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SWR4 Sonntagsgedanken

Kürzlich fiel sie mir wieder in die Hände - meine allererste Predigt. Die hielt ich vor fast genau 50 Jahren.
Noch immer spricht mich die biblische Erzählung an, über die ich damals gepredigt habe - Moses und der brennende Dornbusch. Vielleicht kennen Sie ja die Geschichte:
Schafe hat Moses gehütet und war wohl ein wenig zu weit gegangen, bis hinter die Wüste, an den Berg Gottes, den Horeb. Neugierig war er gewesen, weil da ein Busch brannte und doch nicht verbrannte. Und von da an war nichts wie vorher: die Herde nicht mehr und seine Familie nicht mehr und sein Volk nicht mehr und Pharao, der diktatorische König, auch nicht mehr. Nur diese Stimme Gottes, die er aus dem brennenden Busch hörte, und die ihn nun nicht mehr loslassen wird. Die wird ihm bleiben und mit ihm gehen.
So einfach, so einsam beginnen oft befreiende Veränderungen. Aufbrechen soll Moses. Führen soll er sein Volk in ein Land, das er selber nie gesehen hat. In ein Land, das er selber auch nie betreten wird.
Dieser neugierige Moses, der gefällt mir. Wie der jenseits der vertrauten Weideplätze seine Entdeckung macht: ein Busch, der brennt und doch nicht verbrennt. Das muss er sich ansehen. Der Sache muss er auf den Grund gehen.
Ich verstehe diese Neugierde gut.  Wenn mich einer fragt: Warum hast du Theologie studiert? weiß ich keine Antwort zu geben, nur diese: „Ich will es wissen" - das war für mich damals der Hauptantrieb. Christlicher Glaube ist ein begründeter Glaube, hat also viel mit Vernunft und Verstand, mit Wissen und Klarheit zu tun hat.
Es soll uns Christen schließlich nicht gehen wie den Bürgern von Schilda: Als die ihr neues Rathaus beziehen wollten, stellten sie fest, dass es darin so finster war, dass einer den andern nicht sehen konnte. Sie hatten die Fenster vergessen, aber darauf kamen sie nicht. Dann hatten sie eine Idee: Mit Säcken versuchten sie, das Tageslicht einzufangen und es in das finstere Rathaus zu tragen.
Wir leben nicht in Schilda. Doch vielleicht haben wir auch unsere fensterlosen Gebäude, ein Lebenshaus ohne Ausblick und Licht. Durch einen, der aus Schilda kommt, ist uns nicht zu helfen. Es muss einer „von außerhalb" sein, ein Lichtbringer aus einer anderen Welt.
Protestanten haben sich seit der Reformationszeit zugute gehalten, dass jeder den gleichen unmittelbaren Zugang zur Wahrheit der Bibel hat. Die Väter der Reformation haben aber auch gewusst: der Wahrheit muss man beharrlich auf den Grund gehen. Was Glaube, Liebe, Hoffnung heißt, das erschließt sich einem erst nach und nach. Es ist wie ein Heimischwerden in anfangs fremder Umgebung, wie ein langsames Eingewöhnen und allmähliches Vertrautwerden. „Ich habe meine Theologie nicht auf einmal gelernt, sondern habe immer tiefer und tiefer graben müssen", hat Martin Luther gegen Ende seines Lebens festgestellt und damit ein schönes Beispiel für dieses ständige „Dranbleiben" gegeben. Dieses „immer tiefer graben müssen", muss wie jede sinnvolle Arbeit nicht ständig Spaß machen, doch die Beharrlichkeit kann einen die Freude am Glauben wiederentdecken lassen. Und das wäre doch immerhin lohnend. 

Teil 2
Einer Sache auf den Grund gehen wollen, neugierig und wissbegierig sein - das ist das eine. Doch wenn einer wie Moses unversehens mit dem Heiligen konfrontiert wird, dann ist es mit einem Mal aus mit unverbindlicher Neugier. Da ist man gepackt. Da kann man sich dem Anruf und dem Auftrag nicht entziehen.
Natürlich bin ich nicht Mose und Sie sind es auch nicht. Die historische Stunde dieses Mannes und seines Volkes ist unwiederholbar. Doch ich meine: wir haben den gleichen Auftrag, nämlich Menschen aus Abhängigkeiten herauszuführen - einfach um Gottes willen.
Wie das aussehen kann? Nun, man hat den Christen immer mal wieder geraten, sie sollten sich allein um das jenseitige Heil des Einzelnen kümmern und diese vergehende Welt getrost den Politikern überlassen oder den Technokraten oder den Generälen. Man hat gesagt: Christlicher Glaube sei eine Privatangelegenheit zwischen dem Einzelnen und Gott, gut für das innere Gleichgewicht und die seelische Gesundheit. Doch in der Welt gelten Sachzwänge und die hätten mit dem Glauben nichts zu tun.
Aber wer sich selber Gedanken macht und die Bibel liest, der weiß es besser. Der kann nicht auf die hören, die uns weismachen wollen, Gott sei Mensch geworden, um unsere Seelen ins Jenseits zu retten. Der Glaube solle sich deshalb allein um das jenseitige Heil des einzelnen kümmern, und die Art und Weise unseres Zusammenlebens solle man getrost den Fachleuten überlassen. Das Evangelium sagt: Gott ist nicht in die Welt gekommen, um uns in der Dunkelheit bloß zu beruhigen und uns mit angenehmen Phantasien aus der Realität wegzulocken. Jesus ist Mensch geworden, um unser Zusammenleben schon hier und jetzt für die guten Möglichkeiten Gottes zu öffnen. Gott nimmt leidenschaftlich teil an unserem Leben und mischt sich ein.
So wurde es auch für einen Moses unbequem, seine Herde zu verlassen und zu dem Tyrannen zu gehen. Doch es war an der Zeit, aufzubrechen in das Land der Verheißung und den Weg durch die Wüste mit dem ersten Schritt zu beginnen. Begleitet von dem mitgehenden Gott. Der hat verhei­ßen: „Ich werde da sein als der, der ich da sein werde".
Wir wissen nicht, was das Jahr 2011 für uns bereit hält. Doch eines ist gewiss: Wenn wir durch weglose Wüste müssen, wenn wir uns an manchen Tagen zurücksehnen nach dem Vergangenen, wenn wir in der Nacht der Angst nur schwarz sehen - Gott bleibt bei uns, ist uns nah in seinen Zeichen. „Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann".
Das möge uns helfen, den Übergang vom Alten zum Neuen vertrauensvoll zu wagen.

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