit.“ Dieser Ratschlag findet sich im Buch Jesus Sirach unter der Überschrift „Fürsorge für den Nächsten“. Ein guter Tipp, denn er hat beide Seiten im Blick: das Hilfe geben und das Hilfe annehmen. Beides soll im rechten Maß sein.

Wenn ich – wie meine Konfirmandinnen und Konfirmanden – das Herz am rechten Fleck habe, dann dränge ich mich nicht einfach auf. Ich denke auch darüber nach, was der andere braucht: Braucht er meine Initiative oder nicht? So kann ich helfen, indem ich andere auch entscheiden lasse, ob sie meine Hilfe annehmen wollen oder brauchen.

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