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SWR4 Abendgedanken RP

November ist der Monat der inneren Einkehr. Die Feiertage zeugen davon: Buß- und Bettag, Totengedenken. Manche sagen: da kann man ja depressiv werden. Muß man aber nicht. Man kann sich auch fragen: Was trägt uns im Leben? Worauf können wir uns verlassen? Die Taufe ist ein Fest, in dem es genau darum geht. In unserer Taufe agt Gott „Ja“ zu uns und will uns durchs Leben tragen. Darum geht´s heute in unserem SWR 4 Blickpunkt.

Teil 1
„Die heilige Taufe sei mir ein Schiff, das niemals sinkt, bis ich dein Erbarmen sehe am Tag der Auferstehung.“ So heißt es in einem altkirchlichen Totengebet. Die Taufe als Schiff, auf dem wir durch den Tod in die Arme Gottes fahren. Was für ein wunderbares Bild. Selten denken wir von dieser Seite her über die Taufe nach. Normalerweise schauen wir auf den Anfang der Geschichte. Ein Kind wird von Eltern und Paten in die Kirche gebracht. Das Kind wird mit Wasser übergossen und bekommt einen Taufspruch aus der Bibel zugesagt.
Die erste Taufe, von der wir im Evangelium hören, ist die Taufe Jesu im Jordan. Johannes der Täufer tauft ihn, und Jesus hört eine Stimme vom Himmel herab sagen: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“
Gott sagt „Ja“ zu mir – das ist das Wichtigste, was von da an auch in jeder anderen Taufe geschieht: Gott sagt „Ja“ zu mir. Gott hat dieses Leben entstehen lassen und er will es auch begleiten.
Vor drei Wochen wurde Benjamin Raff getauft. Da war zunächst die Entscheidung der Eltern. Steffen Raff, Benjamins Vater:

Meine Frau und ich, wir haben drei kleine Kinder und haben alle drei taufen lassen. Uns hat bewogen sie jetzt schon als Kinder taufen zu lassen, weil darin am besten sichtbar wird, daß Gott auf uns zukommt und wir keine Leistung bringen müssen ihm gegenüber und das wird am besten in der Kindertaufe sichtbar und die Kinder werden damit in die Gemeinde hineingetauft.

Manche Dinge müssen wir erst empfangen und erfahren, ehe wir sie selbst empfinden und weitergeben können. Bevor wir wissen, was Liebe ist oder Freundschaft, muß uns jemand liebevoll und freundschaftlich begegnen.
So ist es auch in der Taufe. Zuerst sagt Gott Ja zu uns und unserem Leben. Wenn wir das sehen und spüren, dann erkennen wir darin auch seine Einladung, selbst Ja zu einem Leben mit Gott zu sagen. Traditionell geschieht das dann in der Feier der Konfirmation. Aber um dieses Ja sagen zu können und zu wollen, müssen wir den Glauben erst einmal kennenlernen. Ich kann mich ja nur zu etwas entscheiden, was ich kenne.

Steffen Raff:
Für uns ist die Taufe kein Endpunkt, sondern der Anfangspunkt, das heißt ganz einfach, daß wir die Kinder im Glauben erziehen, und zwar daß sie selbst einen Glauben gewinnen können. Wir beten zusammen mit den Kindern, bringen ihnen biblische Geschichten bei und nehmen sie vor allen Dingen mit in unsere Gemeinde.

Nichts wirkt im Leben stärker als gute Vorbilder, als Menschen, die auch tun, was sie sagen. Stellvertretend für das Kind sagen Eltern und Paten Ja. Ja, wir wollen dieses Kind auf dem Weg zu einem eigenen Glauben begleiten. Bei Benjamins Taufe wurden aber auch alle anderen Anwesenden in der Kirche gefragt, ob sie als Gemeinde die Kinder wirklich an ihrem Leben teilhaben lassen wollen. Kinder spüren sehr deutlich, ob sie als störend oder als Bereicherung empfunden werden.

Steffen Raff:
Wir haben das schöne Glück in einer Gemeinde zu sein, in einer Kirchengemeinde, wo die Kinder sehr gut betreut werden, das fängt also beim Gottesdienst an, daß viele ältere Menschen viel Verständnis haben, wenn die Kinder weinen oder mal ein bißchen unruhig sind. Und die Kinder haben auch ihr eigenes Programm, unser Ältster ist vier Jahre, der geht schon ganz selbständig in seine Gruppe und kommt da ganz fröhlich wieder.

