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SWR2 Wort zum Tag

Der Anschlag Anfang des Jahres auf die koptischen Christen in Ägypten bewegt mich bis heute. Ägypten, das Land verbinden viele wie selbstverständlich mit dem Islam. Aber dort leben auch zwischen sieben und neun Millionen koptische Christen leben in Ägypten. Damit sind etwa zehn Prozent aller Ägypter Christen.
Kein Wunder: Ägypten hat eine große Bedeutung für den christlichen Glauben. Daran erinnern heute alle christlichen Konfessionen. Katholiken, Protestanten, Anglikaner, Orthodoxe und koptische Christen. Denn sie denken an Antonius den Großen. Ein Heiliger. Und ein Ägypter.
Antonius wird im dritten Jahrhundert geboren. Seine Eltern sind reiche Christen. Als sie sterben, tritt Antonius mit zwanzig Jahren in ihre Fußstapfen. Jetzt verwaltet er die umfangreichen Güter der Familie. Aber dann kommt es zum Bruch. Zum Existenzbruch, Zum Aufbruch. Antonius lässt sich von einem Ausspruch Jesu berühren. Er lautet: „Wenn Du vollkommen sein willst, dann verkaufe alles, was Du hast, und gib es den Armen." (Matthäusevangelium 19, 21). Und Antonius macht ernst mit diesem Satz, den viele Christen auf die leichte Schulter nehmen. Er verkauft den gesamten Familienbesitz, lebt in radikaler Armut als Einsiedler. Doch Antonius zieht magisch die Menschen an. Sein ganz und gar radikaler Weg lockt andere. Immer mehr Menschen wollen leben, wie er. Nah bei seiner einfachen Behausung entstehen deshalb Unterkünfte und Einsiedeleien. Daraus wird das erste Kloster des Christentums. Noch heute gilt Antonius deshalb als „Erfinder des Mönchtums".
Ich habe so meine Schwierigkeiten mit dem Heiligen Antonius. Einerseits bewundere ich seinen Mut, sich mit Haut und Haaren auf die Botschaft Jesu einzulassen. Andererseits: Was sagt mir seine Geschichte für mein Leben zwischen Familie und Beruf, zwischen vielen Verpflichtungen und Terminen? Ich weiß genau: Ich kann nicht von heute auf morgen Einsiedler werden und alles verkaufen, was ich habe. Wie aber kann ich dann die Botschaft Jesu leben?
Da finde ich es spannend, dass Antonius mehr als ein asketischer Einsiedler war. Wenn's nötig war, gab er sich mit ganz weltlichen Dingen ab. Er setzte sich für verfolgte Christen ein, für Gefangene und Arme. Er suchte den Kontakt mit dem römischen Kaiser und mischte sich in theologische Diskussionen ein. Antonius stand ganz in der Welt - auch als Einsiedler. Das heißt: Antonius zieht sich von der Welt zurück - um in der Welt sein zu können, wenn's nötig ist. Antonius balanciert Abstand und Einmischung miteinander aus. Das ist sicher auch ein Modell für Christen heute.

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