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Anstöße SWR1 RP / Morgengruß SWR4 RP

Peinlich aber wahr! Mit dem Auto auf dem Heimweg schaue ich auf die Tankuhr nur noch knapp ein Drittel. Die Tankstelle liegt auf dem Weg. Kein Problem also. Während ich tanke, fasse ich so nach hinten an die Gesäßtasche und stelle fest: Nichts dabei. Geldbeutel wird im Auto liegen. Liegt er aber nicht. Ich stehe in der Schlange vor der Kasse. Komme dran.
„Ich habe an der 7 Diesel getankt!" sage ich.
Und dann:
„Kann aber nicht bezahlen. Habe meinen Geldbeutel zuhause liegen lassen. Tut mir leid." Jetzt soll ich meinen Ausweis zeigen. Aber der ist doch auch im Geldbeutel. Führerschein natürlich auch. ALLES: Meine ganze Identität liegt zuhause.
Irgendjemanden vom Personal höre ich von Polizei sprechen.
Mir fährt der Schreck in die Glieder. Ich muss warten, bis der Chef kommt. Aber der kommt nicht. Ich steh da so dumm rum... Es dauert. Gefühlte 50 Minuten. Inzwischen würde ich jedes Geständnis ablegen, wenn sich nur jemand um mich kümmern würde. Dann endlich kommt der Chef. Er schaut mich an, wie man eben einen anschaut, der halt getankt hat und nicht bezahlen kann.
„Na dann füllen sie mal dieses Blatt da aus. Und dann bitte hier unterschreiben.
Ich versichere feierlich, dass ich ja nur wenige Minuten entfernt wohne und  im Nu wieder da bin, um zu bezahlen.
„Das hätten ihm schon viele erzählt!" sagt der Gute und traut mir nicht.
Dieses doofe Gefühl, eine so durch und durch ehrliche Haut zu sein -und es glaubt Dir keiner.
Wer bin ich denn, wenn mir keiner traut? Wie steh ich denn da, wenn ich nicht nachweisen kann, dass es mich gibt? Ohne Ausweis, ohne Papiere?
Schließlich darf ich gehen, werde auf Bewährung freigelassen, um flugs nachhause zu fahren und das Geld zu holen. Ich bezahle wie ein reuiger Sünder und fühle noch nicht einmal Erleichterung, als endlich alles gut ist. Und obwohl der Chef gar nicht danach fragt, gebe ich ihm meinen Ausweis, nur um zu versichern, dass ich wirklich ganz offiziell registriert bin. Er nickt.
Aber das reicht nicht, um mir ein gutes Gefühl zu geben. Menschenskind ist das doof, wenn Du ein Niemand bist und verdächtig dazu.
Da ist mal wieder klar, wie wichtig und wertvoll es ist, dass wir als Menschen geachtet und geschätzt werden. Dass man uns über den Weg traut. Dass uns die anderen nicht unterstellen, Schurken zu sein.
Darum sage ich Ihnen:
Nehmen sie ihren Geldbeutel mit, vergessen sie den Ausweis nicht und wenn sie tanken müssen, überprüfen sie zuerst noch mal, ob sie auch bezahlen können. Und wenn sie irgendwo in der Nähe einer Kasse einen anderen so dumm rum stehen sehen, gehen sie hin und leisten sie erste Hilfe. Das ist dann wie ein Gruß vom lieben Gott. Weil der weiß letzten Endes am besten, dass jeder von uns echt ist.

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