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SWR2 Wort zum Tag

„Was bewundern Sie an Männern? Ehrlichkeit. Was bewundern Sie an Frauen? Ehrlichkeit. Wer sagt Ihnen die Wahrheit? Alle." Drei knappe Fragen, drei knappe Antworten. Sie stammen aus einem Interview mit Berkley Dixon in Kanada. Dixon fischt Hummer und Thunfische. Und ist sich sicher, dass alle Menschen, mit denen er zu tun hat, die Wahrheit sagen. Eine starke Antwort. Sie verblüfft mich. Denn ich bin mir ziemlich sicher, dass es Menschen gibt, die mich anlügen, die nicht ehrlich sind. So wie ich selbst ja auch nicht allen die Wahrheit sage. Manchmal um den heißen Brei herumrede. Eine wahre, aber kränkende Bemerkung herunterschlucke. Nicht offen und ehrlich Kritik übe. Klar, sag ich mir, der Hummerfischer Dixon lebt wohl in einem kleinen kanadischen Dorf. Das ist ein Ort, wo Menschen noch aufeinander angewiesen sind, wo das Sozialleben noch funktioniert. Da fällt Ehrlichkeit sicher besonders leicht. Da ist sie vielleicht sogar lebensnotwendig. Bei uns aber, da gelten andere Regeln. Im Beruf, bei Hobbys, mit Freunden, sogar in der Partnerschaft. Da kann ungeschönte Ehrlichkeit manchmal mehr Schaden anrichten als helfen. Ist es wirklich richtig, dem Kollegen ehrlich zu sagen, was man von ihm hält? Ist es sinnvoll reinen Tisch mit den Eltern zu machen? Ist es nötig, dem Pfarrer zu sagen, was man von seiner Predigt hält? Ich bin da seltsam zwiegespalten. Einerseits halte ich Ehrlichkeit für ein hohes Gut. Ich bin sicher: Ohne ehrlich zu sein funktioniert das Leben nicht. Andererseits weiß ich auch, dass Ehrlichkeit viel zerstören kann. Vertrauen. Nähe. Selbst wenn ich ganz freundlich und verständnisvoll ehrlich bin. Gerade in existentiellen Fragen stellt sich dieses Problem. Soll ich dem Todkranken wirklich sagen, wie es um ihn steht? Ist es nicht manchmal besser, ein Kind aufzubauen, statt es mit Ehrlichkeit zu frustrieren? Der große Theologe Thomas von Aquin hat wohl aufgrund solcher Konflikte schon im Mittelalter festgehalten: „Es ist erlaubt, in kluger Weise die Wahrheit zu verschleiern." Was mich an diesem Satz stutzig macht, ist der Gedanke „in kluger Weise". Es geht also bei der Frage der Ehrlichkeit nicht um das ehrlich sein an sich, sondern um das kluge Ehrlich-sein. Das heißt: ich muss auch sehen, wo Ehrlich-sein zerstört - und wo es aufbaut. Trotz dieser Gedanken bleibt ein Unbehagen. Das Unbehagen, nicht unbefangen Ehrlich-sein zu können und ebenso Ehrlichkeit manches Mal nicht aushalten zu können. Da will ich vom Hummerfischer Berkley Dixon aus Kanada noch lernen.

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