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SWR2 Wort zum Tag

Spätestens seit Hape Kerkelings Bestseller ist alle Welt auf Pilgerschaft und „dann mal weg". Doch wozu in die Ferne Pilgern, wenn das Wandern liegt so nah? Gibt es einen Unterschied zwischen Wandern und Pilgern?
Pilgern kann wie Wandern zu einem Naturerlebnis werden. Und natürlich spielen auch beim Pilgern die Sehenswürdigkeiten am Wegesrand eine Rolle. Doch das Entscheidende am Pilgern ist mit den Schönheiten der Natur, die durchzogen wird, und mit den Kulturdenkmälern auf dem Weg noch nicht erfasst.
Wandern ist ein Durchstreifen der äußeren Landschaften, Pilgern ein Durchstreifen der inneren. Beim Wandern kommt es nicht darauf an, dass mir mein Weg zum Sinnbild meines Lebenswegs wird. Es kann sein, aber es muss nicht sein. Beim Pilgern sind diese Erfahrungen geradezu gesucht.
Pilgern ist eine Art „frommes Reisen". So wie die Wallfahrt auch. Die Wallfahrt war jedoch stets eine Reise, bei der es weniger auf das Unterwegssein ankam als auf das Ziel: den Aufenthalt am Kultort, am Heiligtum, im Tempel. Pilgern hat weniger das Ziel und mehr den Weg im Blick. Deshalb stimmt für das Pilgern der viel zitierte und damit auch schon wieder leer gewordene Ausspruch: „Der Weg ist das Ziel".
Ohne Weg und Ziel gegeneinander ausspielen zu wollen: für das Pilgern stimmt das, denn beim Pilgern kommt es gerade auf die Erfahrungen unterwegs an - viel mehr als auf das Ziel, wenngleich es kein Pilgern ohne Ziel gibt.
Doch es gibt noch einen Unterschied zwischen dem Pilgern und dem Wandern und der Wallfahrt: Pilgern ist wie eine Art Kloster auf Zeit. Wer den Klosteraufenthalt sucht, sucht einen geistlichen Anspruch, eine geistliche Einbettung seines Lebensalltags. Pilgern ist Kloster auf Zeit im Gehen, in der Erfahrung des buchstäblichen Unterwegsseins. Der Pilgertag ist von Tagzeitengebeten strukturiert. Zu ihm gehört das Schweigen und das Hören auf innere Impulse, das Reflektieren der eigenen Lebensgeschichte im Spiegel biblischer Geschichten und im Spiegel der Erfahrungen des Unterwegsseins. Zu ihm gehört auch der Austausch mit anderen und das gemeinsame Feiern von Liturgie und Gottesdienst.
Doch was erschließt mir das Pilgern? Verblüffend war für mich immer wieder die Erfahrung, dass ich im Gehen, im Unterwegssein mein Leben neu verstehe, das ja auch ein Gehen, ein Unterwegssein ist. Pilgern ist eine grundsätzliche Haltung, das Leben zu verstehen - nämlich als ein Unterwegssein, ein In-der-Fremde-Sein, als eine Art Heimatlosigkeit, aber auch als ein Immer-neu-Aufbrechen.

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