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SWR4 Sonntagsgedanken

Üppige Kastanienbäume säumen unser Haus. Anfang September geht es los. Mit mächtigen Stöcken werfen Kinder und Eltern die Kastanien aus den Bäumen. Egal, wenn ganze Äste dabei zu Bruch gehen und auf der Straße landen. Und manchmal auch auf Autodächern. Hauptsache, ran an die Kastanien. Das Spektakel endet, wenn die reifen Kastanien auf den Boden prasseln. Niemand kommt mehr und sammelt sie auf.
Das wundert mich schon etwas. Warum warten die Leute nicht, bis die Kastanien reif sind? Sie könnten dann ohne große Mühe und ganz schadlos aufgesammelt werden. Ziemlich ungeduldig finde ich das. Warum reifen lassen und dann erst die Früchte ernten? Weshalb gelassen zusehen und darauf vertrauen, dass die Dinge zur rechten Zeit heranreifen?
Sich in Geduld üben und darauf vertrauen, dass für mich auch noch was übrig bleibt. Das scheint nicht nur vor meinem Haus schwierig zu sein. Diese unbezähmbare Ungeduld entdecke ich, wenn ich ehrlich bin, leider auch bei mir. Nicht im Garten, aber im Leben mit meinen Kindern oder auch in meiner Arbeit in der Kirchengemeinde. Es geht mir nicht schnell genug mit dem Aufräumen im Haus. Die Veränderungen in der Kirche dauern mir zu lange. Ich sehe überall offene Prozesse und wenig Ergebnisse. Und dann werde ich leicht ungeduldig. Ich möchte gern schneller Früchte meines Einsatzes genießen.
Offensichtlich bin ich auch nicht anders als die Stöckewerfer vor meinem Haus.
Und so kann ich mich auch gut hineinversetzen in jenen Landbesitzer, von dem Jesus erzählt. Er möchte endlich Früchte an einem Feigenbaum sehen. Der ist schließlich kein Zierstrauch, sondern ein Baum, der sich nützlich machen soll. Drei Jahre hat er keine Früchte gebracht. Er war nicht spät dran mit seinen Früchten, nein, da war gar kein Ertrag. Alle Mühen und Kosten um den Baum umsonst. Unwirtschaftlich war das. Nichts läge näher, als kurzen Prozess zu machen. Wer sein Plansoll nicht erfüllt, soll weichen. Der Baum muss weg, Platz machen für was Neues. Doch der Gärtner, der sich um diesen Baum gekümmert hat, bittet um Geduld.
Noch ein Jahr will er den Baum päppeln, umgraben und düngen. „Lass uns nicht voreilig sein", hat er vielleicht gesagt. „Wir sollten dem Baum noch eine Chance geben. Mal sehen, ob er dann Früchte bringt.
Wenn nicht, dann ist es okay, wenn deine Geduld am Ende ist. Du kannst ihn fällen. Aber üb dich noch ein Jahr in Geduld."
Jesus verrät leider nicht, wie die Geschichte ausgeht. Mich würde brennend interessieren, ob sich das Düngen und geduldige Warten gelohnt haben.

Teil II

Lohnt es sich geduldig zu sein? Ist es sinnvoll, auszuharren, bis doch noch Früchte am Baum wachsen? Oder wäre es nicht besser, gleich kurzen Prozess zu machen und was Neues zu beginnen? Es gibt keine eindeutigen Antworten. Auch nicht in der Bibel.
Mal hat Jesus eine Engelsgeduld mit denen, die ziemlich begriffsstutzig sind und sich kein bisschen verändern wollen. Und dann wieder verhandelt er nicht lange, sondern macht Nägel mit Köpfen.
Dass Menschen grundsätzlich alles geduldig hinnehmen und erdulden müssen, und sei es noch so große Verachtung und Geringschätzung - das ist nicht im Sinne Jesu.
Gewiss, manches muss man aushalten. Und die Geduld hilft einem, nicht daran zu zerbrechen. Es braucht einen langen Mut, eine lange Zeit an Mut, Schweres zu ertragen.
Aber es gibt Grenzen. Dann darf aus der langen Zeit des Mutes eine heilige Ungeduld erwachsen. Dann wird es Zeit etwas zu ändern. Da hat sogar der Zorn seinen Raum. Es wird Zeit, sich nicht mehr zu gedulden mit Missständen und nächtlichen Alpträumen. Es wird Zeit, zu klären und das Leben neu zu verstehen.
„Doch", meint Jesus in seiner Geschichte vom Feigenbaum, der drei Jahre keine Frucht brachte. „Es lohnt sich, noch ein Jahr zu warten, zu pflegen und zu düngen."
„Es lohnt sich", sage ich hin und wieder zu den ungeduldigen Stöckewerfern vor meinem Haus. „Wartet doch, bis die Kastanien an den Bäumen reif sind. Dann fallen sie doch von selbst in den Schoß." Es lohnt sich, mit langem Mut zu warten, bis in einer Freundschaft wieder neues Vertrauen wachsen kann. Es lohnt sich, nochmals alle Kraft ins Lernen zu investieren, um den Schulabschluss hinzukriegen. Es lohnt sich, einen neuen Anlauf zu wagen in verfahrenen Situationen im Beruf.
Aber ich darf mich und andere begrenzen. Es darf auch mal ein Ende mit der Geduld haben. Dann wird es Zeit, Entscheidungen zu treffen und dem Leben eine andere Richtung zu geben. Ich habe die Freiheit, eine Freundschaft zu beenden. Ich habe die Möglichkeit, eine andere Schulart zu wählen. Ich bringe den Mut auf, unbequeme Wahrheiten bei der Arbeit anzusprechen.
In Jesu Geschichte hat der Besitzer des Feigenbaums Geduld für ein Jahr. Dann trifft er eine Entscheidung.
Um ein starkes Herz für die Geduld aufzubringen braucht es die Grenze. Immer wieder bemühe ich mich, meine voreilige Ungeduld zu zügeln und geduldiger zu werden. Vieles wird leichter erträglich mit gelassener Geduld. Aber ich weiß: Die Zeit kommt, in der die Geduld ein Ende haben muss. Dass das Leben wieder gut wird, die Tage hell und die Nächte ruhig.
Manchmal schaffe ich es schon, den richtigen Zeitpunkt zu finden. Dabei hilft mir das schöne Gebet: Herr, gib mit die Gelassenheit, Dinge anzunehmen, die ich nicht ändern kann, und den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann und die Weisheit, beides voneinander zu unterscheiden.   

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