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SWR2 Wort zum Tag

Jesus hat das Kreuz abschaffen wollen - und deshalb wurde er auch gekreuzigt. Eine steile These - vielleicht. Aber ich bin sicher: Das Kreuz ist für Jesus die Konsequenz aus seinem engagierten Auftritt für den Menschen. Jesus nimmt nicht sein Kreuz auf sich - er bekommt es aufgedrückt, weil er Gott als einen menschenfreundlichen und liebenden Gott verkündigt. Ein solcher Gott aber passt vielen nicht. Damals nicht - und heute auch nicht. Und so stirbt diese Jesus am Kreuz, weil er glaubt, dass Gott die Freiheit des Menschen will.
Das ist nicht immer so gesehen worden. Jahrhundertelang knüpft sich an das Kreuz Jesus eine problematische Theologie. Sie lautet: So wie Jesus sein Kreuz auf sich genommen hat, so muss auch der Mensch sein Kreuz tragen, sein Leid, seine Schmerzen, sein Unglück. Fatal daran: Unterdrückung und Demütigung wurden als gottgegeben interpretiert. Statt Lösungen zu suchen, wie etwa Leid verringert werden kann, musste man es als guter Christ ertragen. Viele Predigten, Kirchenlieder und Bücher transportierten diese Theologie.
Und wenn ich mir viele Kreuze in Kirchen und Krankenhäusern, Schulen und Wegrändern ansehe, dann kann ich diese Theologie auch verstehen. Schließlich ist eine Kreuzigung ein grausamer Akt und der geschundene Körper am Kreuz lässt mich nach dem Sinn von Leid und Tod fragen.
Umso schlimmer, dass das Kreuz nicht nur Kennzeichen der Christen wurde. Nicht nur Symbol eines grausamen Todes. Sondern das Kreuz selbst steht auch für die Gewalt und den Fanatismus von so genannten Christen. Sie führten im Zeichen dieses Kreuzes Kriege, unterdrückten Menschen, wollten sich Macht und Einfluss sichern. Bis heute.
All das macht es nicht einfach, wenn die katholische Kirche heute das Fest Kreuzerhöhung feiert. Angeblich fand im vierten Jahrhundert Helena, die Mutter des römischen Kaisers Konstantin, auf einer Wallfahrt nach Jerusalem das Kreuz Jesu. Das wird dann in Jerusalem aufgestellt, wird erhöht. Und wird prompt Gegenstand massiver kriegerischer Auseinandersetzungen. Das Kreuz wird geraubt, nach Jerusalem zurückgebracht und geht in den Wirren der Kreuzzüge verloren. Das Kreuz und die Gewalt gehören also zusammen. Mir hilft da der Gedanke, dass Jesus das Kreuz, die Gewalt, das Leid abschaffen wollte - und deshalb gekreuzigt wurde.

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