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SWR3 Worte

Wenn der Sommer vorbei ist
und die Ernte in die Scheuern gebracht ist,
wenn sich die Natur niederlegt,
wie ein ganz altes Pferd, das sich im Stall hinlegt, so müde ist es -
dann ist die fünfte Jahreszeit.
Nun ruht es. Die Natur hält den Atem an;
an andern Tagen atmet sie unmerklich aus leise wogender Brust.
Nun ist alles vorüber: geboren ist, gereift ist, gewachsen ist,
gelaicht ist, geerntet ist - nun ist es vorüber.
Nun sind da noch die Blätter und die Gräser und die Sträucher,
aber im Augenblick dient das zu gar nichts;
wenn überhaupt in der Natur ein Zweck verborgen ist:
im Augenblick steht das Räderwerk still. Es ruht.
Blank sind die Farben, der See liegt wie gemalt,
es ist ganz still.
So vier, so acht Tage - Und dann geht etwas vor.
Eines Morgens riechst du den Herbst.
Es ist noch nicht kalt; es ist nicht windig;
es hat sich eigentlich gar nichts geändert - und doch alles.

Kurt Tucholsky
aus Kurt Tucholsky in : Kaspar Hauser. Die Weltbühne, 22.10.1929, Nr. 43, S. 631

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