Manche Eltern können oder wollen die Entscheidung zur Taufe nicht treffen, so lange die Kinder klein sind. Wie der Weg für einen Menschen aussieht, der als Erwachsener die Taufe für sich entdeckt, darauf kommen wir nach der Musik.

Teil 2
Vera Meyer hat in diesem Jahr Examen gemacht und ihr Studium abgeschlossen. In dieser Zeit kam sie auch in die Mainzer Auferstehungsgemeinde mit dem Wunsch, sich taufen zu lassen.
Bei mir war es so, daß ich mich eigentlich mein Leben lang, soweit ich mich erinnern kann, immer wieder mit religiösen Themen auseinandergesetzt habe in meinen Gedanken und auch in der Literatur und schließlich ist dann der Wunsch gereift, in einer Gemeinde, irgendwie dazuzugehören.
Sie hatte in der Schule am Religionsunterricht teilgenommen, sie hat sich mit dem Glauben an Gott und an Jesus Christus beschäftigt und entdeckt, daß sie darin einen Sinn und eine Perspektive für ihr Leben findet. Als Kind war sie nicht getauft worden, als Jugendliche im Konfirmationsalter war die Entscheidung dazu noch nicht reif.
Aber jetzt war der richtige Zeitpunkt für sie gekommen.

Hat sicherlich auch mit dem Lebensabschnitt zu tun. Ich war mit dem Studium fertig und bin wirklich ins Leben getreten, habe mich auf dem Arbeitsmarkt orientiert und ich möchte irgendwo die Gemeinschaft, die Freude und auch die Stütze der Gemeinschaft spüren.

Denn die Taufe ist kein privates Ereignis. Sie ist persönliche Entscheidung, aber sie ist zugleich Aufnahme in die Gemeinde Jesu Christi. Taufe macht mich zum Teil einer Gemeinschaft. Und es ist wichtig, daß diese Gemeinschaft auch wirklich sichtbar und spürbar wird. Vera Meyer hat sie in ihrer Ortsgemeinde und noch konkreter in einem Hauskreis gefunden.

Um mich quasi an die Taufe heranzuführen, die Gemeinde besser kennenzulernen, habe ich mich einem Hauskreis angeschlossen nach der Empfehlung von unserem Pfarrer, und das war eine Runde, die mich sehr gestützt hat und unterstützt hat, die Taufe vorzubereiten.

Die Taufe selbst gehört dann natürlich in die große Gemeinde am Sonntag.

Das habe ich wirklich noch deutlich in Erinnerung, daß nicht nur die Gemeinde von ihren Stühlen alle rübergeblickt haben, sondern wirklich die kleinen Kinder auf den Stufen ganz gebannt zugeguckt haben, das war ganz toll. Mein Taufgelöbnis habe ich mir mit Hilfe von meinem Pfarrer selbst zusammengeschrieben. Es war wunderschön im Mittelpunkt der Gemeinde mal kurz zu stehen, obwohl ich eigentlich jemand bin, der nicht so gern im Mittelpunkt steht, aber in dem Rahmen war das einfach super, das war sehr schön.

Und wie geht es weiter? Die Taufe ist ja nicht nur ein Festakt, sondern ein gegenseitiges Versprechen mit Gott, miteinander durchs Leben zu gehen. Wo ist dieses „Ja“ Gottes zu mir und mein „Ja“ zu Gott im Alltag spürbar und belastbar?

Bei mir ist das so, daß ich eine sehr anstrengende Arbeit habe mit verhaltensauffälligen Jugendlichen, die sehr sehr sehr viel Geduld und Liebe beanspruchen und wenn manchmal im Alltag die guten Vorsätze und so weiter mal kurz vergessen gehen, dann hilft mir, daß der Gottesdienst einfach Kraft gibt für die nächste Woche und einfach das Bewußtsein für die Dinge, die wirklich wichtig sind im Leben.

Manche Erwachsene in der Gemeinde haben Vera Meyer um ihre Taufe beneidet. So schön es ist, als Kind getauft zu werden und damit aufzuwachsen, so attraktiv und bedeutsam kann es auch sein, das „Ja“ Gottes zu mir und die eigene Entscheidung für den Glauben bewußt auszusprechen und zu erleben.
Die Taufe wiederholen – das geht nicht, das wäre ja wie eine Mißtrauenserklärung an das „Ja“ Gottes beim ersten Mal. Aber sich an die eigene Taufe erinnern, sie bestätigen und bekräftigen – das ist eine wunderbare Möglichkeit.
Nach der Musik werde ich Ihnen mehr davon erzählen.

