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SWR2 Wort zum Tag

Wer in den südlichen katholischen Ländern unterwegs ist, trifft überall auf ihr Bild: ob in der Bar oder in der Tankstelle - die Maria, die Mutter Jesu fehlt nie. Selbst in Kirchen nimmt sie oft den prominentesten Platz direkt auf dem Hochaltar ein. Dieses Bild der Mutter mit ihrem Kind scheint die Menschen am unmittelbarsten anzusprechen. Ein besonderes Bildmotiv ist dabei die sogenannte „Maria lactans" - also eine Maria, die ihren Jesus stillt. Genährt und getragen werden und in eine ganz intime und zärtliche Nähe eingehüllt sein.... diese Erfahrung befähigt später dazu, selbst zu lieben.
Jesus wurde als Kind geboren - wie alle Kinder. Welche Erfahrungen er als Kind machte - darüber können wir nur mutmaßen. Aber als Erwachsener war er zu einer Art von Liebe zu seinen Mitmenschen fähig, die diese zu neuen Menschen machte. Geheilt werden, nicht mehr ausgegrenzt sein, von der Last einer Schuld befreit - für Jesus war es Gottes Geist, seine Nähe, die das alles bewirkte. Und bei den Menschen wurde eine Sehnsucht  gestillt, die tief in unserer Seele wurzelte: ganz angenommen zu sein, so wie wir es vielleicht als Kind ansatzweise erfahren dürfen.
Natürlich kann man sich fragen, ob nicht in der Marienverehrung die früher im gesamten Mittelmeerraum verbreitete Anbetung der großen Göttin weiterlebt. Zumal viele alte Kultorte später zu wichtigen Wallfahrtsorten wurden. Natürlich kann man auch kritisch anmerken, dass diese Art Verehrung nur einer kindlichen Frömmigkeit Nahrung gibt, statt das Erwachsen-werden im Glauben zu fördern, das eben auch Abgrenzung und Eigenstand braucht. Von Jesus selbst berichten die Evangelien, dass er auf äußerste Distanz zu seiner Mutter ging, als sie seinen Weg und seinen Auftrag nicht verstehen konnte und ihn zurückholen wollte in die ihr vertraute Welt. Und doch ist Maria eine der wenigen, die bis  zum Ende bei ihrem Sohn ausharrt, die ihn tot vom Kreuz nimmt und schließlich in sein Grab legt. Auf Bildern der Ostkirche hält Maria den toten Sohn in ihrem Schoß, bis ihn Gott zu neuem Leben auferweckt. Die Fähigkeit, ganz nah bei einem andern zu sein, mitzufühlen, mitzuleiden aber auch sich mitzufreuen - ist vielen Müttern und mütterlichen Menschen eigen. Und diese Fähigkeit zum Erbarmen wie es etwas altertümlich heißt, wird vor allem Gott zugeschrieben.
Maria wird im Oktober in der katholischen und in der orthodoxen Kirche besonders verehrt. Ich wünsche mir, dass ihr mütterlicher Geist in der Kirche Raum bekommt und Menschen Heimat gibt - ob mit oder ohne Heiligenbild.

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