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SWR2 Zum Feiertag

25DEZ2020
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Das Thema Frieden ist ein zentrales Thema auch des Festes, das wir heute feiern: Weihnachten. Herr Bischof Kohlgraf, sie sind seit gut einem Jahr der Präsident der deutschen Sektion von Pax Christi. Was verbirgt sich dahinter?

Pax Christi ist eine internationale, katholische, christliche Friedensbewegung mit ökumenischer Ausrichtung. Die Gründung ist nach dem zweiten Weltkrieg erfolgt. Es ging damals vorwiegend um die Aussöhnung zwischen Frankreich und Deutschland. Es kamen dann im Laufe der Jahre und Jahrzehnte andere Themen hinzu. In den sechziger Jahren sehr stark auch die Versöhnung mit Polen etwa und zugute kam natürlich, dass katholische Kirche auch immer eine Weltkirche ist, also dass man da wirklich auch diese weltweiten Netze hatte und Pax Christi hat sich dann in den kommenden Jahrzehnten immer auch an Themen orientiert, die aktuell waren.

In der Weihnachtsgeschichte des Evangelisten Lukas wird ja von den Hirten auf dem Feld erzählt, denen dieses himmlische Heer erscheint und da heißt es: Sie priesen Gott und Friede auf Erden den Menschen seiner Gnade. Was will Lukas damit sagen: Friede auf Erden?

Also es ist ja nicht von ungefähr, dass in dieser Weihnachtsgeschichte auch die Großen der Politik damals vorkommen. Also Augustus und Herodes und ich stelle mir jetzt also vor, der Augustus hat sich so als Friedenskönig feiern lassen, als Messias, als Friedensbringer. Der Friede, für den Augustus steht, konnte allerdings auch nur mit militärischer Gewalt aufrechterhalten werden. Das ist schon bewusst gesetzt. Und auch Herodes war nicht unbedingt ein Mensch, der bekannt war für seine Menschenfreundlichkeit. Also da gings um viel Gewalt und trotzdem um Menschen, die sich als Friedensfürsten haben feiern lassen, und dagegen stellt Lukas dieses Kind in der Krippe. Das ist natürlich fast schon irgendwie eine Karikatur oder eine Satire auf die politischen Größen. Also es ist eine starke politische Botschaft in Richtung derer, die sich selbst groß machen und als Gott verehren lassen: Schaut, wo der wahre Friede ist und dieses Kind in der Krippe ist der Friedensbringer schlechthin, aber gerade in seiner Gewaltlosigkeit, in der Armut der Krippe.

Was dann aber natürlich konträr läuft zu der Realität, die die Menschen umgeben hat.

Ja, es hat auch immer so etwas gebraucht wie Visionen und eine Motivation zu sagen: Jeder persönliche Einsatz für diesen Frieden ist nicht in den Wind gesetzt, sondern das wird Früchte tragen. Und das ist ja auch glaube ich das, was in unserer Zeit so wichtig ist, dass niemand sagen kann: Was kann ich letztlich schon verändern. Ich glaube, die Art und Weise, wie ich rede, wie ich denke, wie ich mich einbringe, verändert Gesellschaft und da kommts wirklich auf jeden Einzelnen an.

Nun wissen wir natürlich auch aus den Evangelien, dass Jesus nicht das war, was man so gemeinhin einen Softie nannte, sondern er hatte schon klare Ansagen und klare Botschaften. Ich erinnere nur an die Tempelreinigung, wo er die Händler aus dem Tempel vertrieben hat und auch eben dieser berühmte Satz: Ich bin nicht gekommen Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Haben wir ihn da vielleicht als Person missverstanden?

Ich glaube, dass die Jünger schon verstanden haben, dass Jesus von einer Leidenschaft erfüllt war. Also nach der Tempelreinigung sagen sie: Sie erinnerten sich an das Wort „Der Eifer für dein Haus verzehrt mich“, also Jesus ist nicht nur der liebe blondgelockte Jüngling, der kein Feuer in sich hat. Ich glaube schon, dass er innerlich brannte für Gott und für die Liebe zu den Menschen und dass er auch brannte in der Ablehnung all dessen, was Menschen kaputt macht und was die Ehre Gottes schmälert. Man muss jetzt allerdings aufpassen. Wir können die Bibel nicht als Steinbruch nutzen. so einen Satz: Ich bin gekommen das Schwert zu bringen jetzt zu benutzen um zu sagen: Wir bringen jetzt unsere Wahrheit mit Gewalt in die Welt hinein. Das wird nicht funktionieren und das wird auch dem Anliegen Jesu nicht gerecht.

Wir reden im Moment gerade ganz viel über Extremismus im politischen Islam, aber auch das Christentum hat ja eine Geschichte, die durchaus blutig war. Wir haben Kriege vom Zaun gebrochen und haben auch Menschen bedrängt. Warum fällt es auch Menschen, die diese Botschaft bekommen haben, so unendlich schwer, Frieden zu halten?

