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SWR2 Wort zum Tag

 

Ein Fragment scheint unvollkommen, unvollständig, noch nicht fertig, bedarf der Vollendung. Wenn ich über einen Menschen sage, er sei ein Fragment, kann ich ihn verunsichern und entmutigen. Will ich nicht lieber das Vollkommene, das Ganze?
Die Schriftstellerin Maxie Wander, an Krebs erkrankt, formuliert wenige Wochen vor ihrem Tod in ihrem Buch „Leben wär' eine prima Alternative": „Ach, die vielen Halbheiten und Schwächen, mit denen wir uns plagen, die wir jedoch am Ende akzeptieren müssen, wenn wir uns wirklich lieben! Zeiger auf dreiviertel Neun. Punkt zwölf ist uninteressant, da hat Gott sein Werk vollendet, da gibt es nichts mehr zu tun. Vollendung ist für die menschliche Phantasie reizlos. Eine vollendete griechische Jünglingsstatue lässt mich kalt, ich werde misstrauisch, fühle mich hintergangen. Viel erregender finde ich die Skizzen des Bildhauers, seinen Entwurf."
Maxie Wander entdeckt bereits im Entwurf, in der Skizze des Bildhauers eine erregende Kraft, nicht erst in der vollendeten Jünglingsstatue. Sie lernt aus ihrer eigenen Krankheit heraus anders zu sehen. Sie sieht, dass das Leben brüchig ist und fragmentarisch. Das ist wie eine Befreiung und gibt Hoffnung.  Sie sagt: „Vollendung ist für die menschliche Phantasie reizlos."
Was Maxie Wander ausspricht, ist wesentlich für mich. Denn ich finde mich selbst nur, wenn ich mich als Fragment begreife und dem Mythos von der Ganzheit den Abschied gebe. So hat es der Theologe Henning Luther formuliert. Wir sind „Fragmente aus Vergangenheit" und „Fragmente aus Zukunft". Auf der einen Seite ist das Leben immer auch eine Verlustgeschichte: zerbrochene Hoffnungen, vertane Chancen, erlittene Verletzungen, Grenzerfahrungen - der Schmerz des Fragmentarischen. Auf der anderen Seite ist das Leben aber auch eine Geschichte der Hoffnung und der Sehnsucht: das Fragmentarische weist über sich hinaus auf noch nicht Erfülltes, auf Mögliches in der Zukunft, auf das, was sein könnte. Aus mir kann noch Neues werden.
Paulus gebraucht im 1. Korintherbrief anstatt Fragment den Ausdruck „Stückwerk".  Stückwerk ist unser Wissen, Stückwerk bleibt unser Leben. Diese Sicht des Paulus ist ermutigend und befreiend zugleich. Ich muss nicht vollkommen sein, kann mit der eigenen Brüchigkeit, meinen Schwächen und Halbheiten leben. Ich bin Fragment, eine Baustelle, die im noch Unvollendeten etwas vom Ganzen ahnen lässt.
Sich als Fragment zu verstehen, heißt, mein Leben immer als unabgeschlossen offen zu begreifen. Der Reichtum fragmentarischen Lebens führt in eine große innere Freiheit, in die Freiheit, ich selbst zu sein.
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Henning Luther, Leben als Fragment, in: Wege zum Menschen  43 (1991) S. 262 ff.

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