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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

29MRZ2007
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„Lass dich mal ansehen!“ Wer so was sagt zielt aufs Äußere, will Kleidung, Haare, das Gesicht eines anderen sehen. Kaum würde man so sprechen, wollte man das Innere eines Menschen beurteilen. Das geschieht eher im Stillen. Dabei wenden viele von uns viel Zeit und Energie auf, um zu Ansehen zu gelangen. Damit meine ich gar nicht mal das, was Staatsmännern, Professoren oder anderen Prominenten entgegengebracht wird. Es geht auch um mehr als den „guten Ruf“, es geht darum respektiert und gemocht zu werden.
Manche leisten viel, schuften und arbeiten um zu mehr Ansehen zu gelangen. Sie investieren so viel in das Gerenne um mehr Ansehen, dass sie genau das Gegenteil von dem erreichen, was sie beabsichtigen. Ihnen ist der innere Druck anzumerken, sie machen sich lächerlich. „Mach dich nicht lächerlich“, würde wohl auch Gott sagen, spräche er zu diesen Menschen. Mach dich nicht lächerlich, denn wenn’s nach mir geht, brauchst du das gar nicht. Ich beurteile nicht nach dem Ansehen der Person, du musst dir meine Zuneigung nicht erleisten, sei so wie du bist, denn ich hab dich lieb so wie du bist.“ Das ist eine Grundaussage des christlichen Glaubens. Wie schön wäre es doch, wenn mehr Menschen diese Botschaft hören und ihr trauen könnten. Das würde den Rücken stärken, Rückgrat geben und Personen entstehen lassen, die in sich stehen und allein deswegen das Ansehen ihrer Mitmenschen garantiert bekämen. Schön wäre es, aber die menschliche Realität sieht oft anders aus. Und wenn in unserer Welt keine Erfahrungen von Wertschätzung gemacht werden hat’s auch Gott schwer, fällt sein Wort auf unfruchtbaren Boden und stößt auf taube Ohren. Dabei wäre alles so einfach. Ein kleines Rezept, Menschen zu Ansehen zu verhelfen, fand ich bei Paul Celan:
Manche Menschen wissen nicht, wie wichtig es ist, dass sie einfach da sind.
Manche Menschen wissen nicht, wie gut es ist, sie nur zu sehen.
Manche Menschen wissen nicht, wie viel ärmer wir ohne sie wären.
Manche Menschen wissen nicht, das sie ein Geschenk des Himmels sind.
Sie wüssten es – würden wir es ihnen sagen.

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