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SWR2 Wort zum Tag

6 Km bis zur Ausfahrt Autobahnkirche. Wenn man das Schild bei Tempo 130 sieht, hat man drei Minuten Zeit, um mit der Familie zu verhandeln. Sonst muß man im Schnitt achtzig Kilometer warten bis sich die nächste Gelegenheit bietet.

Autobahnkirchen sind christliche Gotteshäuser entlang der bundesdeutschen Autobahn. Sie sind in der Regel nicht mehr als einen Kilometer von der Ausfahrt entfernt. Sie haben Toiletten, sind täglich von 8-20 Uhr geöffnet und bieten mindestens Platz für eine Busladung an Besuchern. Dreißig solcher „Rasthäuser der Seele“ gibt an es bundesdeutschen Autobahnen. Die erste Autobahnkapelle, die gebaut wurde, steht an der A 8 in Adelsried „Maria, Schutz der Reisenden.“ Sie wurde 1958 nach einem tödlichen Unfall von einem Unternehmer gestiftet. Kein anderes Land der Welt bietet seinen Autofahrern ein so lückenloses Angebot zur inneren Einkehr. Mit einer Ausnahme: Der Nordosten Deutschlands bildet bis auf die Dorfkirche Kavelsdorf bei Rostock eine autobahnkirchenfreie Zone.

Was erwartet den Autofahrer, wenn er die Einladung ins Rasthaus der Seele annimmt?
Nicht viel - außer Stille. In Autobahnkirchen wird nichts verkauft, nichts angeboten, auch so gut wie keine religiöse Veranstaltungen. Nur Kerzen zum anzünden, eine Buch, in das man seine Anliegen eintragen kann. Und ein Raum, der zum Innehalten einlädt.
In der Autobahnkapelle Roxel sieht der Besucher durch eine Glaswand auf ein großes Kruzifix, das außerhalb der Kapelle, vor dem Waldrand steht. Bei Leutkirch steigt der moderne Pilger auf einen kleinen Hügel und findet sich in einem hohen runden Raum wieder, mit einer wundervollen Akustik, einem schlichten Kreuz und dem weiten Blick auf das Allgäuer Bergpanorama. Rechnet man den Kerzenverbrauch von St. Christophorus, eine der meist besuchten Autobahnkirchen bei Baden-Baden, auf die Besucherzahlen hoch, so sind es über eine Million Besucher, die jedes Jahr ihre Fahrt an einer Autobahnkirche unterbrechen. Mit steigender Tendenz.

Eine erstaunliche Entwicklung. Mit der Verkehrsdichte wächst der Sinn für die Leere. Loslassen, nichts tun – damit wieder etwas Neues entstehen kann. „Soll Gott in dir etwas schaffen, musst du zu Nichts geworden sein“, sagt Meister Eckhard. Das kann auch bei Kurzbesuchen im Raum der Stille geschehen. Man muss nur dem Schild Autobahnkirche folgen. Bei Tempo 130 hat man drei Minuten Zeit dazu.
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