Teil 3
Es gab zwischendurch immer mal so Punkte, wo ich Menschen beneidet habe, die sich als Erwachsene haben taufen lassen, für die das noch mal so eine ganz neue Entscheidung war und ich ja wußte: Ich bin getauft und dann kam das als Wunsch, daß ich meine Taufe, das Ja Gottes, nochmal von meinem Leben heute bekräftigen will, ja sagen will zu dem Ja, das Gott zu mir und zu meinem Leben gesprochen hat.

Dorothea Tielker war als Kind getauft worden und ist später als Jugendliche zur Konfirmation gegangen. Doch wenn unser Glaube mit unseren Lebenserfahrungen mitwächst, dann ist der Wunsch verständlich, die Lebensentscheidung für den Glauben an Gott auch als Erwachsene noch einmal deutlich auszusprechen.
Aus diesem Wunsch ist in einer kleinen Vorbereitungsgruppe der Gemeinde eine Liturgie entstanden, die wir „Taufe leben“ genannt haben. Taufe leben – damit deutlich wird, daß Taufe nicht nur als Anfang des Glaubens gefeiert wird. Sie ist weit mehr: sie kann uns an jedem Tag Rückendeckung geben, Trost und Halt. Von Martin Luther wird das immer wieder erzählt: wenn er verzweifelt war und nicht weiter wußte in seinem Leben, dann hat er vor sich auf den Tisch geschrieben: Ich bin getauft!
Das hieß für ihn: Gott läßt mich nicht fallen, ich kann mit allem zu ihm kommen.
Warum sollen wir also nicht ähnliche Hilfe in unserer Taufe finden wie Martin Luther?
Die Erinnerung an unsere Taufe kann uns immer wieder helfen neu anzufangen und Altlasten unseres Lebens loszuwerden.

Ein ganz wesentlicher Teil für mich in dieser Vorbereitung war auch wirklich Altlasten, alte Geschichten abzugeben, das war ein sehr persönlicher Teil, und darum haben wir uns mit dem Pfarrer, mit jemandem aus der Gemeinde und mit einer anderen Frau, die mich auf diesem Weg begleitet hat, zu einem Gebet vorher getroffen, in dem ich dann ganz persönlich Dinge benannt habe, die ich abgeben wollte, die ich hinter mir lassen wollte, die ich ganz bewußt an Gott abgegeben habe, um dann auch dieses Ja Gottes, dieses Neue auch ergreifen zu können.

Am darauffolgenden Sonntag hat Dorothea Tielker dann ihre Taufkerze mitgebracht, sie hat im Gottesdienst der Gemeinde ein frei formuliertes Bekenntnis zu ihrer Taufe gesprochen, sie wurde vom Pfarrer und zwei nahen Freundinnen gesegnet. Es war keine zweite Taufe, aber alle in der Gemeinde haben gespürt: die Taufe, die vor vielen Jahren stattgefunden hat, ist in ihrem Leben frisch und lebendig.

Für mich ist diese Tauferneuerung – oder wir haben das „Taufe leben“ genannt - etwas wie ein Meilenstein auf einem Weg, es ist nicht etwas ganz Neues und dennoch wie ein ganz wichtiger Meilenstein und ich erleb es im Rückblick jetzt so wie einen Boden, der einfach immer fester wird, auf dem ich weiter gehe.

Eigentlich beginnt ja jeder Gemeindegottesdienst mit einer Taufereinnerung. Wenn die Pfarrerin oder der Pfarrer sagt: „Im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“, dann ist das ein Zitat aus der Taufliturgie. Den meisten Leuten wird das gar nicht bewußt sein. Darum ist es gut, wenn Menschen wie Dorothea Tielker den Mut fassen und neue Ideen in die Gemeinde bringen. So können wir alle daran teilhaben und uns selbst jeden Tag aufs Neue darüber freuen, daß Gott Ja zu uns sagt. Wir müssen nicht allein und nicht nur mit eigenen Kräften durchs Leben ziehen. https://www.kirche-im-swr.de/?m=9