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SWR1 3vor8

25JUL2021
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Ich verzeihe dir! Du bekommst eine zweite Chance. Das sind erlösende Worte. Das hört wahrscheinlich jeder gerne. Allerdings finde ich verzeihen gar nicht so leicht. Ich nehme mir oft vor nicht hartherzig zu sein. Wenn ich mich aber wirklich ungerecht behandelt oder hintergangen fühle, dann ist es mit meiner Großherzigkeit schnell vorbei. Da bin ich oft nachtragen oder mich rächen.

Dem anderen eine zweite Chance geben! Den Kreislauf von Streit und Gewalt beenden. Darüber wird heute in den evangelischen Kirchen gepredigt. Der Apostel Paulus schreibt in einem Brief darüber: Manche von euch haben früher schlecht gehandelt. Ihr habt gestohlen, geraubt und seid fremdgegangen. Aber ihr habt euch geändert. Jetzt gehört ihr zu Gott. Er hat euch verziehen. (1Kor 6,11).

Paulus macht deutlich: Gott straft die Fehler der Menschen nicht einfach ab. Stattdessen bekommen sie eine zweite Chance - und damit die Möglichkeit, es beim nächsten Mal besser zu machen.

Das bedingt sich: Die Menschen haben sich geändert, weil sie Gott vertraut haben. Und gleichzeitig konnte sie sich ändern, weil Gott auch ihnen neu vertraut hat. Aus einer kaputten Beziehung kann so etwas Neues entstehen.

Das hat mich an die Geschichte von Bert Trautmann erinnert. Er war Soldat in Hitlers Wehrmacht und kam während des 2. Weltkriegs in britische Kriegsgefangenschaft. Später hat er in England als Fußballtorwart Karriere gemacht. Erstaunlich! Denn anfangs schlug ihm Ablehnung entgegen. Viele Engländer wollten keinen Deutschen, keinen „Nazi“ im Tor sehen.

Ausgerechnet ein jüdischer Rabbi unterstütze Trautmann öffentlich. Er warb dafür den Deutschen nicht nach seiner Vergangenheit, nicht nach seiner Herkunft zu beurteilen, sondern nach seinem Verhalten im Hier und Heute. Er gab dem deutschen Torwart eine zweite Chance.

Und Trautmann nutze sie; er wurde später für seine Verdienste um das deutsch-britische Verhältnis ausgezeichnet. Möglich wurde das, weil der Rabbi ihm neu vertraute. Angesichts der Verbrechen, die Deutsche an Juden verübt haben, finde ich das so kurz nach dem 2. Weltkrieg fast unglaublich. Ich denke, so etwas kann man nicht verlangen. Man kann es auch nicht erzwingen. Aber die Geschichte zeigt mir: Wenn jemand die Kraft findet zu verzeihen, kann etwas Wunderbares entstehen.

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