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SWR2 Wort zum Tag

Die Kirche brauche ich nicht. Ich brauche sie nicht für meinen Glauben.
Ich brauche sie nicht für mein Leben.
Viele Menschen denken so und sagen es auch. Dafür gibt es ganz unterschiedliche Gründe: Ein Elternhaus ohne Kontakt zur Kirche, ein Leben im Alltag, von dem eine Brücke zum Leben in einer Gemeinde nicht gefunden wurde, schlechte Erfahrungen mit der Kirche, mit einem ihrer Vertreter, vielleicht auch die Zugehörigkeit zu einer anderen Weltanschaungsgemeinschaft oder die bewusste Entscheidung für ein Leben ohne Religion. Unterschiedliche Erfahrungen lassen Menschen sagen: Ich brauche die Kirche nicht. Man muss diese Erfahrungen respektieren.

Ich brauche die Kirche. Ich will Ihnen heute Morgen sagen, warum das so ist. Meine Eltern haben mich auch in der Nazizeit in den Kindergottesdienst geschickt, auch wenn sie selbst nicht regelmäßig an Gottesdiensten teilgenommen haben. Es war aber vor allem die kirchliche Jugendarbeit, die mir Kirche nahe gebracht hat. Eindrucksvolle Jugendleiter und die Gemeinschaft mit anderen Jugendlichen haben mich geprägt. Auch die Beschäftigung mit der Bibel hatte in der schwierigen Nachkriegszeit selbstverständlich einen angemessenen Platz bei den Zusammenkünften. So Manches in dem Buch aus einer fremden Welt habe ich nicht verstanden; so Manches macht mir bis heute zu schaffen. Aber irgendwann habe ich mich dem Kern der biblischen Überlieferung angenähert. Ich buchstabiere ihn bis heute. Ich muss immer neu hören, was meinen Glauben erst möglich macht und mir im Leben hilft. Ich bin ein Mensch, der den Unterschied zwischen dem, was er sein soll und was er in Wirklichkeit ist, oft schmerzhaft empfindet. Immer wieder holt mich die Erkenntnis ein, dass ich nicht eins sein kann mit mir. Aber dann höre ich, was ich mir nicht selbst sagen kann: Ich bin dennoch angenommen und darf mich darum selbst annehmen. Ich bin voraussetzungslos geliebt und kann im Vertrauen darauf leben. Ich kann mir das nicht selbst sagen. Es wird mir zugesagt, vor allem im Gottesdienst. Dort geht es zentral um die Geschichte des Jesus von Nazareth, darum, was sie bedeutet. In ihr entdecke ich Liebe, Gottes Liebe. Zusammen mit Anderen kann ich diese Entdeckung machen, kann mit ihnen hören, beten, singen und in den alten Worten der Liturgie einen Raum finde, in dem meine alltäglichen Erfahrungen transzendiert werden, einen Raum der Geborgenheit.  In ihm werde ich gestärkt für den Alltag, in ihm auch erinnert an das, was ich tun soll. Und es wird mir versprochen, dass mir davon mindestens Anfänge gelingen können. All das brauche ich. Darum brauche ich die Kirche.

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