Es wird immer dort zum Problem, wo ein religiöser Wahrheitsanspruch mit Gewalt vertreten wird. Und das hats natürlich im Christentum gegeben, da haben Sie völlig Recht. Wir hatten auch, gerade in der katholischen Kirche, ein Riesenproblem mit der Anerkennung der Religionsfreiheit bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil und auch bis heute ist das in einigen kirchlichen Gruppen keineswegs akzeptiert, dass es eine Religionsfreiheit gibt. Das heißt, dass Menschen sich, wenn sie sich überhaupt für das Christentum überzeugen lassen, das wirklich auch nur in Freiheit tun können, dass sie die Freiheit haben, sich anders zu entscheiden. Das ist letztlich dann auch die Konsequenz. Ich weiß allerdings, dass mir diese Form immer noch lieber ist, als zu sagen, wir sind ein christliches Abendland, wo vielleicht die meisten glauben, weil es eben dazugehört, oder weil es eben ohne sich zu blamieren, oder ohne Gewalt nicht anders geht.

Nun haben wir seit 2000 Jahren diese Botschaft vom Frieden auf Erden, den wir auch heute an Weihnachten natürlich wieder verkünden. Er ist bis heute noch nicht da. Ist vielleicht Frieden, so wie er da verkündet wird, eine Illusion?

Ja, der Papst spricht von einem Traum in seiner neusten Enzyklika. Ich finde das eigentlich ein schönes Wort. Und solche Träume oder Utopien finden sich bereits auch in der Heiligen Schrift. Also s gibt im Buch Jesaja die Vision von einer Friedenswallfahrt aller Völker zum Berg Zion, wo ganz unterschiedliche Gruppierungen und Menschen zusammenkommen. Aber solche Texte sind Träume, sind Utopien und nicht einfach, glaube ich, als Vertröstung, sondern ich glaube, dass solche Sprachbilder oder solche Traumbilder auch Motivation sind zu sagen: Wir können an dieser Vision arbeiten. Lasst uns wenigstens Schritte gehen auf eine solche Welt hin. Ob es den Himmel auf Erden jemals gibt? Wahrscheinlich wohl nicht. Aber, wenn niemand daran arbeitet, wenn niemand etwas tut, dann wird sich nichts entwickeln. Und ich glaube, dass solche Bilder in sich auch eine große Kraft tragen.

Lassen sie uns nochmal zurückkommen zu Pax Christi. Es gibt in diesem Jahr die Kampagne „Kein Weihnachten in Moria“. Was steckt dahinter, was  ist das Ziel?

Wir haben noch die Bilder im Kopf, als diese Lager brannten und viele tausend Menschen plötzlich obdachlos und ohne irgendeinen Schutz auf der Straße standen. Ich glaube mit dem Papst, der das scharf kritisiert hat, dass Europa sich hier versündigt hat an Menschen und seiner Verantwortung nicht gerecht geworden ist. Der Winter steht vor der Tür. Es leben immer noch 21.000 Menschen derzeit in diesen Lagern unter menschenunwürdigen Bedingungen. Wir müssen die Menschen, die da sind, aufnehmen. Und auch als Kirche erheben wir nicht nur den moralischen Zeigefinger, sondern wir hätten viele Möglichkeiten, auch die Politik in dieser Frage zu unterstützen und Menschen aufzunehmen. Wir können das so nicht hinnehmen.

Wir erleben in diesem Jahr ja ein Weihnachtsfest, dass es vielleicht so noch nie gab. Was würden Sie sagen, kann uns die christliche Weihnachtsbotschaft in dieser konkreten Situation, die wir in diesem Jahr 2020 haben, sagen?

Wir haben gemeinsam mit der Evangelischen Kirche eine ökumenische Botschaft für dieses Weihnachtsfest, die genau dem entspricht, was im Weihnachtsevangelium steht: Fürchtet euch nicht. Also, Gott ist dabei. Gott geht genau in dieses Dunkel und viele Menschen fühlen sich, glaube ich, in diesen Tagen sehr allein und gehen mit Sorgen in die Zukunft. Und für mich ist die Glaubensbotschaft ganz, ganz wichtig: Du bist in dieser Situation nicht allein, weil Gott bei dir ist. Aber auch, das ist meine Erfahrung, weil es in der Kirche und auch außerhalb der Kirche Menschen gibt, die ein Auge auf dich haben und die dir helfen.

Was bedeutet Weihnachten Ihnen persönlich?

Für mich ist Weihnachten nie gewesen dieses süßliche Weihnachtsfest, das viele Menschen damit verbinden. Für mich war es auch immer ein Fest, wo ich sehr stark darüber nachdenken durfte und auch musste: Was bedeutet das eigentlich, dieses biblische Bild, dass Gott ins Dunkel steigt? Und in diesen Weihnachtsgeschichten ist wenig von dieser weihnachtlichen Rührseligkeit die Rede, sondern da ist sehr viel von menschlicher Existenz, von Grundsatzfragen die Rede In diesem Weihnachtsfest steckt mehr als nur das, was wir manchmal draus machen. Weihnachten ist mehr.

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